Jörg Iwer – Ein Musiker mit vielen Facetten verabschiedet sich (Claudia Hoffmann / Christina Nack †)

Der Beitrag basiert auf einem Text, den die verstorbene Journalistin Christina Nack anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Orchesters 2013 geschrieben hat. Er wurde von Claudia Hoffman überarbeitet und aktualisiert.

Abb. 1: Jörg Iwer nimmt den Applaus des Publikums entgegen: Er hat in 20 Jahren das Sinfonieorchester maßgeblich geformt und geprägt.

Das Sinfonieorchester Villingen-Schwenningen hat längst seinen Platz als hochklassiges, bodenständiges Orchester gefunden, das aus musizierbegeisterten Menschen besteht, die aus der Region stammen, für die Region spielen und sich ihre Offenheit für immer neue Impulse und gemeinsame Projekte mit kreativen Kräften vor der eigenen Haustür bewahrt haben. Dies ist vor allem einem Mann zu verdanken: Jörg Iwer, der Musikalische Leiter des Orchesters, der den Klangkörper in knapp 20 Jahren zu dem geformt hat, was er heute ist. Jetzt legt er den Taktstock nieder, die Wege des Orchesters und seines langjährigen Dirigenten trennen sich Ende 2017. Die Tätigkeit von Jörg Iwer in der Doppelstadt war von einer langen Pause unterbrochen: Er war als Musikalischer Leiter von 1991 bis 2001 tätig, dann stellte er andere Tätigkeiten in den Fokus, kehrte aber 2009 wieder zurück.

Der Künstler Jörg Iwer hat viele Facetten: Er ist ein begeisterter Trompeter, in seinem Heimatort in der Nähe von Wittenberg spielt er in der Blaskapelle Boßdorf mit. Als Dirigent hat er das unglaubliche Gehör, jede noch so feine Nuance eines Werkes zu hören und eine analytische Gabe. Sein Anliegen ist es, die Komposition transparent und dadurch für den Zuhörer nachvollziehbar zu machen. Dafür ist er in vielen Konzerten von seinem Publikum gefeiert worden. Der Komponist Jörg Iwer hat den Musikfreunden in der Region viele außergewöhnliche Hörerlebnisse beschert: So hat er für Professor Koyama von der Musikhochschule Trossingen und seine Tochter Rie ein Konzert für zwei Fagotte komponiert: So etwas gibt es nicht in der Musikliteratur. Auch Michael Hampel und sein Sohn Phileas sind in den Genuss einer maßgeschneiderten Komposition für zwei Gitarren

gekommen.

Abb. 2: Stark erkältet dirigiert Jörg Iwer das Eröffnungskonzert zur Landesgartenschau 2010 – dafür hat er eigens eine Hymne komponiert, Natura Aglutinata.

Der junge VS-Schlagzeuger Daniel Higler brillierte mit dem Iwer-Stück „Pierre Gris“ auf einer Konzertreise nach Pontarlier anlässlich des 50-jährigen Jubiläums mit der Partnerstadt. Die Freude am gemeinsamen Musizieren war es, von der sich Jörg Iwer bei seinem Antrittsbesuch 1990 angezogen fühlte und die das Orchester bis heute zusammen hält. Damals war es auf der Suche nach einem Nachfolger für Claus Oberle. Mit Jörg Iwer hatten sich zwei weitere Dirigenten um das Amt beworben, das vom Orchester nach Probedirigaten besetzt wurde. Die Wahl fiel auf den 1. Kapellmeister des Trierer Stadttheaters – und zwar gegen den Willen des damaligen Vorsitzenden. Das war der verstorbene Bürgermeister Theo Kühn, der einen Mitbewerber favorisiert hatte, doch die Entscheidung der Musizierenden selbst verständlich respektierte. „Er war absolut loyal“, erinnert sich Jörg Iwer, „wir trafen uns in unserer Begeisterung für zeitgenössische Musik.“ Die war bis dahin ein Tabu gewesen; das Orchester hatte sich ausschließlich auf sinfonische Werke aus Klassik und Romantik konzentriert, das 19. Jahrhundert war die programmatische Schallmauer. Bereits bei seinem ersten Probedirigat forderte Iwer auch Neugier, Risikobereitschaft und Belastbarkeit des Ensembles heraus, das er mit einem kurzen Stück aus eigener Feder konfrontierte.

Hauptwerke seines dirigentischen Debüts waren Beethovens fünftes Klavierkonzert und die Dvorák Sinfonie „Aus der neuen Welt“. Das Konzert im Franziskaner war ein triumphaler Erfolg. So fasziniert Jörg Iwer vom künstlerischen Potenzial des Klangkörpers war, so hingerissen war er von Atmosphäre und Akustik des Konzertsaals und von der Euphorie, mit der das Publikum „sein“ Orchester feierte und bis heute begleitet.

Abb. 3: Gerne lässt sich das Publikum beim Radetzky-Marsch von Jörg Iwer dirigieren, das Stück ist immer Höhepunkt und krönender Abschluss der Neujahrskonzerte.

Die Wahl Iwers im Sommer 1990 markiert eine Zäsur in seiner Entwicklung. Die Stadt hatte den Zuschuss fast verdoppelt, ebenso die Anzahl der erwarteten Eigenproduktionen und damit auch den Druck auf das Orchester enorm erhöht. Es wurde eine eigene Reihe mit jährlich sechs Konzerten eingeführt, das stets ausverkaufte Neujahrskonzert wurde einmal wiederholt – der Versuch, es auch im Schwenninger Beethovenhaus zu etablieren, scheiterte. Während der ersten Jahre konzentrierte sich Jörg Iwer auf sinfonische Basisarbeit. Systematisch ackerte sich das Orchester unter seiner Regie durch die gesamte Literatur aus Klassik und Romantik, spielte sämtliche Sinfonien von Beethoven, Brahms und Bruckner ein, Meilenstein für sich war die sukzessive Eroberung der Sinfonien von Gustav Mahler, bis auf die 2. und die 8. Sinfonie hat er mit dem Orchester alle gespielt. Auf den Sprung ins 20. und 21. Jahrhundert bereitete Jörg Iwer das Orchester und ebenso das Publikum mit ausgeklügelten programmatischen Konzepten vor. Jeder Zyklus folgt einem Leitgedanken, jedes Konzert konfrontiert Akteure und Auditorium mit Konzertliteratur abseits konventioneller Hörgewohnheiten und spürt musikalisch den aktuellen Zeitgeist auf. Der klingt in den Vereinigten Staaten anders als in Russland:

Mit jährlichen Länderschwerpunkten erkundete das Orchester auch die kompositorischen Welten europäischer Nachbarstaaten. Das Publikum lernte die großen Werke von Bartok, Strawinsky, Debussy kennen, folgte dem Ensemble auch zu Entdeckungsreisen in die neue Welt, feierte die West-Side-Story von Leonard Bernstein und Gershwins American in Paris, freundete sich willig auch mit Zwölftonmusik und anarchisch anmutenden Tongemälden an, wie sie von Tondichtern unserer Zeit erfunden werden. Die haben bekanntlich in den Donaueschinger Musiktagen ihr zentrales Forum, von dem sich Iwer gern inspirieren lässt. „Wir müssen diese Impulse aufnehmen und weiter tragen“, ist seine Überzeugung. Das funktioniert freilich nur nach dem Motto „learning by doing“. „Mit der Auseinandersetzung beginnt der Genuss“, beschreibt der Dirigent sein pädagogisches Konzept, das nicht nur dem Publikum den Mut zu Sprüngen ins kalte Wasser abverlangt. Auch das Orchester tat sich anfangs schwer mit abstrakten Klanggemälden und ungewohnten Notierungen. Voraussetzung für kollektive Pionierarbeit sind stets individueller Übefleiß, Disziplin und intensive gemeinsame Probenphasen. Dabei erweisen sich der innere Zusammenhalt und die besondere Zusammensetzung des Orchesters als seine tragenden Säulen. Die Resonanz auf die Konzerte im Franziskaner wurde in den Anfangsjahren zusehends besser. Auch die speziellen Jugendkonzerte, die zusammen mit dem langjährigen Kulturamtsleiter Walter Eichner als Geschäftsführer eingeführt wurden, erfreuten sich wachsender Beliebtheit. Sie standen stets unter jugendgerechter Thematik, befassten sich etwa mit „Maschinenmusik“ und ließen Honeggers Dampflok durch den Konzertsaal tuckern, erzählten Janosch-Märchen oder ließen die Moldau rauschen, als Beispiel für musikalische Natur-Verklärung.

Doch der Aufwärtstrend blieb nicht konstant; das Orchester sah sich mit Stagnation der Besucherzahlen und schließlich mit Rückgang konfrontiert. „Im Vergleich zu Technik und Sprachen hat eine künstlerische Allgemeinbildung einen geringeren Stellenwert als früher“, hat Jörg Iwer beobachtet. Das Denken vieler Menschen sei von der Frage nach unmittelbarer Nützlichkeit geprägt. „Die Beschäftigung mit klassischer Musik erscheint ihnen überflüssig und zu anstrengend.“

Mit den Besuchern schwanden auch die Einnahmen, das wachsende Defizit alarmierte den Vorstand, fieberhaft wurde nach neuen Strategien gesucht. Die Konzerte wurden auf jährlich fünf reduziert, Jörg Iwer musste sich den Vorwurf gefallen lassen, zu viel Wert auf zeitgenössische Schwerpunkte gelegt zu haben, die das Publikum möglicherweise abgeschreckt haben könnten. Unter dem Diktat der Wirtschaftlichkeit sollten sich die Programme wieder enger an einem vermeintlich mehrheitsfähigen Geschmack orientieren. Der ursprüngliche Ansatz, eine Schule des Hörens zu bieten und auch ungewohnte musikalische Kost zu servieren, war nur noch wenig vorhanden. „Für mich waren keine weiteren Aufgaben in der Region in Sicht“, fasst der Dirigent seine damalige Befindlichkeit zusammen. Am Tag der Einheit 2001 leitete er sein Abschiedskonzert und krönte die Mahler-Reihe mit der Neunten Sinfonie, für die sich das Publikum im ausverkauften Haus mit stehendem Beifall bedankte.

Jörg Iwer konzentrierte sich auf eigene Ziele. 2002 nahm er einen Lehrauftrag an der Hanns Eisler Musikhochschule in Berlin an und entschloss sich zum Verzicht auf eine feste Anstellung und ist seither freiberuflicher Künstler. Mit unterschiedlichen Orchestern war er viel im Ausland unterwegs, tourte durch Europa und war immer wieder in Asien gefragt, wo westliche Musiktraditionen allererst entdeckt und frenetisch gefeiert wurden. Neuer Schwerpunkt sollte das Komponieren von Filmmusik werden; Iwer pendelte meist zwischen dem Studio Babelsberg in Berlin und Frankfurt an der Oder hin und her, um Einspielungen mit dem brandenburgischen Staatsorchester zu erarbeiten. Das Sinfonieorchester Villingen-Schwenningen verlor er gleichwohl nie aus den Augen. Dieses hatte sich inzwischen nach einer Phase mit Gastdirigenten für Massimiliano Matesic als neuen künstlerischen Leiter entschieden. Unter seinem Taktstock spielte Iwer beim Neujahrskonzert 2003 Trompete und sprang im selben Jahr am Tag der Einheit für den kurzfristig verhinderten Kollegen ein. Es war eine chaotische Nacht- und Nebelaktion, die gleichwohl glückte – Orchester und Publikum waren selig über das Wiedersehen und -hören. Matesic blieb dem Orchester bis zum Jahr 2006 treu, danach begann eine zweijährige Phase der Gastdirigate. Der ständige Wechsel am Dirigentenpult war unbefriedigend und das Orchester sehnte sich nach vertrauter Leitung. Jörg Iwer verspürte Heimweh zu seiner Schwarzwälder Truppe, die sich politisch und programmatisch wieder in ruhigerem Fahrwasser bewegte und weniger als zuvor unter öffentlichem Druck stand.

Jörg Iwer wurde ein zweites Mal als künstlerischer Leiter des musikalischen Aushängeschilds von Stadt, Landkreis und Region von den aktiven Musikern gewählt. Das Neujahrskonzert 2009 wurde das erste musikalische Projekt der zweiten Phase Iwer. Nach zwei Jahren mit Gastdirigenten sei das Orchester etwas „verlottert“ gewesen. Jörg Iwer hat sich aber mit unbekümmertem Enthusiasmus in die Arbeit gestürzt und wieder jenes Feuer entwickelt, für das es von seinen Fans geliebt wird. In der städtischen und regionalen Kulturlandschaft ist das Sinfonieorchester längst eine unverzichtbare Säule geworden. Die zweite Amtszeit war geprägt von vielen Eigenkompositionen, die vom Publikum deutlich besser goutiert worden sind, als in früheren Jahren. Für die in seiner Abwesenheit eingeführten Open-Air-Konzerte im Spitalgarten, die bei den Besuchern hervorragend ankamen, dem Orchester aber zu große finanzielle und logistische Probleme bereiteten, fand er mit den Wandelkonzerten einen adäquaten Ersatz. Der große Vorteil: Dadurch, dass nur kleine Ensembles vor dem Hauptkonzert im Freien spielen, spielt das Wetter keine so große Rolle mehr: Die Musiker können schnell ins Innere des Franziskaners wechseln.

Abb. 4: Jörg Iwer in seinen Anfangsjahren als Musikalischer Leiter des Sinfonieorchesters

In der Gründung der Jugendorchesterakademie gemeinsam mit der Musikakademie gGmbH zeigt sich der Fokus, den Jörg Iwer auf die Nachwuchsarbeit richtet. Ihm geht es darum, jungen Musikern die Chance zu geben, den Orchesterbetrieb kennenzulernen. Ein weiteres Anliegen ist es, junge Menschen in die Konzertsäle zu locken, klassische Konzerte so präsentieren, dass sie überraschende Impulse bieten. Ein riesiger Erfolg war beispielsweise das von ihm vertonte Kinderbuch „Der Tag, an dem Louis gefressen wurde“. Insgesamt dreimal wurde es in Villingen-Schwenningen aufgeführt, hunderte von Kindern waren fasziniert von den Abenteuern von Louis und seiner Schwester Sarah. Dass Autor John Fardell zu jeder Aufführung aus Schottland anreiste, unterstreicht die hohe Qualität und die Orginalität der Iwer-Komposition. Auch die Berliner Philharmoniker sind auf seine Kompositionen im Jugendbereich aufmerksam geworden und so hat er beispielsweise das Märchen von der Steinsuppe im Rahmen der Familienkonzerte der Philharmoniker vertont.

In seinem Abschiedsjahr hat Jörg Iwer einige außergewöhnliche Werke komponiert: Das Stadtjubiläum „Aufbruch –Wege in die Zukunft“ 1200 Jahre urkundliche Ersterwähnung von Schwenningen, Tannheim und Villingen hat er mit einer Festfanfare und einer Festouvertüre musikalisch verewigt. Schon zur Landesgartenschau 2010 hat er die Hymne Natura Aglutinata komponiert – das Sinfonieorchester hat zur feierlichen Eröffnung der Schau gespielt. Was bleibt sind die Erinnerungen an viele herausragende Konzerte und die Gewissheit, dass Jörg Iwer einen Klangkörper geformt hat, der weit über die Stadtgrenzen hinaus Anerkennung gefunden hat. Jörg Iwer möchte sich zukünftig mehr Zeit nehmen für seine Hobbys: Wandern, segeln und paddeln. Auch war sein 60. Geburtstag im August 2017 eine Art Zäsur, von einem großen Bauernhaus bei Wittenberg hat er sich getrennt, er möchte Ballast abwerfen, sich von Besitz trennen und künftig freier und unbeschwerter leben. Es sei ihm von Herzen gegönnt.

Anmerkungen:

Alle Bildquellen: Sinfonieorchester VS