Ein starkes Band verbindet Schwarzwald und Kalifornien Begegnung mit Villinger Geschichte und Geschichten (Robert Meister)

Unsere Tageszeitung berichtete 2012 von treuen Urlaubsgästen: Helmut und Ursula Kayan aus Redwood City in Kalifornien verbringen seit einigen Jahren regelmäßig erholsame Tage in Mönchweiler, Helmuts alter Heimat.

Helmut Kayan ist 1927 in Mönchweiler geboren und hat hier in schwierigen Zeiten seine Kindheit und Jugend verbracht. Nach kurzem Kriegseinsatz in den letzten Monaten 1944/45 und amerikanischer Gefangenschaft kehrte der 19jährige unversehrt heim und fand in den erlernten Beruf als Werkzeugmacher zurück. Er gründete mit seinem Bruder in Mönchweiler eine Zulieferfirma für mechanische Bauteile. Doch die Zeiten waren schlecht. Ein drückender Schuldenberg lastete bald auf dem kleinen Unternehmen. Helmut fasste einen kühnen Entschluss: Er wollte in die USA auswandern und von dort versuchen, seinem Bruder beim Schuldenabbau zu helfen. Der abenteuerliche Plan gelang. Nach einem längeren Zeitraum waren die alten Verbindlichkeiten gelöscht.

Der junge Auswanderer fand Arbeit bei einer Firma für medizinische Geräte in Kalifornien und stellte sein Talent als Schwarzwälder Tüftler und Erfinder unter Beweis. Erst im Alter von 75 Jahren schloss der tüchtige Entwickler Helmut Kayan als Inhaber mehrerer Patente sein erfolgreiches Berufsleben ab.

Der Rentner Kayan erfüllte sich einen alten Wunschtraum: Obwohl er nie das Geigenspiel erlernen konnte, wagte er nun den Bau einer eigenen Geige. Schon bald erklang sein erstes selbstgebautes Instrument. Ein geigespielender Freund war von der guten Tonqualität der Kayanschen „Stradivari“ angenehm überrascht. So entstanden im Laufe der nächsten Jahre weitere Geigen, die alle begeisterte Liebhaber fanden.

Wie dem damaligen Zeitungsartikel von 2012 zu entnehmen war, hatten die kalifornischen Urlaubsgäste in Mönchweiler eine Geige mitgebracht. Aus dem ersten persönlichen Kontakt entstand damals eine nachhaltige Freundschaft zu Helmut Kayan und seiner Frau Ursula, die aus Westfalen stammt.

Im folgenden Jahr 2013 hatten die Kayans ein besonders schönes Instrument in ihrem Reisegepäck. In einer kleinen Feierstunde übergab „Geigenbaumeister“ Helmut Kayan seine neueste Geige als Geschenk für die Mönchweiler Heimatstube an Rudi Schimmer, den Vorstand des Heimat- und Geschichtsvereins. Als Besonderheit schmückt ein stilisierter Mönch, das Wahrzeichen von Mönchweiler, den Geigenboden und den Steg. Auch der Geigenzettel im Innern des Klangkörpers bekräftigt Helmuts Heimatliebe:

Anno 2013 Nr. 16

Redwood City California anno 2013

Helmut Kayan Mönchweiler meine Heimat

Abb. 1: Der Mönchweiler Mönch auf dem Geigenboden.

2017 musste die Deutschlandreise der Kayans ausfallen. Helmut feierte mit Frau Ursula das Fest der Goldenen Hochzeit und im gleichen Jahr auch noch seinen 90. Geburtstag. 2018 wurden die Geigen Nr. 29 und 30 vollendet.

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Abb. 2: Übergabe der Geige. Foto: Cornelia Putschbach

Die Schönsteins / Schoensteins

Vor etwa zwei Jahren erzählten uns Ursula und Helmut in einem Telefongespräch von einem überraschenden Besuch in ihrem Haus. Ein deutschstämmiger Nachbar der Kayans in Redwood City kam in einem Café in der Stadt zufällig mit zwei älteren Herren ins Gespräch. Es waren die Brüder Vincent und Edward Schoenstein, deren Großvater, wie sich ergab, vor langer Zeit aus dem Black Forest in old Germany nach Amerika ausgewandert war.

Dem Nachbar war die deutsche Herkunft von Helmut aus dem Schwarzwald bekannt, und so stellte er kurzerhand eine Verbindung zwischen den beiden Schoensteins und den Kayans her.

In einer Kaffeestunde mit Ursulas deutschem Apfelkuchen erzählten Vincent und Edward, wie ihr Großvater Felix Fridolin als junger Mann mit 19 Jahren im Jahr 1868 nach San Francisco gekommen war. Er hatte bei seinem älteren Bruder Lukas in Villingen gerade eine Lehre als Orchestrionbauer absolviert, als ein großes Musikwerk für einen Auftraggeber in San Francisco ausgeliefert werden sollte. Felix Fridolin fasste den Entschluss, das wertvolle Instrument auf der langen Reise nach Amerika zu begleiten und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sein Glück zu suchen. In San Francisco fand er bei einem Orgelbauer für die nächsten acht Jahre eine interessante Arbeitsstelle. Mit den zusätzlichen Erfahrungen im Orgelbau gelang es dem tüchtigen jungen Mann, 1877 die Schoenstein Organ Factory & Co zu gründen. Diese Firma besteht noch immer, doch ist sie seit einigen Jahren nicht mehr in Familienbesitz. Der heutige Inhaber verweist aber mit Stolz auf die lange Firmengeschichte mit ihren ursprünglichen Wurzeln im deutschen Schwarzwald.

Kurze Zeit nach dem Telefongespräch mit Ursula und Helmut brachte der SÜDKURIER einen Bericht über die Aktivitäten des Unterkirnacher Vereins für Geschichte und Orchestrion. Dort wird gerade ein hundert Jahre altes Schwarzwälder Orchestrion von Grund auf renoviert, das aus der Schweiz zurück gekauft werden konnte. Dieser Zeitungsartikel ging mit einem Brief an die Kayans mit der Bitte um Übersetzung und Weiterleitung an ihre neuen Freunde Vincent und Edward Schoenstein.

Ein paar Tage später bedankte sich Edward Schoenstein mit einem freundlichen Brief für den überraschenden Bericht und kündigte an, dass er mit seiner Frau Patricia im Herbst nach Deutschland kommen wolle, um endlich den Geburtsort seines Großvaters Felix Fridolin und den Ursprung des Schwarzwälder Orchestrionbaus kennen zu lernen Bei dieser Gelegenheit würde er gerne mit Mitgliedern des Unterkirnacher Orchestrion-Vereins Informationen austauschen. Auch bat er um Ratschläge zu seinem Vorhaben. Aus dem Familienarchiv war ein altes Foto beigefügt mit dem Villinger Orchestrionbauer Lukas Schönstein, dem Bruder und Lehrmeister von Großvater Felix Fridolin.

Dieser Brief aus Amerika war der Anstoß, um bereits im Vorfeld des angekündigten Besuches etwas über das einst blühende Kunsthandwerk des Orchestrionbaus im Schwarzwald zu erfahren.

Wolfgang Armbruster vom Verein für Heimat und Orchestriongeschichte in Unterkirnach zeigte sich schon bei einem ersten Vorgespräch als großer Kenner, sowohl der komplizierten Technik der mechanischen Musikwerke als auch des geschichtlichen Hintergrunds.

Angefangen hatte der Orchestrionbau in Unterkirnach mit Carl Blessing (1769 – 1820), der zunächst Flötenuhren fertigte. Diese frühen Flötenuhren konnten nicht nur „Kuckuck“

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Abb. 3: Lukas Schönstein (1836 – 1899) mit Enkel Leo Beha.

rufen, sondern, wie der Name sagt, bereits kleine Melodien pfeifen. Sogar Mozart, Haydn, Beethoven und andere Komponisten haben spezielle Musikstücke für Flötenuhren geschrieben. Da lag es nahe, Pneumatik und Mechanik weiter zu entwickeln, um vielleicht eine Trommel zu schlagen, Saiten zu zupfen oder weitere Instrumente zum Klingen zu bringen.

Im Jahre 1820 vollendete Carl Blessing sein erstes großes Orchestrion. Jedoch verstarb der geniale Erfinder noch im selben Jahr. Sein Bruder Martin (1774 – 1847), ebenfalls ein tüchtiger Uhrenmacher und Orchestrionbauer, kümmerte sich um die weitere Entwicklung und um die Ausbildung seiner damals noch minderjährigen Neffen Jakob (1799 – 1899) und Johann (1803 – 1872). Hubert Blessing (1823 – 1866), der Sohn von Jakob und Enkel von Carl, führte ab 1834 die Familientradition fort. Orchestrien von Blessing aus Unterkirnach gingen in viele europäische Länder und in alle Welt.

Für Wolfgang Armbruster war der Name Schönstein ein Begriff, denn die Chronik von Unterkirnach enthält einen Lebensbericht, den Felix Fridolin Schönstein 1925 in seiner neuen Heimat Kalifornien im Alter von 76 Jahren erstellt hatte. Das englische Original wurde vom Villinger Heimatforscher Josef Honold übersetzt und erschien erstmals im SÜDKURIER am 4. Juli 1959 mit der Überschrift:

Ich – Felix Fridolin Schönstein aus Villingen

Lebensgeschichte und Schicksal eines schwarzwälder Auswanderers.

Wir erfahren, wie der Vater von Felix, Leo Schönstein (1811 – 1874), in den Wirren um das Revolutionsjahr 1848 seine kinderreiche Familie mit der Uhrenmacherei nicht mehr ernähren konnte. Als Waldhüter fand er bei der Stadt ein bescheidenes Auskommen. Jedoch musste er sein Haus in der Schulgasse 11 verlassen und mit der Familie in ein primitives Gebäude ziehen, das auf der weit abgelegenen Waldlichtung Salvest lag. Von den 17 Kindern der Familie haben nur fünf Buben und drei Mädchen das Erwachsenenalter erreicht. Felix Fridolin, geboren 1849, war der Jüngste. Nach 11 Jahren gelang dem Vater die Rückkehr in seinen alten Beruf und in sein altes Haus hinter der Stadtmauer.

Karl und Lukas Schönstein, die beiden älteren Brüder von Felix, hatten bei Hubert Blessing in Unterkirnach den Orchestrionbau erlernt und auch einige Jahre dort gearbeitet, ehe Lukas in Villingen eine eigene Orchestrionfirma gründete. Karl agierte als erfolgreicher Vertreter für seinen Bruder Lukas und auch für Hubert Blessing im russischen Odessa. Die weiteren Schönsteinbrüder Erwin und Ferdinand Berthold waren ebenfalls Orchestrionbauer. Erwin ging zu Bruder Karl nach Odessa, Ferdinand Berthold arbeitete selbständig in den USA.

Der letzte Abschnitt im Lebensbericht von Felix Fridolin über seine fünf Buben und fünf Mädchen lautet:

„…und keines meiner Kinder habe ich während ihrer Kindheit verloren. Alle zehn erwiesen sich als gesund und intelligent, von Natur begabt für

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Musik, arbeitsfreudig, sparsam und religiös. ….Die Söhne lernten mit Vergnügen den Gebrauch der Werkzeuge und die Verwirklichung mechanischer und praktischer Gedanken. Sie wurden mit der Zeit erfahrene Orgelbauer und halfen mit, die gegenwärtige Firma auszubauen und zu festigen, indem sie ihrem Berufe treu blieben.“

Felix Fridolin Schönstein ist 1936 im Alter von 87 Jahren in San Francisco gestorben. Seine alte Heimat Villingen im Schwarzwald hat er nie mehr wiedergesehen.

Abb. 4 + 5: Leo (1811 – 1874) und Rosa (1816 – 1899) Schönstein Foto: Stadtarchiv Villingen.

Heimatforscher Josef Honold

Eine kleine Arbeitsgruppe mit Horst Spormann, Adolf Ketterer und Frau Haarländer hat vor ein paar Jahren in Eigeninitiative den umfangreichen Honold-Nachlass im Stadtarchiv Villingen gesichtet und eine bestehende Honold’sche Chronik erweitert. Das ausgewählte Material wurde vom Hobby-Buchbinder Spormann zu einer Kleinstauflage mit je fünf Büchern zusammengefasst und an Interessenten abgegeben.

Die Honold’sche Chronik zum Thema Orchestrion:

1864:    ein von Lukas Schönstein gefertigtes Musikwerk, das erste seiner Art in Villingen entstandene, wird im Lokal des Gewerbevereins zur Besichtigung ausgestellt.

1866:    Lukas Schönstein, ein Schüler von Hubert Blessing, stellt in Villingen ein Musikwerk aus, das nach Amerika bestimmt ist.

1869:    Lukas Schönstein in Villingen bringt Orchestrions nach Amerika zum Versand.

1874:    Schönstein in Villingen stellt, als 54stes Stück seiner Werkstatt, ein besonders schönes Werk für die Gewerbehalle in Triberg her. Uhrenmacher Leo Schönstein stirbt im Alter von 63 Jahren.

1875:    Bei Schönstein ist ein Werk zu sehen, welches der Geselle Josef Stern angefertigt hat.

1885:    Lukas Schönstein vollendet sein 200stes Werk, es spielt acht Stücke. Das Musik-werk kommt nach Odessa, wo ein Bruder, Karl Schönstein, sich niedergelassen hat.

1886:    Durch Vermittlung von Bismarcks Leibarzt Dr. Schwenninger, der als Kurgast in Triberg weilt, erhält Schönstein für Krupp in Essen einen Auftrag zur Lieferung eines Instruments mit 600 Pfeifen und 100 Clavis.

1888:    Die Orchestrion Produktion steht in voller Blüte. Josef Stern stellt sein 100stes Werk her und hält mit seinen Arbeitern ein Fest ab. Franz Hirt stellt ein besonders großes Werk aus.

1890:    Orchestrionfabrikant Karl Schönstein, welcher in Odessa ansässig ist, weilt zu Besuch hier und gibt seinen 1836 geborenen Schulkameraden einen Festabend.

1891:    Orchestrionfabrikant Lukas Paul Schönstein erhält für ein bei der internationalen Ausstellung in Jamaika aufgestelltes Musikwerk eine goldene Medaille. Über Kirchweih lässt die Orchestrionfabrik Josef Stern ein Werk hören, das an Schönheit und feiner Musik alle bisherigen Arbeiten übertrifft. Es wird nach Moskau verkauft.

1897:    Obgleich in der Orchestrionindustrie weitere technische Fortschritte zu verzeichnen sind, mehren sich die Anzeichen eines Rückgangs in der Absatzfähigkeit dieser Schwarzwälder Musikwerke. Nachdem in Villingen schon der Eingang der Orches-

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trionwerkstätte Josef Benz zu beklagen war, kommt dieses Jahr die Schließung der seit 1862 bestehenden Orchestrionfabrik von L. P. Schönstein hinzu. Die mit ihren Fabrikaten im besten Ruf stehende und vielfach preisgekrönte Firma, deren Erzeugnisse in alle Welt hinausgingen, hat seit einem Jahrzehnt große Verluste in Russland zu verzeichnen gehabt. Beim Versuch, die vorhandenen Schulden durch umfangreichen Wechselkredit zu überbrücken, kommt das Unternehmen zu Fall. Das Ende eines jahrzehntelangen Schaffens endete für L. P. Schönstein mit der Tragik eines Strafprozesses.

Besuch von Edward und Patricia Schoenstein im September 2017

Edward und Patricia Schoenstein bestätigten im Mai ihren Besuch für Mitte September. Geplant waren Zwischenstationen auf der Anreise in London und Paris sowie ein Verwandten-Besuch in Karlsruhe.

Als Auftakt für Villingen bot sich eine Stippvisite in Freiburg an, um im Augustiner-Museum eine Sondervorführung des selbstspielenden Welte-Mignon-Flügels zu erleben. Dieses Instrument war nach 1900 der letzte Höhepunkt in der langen Entwicklung der selbstspielenden Musikinstrumente. Auf ca. 1.000 Notenrollen kann man heute noch Komponisten und Interpreten der damalige Zeit originalgetreu spielen hören.

Der Firmengründer Michael Welte erlernte sein Handwerk ebenfalls bei Blessing in Unterkirnach. Später verlegte Welte seine Firma von Vöhrenbach nach Freiburg. Einer der Söhne gründete 1866 ein gut florierendes Zweigwerk in New York, das bis etwa 1940 bestand.

Wenige Tage vor Reiseantritt musste der Zwischenstopp in Karlsruhe wegen des eingebrochenen Tunnelbaus bei Rastatt gestrichen werden. Die Ankunft in Freiburg verzögerte sich, und der musikalische Auftakt im Augustiner-Museum musste entfallen. Wenigstens hatte den Reisenden die abendliche Autofahrt von Freiburg durch den Schwarzwald gut gefallen. Im Landgasthof Adler in Mönchweiler hatten die Schoensteins auf Empfehlung von Ursula und Helmut Kayan ein Zimmer für die Aufenthaltstage in Villingen bestellt.

Das Villinger Besuchs-Programm begann mit einem Empfang im Rathaus und der Begrüßung durch Oberbürgermeister Dr. Kubon im Beisein von Stadtarchivar Dr. Maulhardt und der Leiterin des Franziskanermuseums, Frau Dr. Auer.

Abb. 6: Patricia und Edward Schoenstein mit Bild von Großvater Felix Fridolin beim Empfang von OB Dr. Kubon. Foto: Stadtverwaltung VS

Nach der Begrüßung führte Frau Dr. Auer durch das Franziskanermuseum. Im Mittelpunkt standen die beiden Orchestrien der Villinger Firma Stern aus der Zeit vor 1910. Während das eine Musikwerk einen flotten Marsch schmettern konnte, hatte das andere im Laufe der Jahre seine Stimme verloren. Der nun verstummte Musik-Zauberschrank stand lange Jahre im Gasthaus Forelle im Groppertal, ehe er seinen Ruhesitz im Franziskanermuseum fand. Leider hat vor kurzer Zeit auch das Gasthaus Forelle für immer zugemacht. Für Helmut Kayan und seine Jugendfreunde aus Mönchweiler, wie auch für viele Villinger, war einstmals die „Forelle“ mit ihrem Orchestrion ein beliebtes sonntägliches Ausflugsziel.

Der Gebäudeteil des Franziskanermuseums, in dem heute die Relikte aus dem Keltengrab vom Magdalenenberg sowie die Uhren-und Glassammlung gehütet werden, war bis 1889 im Besitz von Karl Schönstein, zugleich Wohnsitz und Orchestrion-Werkstatt mit Ausstellungsraum seines Bruders Lukas. Das alte Haus mit der schmalen Eingangsfront in der Rietstraße 39 neben dem Riettor hat eine Baugeschichte, die

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bis ins Jahr 1315/16 zurück geht, wie chronologische Untersuchungen ergaben. Nach dem Verkauf an die Spitalverwaltung 1889 diente es viele Jahre als Waisenhaus.

Abb. 7: Schönstein- und Waisenhaus Rietstraße 39.

Im Villinger Stadtarchiv fand ein intensiver Informationsaustausch statt. Frau Ute Schulze überraschte ihre Gäste mit einer kleinen Sensation. Sie legte den amerikanischen Schoensteins eine alte Urkunde aus dem Jahr 1557 vor. Auf weißem Pergament ist in schöner Handschrift ein Lehensvertrag beurkundet. Der Bürgermeister und Zunftmeister Johann Schönstein bezeugt den Vorgang und siegelt das Dokument mit seinem persönlichen Haussiegel.

Weitere Unterlagen belegen, dass unser Edward Schoenstein aus Kalifornien zur 14. Generation der aus Villingen stammenden Schönsteins gehört.

Auch neuere Dokumente zur amerikanischen Familie Schoenstein befinden sich im Stadtarchiv. Dazu gehört ein Buch mit 686 Seiten und

Abb. 8: Die Pergament-Urkunde.

dem Titel „Memoirs of a San Francisco Organ Builder“. Geschrieben hat es Louis Schoenstein (1884 – 1980), der Sohn und Nachfolger von Felix Fridolin, also Vater und Schwiegervater unserer Besucher.

Mehrere Briefe im Archiv bezeugen die lebenslange Freundschaft von Louis Schoenstein mit dem damaligen Oberbürgermeister Severin Kern. 1954 hatte der Villinger OB mit zwei Stadträten an einer Konferenz in San Francisco teilgenommen. Der Deutsche Konsul für Kalifornien hatte damals Louis Schoenstein als Vorstand des Deutschen Vereins gebeten, die Teilnehmer aus dem Schwarzwald zu betreuen. 1960 erfolgte ein Gegenbesuch von Louis Schoenstein und seiner Frau Josephine in Villingen. OB Kern war zwar auf einer Dienstreise, aber der Amerikafahrer Stadtrat Hans Heuft freute sich, seinen Betreuer aus San Francisco im Schwarzwald begrüßen zu können.

„Soll nach Villingen kommen“, schrieb Severin Kern auf die Vorlage seines Referenten, der wissen wollte, auf welche Art man den Schoenstein in San Francisco zur anstehenden Goldenen Hochzeit gratulieren solle. Tatsächlich unternahm 1965 das Ehepaar Schoenstein eine zweite Reise nach Villingen. Sie wurden herzlich empfangen und gastfreundlich betreut, wie aus den alten Briefen und damaligen Zeitungsberichten hervorgeht.

Der freundschaftliche Kontakt zur Stadt Villingen bestand auch noch nach dem Zusammenschluss mit Schwenningen und mit Dr. Gebauer

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als Nachfolger von Severin Kern. Louis Schoenstein verstarb 1980 im hohen Alter von 97 Jahren. Bei der Beerdigung in San Francisco, so erinnert sich sein Sohn Edward, erklang eine Tonbandaufnahme vom Villinger Kuhreihen.

Erst lange nach der Rückreise von Edward und Patricia Schoenstein fanden sich weitere Unterlagen im Stadtarchiv. Darunter auch ein Bericht von Louis Schoenstein über seine Besuche in Villingen 1960 und 1965. Es stellte sich heraus, dass der Besuch von OB Severin Kern 1954 in San Francisco Teil einer längeren Studienreise war. Die Regierung der USA hatte damals im Rahmen einer Aktion zur Förderung der Völkerverständigung einen Austausch zwischen mehreren deutschen und amerikanischen Städten organisiert. Auch Villingen gehörte zu den ausgesuchten Orten. Aus einem interessierten Personenkreis wurden acht geeignete Teilnehmer ausgewählt, die nach intensiven Vorbereitungen am 2. Februar 1954 die 6-wöchige Reise antreten konnten. Das Programm in den USA umfasste neben Kontakten mit der Bevölkerung den Besuch von öffentlichen Einrichtungen, Schulen, Krankenhäusern, und anderen Institutionen.

Ein besonderes Ereignis für die Villinger Reisegruppe war ein Treffen in New York mit alten Villinger Bekannten und Verwandten, die schon vor dem Krieg in die USA ausgewandert waren.

Nach der glücklichen Rückkehr der 8 Villinger waren ihre Erlebnisse in der neuen Welt noch lange Gesprächsstoff in unserer Stadt. Es gab mehrere Vorträge und sogar einen Film, den der Teilnehmer Hans Briegel während der Reise aufgenommen hatte.

Mit Edward und Patricia Schoenstein auf Salvest und in Unterkirnach

Als weiterer Höhepunkt stand ein Spaziergang zum Forsthaus Salvest auf dem Programm.

Auf der Lichtung gegenüber dem heutigen Forsthaus Salvest stand früher das Haus von Carl Blessing, der hier 1820 das erste Orchestrion im Schwarzwald baute, in Nachbarschaft mit der alten Kate, in der Leo Schönstein mit seiner Frau Rosa und den zahlreichen Kindern viele Jahre hausen musste.

Im Orchestrion-Museum in Unterkirnach erklärte Experte Wolfgang Armbruster, mit Unterstützung von Frau Landoll als Übersetzerin, die dortigen Exponate. Bei jeder Führung erklingen heute Musikbeispiele aus der Zeit „als der Großvater die Großmutter nahm“ sehr zur Freude von begeisterten Zuhörern.

Mit der Entwicklung von Grammophon, Schallplatte, Radio- und Tonbandtechnik versank nach 1920/30 die große Zeit der mechanischen Musikautomaten endgültig in der Vergangenheit.

Abb. 11: Sieglinde Landoll, Edward Schoenstein, Wolfgang Armbruster auf der Suche nach dem Ursprung der Töne eines selbstspielenden Klaviers.

Weitere Schönstein-Häuser in Villingen

Am letzten Besuchstag gab es nochmals Gelegenheit für einen Stadtrundgang mit Gedenkminuten vor den alten Schönstein-Häusern oder wenigstens dort, wo sie einst gestanden hatten.

Das ehemalige Schönstein-Haus in der Schulgasse 11 existiert nur noch auf alten Fotos und Gemälden von Albert Säger, Guido Schreiber und Waltraud Oloff. Im Eingangsbereich des heutigen Münsterzentrums hängt das schöne Bild der Benediktinerkirche von Waltraud Oloff mit dem Schönsteinhaus im Vordergrund, für Edward Schoenstein mit dem Bild seines Großvaters Felix in der Hand eine gute Gelegenheit für ein Erinnerungsfoto.

1887 hat Lukas Schönstein gegenüber am Romäusring, dort wo heute die Industrie- und Handelskammer ihren Sitz hat, einen Neubau errichtet. Aus diesem Gebäude wurde später zunächst ein Hotel und dann eine Schule für Landwirtschaft und Haushalt.

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Abb. 12: Edward vor dem Bild von Waltraud Oloff.

In der Bleichestraße 20 steht das ehemalige Fabrikgebäude von Gustav Schönstein (1874 – 1954), Sohn von Lukas Schönstein und letzter Fabrikant von Orchestrien und Bauteilen in Villingen. Es trägt die Jahreszahl 1908 im Giebel. Nach dem endgültigen Niedergang dieses Gewerbes wurde das Haus zu Wohnzwecken umgebaut.

Ein weiteres Schönstein-Haus befand sich in der Bleichestraße gegenüber. Es ist längst dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen und durch einen Neubau ersetzt. Ursprünglich war das Haus ab 1896 der Alterssitz von Catherina und Karl Schönstein (1839 – 1911), der als Vertreter in Odessa mit Orchestrien goldene Rubel verdient hatte. Karls Tochter Anna war mit einem General der Weißrussischen Armee verheiratet. Nach der Revolution von 1917 flüchtete diese Familie zunächst nach Serbien. Auch ihr Sohn Eugene Schöll, ebenfalls ein ehemaliger zaristischer Offizier, musste 1944 mit seiner Frau noch einmal fliehen, als die Rote Armee in Jugoslawien einrückte. Die Familie fand eine neue Heimat im ehemaligen Haus von Großvater Karl Schönstein in Villingen.

Abb. 13: Benediktinerkirche und Schönsteinhaus Guido-Schreiber-Bild als Postkarte.

Das historische Haus des Heimatforschers Josef Honold in der Niederen Straße 2 mit dem doppelten Erker und der blauen Hinweistafel mit den Informationen über die Geschichte des Hauses bildete den Schlusspunkt des Stadtrundgangs.

Abschied von Villingen

Die Abreise von Edward und Patricia Schoenstein mit der Bahn in die Schweiz erfolgte fast genau so, wie vor über 65 Jahren von Vater Louis und seiner Frau Josephine beschrieben.

Originaltext im damaligen Reisebericht von Louis Schoenstein: „We left Villingen at 10:30, passed Schaffhausen, where the Rhein River drops in a pitoresque waterfall about 70 feet, covered with white foam and a vapor cloud, the largest waterfall in Europe“.

Abb. 14: Haus von Gustav Schönstein Ecke Bleichestraße – Herdstraße.

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Überraschende Fortsetzung

Nach der Abreise unserer Besucher fand die Schönsteingeschichte noch eine unerwartete Fortsetzung.

Der verspätet erschienene Zeitungsbericht über den Empfang beim OB erinnerte den Leser Günter Riehle an ein altes Gemälde in der Abstellkammer seines Hauses. Es zeigt das Portrait eines Mannes mit Vollbart und trägt auf der Rückseite die handschriftliche Widmung: „Meinem Bruder Lukas und Familie zum Andenken – Karl Schönstein, Odessa im Jahre 1874“.

Wie kam dieses Bild zu seinem jetziger Besitzer? Zunächst gehörte es wohl Lukas Schönstein, der es seinem Sohn Gustav vererbte. Als das kinderlose Ehepaar Gustav und Luise Schönstein 1954 innerhalb eines halben Jahres starb, wurde die Wohnung aufgelöst und die Erbstücke an interessierte Freunde verteilt. Das alte Bild wollte zunächst niemand haben, ehe es der damals 12jährige Nachbarsjunge Günter Riehle übernahm und vor der Vernichtung bewahrte.

Günter Riehle wollte das verwaiste Porträt, das

Abb. 15: Schönsteinhaus Rückseite (rechts).

plötzlich seine interessante Geschichte zurück bekam, nun an Edward und Patricia Schoenstein weiter geben. Doch leider waren die Besucher bereits abgereist. In nachträglicher Abstimmung mit den heimgekehrten Besuchern in Kalifornien wurde das Bild als Schenkung in die Obhut des Franziskanermuseums übergeben.

Nach vorsichtigem Ausrahmen erschien die Signatur des Malers: „Bülow“ Nachforschungen ergaben inzwischen, dass es sich hierbei vermutlich um den Maler Leonhard Bülow (1817 – 1890) handelt, der in Riga geboren, in Düsseldorf Malerei studiert hatte und dann in Moskau, St. Petersburg und Odessa als Maler und Spezialist für Porträts gearbeitet hat.

Nun wartet es auf eine notwendige Restaurierung und dann auf einen schönen Platze im Museum, um an die fast vergessene Geschichte des Orchestrionbaus in Villingen zu erinnern.

Abb. 16: Übergabe des Karl-Schönstein-Porträts. Von Rechts nach Links: Frau Dr. Auer, Dr. Hütt, G. Riehle und R.M.

Schlussbemerkung

Es wäre sicher interessant, weiteren Spuren der Villinger Orchestriongeschichte nachzugehen. Von den Schönsteins sind bisher keine Musikwerke in Museen oder Privatsammlungen bekannt. Dagegen haben einige Orchestrien von Josef Stern überlebt, zum Beispiel im Deutschen Phonomuseum in St. Georgen, im Schwarzwaldmuseum Triberg oder im Deutschen Musikautomaten-Museum in Bruchsal. Das Münchner Stadtmuseum besitzt ein besonders schönes Werk von Josef Stern aus dem Jahr 1878. August Noll ist im Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen vertreten. Im Heimatmuseum Triberg steht ein Prachtwerk von Tobias Heizmann von 1885. Zur Freude der vielen Besucher erklingt fröhliche Musik oder auch ein anspruchsvolles Werk von Rossini oder Richard Wagner.

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Glanzstücke im Franziskanermuseum

Fotos: Franziskanermuseum.

Lackschild zur Flötenuhr, ca. 1820 – 1830
Ansicht ohne Uhrenschild. Gewichtsantrieb über Seilrolle.
Stiftwalze für acht Lieder, Abtastmechanik (Clavis) Windlade für 42 Flöten mit den Flöten Nr. 16 bis 21.
Zwei Orchestrien von Josef Stern, Villingen, um 1910 mit Klavier- und Mandolinensaiten, sowie Schlagwerk. Links das alte Orchestrion aus dem Gasthaus Forelle. In der Mitte eine Standuhr von 1724 mit Glockenspiel vom Villinger Uhrmacher Hermann Philipp Mulderer.