Karl Hirth (1869 –1930), ein Villinger Hafner und Krippenbauer (Raimund Adamczyk)

 

Karl Hirth im Alter von vermutlich 50 Jahren. Das Foto hing bis 1948 im Wohnzimmer von Karl Hirth. Privatbesitz.

 

Das Formen und Brennen von Krippenfiguren und der Bau von Krippenställen hat in Villingen und im Villinger Raum eine lange Tradition, die bis heute andauert und nur in Teilen wissenschaftlich bearbeitet und veröffentlicht ist. Die erste umfangreichere Veröffentlichung zu diesem Thema, die eine Gesamtschau versucht hat, ist zugleich die letzte geblieben, wobei der Verfasser, Karl Kornhaas, bei den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts stehenbleibt und den Schwerpunkt seiner Arbeit auf „Laienkünstler“ legt1. Als Beitrag zu einer noch zu schreibenden Geschichte des Krippenbaues in Villingen soll nun nachfolgend auf Leben und Werk von Karl Hirt aufmerksam gemacht werden. Karl Hirth wurde am 23. März 1869 in Villingen als „ehelicher Sohn des Schusters Fridolin Hirth und der Franziska Konstanzer“2 geboren. Er hatte acht Geschwister.

Sein Vater hatte seine Werkstatt in der Rietstraße heutige Nummer 21 und war ein begeisterter Krippensammler. Der mündlichen Familienüberlieferung folgend besaß er mehrere Krippen. Mit dem Aufbau seiner Hauskrippe war Fridolin Hirth Wochen vor Weihnachten beschäftigt, wobei er die Hälfte seines Wohnzimmers vom Fenster bis zur Tür für seine Krippe ausgeräumt hat. Die Krippenlandschaft baute er jedes Jahr neu auf. In Wandnischen seiner Wohnung richtete er kleinere Krippen ein. Eine Krippe war im Wandschrank des Wohnzimmers das ganze Jahr über aufgestellt. Nach seinem Tod 1890 soll seine Witwe Teile dieser Krippensammlung „an Herren aus der Schweiz“ verkauft haben, ein anderer Teil ging später an Karl Kornhaas.

Karl Hirth nahm eine Lehre als Modelleur bei Majolikafabrikanten Johann Glatz auf. Über seine Lehrzeit und die anschließenden Jahre ist nichts näher bekannt, doch scheint er längere Zeit bei Johann Glatz tätig gewesen zu sein, denn er schreibt 1895, dass er „schon seit Jahren“3 dort arbeitet. 1895 tritt er sein Bürgerrecht an, dabei bezeichnet er seinen Beruf als Modelleur „als ein den Unterhalt einer Familie sichernden Nahrungszweig“4. 1901, im Jahr seiner ersten Eheschließung mit der Witwe Stephanie Knagg, geb. Grüßer5, erwirbt er von Hafner Josef Schumpp, dessen Haus in der Bertholdstraße, heutige Nummer 17, wohl mit Werkstatt, für 18.500,00 Mark. Er bezeichnet sich nun als Hafner und formt und brennt im Winter Ofenkacheln für Kachelöfen, die er im Sommer bei seinen Kunden aufbaut.

Seine Werkstatt ist 8 m lang, 9 m breit und ca. 7 m hoch, über dem Werkstattraum liegt ein geräumiger Speicher. Näheres über den Betrieb seiner Werkstatt, auch ob er Gehilfen oder Gesellen hatte, ist nicht bekannt. Doch scheint er sein Auskommen gefunden zu haben, wenn man in Betracht zieht, dass sein Werkstattnachfolger, August Käfer, 1949 Hunderte von Kachelformen, 2 Lastwagen voll, aus der Werkstatt von Karl Hirth geräumt hat.

Neben dem Kachelofenbau war Karl Hirth weiterhin als Modelleur tätig. So hat er für die damals in Villingen ansässige Glockengießerei Grüninger die Verzierungen der Glockenformen gefertigt. Als Beispiel für seine Tonarbeiten im Flachrelief befinden sich in Villinger Privatbesitz die Abgüsse eines Narros und einer Altvillingerin6. Seine besondere Neigung und Befähigung zum Modellieren kommt auch in den zahlreichen Menschen- und Tierfiguren zum Ausdruck, die er geformt, gebrannt und farbig bemalt hat. Berühmt in ganz Villingen bei Groß und Klein war der schmale, zur Straßenseite gelegene Garten bei seinem Haus. Mit Tuffsteinen, die er selbst aus dem Donautal geholt hat, baute Karl Hirth dort eine Landschaft auf, in die er vielerlei selbst geformte Menschen- und Tierfiguren, darunter eine Gruppe mit einem Langholzwagen, gestellt hat. Die Kinder drückten sich ihre Gesichter am Gartenzaun platt. Auch größere Tonfiguren, wie Hirsche als Dekoration für Wohnzimmer, oder Hasen und Rehe als Schaufensterdekoration für ein Lebensmittelgeschäft fertigte er als Auftragsarbeiten, ebenso Zwerge. Über seiner Wohnzimmertür hing ein von ihm modellierter Fuchskopf. Als Vorlage für die Tierfiguren diente ihm ein zweibändiges, nicht näher bekanntes Werk mit farbigen Abbildungen. Als Beispiel für größere, menschliche Darstellungen von seiner Hand sei das von ihm geformte Tonmedaillon mit dem lebensgroßen Portrait seiner verstorbenen ersten Frau genannt, das über der Hauseingangstür hing.

Weiter ist aus der Werkstatt von Karl Hirth eine ca. 50 cm lange, 27 cm breite und 53 cm hohe Tonskulptur bekannt, die den unter dem Kreuz gefallenen Christus darstellt. Auf der Rückseite einer zeitgenössischen Fotografie dieser Figur ist ein Stempel angebracht mit dem Text: „Karl Hirth Thonwaarenfabrikation Villingen Baden“. Ferner sind polychrom glasierte Tongefäße und Fliesen nachgewiesen.

Die Innen- und Außendekoration seines Hauses zeigt seinen künstlerischen Anspruch und sein Selbstverständnis. Im Flur seines Hauses hing ein Halbrelief aus Ton ca. 3 x 4 m mit dem Motiv einer Allegorie der Künste (später in der Eingangshalle des Wohnhauses Kronengasse 12, das er bei der Villinger Gewerbeausstellung 1907 erwarb, an der Hausrückwand hing ein bronzenes Grabepitaph (heute in Villinger Privatbesitz), das irrtümlich als dasjenige von Hans Kraut gegolten haben soll. An dieser Hausrückwand hängt heute noch ein 2,10 m hohes und 1,52 m breites Flachrelief unbekannter Herkunft aus tonfarbig bemalten Gips von bemerkenswerter technischen Qualität, das drei Putten bei der Waldarbeit wohl im Schwarzwald zeigt. Das ausgeprägte historische Interesse von Karl Hirth zeigte sich in seiner Privatsammlung von Antiquitäten verschiedener Art, aber auch daran, dass er von Holzmodeln aus dem Besitz des Klosters St. Ursula Abdrücke in gebrannten Ton anfertigte. Überblickt man die bisher genannten Arbeiten von Karl Hirth, so erstaunt nicht, dass er auch Krippenfiguren geformt hat. Es ist nicht bekannt, ab wann und in welchem Umfang, doch waren es keine Gelegenheitsarbeiten, sondern eine gezielt für den Verkauf bestimmte Produktion. Er formte die Figuren während der Wintermonate an einem kleinen Drehtisch in der Werkstatt, wo sie später in einem Nebenraum auch verkauft wurden, und brannte sie in der Resthitze des Brennofens, nachdem die Ofenkacheln gebrannt waren. Nach dem Brennen bemalte er sie im Wohnzimmer bzw. in der Küche 7. Inwieweit andere Personen wie beispielsweise eventuelle Lehrlinge, Gehilfen, seine Frau etc. beim Bemalen oder Formen mitgeholfen haben, ist unbekannt, eine gewisse Schwankung in der Qualität bei einzelnen ihm zugeschriebenen Figuren könnte sich auch auf diese Weise herleiten. Generell sind die Krippenfiguren von Karl Hirth von guter Qualität in Form und Bemalung, d. h. oftmals anspruchsvoll in der Formgebung und mit ausdrucksvoll gemaltem Gesichtsausdruck. Von ausgesprochen hoher kunsthandwerklicher Qualität sind seine Tiergestalten, wie Schäfchen8 oder Kühe, vor allem jedoch die ca. 18 cm9 hohen Dreikönige hoch zu Kamel. Die letztgenannten sind kleine Meisterwerke in Form und Ausdruck, denen es kein Abbruch tut, dass die Kamele offensichtlich seriell hergestellt wurden. Sie sind, wie etwa die Hälfte der bis jetzt bekannten Krippenfiguren, am Boden mit HK gezeichnet, zweifellos Ausdruck einer besonderen Affinität von Karl Hirth zu Hans Kraut, der ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert als überregional bedeutender Kunsttöpfer wiederentdeckt wurde und eben diese Signatur verwendete.

Dieses Bezugnehmen auf Vergangenes könnte auch eine Erklärung sein für Anklänge der Figuren von Karl Hirth an die Krippenfiguren seiner Villinger Vorgänger, jedenfalls ist als sicher davon auszugehen, dass er diese Krippenfiguren kannte. Wie bewusst er Bezug auf die Figuren seiner Vorgänger nahm und ob dies gar im Sinne der Beibehaltung eines vielleicht als so empfundenen „Villinger Krippenstils“ geschah, bleibt offen, jedoch sollte bei einer künftigen Gesamtbearbeitung der Krippengeschichte Villingens der Aspekt eines vielleicht bewußt gepflegten Villinger Krippenstils in Betracht gezogen werden.

Über die Preise der Krippenfiguren von Karl Hirth ist nichts bekannt, doch hat sich mündlich überliefert, dass seine Krippenfiguren „nicht billig waren.“ Ein Glücksfall ist, dass der Figurenbestand der Hauskrippe von Karl Hirth weitgehend vollständig erhalten geblieben ist mitsamt Teilen der von ihm selbst aus Gips geschnittenen Gebäude der Krippenlandschaft, bei der als eine Besonderheit Reste der elektrischen Beleuchtung nachgewiesen sind, während in das Wohnhaus erst Jahre nach dem Tod von Karl Hirth elektrische Leitungen gelegt wurden. An diesen Gebäuden der Krippenlandschaft lassen sich bei der Form eines Turmes Anklänge an Türme der Villinger Stadtbefestigung feststellen, überraschend ist die eingedrückte Form des Riettores auf der Unterseite des Hauses des Herodes. Bei seiner Hauskrippe hat Karl Hirth die Heilige Familie sehr effektvoll tief in eine Ruinenhöhle hineingestellt, während er bei Krippenlandschaften, die er für Andere baute, für den Stall bevorzugt Baumwurzeln verwendete, die er mit einem gipsähnlichen Material überzogen, gestaltet und bemalt hat.

Betrachtet man die figuralen Arbeiten von Karl Hirth in Hinblick auf seine darin zum Ausdruck kommende Persönlichkeit, überrascht nicht die mündliche, aus eigenem Erleben gespeiste Überlieferung, die ihn als einen sehr gemütvollen Menschen schildert. Besonders gemütlich war es, wenn er am Sonntagnachmittag im Sessel saß und seine lange Pfeife rauchte, die bis auf den Boden reichte. In Gesellschaft war er ein beliebter Unterhalter.

Anmerkungen

1 Die zahlreichen, durchaus verdienstvollen Sonderausstellungen zum Thema „Villinger Krippen“ in den vergangenen drei Jahrzehnten sind leider nicht von Katalogen begleitet worden.

2 Stadtarchiv Villingen-Schwenningen 2/2/IV 5.429k (Antritt des Bürgerrechts)

3 ebd.

4 ebd.

5 Nach dem Tod dieser Frau heiratete Karl Hirth 1911 in zweiter Ehe Martha Strobel, gebürtig aus Wolterdingen. Die zweite Ehe blieb kinderlos, das einzige Kind in der ersten Ehe, ein Mädchen, verzog nach Stockach. Nach dem Tod von Karl Hirth 1930 übernahm August Käfer, ein Neffe seiner Witwe, die Werkstatt.

6 Egon Käfer, ein Sohn von August Käfer (s.o.), fand die Formen für diese beiden Stücke auf dem Speicher der Werkstatt und ließ mehrere Metallabgüsse davon anfertigen, siehe auch Schwarzwälder Bote 17. 01. 2002.

7 Mündlicher Überlieferung zufolge könnte Karl Hirth die Krippenfiguren fallweise in der Küche auch geformt haben. Ebenso sind die Figuren möglicherweise nicht nur in der Werkstatt, sondern auch in der Wohnung verkauft worden.

8 Die Schäfchen hat Karl Hirth allerdings nur anfänglich selbst geformt und später von anderer Stelle dazu gekauft, da die Befestigung und das Halten des Drahtgestelles der ca. 1,5 cm hohen Schäfchenbeine im Schafkörper unverhältnismäßig schwierig und zeitraubend war.

9 Es hat den Anschein, daß Karl Hirth seine Krippenfiguren in zwei verschiedenen Größen anfertigte, ca. 8–9 cm hohe Figuren und ca. 10–12 cm hohe Figuren.

 

 

Christus fällt unter dem Kreuz, Ton, gebrannt und lasiert, 50 cm lang, 27 cm breit, 53 cm hoch. Privatbesitz

 

 

 

 

 

Jakobsbrunnen, Ton, gebrannt, bunt bemalt, ca. 12 cm hoch, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

 

 

 

Kniender Hirte, Ton, gebrannt, bunt bemalt, ca. 7 cm hoch, 6 cm lang, signiert HK, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

 

 

Die Heilige Familie, Ton, gebrannt, bunt bemalt, ca. 8–10 cm hoch, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

 

 

Maria auf der Flucht, Ton, gebrannt, bunt bemalt, ca. 10 cm hoch, … cm lang, signiert HK, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

 

 

Gehender Hirte, Ton, gebrannt, Stock aus Draht, bunt bemalt, ca. 8,5 cm hoch, 10 cm breit, signiert HK, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

 

König Kaspar (Vertreter Europas), auf Kamel reitend und den Arm hebend, vom Glanz des Sternes geblendet, Ton, bunt bemalt, ca. 17,5 cm hoch, 16 cm breit, signiert HK, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

 

König Balthasar (Vertreter Asiens), auf Kamel reitend und eine lange Pfeife schmauchend, Ton gebrannt, bunt bemalt, ca. 17,5 cm hoch, 16 cm breit, HK, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

 

 

Gebeugter Hirte mit eingebundenem Kopf, Ton, bunt bemalt, Stock aus Draht, ca. 8,5 cm hoch, signiert HK, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

 

 

Hockender Hirte mit Flöte, Ton gebrannt, bunt bemalt, 5 cm hoch, signiert HK, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.

 

 

Ochse,Ton gebrannt, bunt bemalt, ca. 6,5 cm hoch, 9 cm breit, signiert HK, aus der Hauskrippe von Karl Hirth, Privatbesitz.