Riet(h)straße: Stadtbild mit Veränderungen (Claudia Güntert & Wolfgang Bräun)

Abb. 1: Riethstraße.

Ein familiärer Kreislauf: vom Kaltenbach Beck aus Gütenbach zur Familie Güntert.

„Falken“, „Antonius-Keller“, „zur Traube“, Drogerie Bottling, Modeboutique „Elegance“, Spielwaren Bauer, Kaufhaus Raff, „Torstüble“, Metzgerei Wöhrle, Bäcker Hoch und Bäcker Busch – was sich über Jahrzehnte veränderte, beweist uns stets die wechselnde Gegenwart und die gelegentliche Erinnerung bestimmt oft ein wenig auch die Nostalgie.

Dazu zählt auch eine lange Zeit unbekannte historische Vergangenheit der Riethstraße # 593: einem Haus, das seit 2014 in Besitz und Eigentum ist von Clemens und Claudia Güntert. Ein Haus auch, das einst bereits von seiner Ur-Ur-Urgroßmutter Mathilde Volk, geb. Rießle, verw. Scherzinger und ihrem 2. Ehemann Anton Volk (Heirat 1864) erworben wurde (ein Kaufdatum ist unbekannt).

Im November 1892 verkauften die beiden das Haus an ihre leibliche Tochter Amalie, geb. Scherzinger, und deren Ehemann Wilhelm I. Kaltenbach sen., den Bäckermeister. Deren Sohn, Wilhelm II. Kaltenbach jun., ebenfalls Bäckermeister, übernahm Bäckerei und Haus nach dem Tod seines Vaters Wilhelm sen. im Jahre 1912. Die Kinder aus einer Ehe mit Stefanie verstarben sehr früh.

Etwa um 1937 ging die Bäckerei Kaltenbach an einen Albert Faller und in der weiteren Folge an den Villinger Bäcker Hans Walter Busch (später HaWaBu).

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Abb. 2: Riethstraße 593 (heute Rietstraße 26) um ca. 1900.

Im Februar 2014 dann die wahrliche Überraschung: „…mit dem Kauf des Hauses 2014 durch Clemens Güntert erkannte man nach und nach die Geschichte des Hauses, was für den Ur-Ur-Urenkel von Mathilde Rießle eine wahre Fügung darstellte“ (CG.).

Damit macht eine spezielle Historie trotz vieler Lücken und fehlender Schriftstücke deutlich, was

Abb. 3: Hochzeit von Emilie Kaltenbach und Wilhelm Weishaupt 1905.
Abb. 4: Rietstraße 26, des nachts…
…und tags.

vor 100 und mehr Jahren galt, was dereinst war und wie es sich wirtschaftlich und familiär gefügt hat.

So eben wie im Falle des Hauses „Rietstraße 26“ (Riethstraße # 593 nach alter Zählweise noch 1892), das auf vielen inhaltlichen, beruflichen und materiellen Umwegen wieder in der Hand derer gelangte, die von ihrer immobilen Familien-Historie dann doch auch überrascht wurden.

Als man 2018 auf den Kauf des Hauses in 2014 für den Namen Kaltenbach in Villingen deren Ahneneinträge sortierte, war zum einstigen Verkauf des Anwesen Rietstraße 26 (bzw. Riethstraße # 593) um das Jahr 1892 festzustellen, dass Mathilde und Anton Volk die Immobilie veräußerten.

Mathilde Volk, geborene Rießle und verwitwete Scherzinger, und ihr zweiter Mann Anton Volk übertrugen das Gebäude bis zur Rathausgasse an Mathildes Tochter Amalia, geborene Scherzinger, und an deren Mann, den Bäckermeister Wilhelm Kaltenbach sen.

Das Haus war Lukas Scherzingers Witwe zugefallen; er stammte aus Gütenbach, war dort als Bäcker und „Lochmüller“ und Wirt der „Lochmühle“. Nachdem jedoch 1885 das dortige Anwesen zwangsversteigert wurde, zog es ihn wohl nach Villingen.

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Abb. 5: Zunftzeichen Haus Güntert.

Für Claudia Güntert, die aktuell „jüngste“ GHV-Co-Autorin, ergab sich vieles wie folgt:

„Ich musste es schon mehrfach erwähnen, dass es nicht Zufall sondern wohl „Bestimmung“ sein konnte, dass das Haus Rietstraße 26 wieder in die Familienhände zurückkam.

An einem Samstag im Januar 2014 las ich eine Immobilienanzeige im Lokalblatt „Geschäftshaus Rietstraße zu verkaufen, keine Makler, Chiffre…“.

Da mein Mann und ich schon länger den Gedanken hatten, in die Innenstadt zu ziehen, schrieben wir den zunächst noch anonymen Privatverkäufer an. Es war Hans Walter Busch, ehemals Bäcker und Betreiber und Mit-Inhaber des Imbiss-HaWaBu.

Nach einem vor Ort-Termin war ich jedoch nicht wirklich begeistert.

Da meinem Mann das wahrlich alte Haus sofort gefiel, ließ er nicht locker.

Und noch wusste niemand, dass die Vorfahren meiner Schwiegermutter Brigitte Güntert, geborene Kammerer, in diesem Haus lebten und arbeiteten.

Erst nach dem Kauf erfuhr mein Mann von seiner Mutter, dass deren Großmutter Emilie Kaltenbach und ihr Großonkel Wilhelm Kaltenbach hier gelebt hatten. Ihn nannte man „Vetter Wilhelm“, bei dem Brigitte und ihre jüngere Schwester Ute als jüngste Kinder zu Besuch waren.

Oft lagen sie auf dem tiefen Sims der Außenmauer in Vetters Stube, schauten aus dem kleinsten der kleinen Fenster auf die Rietstraße bis zum

Abb. 6: Brunnengasse 44.

Bickentor und beobachten, was sich draußen abspielte.

Das „Guckfenster“ wurde später zugemauert und durfte dank vorhandener Nachweisbilder wieder hergestellt werden. Das unter Denkmalschutz stehende Haus ist uns während der umfangreichen Umbauphase sehr ans Herz gewachsen. Und so bereicherten mehrere alte Fotos und aufschlussreiche Informationen und eigene Recherchen nach und nach die Familiengeschichte (C.G.).

Zum allgemeinen „historisch-familiären Sachverhalt“ hat sich Claudia Güntert schließlich auch der Unterstützung des Furtwanger Stadtarchivars Dr. Ludger Beckmann M.A. versichert. Er nahm sich in den Sommermonaten 2018 die Zeit, um sich um Claudias Anliegen zu kümmern:

„…der Gütenbacher Müller und Bäcker Wilhelm Kaltenbach hat am 20. August 1874 die Amalie Scherzinger aus Gütenbach geheiratet. Sein damaliges Bräutigam-Alter wird mit 24 Jahren (* 1849/50), ihres mit 21 Jahren (* 1852/53) angegeben.

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Er war der Sohn des damals bereits verstorbenen Müllers und „Becks“ Wilhelm Kaltenbach (I. ) und dessen Frau Theresia (gemäß Ortschronik seit 1850 in 2. Ehe verheiratet).

Wilhelm II. Mutter Theresia war Tochter des Gastwirts Lukas Scherzinger und der Ehefrau Mathilde, geb. Rießle, beide aus Gütenbach. Deren angestammte Mühle trug den Namen „Lochmühle“, heute mit der Adresse Brennersloch 2.

Ein Sohn der jungen Kaltenbachs kam 1877 und Tochter Emilie 1878 zur Welt…“.

Der benannte Wilhelm Kaltenbach, Müller und Bäcker, musste als Mühlen-Nachfolger wohl aus wirtschaftlichen Gründen sein gewerbliches Anwesen „Lochmühle“ aufgeben, was der Ortschronik nach durch eine Zwangsversteigerung 1885 geschah; die wohl auf einen „Gant“ (eh. für Konkurs) schließen lässt oder diesen abwehrte. Damit ergänzt Beckmanns Familien-Betrachtung die überlieferte Chronik der ehemaligen „Lochmühle“.

Wie Beckmann abschließt, starb Kaltenbachs Sohn im April 1966 in Villingen, wobei ein genaues Sterbe-Datum im Bürgerbuch nicht zu finden war, was dann aber doch ein hohes Alter bedeutet. Zur Tochter Emilie sei nichts Weiteres geschrieben….

Bildbeschreibungen:

Abb. 1:    Riethstraße.

Abb. 2:    Riethstraße 593, heute Rietstraße 26, um ca. 1900, mit Bäcker-Zunftschild unter dem Erker 1889; oben im Fenster (von links): unbekannte Frau mit Hund; Emilie Kaltenbach, die Ur-Großmutter des heutigen Eigentümers Clemens Güntert; unten stehend: Amalie Kaltenbach, geb. Scherzinger, und Wilhelm Kaltenbach sen., Bäckermeister, die beiden Ur-Ur-Großeltern; daneben Wilhelm Kaltenbach jun., Bäckermeister, Bruder der Emilie Kaltenbach und ein Bäckergeselle.

Abb. 3:    Hochzeit von Emilie Kaltenbach und Wilhelm Weishaupt 19. November 1905. oben von links: Wilhelms Schwester Lina mit Begleiter, das Hochzeitspaar Emilie Kaltenbach und Wilhelm Weishaupt, Wilhelms Schwester Berta mit Begleiter; sitzend von links: Bäckermeister Wilhelm Kaltenbach junior mit Ehefrau Stefanie, geb. Furtwängler; Kaltenbachs Schwestern Theresia mit Ehemann Hans, Anna Luise mit Ehemann Walter und Mathilde Kaltenbach und Braut-Kind Maria Moog.

Abb. 4:    Rietstraße 24 und 26 heute..

Abb. 5:    Zunftzeichen Haus Güntert.

Abb. 6:    Brunnengasse 44, Spezerei-Handlung ca. um 1909 / 1910; im Fenster ganz oben links: Johanna Weishaupt mit ihre Mutter Emilie Weishaupt geb. Kaltenbach (Mutter von Brigitte und Großmutter von Clemens Güntert); Fenster oben links: Bäckermeister Wilhelm Kaltenbach senior; stehend unten links: Amalie Kaltenbach geb. Scherzinger und ihre Zwillings-EnkelinnenKarolina und Maria Weishaupt. Die Spezerei-Handlung ging über an Clemens“ Ur-Ur-Großmutter Amalie (Witwe ab 1912; † 1915). Tochter Emilie und ihr Ehemann Wilhelm Weishaupt zogen nach deren Hochzeit 1905 ein, er einst Brunnen-und Wassermeister, wo auch deren drei Kinder zur Welt kamen.

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