Rupert Kubon

 

Der Tallard’schen Belagerung von 1704 gedachten die Villinger in einem Festgottesdienst an der Lorettokapelle. Dekan und Münsterpfarrer Kurt Müller würdigte das Ereignis in seiner bemerkenswerten Predigt und Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon (links) lobte in seiner Ansprache Mut und Solidarität der Bürgerschaft.

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

300 Jahre sind seit jener Woche im Juli des Jahres 1704 vergangen, die als Tallard’sche Belagerung einen festen Platz in der Geschichtsschreibung unserer Stadt einnimmt. Wir haben soeben einen festlichen Gottesdienst zur Erinnerung an dieses Ereignis und sein für die Stadt glückliches Ende gefeiert. Sicherlich besteht Grund für diese Entwicklung dankbar zu sein. Die Bürgerinnen und Bürger errichteten dafür damals diese Kapelle, und sicherlich ist dieses Jubiläum ein guter Grund um so zu feiern, wie wir das heute tun. Ich darf deshalb allen danken, die zu dieser Feier beitragen, allen voran der historischen Bürgerwehr unter ihrem Kommandanten Manfred Riegger, der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen, der Trachtengruppe, der Kavallerie, den zahlreichen Trachtengruppen und Bürgerwehren, die als Gäste heute zu uns gekommen sind und nicht zu vergessen, den zahllosen Helferinnen und Helfern der heutigen und gestrigen Veranstaltung.

Aber vielleicht sollten wir die Gelegenheit nutzen uns auch an ein paar Dinge zu erinnern, die über die heutige Veranstaltung und die beeindruckende farbenprächtige Prozession hier hinausreichen. Dazu vielleicht ein paar Gedanken. Die Belagerung

Villingens durch den französischen Marschall Tallard während des Spanischen Erbfolgekrieges ist im Kontext dieser Auseinandersetzung sicherlich nur, wie Werner Huger schreibt, eine Episode. Die Belagerung selbst hatte keine kriegsentscheidende Bedeutung. Die Dauer war im Grunde doch nur recht kurz und sie kam eher zufällig zustande. Der Marschall hatte, von Straßburg aus kommend, über Waldkirch, Elzach und Hornberg den Schwarzwald überquert. Seine Armee von einigen Tausend Mann (Dr. Johann Nepomuk Häßler spricht von 30000) war von den Strapazen ziemlich erschöpft. Man hatte es schließlich nicht mit einem modernen Wegenetz zu tun.

In dieser Situation erhielt Tallard jenen Brief Marcins, der ihn bat, dem bedrängten bayrischen Kurfürsten in Memmingen zu Hilfe zu kommen. In dieser Situation entschied sich Tallard, Villingen, dessen Befestigung nicht zu den besten gerechnet wurde, mehr oder minder im Handstreich zu nehmen und die Stadt zur Nachschubbasis zu machen.

Was das für die Menschen bedeuten musste, war ihnen klar. Plünderungen und Ausbeutung durch eine erschöpfte und vermutlich auch unzufriedene Soldateska. Es bleibt also festzuhalten: die Menschen hatten schlicht riesige Angst. Die Ängste waren mehr als berechtigt und das schweißt, unabhängig von Appellen ans Durchhalten wahrlich zusammen. Und schließlich gaben sich die Villinger, allein schon aus dieser Angst heraus, zu keinem Zeitpunkt der Belagerung selber auf, auch und insbesondere als die Lage im wahrsten Sinne des Wortes brenzlig wurde.

Die Villinger hielten zusammen. Sie hatten nicht nur großes Gottvertrauen und viel Glück. Sie waren letztlich davon überzeugt, dass ihnen diese Haltung zumindest helfen würde dieser starken Bedrohung zu widerstehen. Das gemeinsame Handeln mit einem Ziel im Auge ist nach wie vor das zentrale Thema für unsere Stadt. Manchmal gelingt uns das recht gut. Oft aber eben auch nicht. Die Tallard’sche Belagerung war letztlich neben allen glücklichen Umständen auch erfolglos, weil die Bewohnerinnen und Bewohner von Villingen gegenseitig Solidarität übten, weil Frauen, Männer und Kinder mit ihren jeweiligen Möglichkeiten am jeweiligen Platz füreinander einstanden und Solidarität übten. Diese Solidarität, die nicht gegenseitig aufrechnet, wird nach wie vor gebraucht.

Einige hundert Besucher, darunter zahlreiche Ehrengäste, erlebten auf der Lorettohöhe, dort wo die Villinger aus Dankbarkeit für die Errettung von der Tallard’schen Belagerung die Lorettokapelle erbaut hatten, einen großartigen Festgottesdienst.

 

In einer Zeit, in der unsere Stadt seit vielen Jahrzehnten im Frieden lebt, mag mancher vielleicht nur noch in der Rückschau an jene Belagerung denken. Ich halte es für hilfreich, sich angesichts der beeindruckenden Bilder des heutigen Tages, der gegenwärtigen Bedrohungen unserer Stadt bewusst zu werden und gemeinsam dagegen anzustehen.

Dagegen helfen keine Stadtmauern. Aber Misstrauen, Egoismus und Neid des Einzelnen oder von Gruppen können eine Stadt in unseren Tagen unter Umständen mehr bedrohen als eine siebentägige Belagerung. In einer Stadt muss mehr denn je menschliches Zusammenleben gelingen, will dieses Gemeinwesen Zukunft haben.

In diesem Sinne wünsche ich uns, dass wir aus den Erfahrungen unserer Vorgänger vor 300 Jahren heraus, auch in Zukunft unser Gemeinwesen, unsere Stadt positiv gestalten und weiter entwickeln.

Sonderfahrt nach Höchstädt

Günter Rath hob die Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses in einem Brief an die Mitglieder hervor und stellte es in den historischen Gesamtzusammenhang.

Es handele sich nicht um eine singuläres Villinger Ereignis sondern um einen wesentlichen Teil der Auseinandersetzungen europäischer Mächte, die im Spanischen Erbfolgekrieg ihren geschichtlichen Niederschlag fanden.

Um das Ereignis besser in den historischen Kontext einordnen zu können, nahm der GHV kurzfristig eine zweitägige Sonderfahrt nach Höchstädt ins Programm auf. Der Tag von Höchstädt, der 13. August 1704, hat Geschichte geschrieben. Truppen aus fast ganz Europa prallten in einer unerhört blutigen Schlacht aufeinander und stellten die Weichen für den Fortgang des Spanischen Erbfolgekrieges und für die Ordnung der Machtverhältnisse in Europa während des kommenden Jahrhunderts.

Der gefangene Marschall Tallard

 

Die Gefangennahme des Marschalls Tallard

 

Die Schlachten des Spanischen Erbfolgekrieges, unter denen die von Höchstädt die herausragende war, haben Europa verändert. Die Idee des politischen Gleichgewichts auf dem Kontinent, der „Balance of Power“, gewann die Oberhand über die Versuche imperialer Machtkonzentration. Die Idee eines Ewigen Friedens für Europa, bewirkt durch die Einrichtung eines Bundes aller europäischen Staaten zur friedlichen Konfliktregelung, wurde erstmals vernehmlich vorgetragen.

Diese Idee hat ihre Faszination seither nicht eingebüßt. In den Institutionen der Europäischen Union hat sie mehr als ein Vierteljahrtausend später Gestalt angenommen. Höchstädt gehört daher in die Geschichtsbücher eines geeinten Europa. Die Geschichte dieser Schlacht ist ein Lehrstück für das Auseinanderfallen der Interessen von Staaten und Dynastien, für die Folgen einseitigen Machtstrebens, aber auch für das Zusammenstehen europäischer Staaten um des Friedens willen. Das sind Fragen, die noch heute in Europa und in der Welt eine Rolle spielen und die es lohnen, sich mit der politischen Konstellation von vor 300 Jahren zu beschäftigen.