Kurt Müller

 

Dekan Kurt Müller bei der Festpredigt

 

Liebe Festgäste aus Nah und Fern, Schwestern und Brüder im Herrn, man tituliert unsere Zeit als schnelllebig, hektisch, zukunftsorientiert und fortschrittsgläubig, aber wir registrieren eben auch Geschichtsinteresse, Traditionsbewusstsein, Fragen nach Herkommen und Überlieferung. Das beweist die große, farbenfrohe Festgemeinde, die sich zu einem Gedenkgottesdienst versammelt hat: Gedenken an Ereignisse vor dreihundert Jahren.

Villingen, ein kleiner, scheinbar bedeutungsloser, befestigter Platz in den vorderösterreichischen Landen, war vor dreihundert Jahren zu einem Begriff geworden: In den Generalstäben beim Prinzen Eugen oder beim Markgraf Ludwig; von Villingen war die Rede bei den Lagebesprechungen der französischen Marschälle Villars und Tallard. Der mit Allongeperücke und Kniebundhosen in Versailles residierende Sonnenkönig Ludwig XIV. hatte von Villingen gehört. Der Bayernherzog Max Emanuel kannte das kleine Nest. Kaiser Leopold in Wien und Herzog Marlborough ließen sich davon erzählen. Wie kam es dazu?

Im Jahr 1700 starb ohne männlichen Nachkommen der spanische Habsburger Karl II. Durch das Vorpreschen der französischen Krone zur Erledigung der Erbfolge wurden die europäischen Dynastien alarmiert. Bald waren die Fronten klar: Frankreich, verbündet mit dem Haus Wittelsbach in Bayern und Kurköln. Dagegen stellten sich die große Allianz: Der Kaiser als Landesherr von Österreich, das Reich Großbritannien und die Niederlande.

1701 begann der sogenannte Spanische Erbfolgekrieg, der verlustreich bis 1714 dauern sollte. In dieses Ringen der europäischen Großmächte wurde Villingen involviert, weil wiederholt französische Truppen über den Schwarzwald zur Unterstützung des Herzogs nach Bayern geschickt werden sollten. Das größte dieser Truppenkontingente mit 30.000 Mann führte Marschall Tallard im Juli 1704 über Elzach, Hornberg auf Villingen zu. Zur Einrichtung eines Nachschubdepots wollte er rasch ohne Verhandlungen die Stadt Villingen einnehmen. Ihr Kommandant aber, Baron von Willstorf, hatte Order, die Stadt auf die äußerste Extremität zu defendieren. Er ließ seine 400 Soldaten und die 500 bewaffneten Bürger auf erbitterten Widerstand einschwören. Sieben Tage lang, vom 16. bis 22. Juli 1704 leistete die Stadt unter ständigem Beschuss und trotz gelegter großer Bresche am Franziskanerkloster erfolgreichen Widerstand. Die dringenden Hilferufe aus Bayern und der den Villingern zu Hilfe kommende „General Platzregen“ zwangen den Marschall im Zorn die Belagerung abzubrechen um rasch nach Bayern zu marschieren. Stark beschädigt, aber gerettet war die Stadt Villingen. Die sieben Tage Verzögerung vor Villingen gaben dem Prinzen Eugen die Chance sich mit den Truppen Herzog Marlboroughs noch eben rechtzeitig zu vereinigen. Und so vereint konnten sie bei Höchststädt an der Donau die Bayern und Franzosen schlagen und damit die hochfliegenden Pläne des Sonnenkönigs Ludwig XIV. dämpfen.

Der Spanische Erbfolgekrieg war kein Religionskrieg mehr, wie in etwa der 30-jährige Krieg, 80 Jahre vorher, ein solcher gewesen war. Die Villinger, die Bayern, die Habsburger waren katholisch, die Franzosen stark vom Galikanismus und Staatskirchentum geprägte Katholiken. Viele unter den Reichstruppen, wohl auch der aus Berlin stammende Stadtkommandant Willstorf waren evangelisch, Marlborough und seine Anhänger anglikanisch. Mehr oder weniger absolutistisch agierende Dynastien also standen einander gegenüber und nicht die Konfessionen. Die Französische Revolution und der Erste Weltkrieg machten den Dynastien auf dem Kontinent ein Ende. Das übersteigerte, nationalistische Denken führte zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Wir erleben jetzt bald 60 Jahre Frieden, eine vorher nie dagewesene Epoche der Sicherheit. Wir sind Zeitzeugen für ein Europa, das in Frieden zusammenwächst. Wir haben allen Grund Gott, dem Lenker der Geschichte zu danken, dass er es gut meint, gerade mit uns, den lebenden Generationen.

Der Spanische Erbfolgekrieg war also kein Religionskrieg mehr, aber wenn wir nach der Herkunft der Widerstandskraft der damaligen Villinger fragen, wenn wir erklären wollen, wie sie den Mut fanden einer dreißigfachen Übermacht zu trotzen, dann kommen wir auf das Feld der religiösen Grundüberzeugungen, auf das, der Vernunft widersprechende Hoffen, auf den Beistand himmlischer Mächte. Militärisches Kalkül, realistisches Abwägen von Chancen und Risiken hätten die Kapitulation diktiert. Die Quellenlage belegt eindeutig, dass die Villinger, bestärkt durch den Stadtpfarrer Johann Riegger, aber auch ermutigt von den Franziskanern so wie im 30-jährigen Krieg so auch jetzt auf ihre himmlische Schutzwehr vertrauten. Das sind die Gottesmutter Maria und das Heiligtum der Villinger: das Nägelinkreuz, das in dieser drangvollen Situation natürlich aus der Bickenkapelle genommen und in die Stadt gebracht worden war. Das neben der religiös begründeten Standfestigkeit auch ein für uns nicht mehr erlebbarer Zusammenhalt der Bürger, Frauen und Kinder belegt ist, beweist etwa die strenge Vorschrift: Selbst wenn das eigene Haus zwei Gassen weiter in Flammen steht und das eigene Hab und Gut zugrunde ginge, der Mann bleibt auf seinem Posten auf der Mauer. Frau und Kinder werden schon für das Nötige sorgen. Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Das Wohl der Stadt hat oberste Priorität.

Wer sich ein wenig in die Ereignisse der damaligen Zeit einliest der stößt unübersehbar auf Glaubenskraft und Bürgertugenden. Für beides zu danken und um das Weiterleben und Erstarken beider Kraftquellen auch für Gegenwart und Zukunft zu beten, das ist der Anlass für diesen Denkund Dankgottesdienst.

Ich will jetzt noch einmal in unsere Erinnerung rufen mit welchen Fakten aus der Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges die religiöse Komponente für die Durchhaltekraft der Villinger zu belegen ist. In der Not und Lebensgefahr der Belagerung gelobten auf Vorschlag des Pfarrers Johann Jakob Riegger der Magistrat und die Bürgerschaft, bei glücklichem Ausgang der eingetretenen Fatalität zu Ehren der Schutzpatronin der Stadt, der Gottesmutter Maria, eine Lorettokapelle zu bauen. Sie haben das Gelöbnis eingehalten und aus gemeiner Stadt Mittel 1705 die Kapelle erbaut. Nach dem Friedensschluss 1714 registrieren wir eine ganze Reihe religiös relevanter Ereignisse. Am Dreifaltigkeitssonntag 1714 wird ein festliches Dankamt im Münster zelebriert. Zum Tedeum donnern Geschützsalven von den Türmen. Ein paar Tage später wurde in feierlicher Prozession das Schutzpanier während der Belagerung, das Nägelinkreuz, zurückgebracht in die Bickenkapelle vor den Mauern. Der Rat der Stadt gab an den Rottweiler Maler Glücker den Auftrag ein großes Votivbild für die Wallfahrtskirche in Triberg zu malen. Es wurde im November nach Triberg getragen und zusammen mit französischen Kanonenkugeln in der Wallfahrtskirche Maria in der Tanne aufgehängt. Eine Abbildung davon ziert die Festschrift des heutigen Tages. Zur Erinnerung an die überstandene Belagerung und Kriegszeit wurde auf dem Münsterturm ein dreifacher Viertelstundenschlag eingerichtet. Der schlägt bis zum heutigen Tag. Im Münster wurden am ersten linken Pfeiler französische Kanonenkugeln aufgehängt. Den Frauen und Mädchen wurde das Privileg zugesprochen an den Festen Kreuzauffindung und Kreuzerhöhung beim Gottesdienst in der Bickenkapelle auf der Männerseite Platz zu nehmen, in Anerkennung ihrer tapferen Mithilfe und Haltung während der Belagerung.

1718 malte der Villinger Maler Johann Anton Schilling ein Bild von der Belagerung und unübersehbar lässt er darauf das Nägelinkreuz schützend über der Stadt schweben. Das Bild ist im Franziskanermuseum zu sehen. Der Pfarrer und Dekan Johann Jakob Riegger lässt 1735 sein Gedenkbüchlein über das Nägelinkreuz drucken. Darin stehen die bekannten Dankund Denkreime über die Belagerung. Dieses Büchlein, ich hab ein Exemplar mitgenommen, hat der Verehrung des Nägelinkreuzes neue Blüte gebracht, die anhält bis zum heutigen Tag.

In der entfernteren Erinnerung an diese Ereignisse gibt es noch drei Fakten: 1909 wurde von Franz Schilling im unteren Chor des frisch renovierten Münsters ein mächtiges Bild gemalt: Maria breitet ihren Schutzmantel aus über die belagerte Stadt.

1954 wurden die neuen Münsterglocken gegossen. Die Stadt Villingen stiftete die größte Glocke, die Christusglocke. Ihre Inschrift lautet: Zur Erinnerung an die Opfer beider Weltkriege und zum 250-jährigen Jubiläum der Tallard’schen Belagerung.

Zum 300-jährigen Jubiläum hat die Münsterpfarrei die Lorettokapelle innen und außen renovieren lassen. Ich lade Sie ein heute zur Besichtigung dieses Kleinods unserer Stadt und ich erlaube mir nun bei der Kollekte dieses Festgottesdienstes um eine Gabe für die Renovierung der Lorettokapelle zu bitten. Zum Schluss bedanke ich mich ganz herzlich bei Ihnen allen für die Teilnahme, besonders aber bei der historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe, bei der Stadtund Bürgerwehrmusik, beim Männerchor, dem Sängerkreis für die Ausrichtung des Festzugs und des Festgottesdienstes. Ganz besonders bedanke ich mich beim Hauptinitiator und Motor Manfred Riegger. Ihnen allen wünsche ich einen schönen Aufenthalt in der Stadt Villingen, einen schönen Festtag zur Erinnerung an die Tallard’sche Belagerung.

Festgottesdienst vor der Lorettokapelle