Villinger Impressionen um 1970 Was war es für eine Zeit, in dem der Geschichts- und Heimatverein Villingen e.V. gegründet wurde?  (Ingeborg Kottmann)

Villinger Impressionen um 1970

Was war es für eine Zeit, in dem der Geschichts- und Heimatverein Villingen e.V. gegründet wurde?     Ingeborg Kottmann

Das Jahrzehnt der großen, der unvergesslichen Ereignisse, aber auch das Jahrzehnt der Gegensätze ging zu Ende. Die Bundesrepublik war etabliert, die erste Wirtschaftskrise gemeistert und die Gastarbeiter hatten ihre Speisen und Lebensgewohnheiten eingeführt, die auch die Gewohnheiten der Einheimischen umgestalteten und zur Wohlstandsgesellschaft beitrugen. Die ab 1950 zugewiesenen Flüchtlinge waren weitestgehend integriert. Die endgültige Teilung Deutschlands durch den Mauerbau und die Grenzsicherungsmaßnahmen waren von hier aus ein geschichtliches Ereignis, aber weit weg. Nah dagegen war das Wiedererstarken der Rechten Bewegung, die NPD, die in viele Kommunal- und Landesparlamente einzog. Zur Landtagswahl 1968 hatten 5 Parteien Kandidaten aufgestellt: CDU Karl Brachat; SPD Hans Frank; FDP/DVP Johannes Isslei; DL (Demokratische Liste) Walter Egle; NPD Horst Kuranski. Die NPD erreichte 9,8 Prozent und zog in den Landtag von Baden-Württemberg ein.

Auf der anderen Seite protestierten die Studenten gegen die erstarrten Strukturen in Universitäten und Gesellschaft, die „braune“ Vergangenheit und die Notstandsgesetze. Da die nächsten Universitäten Tübingen und Freiburg waren, spürte man in Villingen von diesen Unruhen weniger. Allerdings löste auch hier der Mord an Martin Luther King einen Schock aus, und man bejubelte den ersten Flug von Menschen zum Mond und den ersten Schritt Neil Armstrongs am 21. Juli 1969 auf dem Mond.

Politik / Verwaltung

Villingen hatte 37.198 Einwohner und war die Kreisstadt des Kreises Villingen mit 93.000 Einwohnern. Zu der Zeit gab es in Villingen noch Kurbetrieb und das Kneippsanatorium am Germanswald, 2.000 Übernachtungen mehr in den ersten neun Monaten 1969 als im Vorjahr. Wochentags war oft kein Bett mehr frei. Im Kreis Villingen gab es 131 Ärzte, die meisten 70 Spezialisten und 50 Zahnärzte.

Abb. 1: Best. 5.2.4, Nr. 57.

Die Französische Garnison war keine isolierte Insel mehr, Man nahm abwechselnd an den Empfängen teil und arbeitete freundschaftlich zusammen.

Damals wie heute wurde der Kontakt mit der Partnerstadt Friedrichsthal gepflegt. Immer wieder kamen Delegationen von Friedrichsthal nach Villingen und umgekehrt. Neben Empfängen standen auch Betriebsbesichtigungen und Treffen der Vereine auf dem Programm.

Zur Bundestagswahl 1969 kam viel Prominenz nach Villingen. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, Walter Scheel und Willy Brand. Als Willy Brand kam, wurde er mit Gewitter und Starkregen empfangen, so dass die Veranstaltungen erst verspätet anfangen konnten.

Schon damals sehr begrüßt: Ein Plus bei den Gewerbeeinnahmen. Die meisten Gelder verschlangen die Schulen, die Straßensanierungen, die Sozialunterstützungen und die Personalkosten.

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Die Personalkosten der Stadt waren seit 1958 jährlich um 1 Mio. gestiegen. Wie viele Städte lebte man von den Rücklagen „Mit anderen Worten: Die Städte und Gemeinden gehen langsam aber sicher pleite, wenn in naher Zukunft nichts Entschiedenes zur Stärkung ihrer Finanzkraft geschieht.“ Dies könnte eine Schlagzeile von heute sein. Villingen gab pro Einwohner 14,16 DM an Zuschüssen für Jugend und Sozialhilfe aus, der Landesdurchschnitt lag bei 7,85 DM.

Schon früh führte die Stadt auf den verschiedenen Gebieten die elektronische Datenverarbeitung ein. Villingen war damit vielen Städten mit gleicher Einwohnerzahl weit voraus. Rationalisierungsmaßnahmen wurden in regelmäßigen Abständen überprüft.

Ein Großprojekt der Verwaltung war der Neubau für die Stadtwerke und den Werkhof. 1967 war der erste Bauabschnitt fertig: Verwaltungsgebäude, Lagerhallen und Sozialgebäude. Der 2. Bauabschnitt: Drei Lagerhallen für Werkhof, Fuhrpark, Tankstelle, Garagen, Holzlagerschuppen und Wohnhäuser ein Jahr später. Oberbürgermeister Kern sagte bei der Übergabe: „Markstein in der Geschichte der Zähringerstadt.“ Im Namen der Architektengruppe übergab der Friedrichshafener Diplomingenieur Hefele den Schlüssel an den Oberbürgermeister.

Irgendwie noch aktuell der Vorwurf an die

Verwaltung, die Bevölkerung über wichtige gemeindepoltitische Angelegenheiten zu spät zu informieren. Ein Beispiel war die Fällaktion von 30 Bäumen in der Schillerstraße, die der Verdolung des Baches weichen mussten. Hier wurden die Anwohner morgens durch den Lärm der Motorsägen geweckt. Die gemeinderätlichen Ausschüsse waren darüber auch nicht informiert worden.

Alltagseindrücke

Ein großer Aufreger war der Minirock, der auch in Villingen bald zu sehen war. Lockenköpfe wurden wieder modern. Der Mini-Rock erforderte eine schlanke Figur, daher kamen nun verstärkt Diäten auf dem Markt „Das Leben in vollen Zügen genießen – dank Wimpfena-Schlank“.

Wie in den Sechzigern üblich, spielten Sex und Moral eine tragende Rolle. Ein Anlass für massive Proteste bot der „Sexualkunde-Atlas“, den SPD-Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel bundesweit als Standardwerk an den Schulen einführen wollte. Vor allem kirchliche Vertreter kritisierten die „Selbstverständlichkeit“, mit der sexuelle Handlungen dargestellt wurden.

Wer Kolles „Aufklärungsfilme“ sehen wollte, musste nach Donaueschingen fahren. Die Emanzipation der Frauen steckte noch in den Kinderschuhen. „Frau“ für alle weiblichen, volljährigen als Anrede, außer es wird ausdrücklich eine andere gewünscht, wurde obligatorisch. Noch gab es aber den § 218 und in Villingen Verfahren wegen illegaler Abtreibung bzw. Hilfe zur Abtreibung.

Auf Partnersuche geht man heute per Internet, früher geschah dies per Zeitungsannonce. Aber es warben auch gewerbliche Eheanbahnungsinstitute per Anzeige für ihre Klienten. Man verkündete Familienfeiern wie Verlobung, Heirat oder Danksagungen für Hochzeitswünsche und Geschenke noch in der Zeitung. Die meisten Frauen waren mit 25 Jahren verheiratet.

Auch die Todesanzeigen waren zahlreicher, denn vielfach geschieht die Benachrichtigung heute durch Telefon oder Mail Kontakt.

Es gab damals zwei deutsche und je ein österreichisches und schweizerisches Fernsehprogramm – heute kaum mehr nachzuvollziehen – und farbig wurde das Fernsehen erst 1967.

Langsam machte man sich mehr Gedanken über die Qualität von Lebens- und Putzmittel. Die Bioläden kamen in Mode und man warb z.B. für ein biologisches Einweich- und Vorwaschmittel Bioluzil. Heute wieder in die Papiertüte, damals noch neben der Einkaufstasche die normale Transportmöglichkeit für die Einkäufe. Plastiktüten waren noch selten.

Aber die Vernichtung von Lebensmitteln hatte man auch damals nicht im Griff.

Verbandskästen im Auto waren nun gesetzlich vorgeschrieben. Gurte, die viele tödliche Unfälle verhindert hätten, gab es in vielen Fahrzeugtypen schon, wurden aber erst 1976 zur Pflicht in Deutschland. Einen Artikel kann man seither einmal im Jahr bringen: Tempo runter bei Glätte und Nässe, mehr Abstand halten, Winterreifen rechtzeitig aufziehen.

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Kirchliche Angelegenheiten

Pfarrer Hans Günter Michel hat sich seit den 50er Jahren für die Pflege von Soldatengräbern eingesetzt und hat 1967 mit Jugendlichen den französischen Soldatenfriedhof in Saarburg gepflegt. Er bekam dafür vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die silberne Ehrennadel. Pfarrer Michel war auch der 1. Vorsitzende des Stadt- und Kreisjugendrings.

Die Kirche spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle im Gemeindeleben. Bruder Klaus wurde von der Kuratie im Juni 1969 zur Pfarrei erhoben, Pfarrer Karl Eger. Die Kirche erhielt einen Kreuzweg von Josef Henger, Ravensburg.

Ausgerechnet während der Firmung mit Pontifikalamt mit Erzbischof Dr. Hermann Schäufele fiel der Putz von der Decke des Mittelganges im Münster und bewies den starken Renovierungsbedarf desselben.

Am 26.1.69 durften die Katholiken ihren ersten Pfarrgemeinderat wählen. In Villingen waren es ca. 21.000 Wahlberechtigte.

Wirtschaft

Wenn man die Zeitungen in dieser Zeit durchliest, fühlt man sich wie in einer anderen Welt oder wundert sich, wie wenig sich im Denken der Menschen geändert hat. Dass die Wirtschaftskrise im Abklingen war, sah man an den vielen Stellenausschreibungen der Firmen: SABA, Kienzle, Kodak, Schiesser, Telefunken, Bauknecht, Kundo, Kienzle, Kleider Müller, Dual, Hertie, Spar, Tengelmann, Triumph, Wigo, Jerger Uhren, Winkler, Grundig, Kaiser, auch Firmen aus der Schweiz suchten in ganz Baden-Württemberg neue Arbeitskräfte. Personal suchte man nicht geschlechtsneutral, sondern Betriebsschlosser, Stenotypistin, Geschäftsführer, Dekorateur, Friseuse, Kraftfahrer, Sekretärin, Techniker etc. Auch Heimarbeiter wurden noch viele gesucht, heute gibt es dies fast nicht mehr.

Der Immobilienmarkt war Richtung Bodensee ausgerichtet. Die Wohnungsangebote kamen ohne Preise und meist mit Chiffre in die Zeitungen. Heute wieder sehr aktuelle Themen: Wohnungsmangel und Mieterhöhung.

In den Gewerkschaften diskutierte man über Risiko und Chance der Automatisierung. Ein heißes Eisen war die lange Arbeitszeit von Eisenbahnern mit 56 Wochenstunden. Eine Prognose des Präsidenten des Landesarbeitsamtes, Dr. Sturm, traf nicht ein: „Im Jahre 2000 wird es vielleicht schon die 30 Stunden Woche geben.“ Allerdings die Arbeitslosenquote für den Bezirk Villingen war 1969 traumhaft 0,1 Prozent.

Im März 1968 machte sich das Label MPS Record von SABA unabhängig, da die neuen Besitzer kein Interesse am Studio hatten. 1969 organisierte das Studio eine Tournee durch 18 Städte mit Milt Buchner, Lee Konik, Albert Mangelsdorff, Attila Zoller, Mark Murphy und Dave-Pitz-Set. In den 60er Jahren war Villingen durch das Jazz Studio und den Jazz-Keller eine Hochburg des Jazz in der Region.

Wer ahnte damals, wie bald die Wirtschaftskrise vor allem die der Uhren- und Unterhaltungsindustrie kommen würde. Noch hoffte die Firma Kaiser-Uhren, die Krise bereits überstanden zu haben, denn der Umsatz hatte sich wieder erhöht.

Kienzle errichtete den Neubau an der Sommertshauser Halde. Paul Riegger, Vertriebsdirektor bei Kienzle-Taxameter und graue Eminenz, trat in den Ruhestand. Kienzle hatte gerade einen neuen Preisrechner für Tankautomaten entwickelt, der auch Geldscheine annahm.

Heute wieder aktuell: Personalmangel im Handwerk. Ende der 60er Jahre bekam vor allem das Metzgerhandwerk kein Personal. Ein Betrieb in Villingen musste deshalb vorübergehend schließen, dabei war die Arbeit nicht mehr so schwer wie früher und wurde auch gut bezahlt.

Damals noch lohnend Geldanlagen in Bundesschatzbriefen (5,8 – 8 Prozent) und Sparbüchern. Der bargeldlose Zahlungsverkehr begann sich langsam durchzusetzen.

Für die wirtschaftliche Entwicklung war der Bau der Autobahn Stuttgart – Bodensee entscheidend. Eine sehr emotionale Diskussion löste die Elektrifizierung der Schwarzwaldbahn aus.

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Ein neues Thema: Verbrauchermärkte vor der Stadt. In die Planungen für ein neues Einkaufszentrum in Dürrheim hat der Dürrheimer Bürgermeister Otto Weissenberger Schwenningen miteinbezogen. Das Gebiet des Mooses sollte nicht angetastet werden. Auch die Straßenführung musste dafür verändert werden.

Die Villinger Einzelhändler wandten sich gegen das Einkaufszentrum im Goldenen Bühl. Sie glaubten die Kaufkraft ließe sich nicht einfach verdoppeln, zumal in der Innenstadt zwei neue Warenhäuser entstanden und die Konkurrenz in Schwenningen vorhanden sei. Doch das Einkaufszentrum ließ sich nicht mehr verhindern, weil die Verträge bereits unterschrieben waren und die Stadt zugestimmt hatte. Allerdings wurde eine Verkleinerung der Verkaufsfläche erreicht.

In den folgenden Jahren folgte dem eine Konzentration im Lebensmittelhandel, der bis heute anhält. Viele Firmen wurden von anderen übernommen und die Namen verschwanden aus den Anzeigen, hier einige Namen, die 1969 noch für ihre Sonderangebote warben: Gottlieb, Tengelmann, VIVO, Kaiser’s Kaffee-Geschäft, Pfannkuch, Centra, Spar, Coop und P & Q.

Einige Versicherungsunternehmen, die heute kaum noch einer kennt, z. B. Aachen Leipziger, Volksfürsorge, kämpften um Kunden.

Auch die Geschäfte in der Innenstadt veränderten sich. An der Weihnachtsaktion 1968 nahmen folgende Geschäfte teil: „Villingens Sterntalergeschäfte empfehlen sich zum Weihnachtseinkauf“:

Abb. 2: Best. 5.2.4, Nr. 2364.

Schuhhaus Kleinhans, Oberle Einrichtungshaus, Henninger Elektro, Jos. Schleicher Gardinenhaus, Mode Schilling, Hosen-Eck, Schuhhaus Müller, Alles fürs Kind Bauer, Hugo Riegger, Foto Singer, Johann Grießhaber Schmuck und Uhren, Bekleidungshaus Jos. Rothweiler, Möbelhaus Jordan, Mode Broghammer, Elektro-Bode, Rudolf Riegger Innenausstattung, Hermann Fleig Nähmaschinen, Gallion Innenausstattung, Stoffe Hertenstein, Bruno Tröndle Wäsche und Mieder, Sanitätshaus Ley, Müller Uhren Schmuck, Drogerien Bettling, Butta-Stetter u. Strengert, Gustav Hässler Geschenke, Modehaus Haux, Elektro Schneider, Schuh Köstner, Valentin Riegger Lederwaren, Schuhhaus Hässler, Radio Schöller, Böck Herren-Knaben-Kleidung, Photo Sauer, Mode Torney, Pelzhaus Gaiser, Herrenkleidung Stiebitz, Hauck Accessoires u. Berufskleidung, Parfümerie Lochar, Möbelhaus Flaig, Möbelhaus Riesterer, Reste-Quelle, Görner Textil Pelze, Zoo Glökler, Wolle Flaig, Adolf Strohm Geschirr Gußeisen, Radio Mesaros, Papier Fackler, Treppte Reinigung, J. u. K. Hanßmann Öfen, Auto-Zubehör-Discount, Kajüte Tanzbar.

Dafür würde heute kein Textilhaus mehr werben: Trauerkleidung, denn auch die Trauersitten unterliegen einer Mode.

Der Gewerbeverein wollte keine Verbannung der Autos aus der Innenstadt, denn er befürchtete dadurch einen Abzug von potentiellen Käuferschichten. Ebenso lehnte er zu strikte denkmalpflegerische Vorgaben ab.

Noch gab es Schlussverkäufe zum Winter und zum Sommer und nicht das ganze Jahr über und nur dort und vor Weihnachten gab es lange Samstage.

Einige Veranstaltungen haben bis heute Bestand: Neujahrsschießen auf dem Hubenloch und die Fasnet. Ab 1968 ein Fastnachtsthema: „Vinningen oder Schwellingen“. Zunftmeister Franz Kornwachs wollte den Kontakt zur Schwenninger Narrenzunft, dessen Patenverein man ist, nicht verlieren. Zunftmeister der Schwenninger Narrozunft! (Südkurier) Willi Maier „Die Villinger meinen, wir Schwenninger könnten keine richtige Fastnacht machen.“

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Aber ganz ohne negative Schlagzeilen ging es auch damals nicht: Autoaufbrüche waren zahlreich, gestohlen wurden Tonbandgeräte und Autoradios. Der Polizei machte auch der Anstieg der Unfallfluchten Probleme. Auch wilde Verfolgungsfahrten durch die Stadt lieferten sich Polizei und flüchtende Verkehrssünder, die zumeist keinen Führerschein besaßen. Vandalismus gab es auch. So wurden oft Blumen aus den Töpfen gerissen. Damals in Papiertüten heute in Plastiktüten, Hausmüllentsorgung in öffentlichen Papierkörben. Wohnungseinbrüche machten schon herumreisende Diebesbanden, für einige war allerdings in Villingen Schluss. Insgesamt wurden 30 Straftäter verhaftet.

Auch in der Fastnacht war nicht alles erlaubt. Einschlagen der Fenster von St. Fidelis und der Benediktinerkirche, Stinkbomben in Lokale werfen und mit Wasserpistolen und Knallfröschen aus dem Hinterhalt auf Personen zielen blieb auch in der „fünften“ Jahreszeit verboten.

35 Frauen zwischen 20 und 59 Jahren, zumeist verheiratet und in geordneten Verhältnissen lebend, haben Geschäfte in Schwenningen und Villingen um ca. 50.000 DM betrogen. Sie wurden angeklagt wegen Diebstahl, Untreue und Hehlerei.

Heute wie damals noch immer ein Tabuthema: Kindesmissbrauch. Ein Stiefvater bekam dafür zwei Jahre Haft. Die Dunkelziffer dürfte damals jedoch noch höher gelegen haben als heute. Eine 15-Jährige erstach eine Kioskbesitzerin.

So gefährlich wie heute das Spiel mit dem Feuer, damit setzte ein Junge den Lagerschuppen der Stadtwerke in Brand und richtete einen Schaden von 6.000 DM an. Jugendliche entzündeten im Groppertal ein Feuer, es griff nicht auf den Wald über, weil der Sommer sehr unbeständig verlief. Die sommerliche Witterung wurde immer wieder von kräftigen Abkühlungsphasen mit heftigem Niederschlag unterbrochen. Am 29. Juli 1969 fielen in 36 Stunden ein Viertel des Jahresniederschlages. Die Sommergewitter ließen mehrfach Keller volllaufen. Im Winter 1968/69 kam es zu einem Schneenotstand auf den Straßen. Infolge des starken Schneefalls gab es allein im Dezember 7 Verkehrstote.

Heute kommen Füchse in die Stadt, damals wurden ihre Bauten als Überträger der Tollwut begast.

Die Schnelllebigkeit oder Wandelbarkeit im Bereich Telefon, Unterhaltungselektronik und PCs war rasant. 1968 waren zu Weihnachten noch Verkaufsschlager: Schmalfilme, Schmalfilmprojektoren und Kameras.

Dann noch dies: 350 Telefonanschlüsse waren ausgefallen. Heute eine Katastrophe, die Reparatur dauerte über eine Woche. Das Ortsnetz Villingen wurde am 14. 1. 69 an den vollautomatischen Auslands-Selbstwählferndienst angeschlossen, allerdings brauchte man Geduld, denn bis in den Niederlanden jemand abhob, dauert es mindestens zwei Minuten.

Im privaten Bereich begann die Umstellung auf Zentralheizungen, denn in der Zeitung wurden vermehrt alte Öfen, Beistellöfen und Kachelöfen angeboten.

Daueraufreger: Benzinpreissteigerungen.

Für die Rentenversicherung musste man noch Marken kaufen und in ein Buch einkleben. Hatte man es vergessen, wurde die Rente geschmälert.

Heute umstritten: die Schluckimpfung. 1967 war der Andrang so stark, dass der Impfstoff am Nachmittag ausging. In den Jahren danach war man im Gesundheitsamt besser auf den Andrang vorbereitet. Heiß diskutiert wurde die neue „Verhütungspille“, die meisten Ärzte befürworteten die Einnahme.

Im Kreis Villingen wurde der Verein „Lebenshilfe“ gegründet. Erster Vorsitzender war Dr. Axel Borchers.

Städtebau

Ein Thema war der Bau eines neuen Rathauses außerhalb der Stadtmauern. Für viele Bedienstete vor allem vom Rechnungsamt waren die Arbeitsbedingungen kaum noch haltbar, dunkle, oft sehr kalte Räume. Provisorien hatten Konjunktur in Villingen, das Rathaus war viel zu klein und es gab deshalb viele Außenstellen.

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Die Räume der Finanzbehörden waren und sind hellhörig, die Böden uneben und der Platz ist sehr begrenzt. Verwaltungsreformen scheinen ein Dauerthema zu sein, Sparen, Streichung von kostenintensiven Gebühren, Stellenstreichungen und Schulung der Mitarbeiter, damit teure Geräte auch genutzt werden können.

Noch stand der Straßenverkehr im Mittelpunkt der Stadtentwicklung. Heute teure Oldtimer, damals noch auf den Straßen Borgward und der NSU RO80 mit Wanckel-Motor. 3,1 Mio. DM gab Villingen pro Jahr für Straßenbaumaßnahmen aus. Ab 1970 rollten die ersten Wagen über die teuerste Brücke in Villingen, die Bertoldbrücke, deren Bau sehr schwierig war, da der Schienenverkehr nicht unterbrochen werden durfte und der Untergrund sehr porös war.

Die Innenstadt hat sich auch verändert. Der Abriss der Blume-Post geschah, nicht alle waren dafür. Die Kürzung der Stadtmauer im Bereich des Franziskaners musste der Stadtbaudirektor Nägele massiv verteidigen. Die Mauer war baufällig geworden, vor allem, weil man die sie haltenden Schuppen demontiert hatte. Hierzu gab der neugegründete Geschichts- und Heimatverein seine erste Stellungnahme ab. Die Mauer stelle keine Gefährdung dar, das Franziskanerkloster wäre bis dahin im Grundaufbau vollständig erhalten gewesen, ein hoher städtebaulicher Schaden, da mittelalterliche Bossenquaderbogen und gotisches Maßwerks verloren seien.

Es gab viele Vorschläge auch ein Gutachten von Dr. Ing. Schmidt aus Augsburg, die sich des Themas annahmen. Ziele waren: kulturelle Aufwertung, Zusammenlegung von kleinen Häusern, Autoverkehr vor die Tore, abgestimmte Farbgebung. Stadtarchivar Dr. Fuchs lehnte einen Eingriff in die Struktur dieses Gebiets entschieden ab, da es eine selten vorkommende Konstruktion sei. Er warnte vor einer Uniformierung des Stadtbildes. Gerade die vor- und zurückweichenden Baufluchten, der Wechsel in der Höhe der Fenstersimse und Dachtraufen brächten reizende Aspekte. Allerdings gab es auch Befürworter, die gegen die Abrissbirne nichts einzuwenden hatten. Einige Besitzer ließen ihre Häuser zerfallen, bis sie einsturzgefährdet waren. Der Neubau der Metzgerei Paul galt als gelungener Beitrag zur Altstadtsanierung. Die Innenstadtsanierung beherrschte noch die folgenden Jahrzehnte.

Gebaut wurde viel: Kinderkrankenhaus mit Schwesternhaus, Werkhof, Friedhofserweiterung, Südzufahrt, Altstadtsanierung, Erschließung des Mittleren Steppach, Baugebiet Wöschhalde für 6.000 Menschen, Bebauungsplan für den Kopsbühl, Grundschule Steppach und Kindergarten am Warenbach, Niedere Tor Sanierung. Hier intervenierte der Gemeinderat und plädierte nach der Hälfte der Bauzeit erfolgreich für eine bessere Straßenführung, da die Verkehrsplaner die Größe der Busse unterschätzt hatten und diese daher kaum aus der Haltestelle ausfahren konnten, ohne die Umgrenzung zu überfahren.

Abb. 3: Best. 5.2.4, Nr. 2368.

Die Flut von Ampeln nahm zu. Aufregung herrschte über eine dritte Ampel auf der Goldenbühlstraße. Bürgermeister Müller verkündete, dass diese den Verkehrsfluss nicht hindere.

Oberzentrum –  Region Schwarzwald-Baar-Heuberg

Die anstehende Verwaltungsreform, die in Baden-Württemberg bevorstand, machte vielen eher Angst, denn man glaubte nicht daran, dass dies zur Vereinfachung der Verwaltung und zu Kosteneinsparung führen könnte. Die Neueinteilung der Kreise, d.h. die Aufgabe des Kreises Villingen, stieß auf Ablehnung. Es war bisher nur von der Bildung von Oberzentren gesprochen worden, doch bald wurden daraus Eingemeindungen von kleineren Orten in größere.

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Die Globalisierung nahm Formen an. Vielleicht war dies durchaus ein Gedanke, der zur Vereinsgründung führte. Man wollte in einer immer näher rückenden Welt das Besondere des Ortes erhalten. Dies war sicher auch der Anlass, warum die anderen ehemals selbständigen Orte alle eine eigene Ortschronik mit Hilfe des Stadtarchivs erstellten. Man brauchte einen Anker je mehr man an Daten aus der Welt erfuhr. 2

Abb. 4: Best. 5.2.4, Nr. 2370.

Ab 1967 starteten die Verhandlungen für ein Oberzentrum Villingen/Schwenningen. im Kreistag vertrat Kreisverordneter Dr. Haas die Meinung, dass ein Oberzentrum Villingen/Schwenningen gut sei, da es aufgewertet und besser ausgestattet werde. Er rechnete Dürrheim zum Oberzentrum.

Am 11.1.69 machte Wilhelm Binder den Vorschlag, einen Stadtkreis Villingen-Schwenningen zu errichten, dafür seien 100.000 Einwohner nötig. Er war der festen Überzeugung, dass diese Zahl bald erreicht sein werde. Das Regierungspräsidium unterstützte den Vorschlag.

Die VHS Schwenningen führte Forumsgespräche im Deutenberg-Gymnasium zu diesem Themenbereich durch. Villinger durften kostenlos mit dem Bus dorthin fahren.

Den Zusammenschluss der Städte bezeichneten viele 1969 noch als Zukunftsmusik. Man trat für die Politik der kleinen Schritte ein und die Fusion sollte Modellcharakter bekommen. Die Stadt Rottweil war gegen eine Stadtfusion, da sie die Aufgabe ihres Kreisstadtstatus fürchtete.

Gegen den Städtezusammenschluss wandte sich die „Aktion Villingen“. Man war der Ansicht, allein ginge es besser. Ein Argument der Aktion stellte sich als zutreffend heraus, die Kosten für die Verwaltung wurden nicht weniger.

Bei vielen Projekten in der Zeit dachte man daher zweigleisig. Man wollte viele Institutionen und Sportanlagen gemeinsam betreiben, dachte aber zugleich auch an die Alternative, wenn dies nicht gelänge. So gab es Überlegungen, ein gemeinsames Krankenhaus zu bauen. Die Überschrift lautete: „Die Weichen für den Bau des Kreiskrankenhauses sind gestellt“. Minimalziel war die Verwaltung der zwei Krankenhäuser unter einer Leitung.

„Soll Villingen ein eigenes Rollschuh- und Eisstadion bauen?“ Diese Schlagzeile gibt die Forderung des Roll- und Schlittschuhclubs Villingen 1932 wieder. Bisher lief man Schlittschuh auf dem Eisweiher an der Waldstraße. Nun möchte man ein Stadion auf dem Gelände des FC 08 errichten, damit zwei gleichartige Veranstaltungshallen nicht so eng beieinander liegen, wenn es zur Bildung eines Oberzentrums komme.

Auch ein großes Schwimmbad zusammen mit Schwenningen und Bad Dürrheim war in dem Gebiet zwischen den Städten angedacht. Der Gemeinderat wollte als Alternative ein neues Freibad in Steinkreuzwiesen geplant wissen, dass in Etappen gebaut werden könnte. Die Vorgaben waren: Wellenbad mit 21 x 50 m, ein Planschbecken, Wohnungen für das Personal, Umkleideräume (beheizt und unbeheizt) mit Schließfachsystem, Kiosk mit Sitzplätzen, Sprungbretter mit 1, 3 und 5 m Höhe und eine Überdachung bei schlechtem Wetter. Dr. Gebauer sprach sich daher auch gegen die Erweiterung des Freibades in der Lupfenstraße aus.

Kultur

Nach Jahrzehnte langen Debatten sollte 1968 eine neue Initiative unternommen werden, um eine Musikschule für Kinder und Jugendliche unter neutraler Leitung zu gründen. Als Vorbild galt Schwenningen. Als Grundlage diente ein jährlicher städt. Zuschuss.

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Initiatoren der Idee waren Kantor Heinrich Schmidt-Seeger und Schulamtsdirektor Helmut Heinrich. Die Kosten für Eltern pro Monat 9– 14 DM für wöchentlich vier Stunden.

Maler Richard Ackermann wurde anlässlich seines 75. Geburtstags geehrt im Matthäus Hummel Saal, Ausrichter Volksbildungswerk, Redner Helmut Heinrich, der Auftrag und Ausführung des Künstlers im Allgemeinen und anschließend das Werk des Künstlers im Besonderen vorstellte. Höhepunkt des Abends bildete das Referat Ackermanns über seine Farbbildmappe „Flammen und Strahlen“, eine Farbbildfolge, 1966 entstanden, in der er nach seinen eigenen Worten „das Hinfinden lernen zur Entwirrung des Lebens“ konkret und abstrakt aufzeigen will. Bürgermeister G. Müller bedankte sich im Namen der Stadt. (13. 12. 67)

Träger des Villinger Kulturlebens: Volksbildungswerk und Theater Gemeinde, Kulturamtsleiter Willi Hacke. Rund 150 Veranstaltungen in 10 Monaten, d.h. jeden zweiten Tag fand ein Theatergastspiel, eine Filmvorführung, ein Vortrag oder ein Konzert statt. Schulamtsdirektor Helmut Heinrich war eine bekannte und engagierte Person des Kulturlebens.

Ein Werbeträger nicht nur für die Firma sondern auch für die Stadt war das Saba Werksorchester unter Leitung von Joe Bülow. Es gab etliche Konzerte in nah und fern.

Der Gemeinderat stimmte dem Umbau des Theaters am Ring mit Erweiterungsbau zu. Ins Untergeschoss kamen die Räume für das Kulturamt. Ferner vorgesehen waren Verbesserungen im Zuschauerraum und der technischen Anlagen, sowie eine Parkplatzerweiterung.

In manchen Bereichen ändert sich wenig, Gebühren für Kindergärten stiegen, da städtische Zuschüsse nicht ausreichten, von 20 auf 25 DM für das erste Kind.

1968 fehlten 4.769 Gymnasiallehrer allein in Baden-Württemberg. 1969 war der Lehrermangel an Berufsschulen gravierend. Gegen den Lehrermangel sollte eine rechtzeitige Planung helfen, dies ist leider bis heute nicht gelungen. Am 19. 3. 69 feierte die Landwirtschaftsschule 100 Jahre, aber es wurden keine Festreden gehalten, da die Landwirtschaft Hilfe brauchte. 1969 gab es eine Blattlausplage, die nur eine mittlere Ernte bei Kern- und Steinobst einbrachte und eine sehr schlechte Kartoffelernte zuließ.

Der Kreistag stimmte der Erweiterung der Gewerbeschule zu. Die Kosten waren hoch, denn 1,5 Mio. waren allein für die Ausrüstung der Werkstätten veranschlagt. Für die Bauten kamen 2 Mio. vom Staat und über ein Darlehen 4 Mio..

17. 9. 1969 wurde die Bickebergschule ihrer Bestimmung vom Architekten Schneble aus Konstanz übergeben. Sie hatte gleich 640 Schüler. Beim Bau der Bickebergschule hatte man eine fünf-Zentner-Bombe gefunden. Sie war mit Flakgranaten vergraben worden.

Bei den Ausgrabungen für das neue zweite Gymnasium „Hoptbühl“ entdeckten die Bauarbeiter bei den Ausschachtungen einen fast 1000-jährigen Brunnenschacht, der vermutlich aus dem 9. – 11. Jahrhundert stammte. Die Bauzeit betrug zwei Jahre (1969 – 1971), der Spatenstich war am 18. 8. 1969. In dem preisgekrönten Plänen von Architekt Kaufmann gab es Nachbesserungen, denn die Schulzimmer wurden vergrößert und mehr Parkplätze angelegt. Ein Problem war die Verteuerung des Baustahls um 250 Prozent, der damals viele Bauprojekte verteuerte.

Heiß diskutiert wurde die Einrichtung eines Hauses der Jugend. Jede Gruppierung, die sich um Jugendliche kümmerte, hatte Angst um ihren Einfluss.

1968 bestand als einzige Frau die Villingerin Elfriede Hoog in Furtwangen ihr Ingenieurexamen.

Sport

Im sportlichen Bereich hat sich einiges verändert. Der FC 08 spielte im süddeutschen Regionalliga-Fußball. Ein Gegner war der FC Freiburg. Dies ist kein Schreibfehler, denn damals spielte der FC Freiburg um den Aufstieg in die Bundesliga.

Zum Spiel gegen den Karlsruher SC kamen 14.000 Besucher. Darauf war man nicht vorbereitet, denn es fehlten genügend Kassenhäuschen, die Verkehrsregelung war schwierig, denn es fehlten Parkplätze, da die Wiesen morastig waren. Einige sind gleich wieder nach Hause gefahren.

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Der FC 08 wollte eine Entschädigung von der Stadt wegen des verzögerten Stationsausbaus, da es dadurch geringere Einnahmen gab. Das schlechte Wetter verhinderte zudem den Losverkauf zugunsten der Nachwuchsförderung. Der Verein verwies darauf, dass andere Regionalligavereine durch die Kommunen unterstützt würden.

Als der FC Bayern gegen den FC 08 spielte, zog er ins Gustav-Strohm-Station in Schwenningen um, da dort bessere Bedingungen herrschten. Dies führte zum Wunsch, endlich eine Tribüne zu errichten. Der Tribünenbau im Friedengrund war danach monatelang ein Thema, da sich die Inbetriebnahme immer wieder verzögerte und dem Verein so Eintrittsgelder fehlten. Die Stadt meinte, eine Tribüne für 800 Personen müsste reichen, der 1. Vorsitzende Riegger wollte eine für 1.200 und war bereit, die Mehrkosten zu zahlen. Dies akzeptierte die Stadt.

1969 suchte der FC 08 Schneeschipper, damit nicht noch mehr Spiele wegen Schneefalls ausfallen.

Der Schachclub Villingen war sehr erfolgreich, er schlug sogar Tabellenführer Konstanz.

Sportliche Erfolge gab es bei vielen Nachwuchssportlern, z. B. im Freistilringen und bei den Judokas.

1969 fanden noch Seifenkistenrennen am Warenbach statt. Allerdings organisatorisch ein Kraftakt, da nicht genügend Helfer zur Verfügung standen. Zuschauen war einfacher und interessanter.

Es gibt sicher noch viele Geschichten und Ereignisse aus der Zeit, aber diese Auswahl gibt einen kleinen Einblick in die damaligen Probleme und Problemchen.

Anmerkungen:

1    Die angeführten Ereignisse basieren auf Artikeln des „Südkurier“ und aus der Stadtchronik SAVS Best 5.22.

2    Zu den Abläufen bis zur Gründung der gemeinsamen Stadt s. Heinrich Maulhardt: Chronologie des Zusammenschlusses 1967 bis 1975. In: Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen Bd II. Verlag der Stadt Villingen-Schwenningen 2017, S. 604 – 668.

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