Was ist der „Herrgottswinkel”? (Kurt Müller)

Wer meint, dass diese Frage mit Frömmigkeitsformen der Vergangenheit zu tun habe, den wird ein Blick ins Internet mit vielen Bildern und Texten belehren, dass der Herrgottswinkel zwar seit Jahrhunderten in katholischen Häusern eine Rolle spielt, aber durchaus auch heute noch in vielen Wohnstuben zu finden ist. Meist in der Zimmerecke an der Fensterseite am Ende des langen Familientisches ist das Kreuz aufgestellt, umgeben von Mariendarstellungen, von Heiligenbildern oder auch von Bildern verstorbener Angehöriger. Beim Tischgebet oder in einer Minute des Nachdenkens, der Klage oder Bitte wendet sich die Aufmerksamkeit dem Herrgottswinkel zu im Vertrauen, dass der Gekreuzigte oder einer seiner Heiligen helfend präsent ist. Wenn wegen schlechten Wetters oder unbegehbarer Wege der Kirchgang am Sonntag ausfallen musste, dann war eine kurze Andacht im Herrgottswinkel ein würdiger Ersatz.

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Ich selber habe den Herrgottswinkel eigentlich erst als Vikar kennengelernt. Ich war fünf Jahre in Schönau im Wiesental als Geistlicher tätig. Zur Pfarrei gehörten eine ganze Anzahl von Weilern mit alten Schwarzwaldhäusern. Darin sind mir ganz unterschiedlich gestaltete Herrgottswinkel aufgefallen. Dabei wurde sehr schnell in mir der Wunsch wach: so eine geschmückte Andachtsecke möchte ich auch in meinem Pfarrhaus einmal haben. Daher habe ich schon bald Gegenstände gesammelt, mit denen sich mein Herrgottswinkel hätte schmücken lassen. Bis heute habe ich keinen eigentlichen Herrgottswinkel eingerichtet, weil in allen Wohnungen, die ich bisher bewohnt habe, kein rechter Winkel vorhanden war.

Aber reichlich Einrichtungsgegenstände habe ich gesammelt, und sie bilden einen unübersehbaren Schmuck in meiner Wohnung in der Turmgasse.

Im Treppenhaus fällt der Blick auf ein schönes Kruzifix, das aus dem Allgäu stammt. Es ist von Dekan Josef Herrmann aus Wieden über seine und meine Haushälterin Agnes Asal zu mir gekommen. Es wird begleitet von zwei auf Holz gemalten Bildern der heiligen Mutter Anna mit Maria und dem heiligen Aloisius. Der Rosenkranz und die Bibel sind oft vorkommende Beigaben im Herrgottswinkel.

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Solange ich Pfarrer in Engen war (um 1970), wurde in der Filiale Bittelbrunn ein Haus umgebaut. Das Kreuz an der Fassade war im Weg und der Bauherr war froh, dass er mir das Kreuz schenken konnte. Der Engel stammt von einem Trödelmarkt. Die Ikone neben dem Kreuz zeigt den Tod Mariens, und über der sterbenden Maria ist der auferstandene Christus zu sehen, der die Seele der Mutter Maria in die Herrlichkeit des Himmels trägt.

1975 wurde in Nußbach ein altes Bauernhaus verkauft. Der neue Besitzer hatte keine Beziehung zu dem Kreuz, aber doch Respekt. Er hat das schöne seltene Kreuz mit Spinnweben überwuchert den damals noch in Nußbach tätigen Franziskanern gebracht. Zufällig kam ich anderntags dienstlich ins Haus der Franziskaner und die wunderten sich, dass ich so starkes Interesse an dem staubigen Kreuz im Flur zeigte. Zu meiner großen Freude schenkten sie mir das Kreuz ohne weitere Worte. Die beiden Bilder zeigen Josef und Maria jeweils mit Kind, sie stammen aus dem Elsaß und bilden gute Patrone für das Familienleben.

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Nur eines meiner Sammlerstücke habe ich im Antiquitätenhandel gekauft. Es ist ein ganz seltenes Beispiel von Schwarzwälder Hinterglasmalerei: Ich habe schon wiederholt es zu Ausstellungen verleihen können. Das Bild ist eine ausführliche Schilderung der Kreuzigung Christi mit Maria und Johannes und Maria Magdalena. Auch der berittene Longinus ist zu sehen und die beiden Schächer. Zwei Engel nehmen das heraustretende Blut Christi auf.

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Auf dem einrahmenden Kreis sind alle Leidenswerkzeuge (arma Christi) gemalt. Der Original erhaltene Text lautet: Petrus leugnete das dritte Mal und sogleich krähte der Hahn. Dies Denkmal hat machen lassen Bartholomä Schneider aus Elzach 1832. Und dies hat gemalt Augustin Faller aus Seppenhofen. „Longinus hat die Seite Jesu mit einer Lanze geöffnet und allsogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, gibt Zeugnis davon, und sein Zeugnis ist

wahrhaftig, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt; so dass ihr glauben sollet.“

In einer großen Bauernstube wirkt ein schöner Herrgottswinkel neben der Frömmigkeit auch dekorativ. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass in der Kanzleigasse in einem Haus ein kleiner Herrgottswinkel aufgetaucht ist, der lange Jahre mit Tapeten verklebt war. Jetzt ist er mit religiösen Gegenständen geschmückt, ein kleines Glaubenszeugnis.

Nun möchte ich die Leser darauf aufmerksam machen, dass es nicht nur private Herrgottswinkel gibt, sondern dass es nach meiner Meinung auch öffentlich zugängliche Orte mit der gleichen Bedeutung geben kann. Wenn sehr viele Menschen sich versammeln, als Pilger etwa, in Fatima oder Altötting, dann spricht man von Gnadenorten. Wenn wenige Menschen oder seltener sich an einem bedeutenden Ort einfinden, dann spricht man von einem spirituellen Rastplatz.

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Auf einen solchen geistlichen Rastplatz möchte ich sie aufmerksam machen.

Das Villinger Münster hat zwei Türme. Im Erdgeschoss jeden Turmes findet man eine kleine Kapelle. Nach Süden steht, weil sie durch zwei Fenster erhellt wird, das helle Chörle. Nach Norden hat die Kapelle nur ein Fenster und heißt daher das finstere Chörle. Bei der letzten Münsterrenovation bekam das finstere Chörle eine neue Einrichtung. Der Kölner Künstler Elmar Hillebrand hat das Fenster mit der Darstellung der Leidenswerkzeuge neu gestaltet: In einem Glasschrein gut sichtbar aber geborgen sieht man eine kleine Pieta und darüber das eigentliche Heiligtum der Villinger, das Nägelinkreuz. Im währenden Licht der vielen Opferkerzen spürt man den mystischen Charakter der kleinen Kapelle. Wer sie betritt, hat Gelegenheit auf dem Altar davor eine persönliche Notiz zu hinterlassen. In dem großen Buch dort findet man nun zahlreiche Namen aber auch viele Dankadressen

werden formuliert oder Klagen, Ängste, Nöte und Sorgen werden vorgetragen. Also steht jede brennende Opferkerze auf dem Leuchter für eine Bitte, Not oder Klage, auch für einen abzuleistenden Dank. Wer die sprechenden Opferlichter wahrnimmt, wer darüber das Nägelinkreuz verehrt mit der Pieta, dem Marienbild darunter, wer die Symbole des Leidens Christi im Glasfenster beachtet, der wird mir zustimmen können, wenn ich sage: „Das finstere Chörle im Münster ist der Herrgottswinkel der Stadt Villingen.“

Abbildungen: von Jochen Hahne

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