Rekonstruktion Niederes Tor (Andreas Flöß)

Im Herbst 2016 hatte Werner Echle und Andreas Flöß die Idee ins Spiel gebracht, das fehlende Niedere Tor wieder zu rekonstruieren.

Um den Gedanken eines solchen Vorhabens sinnvoll und nachvollziehbar zu verstehen, ist zunächst ein Blick auf den baugeschichtlichen Abriss der Stadt Villingen wichtig.

1119 gründeten die Zähringer Villingen. Dabei entstand das für Zähringerstädte typische Straßenkreuz und ab den Jahren um 1200 war der Baubeginn der inneren Stadtmauer und Stadttore, sowie Vortore und Gräben.

Das Zähringer Straßenkreuz Als Zähringer-Straßenkreuz bezeichnet man ein besonderes Merkmal von Zähringerstädten, die fast alle einen typischen Stadtgrundriss aufweisen. Zwei Straßenzüge, die sich annähernd rechtwinklig kreuzen, teilen das Stadtgebiet in vier Quartiere. Oft ist dabei eine Achse als Marktgasse breiter ausgebildet, wie z.B. heute noch in Freiburg im Breisgau deutlich zu sehen. Die Kaiser-Joseph- Straße, offensichtlich einst als Marktgasse geplant, diente viele Jahrhunderte als Markt- und Handelsplatz.

Abb. 1: Luftbild der Innenstadt von Villingen mit Zähringer Straßenkreuz.

Währenddessen aber in zahlreichen Zähringerstädten der typische Stadtgrundriss bzw. dessen Gedanken nicht mehr erkennbar ist, verfügt der Grundriss in Villingen noch über eine optimale Ablesbarkeit.

Geschichte vom „Niederen Tor“ Das Niedere Tor mit den zugehörigen Anlagen bildete den südlichen Zu- bzw. Ausgang der Stadt. Von hier aus war die Straße durch das Brigachtal nach Hüfingen, Bräunlingen und als Fernziel Konstanz und Schaffhausen zu erreichen. Der Bau der vier Stadttore lässt sich aufgrund bauhistorischer Datierungen auf Anfang bis Mitte des 13. Jh. eingrenzen. Die erste schriftliche Erwähnung eines Tores erfolgte in einer Urkunde aus dem Jahre 1290. Leider hatte das Niedere Tor nur bis Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand, 1847 erfolgte der Abriss. Der Grund hierfür war in der maroden Bausubstanz und den daraus resultierenden Reparatur- und Unterhaltungskosten zu suchen.

Abb. 2: Ausschnitt aus der Planskizze „Bezirksstrafgerichtsgebäude mit Gefangenenhof und Amtsgärten“ aus 1847. Die Lage der Torstandorte ist in roter Farbe eingezeichnet. Im unteren Bildteil das Vortor und im oberen Bildteil das Haupttor.

Außerdem war das Gelände südlich des Tores von der damaligen Kreisbauinspektion für eine verbesserte und erweiterte Anbindung der Niederen Straße nach Donaueschingen vorgesehen. In dieser Planung dürfte der Abbruch des Turmes und die Auffüllung der beiden Stadtgräben vor dem Tor schon vorgesehen gewesen sein. Obendrein waren die Befestigungsanlagen durch die neue Waffentechnik hoffnungslos veraltet. Der einengende Mauergürtel behinderte die Entwicklung in der vorwärtsstrebenden Stadt.

Abb. 3: „Niederes Tor“ mit angrenzender Bebauung, Ölbild von Paul Bär.

Das Aussehen und die Abmessung des Niederen Tores sind weitgehend unbekannt. Die drei anderen noch erhaltenen Tortürme (Riet-, Oberesund Bickentor) haben jedoch alle einen Grundriss von ca. 11 m Tiefe und 8,5 m Breite. In einer Planskizze zum Neubau des „Bezirksstrafgerichtsgebäudes mit Gefangenenhof und Amtsgärten“ des Großherzoglichen Justizministeriums vom 20. Febr. 1874 ist das Niedere Tor mit einer Grundfläche von 9 m x 9 m eingezeichnet.

Abb. 4: Südansicht vom Niederen Tor, vorgelagert die Straße nach Bräunlingen, gezeichnet von Johann Baptist Gumpp 1692.

Abb. 5: Ölgemälde als Postkarte von 1846 vom Niederen Tor, rechts mit Kapuzinerkloster.

Die Höhe der noch bestehenden Tore variiert und beläuft sich bis zur Traufe auf ca. 19 m bis ca. 23 m.

Die äußere Erscheinung ist bei allen Türmen annähernd gleich, so dass davon ausgegangen werden kann, dass auch das Niedere Tor in diesen Rahmen passte. Verschiedene erhaltene Postkarten und Zeichnungen deuten dies ebenfalls an.

Der Standort des Niederen Tores ist übrigens bei Kanalisationsarbeiten 1988 am Südende der Niederen Straße gefunden und eingemessen worden.

Die Idee

Der Aufbau der Toranlage „Niederes Tor“ in seiner ursprünglichen Dimension, hinsichtlich Kubatur und Höhe, war als reine Stahlkonstruktion geplant.

Abb. 6: Wechsel in der Belagsfläche am ursprünglichen Standort.

Der Wiederaufbau, sollte am ursprünglichen Standort erfolgen. In diesem Bereich, neben dem Amtsgericht, hebt sich die Belagspflasterung, bereits optisch von der umgebenden Pflasterung ab.

Der Turm würde mit den noch drei erhaltenen Toren und einer nahezu intakten inneren Verteidigungsmauer symbolisch den Abschluss der Niederen Straße bilden, analog zu den drei weiteren Hauptstraßen des Zähringer Straßenkreuzes. Die Unvollständigkeit der Stadtmauer ist zweifelsohne deutlich erkennbar für jeden, der sich auch nur oberflächlich mit der historischen Stadt auseinandersetzt. Den fehlenden Baustein in der ansonsten gut erhaltenen Stadtmauer wieder zu errichten, zeigt den Wunsch nach Einigung und Geschlossenheit, wie es in früheren Epochen eine absolute Notwendigkeit gewesen wäre und nicht zur Diskussion gestanden hätte.

Der Entwurf

Der Entwurf zeigt einen behutsamen Umgang mit dem Stadtgefüge. Die umliegenden Bauten wären weder in Nutzung, noch in Erscheinung, verändert worden. Das Ziel war lediglich eine Ergänzung auf eine sehr filigrane Art und Weise. So hätte sich die Skulptur eingefügt und ein positives Spannungsfeld zwischen der historischen Bebauung und dem offenen Stahlskelett erzeugt. Sie wäre ein Symbol gewesen, das zwischen den Zeiten vermittelt, die Gegenwart verkörpert, in die Zukunft blickt und vor allem auch die Geschichte nicht vergessen lässt, auf dem starken Fundament und den exakten Abmessungen der Vergangenheit.

Die Ausführung

Aufgrund dieser Tatsache erschien ein Nachbau sinnvoll, um das komplette städtebauliche Gebäude – Ensemble und die Idee des einmaligen Stadtgrundrisses zu ergänzen. Das neu zu schaffende Tor befand sich im öffentlichen Straßenraum und wäre bewusst sehr filigran und maximal transparent gehalten worden. Wir wollten kein historisierendes, gemauertes Bauwerk nachbauen, sondern nur einen Aspekt des städtebaulichen Charakters aufgreifen und wiederbeleben. Aus diesem Grund kann der Nachbau nur symbolisch und mit zeitgemäßen Materialien erfolgen.

Ebenfalls aus dem Gedanken der Transparenz heraus sollte auf eine Aussichtsplattform, verzichtet werden. Der Turm besitzt keine Uhr, da die Niedere Straße mit der Uhr am Henybogen, bereits eine Zeitanzeige hat und hier keine Konkurrenzsituation geschaffen werden sollte. Abends könnte die Struktur in den Stadtfarben illuminiert werden.

Die Gründe für eine Konstruktion aus Stahl, wurden aus folgenden Überlegungen heraus, gewählt:

In Stahl sind sehr schlanke Profile und Bauausführungen möglich. Das Gebäude sollte eine große Leichtigkeit ausstrahlen und dennoch die Umrisse der alten Toranlage abbilden.

Alle anderen Materialien außer Stahl, wie etwa Holz, Beton oder Backsteine, würden höhere Baukosten, Unterhaltungskosten und deutlich mächtigere Gebäude – Dimensionen hervorrufen. Das Material Stahl ist zudem äußerst wartungsfrei. Da nach erfolgtem Aufbau das Bauwerk an die Stadt übertragen werden sollte, war das Thema Folgekosten ein wichtiger Aspekt.

Das Tor wäre unter der Federführung des Geschichts- und Heimatvereins Villingen von einem Förderverein, welcher Spendengelder einsammelt, finanziert und gebaut worden. Der Baustart wäre erst erfolgt, wenn auch alle erforderlichen Spendengelder, eingesammelt gewesen wären. Der GHV Villingen hätte zu keinem Zeitpunkt der Maßnahme ein finanzielles Risiko getragen. Bei einer internen Abstimmung unter den Mitgliedern des Vereines konnte jedoch keine ausreichend große Mehrheit für das Projekt begeistert werden. Wir haben dies bedauert und den Sachverhalt deshalb zum Anlass genommen, uns von der Rekonstruktion des Niederen Tores zu verabschieden.

Es ist ein Privileg unserer Zeit über solch baulichen Maßnahmen zu entscheiden. Ein Privileg mit großer Verantwortung. Leider hat es sich gezeigt, dass wir nicht in der Lage sind, ohne eine kommerzielle Zielsetzung einen Beschluss über ein Bauwerk zu fassen sowie eine kontroverse Ausei157 nandersetzung der geschichtlichen Substanz und dem hier und jetzt einzugehen. Einen Dialog zu führen, den dieser Turm leisten kann. Ein Dialog, der längst überfällig war und nicht darauf warten darf, dass wieder ein Investor scheinheilig seine Interessen hinter einer Fassade versteckt. Einen Meilenstein zu legen, der ohne Funktion auskommt und einen unreflektierten Nachbau historischer Kulissen ad absurdum führt.

Abb. 7: Beleuchtete Animation in blau, von der Niederen Straße aufgenommen.

Bedanken möchte ich mich für die vielen positiven und konstruktiven Gedanken und Gespräche, sowie die Bereitschaft von Vorstand und Beirat des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, für deren ideelle Unterstützung. Insbesondere gilt mein Dank Werner Echle, welcher mit mir das Projekt realisiert hätte.

Abb. 8: Beleuchtete Animation in weiß, von der Bertholdstraße aufgenommen.