Eine Ära geht zu Ende – Stadtarchivar Dr. Heinrich Maulhardt verabschiedet sich in den Ruhestand (Redaktion)

Abb. 1: Heinrich Maulhardt. Bild: Streck, Schwarzwälder Bote

Am 1. April 1991 übernahm Dr. Heinrich Maulhardt das Amt des Stadtarchivars in Villingen-Schwenningen. Ende September 2018 wurde er in den Ruhestand verabschiedet. In die ersten Jahre seiner Tätigkeit fielen die Neukonzeption und Einrichtung der Dauerausstellung des Franziskanermuseums. Im Jahr 1993 gelang es ihm, die bis dahin verstreuten Unterlagen des Stadtarchivs in einem Gebäude zusammenzufassen. Die Zugänglichkeit zum Archivgut erleichterte sich damit erheblich. Seither hat er vielfältige Initiativen ergriffen, um die Situation des Provisoriums in der Lantwattenstraße 4 in eine fachgerechte dauerhafte Lösung zu überführen. Im Jahr 2001 verlieh das Landesarchiv der Stadt Villingen-Schwenningen ein gemeinsames Wappen. Nicht zuletzt Heinrich Maulhardt hatte großen Anteil an diesem Erfolg.

Eine Reihe von Jubiläen hat Dr. Maulhardt tatkräftig begleitet. Zur Feier von 1000 Jahren Markt-, Münz-, Zollrecht und Gerichtsbann im Jahr 1999 gab er 1998 die Publikation „Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur“ heraus. Im Jubiläumsjahr selbst veranstaltete er gemeinsam mit dem Alemannischen Institut die wissenschaftliche Tagung „Villingen 999 – 1218. Aspekte seiner Stadtwerdung und Geschichte bis zum Ende der Zähringerzeit im überregionalen Vergleich.“ Die Ergebnisse erschienen 2003 in Buchform. 2002 organisierte er zum 30. Geburtstag der Stadt Villingen-Schwenningen das fächerübergreifende wissenschaftliche Symposium „Villingen-Schwenningen auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“, 2004 publiziert. 2016 organisierte Maulhardt gemeinsam mit dem Alemannischen Institut und der Abteilung Landesgeschichte der Universität Freiburg die wissenschaftliche Tagung „817 – Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen“, deren Ergebnisse wiederum in eine Publikation eingingen. Für das Jubiläumsjahr selbst ist zum einen die mit der Arbeitsgemeinschaft Geschichtliche Landeskunde am Oberrhein durchgeführte Tagung „Kommunen im Nationalsozialismus“ zu nennen, die ein vielseitiges Vortragsprogramm bot. Auch hierzu wird eine gedruckte Version folgen. Zum zweiten konnte zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen der Band 19. und 20. Jahrhundert realisiert werden,dem 2020 der Teil von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert folgen wird.

Die Forschungsarbeit Dr. Maulhardts ist breit gefächert. Unter anderem beschäftigte er sich mit dem Villinger Frauenhaus im Mittelalter, dem Offiziersgefangenenlager des Ersten Weltkrieges und vielem mehr. Ein besonderes Augenmerk richtete er auf die Zeit des Nationalsozialismus. Intensiv forschte er hier über das Schicksal des polnischen Zwangsarbeiters Marian Lewicki, der 1942 in Villingen von den Nationalsozialisten erhängt wurde. An ihn erinnert das Sühnekreuz im Tannhörnle, das der Geschichts- und Heimatverein errichten ließ. Die Familie in Polen erfuhr

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davon erst durch die Kontaktaufnahme Heinrich Maulhardts zu ihr 2011. Die Einladung an ehemalige jüdische Mitbürger durch die Stadt Villingen-Schwenningen im Jahr 2009 ging maßgeblich auf seine Initiative zurück. Außerdem ist er bei dem von Frank Volk ins Leben gerufenen Geschichtspreis für Schüler engagiert, der seit 2010 nach Joseph Haberer, einem in Villingen geborenen Juden, benannt ist. Dieser gehörte zu den Gästen von 2009. Dr. Maulhardt hat auch die Erforschung des Villinger Kasernenareals in die Wege geleitet.

Er hatte stets ein offenes Ohr für die Belange der Stadt und ihrer Menschen. Die Projekte anderer Autoren hat Dr. Maulhardt tatkräftig unterstützt. Hier sind vor allem die Forschungen von Dr. Edith Boewe-Koob zu mittelalterlichen Handschriftfragmenten zu nennen. Er hat die Edition der Villinger Bürgerbücher, die in den 1960er Jahren von Gustav Walzer begonnen worden waren, durch die Bearbeitung von Dr. Andreas Nutz fortführen lassen, so dass dieses Werk 2001 im Druck erschien. Dr. Tobias Fischers rechtshistorische Dissertation „Der Prozeß vor dem Villinger Stadtgericht im 17. Jahrhundert“ fand 2006 als Band 32 Eingang die Reihe Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der städtischen Museen.

Während der Amtszeit Dr. Maulhardts haben folgende Stadtbezirke Publikationen zu ihrer Geschichte erhalten: 1994 Rietheim, 1997 Obereschach, 2002 Marbach, 2008 Herzogenweiler, 2013 Weigheim, 2014 Weilersbach, 2017 Tannheim, 2018 Obereschach. Auch zum Jubiläum von Nordstetten 2012 erschien eine Publikation.

Aktiv beteiligte sich Dr. Maulhardt an den Aktivitäten zum Tag des offenen Denkmals mit einer Vielzahl von Führungen über die Jahre hinweg. Auch Erzählcafés zu verschiedenen Themen hat er organisiert.

Dr. Maulhardt hat die Initiative zur Einführung eines Dokumentenmanagements in der Stadtverwaltung ergriffen und damit wichtige Weichen für die digitale Aktenführung gestellt. Außerdem beteiligt sich das Stadtarchiv am kommunalen digitalen Langzeitarchiv „DIMAG“.

Zwei Ausstellungsprojekte hat Dr. Maulhardt noch 2018 angestoßen. Zum einen wird im Jahr 2019 eine Wanderausstellung zu den Zähringern im Stadtbezirk Villingen gezeigt werden. Für 2020 ist eine Ausstellung zum Nationalsozialismus in Zusammenarbeit mit den städtischen Museen geplant.

So darf Herr Dr. Maulhardt auf eine beeindruckende Bilanz geistiger Arbeit zurück-

blicken , die ihn zufrieden gestellt habe, wie er in einem Zeitungsinterview betonte, die aber nicht immer und von jedem in ihrer Bedeutung richtig gewürdigt wurde, Auch diese Erfahrung wurde ihm in Villingen-Schwenningen zuteil, wo ihm über 20 Jahre als Archiv das Provisorium eines alten Milchwerkes diente. Außer mit nicht erhörten Appellen an die Stadt konnte ihm auch der Geschichts- und Heimatverein nicht helfen, diesen Mangel zu überwinden. Wir aber sind ihm dankbar, dass er über viele Jahre unser Jahresheft mit interessanten Beiträgen bereichert hat. Möge dies auch in Zukunft so sein.

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