Fünf Jahrzehnte Geschichts- und Heimatverein Villingen / Anmerkungen aus kulturwissenschaftlicher Sicht (Werner Mezger)

Jubiläum – vom Sinn eines Rituals

Wenn ein Kulturwissenschaftler die freundliche Einladung erhält, etwas zum Jubiläum eines Geschichts- und Heimatvereins anmerken zu dürfen, so liegt es nahe, dass er einfach die drei Kernbegriffe des Schreibanlasses herausgreift und sie mit der schlichten Fragentriade „warum – wozu – weshalb“ konfrontiert. Also: Warum ein Jubiläum? Wozu Geschichte? Weshalb Heimat? Eben zu diesen drei Feldern sollen hier in gleicher Reihung je ein paar Denkanstöße skizziert werden. Soviel zu den inhaltlichen Schritten des folgenden Beitrags.

Beginnen wir mit der ersten und scheinbar banalsten der drei Fragen: Warum feiern wir überhaupt ein Jubiläum und warum gerade nach fünfzig Jahren? Jubiläen lassen sich bekanntlich nicht beliebig terminieren, sondern man begeht sie eben nur alle Jubeljahre, nämlich dann, wenn ganze, halbe oder Viertel-Jahrhunderte sich runden. Um diese heute selbstverständlich erscheinende Praxis zu verstehen, muss man historisch weit zurückgreifen: bis ins Alte Testament. Dort taucht das hebräische Wort „Jobel“ auf. Es bedeutete den Klang eines Horns, genauer eines Widderhorns. Und dieses wurde alle 50 Jahre geblasen, um anzuzeigen, dass nun nach siebenmal sieben, also nach 49 Jahren etwas Neues anbreche. Nach alttestamentlicher Auffassung und biblischer Zahlenmystik galt nämlich jedes 50. Jahr als Versöhnungsjahr, in dem alte Schulden erlassen und Sünden verziehen wurden. Im Lateinischen nahm das Wort „Jobel“ als „jubileum“ und als Verb „jubilare“ später eine eher heitere Bedeutung an: Freude, Frohlocken und fröhlich sein – jubeln im heutigen Sinn, aber immer noch mit der tief eingelagerten Metasemantik, dass im freudigen Feiern auch Schulden zu vergeben seien.

An beide Sinntraditionen, an das Feiern und an den Schuldnachlass, knüpfte dann Papst Bonifaz VIII. (1294 – 1303) im Jahr 1300 an, indem er dieses Säkularjahr, also das runde Hunderterjahr, zum ersten Jubeljahr oder heiligen Jahr der Kirchengeschichte erklärte. Die päpstliche Anordnung lockte große Menschenströme an, denn allen Pilgern, die während des besagten Jahres nach Rom kamen, wurde ein vollkommener Ablass gewährt. Künftig sollte nach dem Willen von Bonifaz VIII. jedes 100. Jahr in der Ewigen Stadt in dieser Weise als annus jubileus, als Jubeljahr, begangen werden. Da aber 100 Jahre eine lange Zeit sind, legte nur wenige Jahrzehnte später Papst Clemens VI. (1342 – 1352) fest, dass fortan schon jedes halbe Jahrhundert, ergo auch das in sein Pontifikat fallende Jahr 1350 als Jubeljahr zu feiern sei. Später wurden die Intervalle noch weiter verkürzt. Vorübergehend kam im Bestreben nach Verknappung der Abstände der Gedanke auf, entsprechend der Lebensspanne Christi jedes 33. Jahr besonders zu feiern – eine Idee, die sich aber wegen der schwierigen Merkbarkeit der Termine nicht durchzusetzen vermochte. Statt an unrunden Daten orientierte man sich lieber an den runden Zahlen des Zentenarsystems: an den vollen Jahrhunderten, ihrer Hälfte und schließlich auch ihren Vierteln. 1475 war dann unter Sixtus IV. (1471 – 1484) der endgültige Rhythmus erreicht. Ab da wurde alle 25 Jahre, also jedes Vierteljahrhundert, vom Papst in Rom ein Jubeljahr ausgerufen. Das ist die Regelung, die bis heute gilt.

Genau diesem durch die Päpste geschaffenen Modell der Jubiläen folgen mittlerweile auch unsere säkularen Formen der Strukturierung geschichtlicher Dauer und unsere Praktiken der festlichen Markierung zeitlicher Zäsuren.

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Ohne uns des theologischen Vorbilds noch bewusst zu sein, feiern wir analog zu den Intervallen kirchlicher Jubeljahre mit besonderer Intensität die 25., die 50., die 75. oder die 100. Wiederkehr wichtiger Daten, wobei diese vom eigenen Geburtstag über denkwürdige historische Ereignisse bis hin zum Gründungszeitpunkt bestimmter Institutionen wie eben auch des Villinger Geschichts- und Heimatvereins reichen können. Die ursprüngliche, alttestamentliche Form der Jubeljahre war ihre Wiederkehr in jedem 50. Jahr. Dass der GHV Villingen 2019 genau auf einen solchen Zeitraum zurückblicken darf, der dem biblischen Ausgangskonzept des Innehaltens nach siebenmal sieben Jahren entspricht, qualifiziert ihn gewissermaßen zum klassischen Jubilar.

Mit den Begriffen des Innehaltens, des Zurückblickens und der ebenfalls bereits erwähnten Denkwürdigkeit gelangen wir nach unserem kleinen historischen Abriss über die formale Entwicklung des turnusmäßigen Jubilierens zur inhaltlichen Ebene, nämlich zum Sinn eines Jubiläums, wie er sich heute darstellt. Jedes Jubiläum, das wir begehen, hat einen primär kommemorativen Charakter, das heißt: es erinnert an etwas – im Fall des GHV an dessen Gründung und seitherige Entwicklung. Jubiläen blicken aber nicht nur bilanzierend zurück in die Vergangenheit, sondern sie vergleichen Früheres mit Gegenwärtigem, ziehen Bilanz und leiten daraus Perspektiven für die Zukunft ab. Sie haben also eine retrospektive wie auch eine prospektive Funktion. Einfacher ausgedrückt: Jubiläen dienen dazu, dass wir uns nach einer gewissen Zeit fragen, wo wir herkommen, wo wir gerade stehen und wo es hingehen soll. Damit sind sie wichtige Momente der Standortbestimmung und der Selbstvergewisserung – aber nicht etwa im Sinne des Ausruhens auf Lorbeeren, sondern vielmehr des kritischen Überdenkens von Gewesenem zur Orientierung auf Künftiges.

Jubiläen, könnte man also sagen, reflektieren Vergangenheit als Ressource für die Zukunft. Und genau in diesem Reflexionsprozess zeigt sich weiter, dass Vergangenheit nicht statisch, sondern außerordentlich dynamisch ist. Indem wir nämlich an Jubiläumsterminen zurückblicken und dabei Vergangenes aus unserer jeweils aktuellen Sicht immer wieder neu bewerten, resümieren wir und produzieren wir zugleich Vergangenheit. Denn je nach Blickwinkel, historischer Distanz und mit der Zeit hinzugekommenen Erfahrungen stellt sich Vergangenes in stets etwas anderem Licht dar, was fortwährend neue Vergangenheitsbilder generiert. Wenn schließlich Vergangenheit durch Chronisten und Historiker zu Geschichte gerinnt, so haben Jubiläen hier ebenfalls eine Doppelfunktion: Sie feiern nicht nur Geschichte, sondern sie schreiben auch Geschichte. Insofern besitzen sie das Potenzial, unter bestimmten Bedingungen zu regelrechten Gelenkstellen historischer Entwicklungen zu werden. Ob und in welchem Maße dies auch auf das GHV-Jubiläum zutrifft, bleibt abzuwarten. Die Geschichte wird es zeigen.

Geschichte – Erinnern und Vergessen

Damit gelangen wir zu zweiten Leitfrage des vorliegenden Beitrags: Wozu Geschichte? Wenn es sich der Verein zur Aufgabe gemacht hat, seinem Namen entsprechend die Geschichte der Stadt Villingen und ihrer Umgebung zu erforschen, so zielt dies in erster Linie auf die Sicherung des kulturellen Gedächtnisses im lokalen und im regionalen Rahmen. Das ist hoch verdienstvoll, denn in der fortgeschrittenen Moderne, in der wir leben, entscheidet sich der tägliche Aushandlungsprozess zwischen Erinnern und Vergessen nur allzu oft zugunsten des Vergessens. Vieles von dem, was eigentlich zum Grundwissen über die Fundamente unserer Kultur gehören müsste, ist heute einem Großteil der Bevölkerung, selbst sogenannten bildungsbürgerlichen Kreisen, nicht mehr bekannt, geschweige denn vertraut. Besonders krass zeigt sich dies, wenn es um die christlichen Prägungen des Abendlands geht. Da werden selbst basale Dinge nicht mehr gewusst. Der Inhalt von Festen des Kirchenjahrs etwa,

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obwohl diese nach wie vor von allen als willkommene arbeitsfreie Tage geschätzt werden, ist vielen nur noch bruchstückhaft oder gar nicht mehr klar. Weihnachten als Feier der Geburt Christi scheint noch am ehesten geläufig, die Frage nach dem biblischen Gehalt von Karfreitag und Ostern bringt viele schon in Verlegenheit, und spätestens bei Pfingsten versagen die Kenntnisse vollends. Alle Jahre wieder bringt die Presse eine Auswahl skurriler Umfrageantworten zu Kirchenfesten auf ihren Unterhaltungsseiten, die Bilanz ist aber alles andere als erheiternd, sondern hochgradig erschreckend. Man braucht kein Kulturpessimist zu sein, um hier von einer rasant um sich greifenden Veralzheimerung des kulturellen Gedächtnisses zu sprechen. Und das Bedenklichste daran ist, dass die meisten ihre Unwissenheit gar nicht einmal mehr als peinlich empfinden, sondern dass sie damit sogar noch kokettieren: „Mit sowas habe ich nichts am Hut.“ Wer trotz hiesiger Herkunft sein fehlendes christliches Grundwissen mit derlei Sprüchen abtut, gilt heute als aufgeklärt. In Wahrheit ist das aber kein Zeichen von Aufgeklärtheit, sondern ein Offenbarungseid in Sachen Allgemeinbildung. Die stetig wachsende Zahl derer, auf die diese düstere Bilanz zutrifft, kümmert das freilich wenig. Sie nehmen die Begrenztheit ihres Horizonts nicht als Defizit wahr, sondern sehen sich auf der Höhe der Zeit, halten sich für modern und leben als durchaus nützliche Mitglieder der Konsumgesellschaft in den Tag.

Wozu also Geschichte, wenn es auch ohne historische Kenntnisse zu gehen scheint? Diejenigen, die ein besseres Wissen über die Vergangenheit einfordern und gar dessen Vertiefung und Erweiterung anmahnen, sind längst in der Minderzahl. Die Welt geht offenbar dennoch weiter – es fragt sich nur wie. Menschen mit geschichtlich fundierter Kompetenz und kritisch reflektiertem Standpunkt, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, indem sie aus einem soliden historischen Hintergrundwissen schöpfend Perspektiven für die Zukunft entwickeln, nehmen ab. Traurige Beispiele für die Folgen der wachsenden Vergangenheitsignoranz findet man allenthalben. Sie reichen von privaten Irrwegen bis zu öffentlichen Pleiten. Nur zu oft verrennen sich etwa teuer bezahlte sogenannte Experten, die im Auftrag von Kommunen ohne Gespür für historisch Gewachsenes städtebauliche Projekte planen und im Streben nach Neuem um jeden Preis bewährte Strukturen zerschlagen, in Sackgassen. Die Aufzählung prominenter Exempel ersparen wir uns. Sensibilität gegenüber der Historie und die aktive Pflege von kulturellem Gedächtnis sind heute wichtiger denn je. Beidem sieht sich der GHV gleichermaßen verpflichtet. Nicht umsonst zitiert er auf seiner Homepage Erwin Teufel mit dem Satz: „Wir brauchen das Bewusstsein um die eigene Geschichte, damit wir die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten können.“ Dies ist ein gutes Leitmotiv, ein hoher Anspruch und nicht zuletzt ein Programm, das uneingeschränkt auch für die nächsten 50 Jahre Gültigkeit hat.

Angesichts des Bemühens aller im GHV Engagierten um ein lebendiges Geschichtsverständnis darf man allerdings die ernüchternde Frage nicht ganz ausblenden, ob Menschen wirklich aus geschichtlichen Erfahrungen Gewinn ziehen, ja zugespitzter noch, ob die Menschheit überhaupt jemals aus der Geschichte gelernt hat. Man wird darauf kaum mit einem vorbehaltlosen „Ja“ antworten können. Vielmehr sind Bedenken, ja sogar ernste Zweifel angebracht. Aber genau das darf kein Grund zur Resignation sein – im Gegenteil, es muss als Ansporn zur Suche nach neuen und noch viel intensiveren Wegen der Geschichtsvermittlung dienen. Denn eines ist klar: Wenn historisches Wissen gänzlich abhanden kommt, nimmt die ohnehin schon beträchtliche Orientierungslosigkeit der Gesellschaft weiter zu und überlässt mehr und mehr jenen Scharlatanen das Feld, die vorgeben, mit einfachen Mitteln Orientierungen liefern zu können, in Wirklichkeit aber ihrerseits ohne Konzept sind.

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Institutionen wie Geschichts- und Heimatvereine müssen hier gegensteuern – und speziell der Villinger GHV bleibt damit der Intention derer treu, die ihn 1969 ins Leben gerufen haben. Er wurde nämlich gegründet in einer Zeit, als die Studentenbewegung der 68er ihren Höhepunkt erreicht hatte und als die Beschäftigung mit lokaler Historie und mit historischen Kontinuitäten oder gar die Pflege von Überlieferungen modern gesprochen „mega out“ waren.

Tradition galt damals – fälschlicherweise, wie wir heute wissen, – als Synonym für „Stillstand“, und die vermeintlich erlösende Zauberformel hieß „Fortschritt“. Fortschrittlichen Kräften sollte die Zukunft gehören, Traditionsbewusste hingegen trugen das Stigma der ewig Gestrigen und wurden zum Gespött. Wer in dieser Situation den Mut hatte, einen Geschichts- und Heimatverein zu gründen, wie es in Villingen geschah, der widersetzte sich ganz bewusst dem Zeitgeist und schwamm gegen den mainstream, wenn es den Ausdruck damals schon gegeben hätte. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse um 180 Grad gedreht: Jede Art von Fortschritt wird heute mit größter Skepsis gesehen, während Tradition wieder Konjunktur hat und hohe Wertschätzung genießt. Nicht nur der GHV mit seinen vergleichsweise bescheidenen Mitteln auf lokaler und regionaler Ebene, sondern auch Weltorganisationen wie die UNESCO mit all ihrem Einfluss appellieren heute an das Geschichtsbewusstsein, sichern das materielle und immaterielle Kulturerbe der Menschheit und wachen über den Erhalt der kulturellen Vielfalt, die durch die Transformationsprozesse der Moderne, insbesondere durch die Globalisierung, bedroht ist wie nie zuvor.

Der GHV hat hier ungeachtet aller äußeren Anfechtungen oder besser: als bewusste Antwort darauf bereits 1969 visionär gehandelt. Indem er sich der Vermittlung von Geschichte verschrieb, das Nachdenken über menschliches Handeln in seiner Zeitgebundenheit förderte und noch vieles mehr in Gang setzte, stellte in erster Linie die Bedeutung der Kulturdimension Zeit ins Zentrum seiner Überlegungen und seines Handelns. Zeit ist jene flüchtige, physikalisch zwar messbare, aber philosophisch kam fassbare Größe, an die all unser Tun gebunden ist und die dem Menschen Möglichkeiten eröffnet und zugleich Grenzen setzt. Aurelius Augustinus, der große Kirchenlehrer hat an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert die bis heute berühmt gebliebenen Sätze formuliert: „Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, weiß ich es. Wenn ich es aber jemandem, der mich fragt, erklären möchte, so weiß ich es nicht. Das jedoch kann ich sicher sagen: Ich weiß, dass es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, und keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Wie aber sind nun jene beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, da ja doch die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist?“ (Confessiones XI, 14) Unser Dasein zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“, unser Grenzgängertum auf dem schmalen Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft, den wir Gegenwart nennen, die Erkenntnis, dass sich Wissen nur auf Vergangenes beziehen kann, während jegliches Künftige, ja schon der nächste Atemzug, den wir tun, nur noch im Bereich des reinen Vermutens liegt – all dies sind die letzten und tiefsten Fragen, wenn wir uns mit der Dimension Zeit und dem Wesen von Geschichte beschäftigen. Damit aber genug des philosophischen Exkurses, wenngleich er kein Abirren vom Thema ist, sondern aufs engste zur theoretischen Grundlegung des Vereins gehört, dem dieser Beitrag gewidmet ist.

Drei Kulturdimensionen – ein Modell zur Systematisierung

Was kann man nun, so lautet das ganz praktische Problem des Verfassers, als Kulturwissenschaftler einem seit 50 Jahren erfolgreichen Geschichts- und Heimatverein, der von Anfang an das Richtige getan hat und immer noch tut, zum Jubiläum mit auf dem Weg geben, ohne als besserwisserisch oder gar überheblich zu erscheinen? Vielleicht ein paar Kategorien der Kulturanalyse zur Standortbestimmung und zur Erweiterung von Blickwinkeln und Sichtweisen künftigen Forschens und Engagements. Das Phänomen Zeit, das dem Verein entsprechend seinem Namen in Form von Geschichte

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am meisten am Herzen liegt, ist nämlich nur eine der Dimensionen, in denen sich menschliches Kulturschaffen vollzieht. Neben der Zeit gibt es nämlich noch mindestens zwei weitere, ebenso zentrale Kulturdimensionen, die unser Denken, unser Handeln und unsere kulturellen Ausdrucksformen prägen: den Raum und die Gesellschaft. Das Modell der drei Kulturdimensionen haben die beiden schwedischen Ethnologen Sigurd Erixon und Albert Esköröd Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt und in der skandinavischen Volkskunde erfolgreich als Systematisierungshilfe und Analyseinstrument bei der Untersuchung kultureller Sachverhalte angewandt. Sämtliche Kulturphänomene, was immer darunter im Einzelnen zu verstehen sein mag, bewegen sich nämlich in der Dreidimensionalität von Zeit, Raum und Gesellschaft und werden durch sie bestimmt. Statt mit ihren Nominalbezeichnungen lassen sich die Kulturdimensionen auch mit je analogen Adjektiven beschreiben: Zeit ist die historische, Raum die geographische und Gesellschaft die soziale Komponente des Modells. Und benennt man zu jeder der drei Dimensionen schließlich noch den entsprechenden prozessualen Ablauf, so gehört zur historischen Ebene die Tradition, die Überlieferung eines Kulturguts durch die Zeit, zur geographischen die Diffusion, seine Verbreitung im Raum, und zur sozialen die Kommunikation, die Verständigung darüber in der Gesellschaft.

Wozu nun so viel trockene Theorie? Um zu substanziellen Aussagen über kulturelle Vorgänge gelangen zu können, ihr Ineinandergreifen zu verstehen und dabei keine wichtigen Aspekte zu übersehen, ist das beschriebene Modell sehr hilfreich. Mit seiner Idealtypik dient es in erster Linie dazu, Komplexität zu reduzieren. Konkret: es macht die in der Realität unentwirrbar interdependenten und auf den ersten Blick völlig undurchsichtigen Transformationsprozesse der jüngeren Vergangenheit und erst recht der Moderne zumindest tendenziell durchschaubarer, indem es drei klar definierte und leicht nachvollziehbare analytische Problemzugänge schafft. Freilich darf die Konstituenten-Triade des Modells ebenfalls nicht absolut gesetzt werden. Seziert man nämlich die immer stärkeren, nicht selten beunruhigenden, ja manchmal geradezu verstörenden Dynamiken der Gegenwartkultur in der besagten Rasterung Zeit, Raum und Gesellschaft, so erhellt dies nicht nur die kulturelle Entwicklung an sich, sondern zeigt zugleich, wie sehr auch die drei Kulturdimensionen selbst in Bewegung geraten sind und welche Folgen dies jeweils hat.

Beginnen wir mit der Dimension Zeit: Zeit ist, wie schon gesagt, eine physikalisch messbare Größe, die seit Jahrmillionen gleich verläuft. Sie hat ihre festen, natürlichen Rhythmen. Eine Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse in 24 Stunden bewirkt den Wechsel von Tag und Nacht, eine Sonnenumrundung der Erde in 365 Tagen und knapp 6 Stunden ergibt das Jahr. Objektiv stand dem Menschen im Durchschnitt noch nie so viel Zeit zur Verfügung wie heute, denn noch nie war die Lebenserwartung so hoch wie in unseren Tagen. Subjektiv aber sieht das ganz anders aus: Wir Kinder der Moderne nehmen Zeit als etwas wahr, was unsere Vorfahren noch hatten, was uns aber „chronisch“ fehlt. Dabei hat sich nicht etwa die Zeit gewandelt, nur unser Umgang mit ihr ist grundlegend anders geworden. „Tut mir leid, ich habe keine Zeit“, „mir läuft die Zeit davon“, „Zeit ist Geld“, „der Zeitdruck macht mich krank“ – das sind Formulierungen, die wir tagtäglich hören oder selber gebrauchen. Dieses Verhältnis zur Zeit, deren Messung uns heute übrigens mit geradezu unglaublicher Präzision möglich ist, obwohl (oder gerade weil) sie uns fehlt, erweist sich als typisch für alle westlichen Industriegesellschaften.

Fremd und unverständlich geworden ist uns die Fähigkeit unserer Vorfahren, Zeit als eine zyklische Größe wahrzunehmen, die quasi aus sich selbst kommt und wieder in sich selbst mündet. Frühere Generationen schätzten die regelmäßige Wiederkehr von Tag und Nacht, die Verlässlichkeit der Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter – lauter Zyklen, die in sich ruhten, sich rundeten und dann wieder von neuem begannen. Diese wohltuende zyklische Zeiterfahrung geht uns mittlerweile weitestgehend ab. Wir erleben Zeit nur noch als einen linearen Prozess, vergleichbar einem Strahl, der unumkehrbar in eine einzige Richtung läuft und irgendwann auf ein angstbesetztes Letztes hinführt, das wir tunlichst verdrängen: unseren Tod.

Aber das ist noch nicht alles: Uns beunruhigt außerdem das Gefühl, die Zeit laufe ständig schneller. In der Tat beschleunigen sich viele Prozesse tatsächlich: Das Wissen der Welt verdoppelt sich in immer kürzeren Abständen, wir erledigen immer mehr Aufgaben in immer weniger Zeit. Akzeleration nennt das die Wissenschaft. Zunehmend gehen wir dazu über, Dinge gleichzeitig zu tun. Wir telefonieren, während wir den Schreibtisch ordnen, hören Nachrichten, während wir Auto fahren. Und vor allem: Wir ignorieren sämtliche natürlichen Rhythmen der Zeit. Wir machen die Nacht zum Tage, baden im Winter in der Karibik und fahren im Sommer Ski auf Gletschern, vermischen auch immer mehr Arbeit und Freizeit, weil uns Notebook, iPad und Smartphone inzwischen überall hin begleiten und uns jederzeit erreichbar machen. Oft steht am Ende der Herzinfarkt, der genau besehen nichts anderes ist als ein Zeitinfarkt. Gesellschaften ohne unseren Zeitdruck kennen dieses Phänomen nicht.

Kommen wir zur zweiten der drei Kulturdimensionen: zum Raum. Da gibt es zunächst eine ganz einfache Feststellung: Die Welt ist kleiner geworden. Analog zur Zeit, die sich immer mehr zu verdichten und zu intensivieren scheint, schrumpft die Welt. Mit hohen Geschwindigkeiten, wie man sie sich früher nicht einmal hätten träumen lassen, legen wir große Distanzen zurück, eilen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent und verlieren darüber völlig das natürliche Gefühl für Räume und Weiten. Dass wir hier auch ganz direkt in Konflikt mit der Dimension Zeit geraten, sei nur nebenbei bemerkt. Wir fliegen im Jet gegen die natürlichen Zeitgliederungen an, gegen Tag und Nacht. Auf dem Flug von Europa in die USA haben wir, konträr zur Rotationsrichtung der Erde den Wechsel der Tageszeiten verzögernd, einen viel zu langen Tag. Und wenn wir wieder zurückfliegen, ist es – nunmehr wegen der Addition von Flugrichtung und Erdrotation – umgekehrt. Dieses unnatürliche Durcheinander nennen wir dann „Jetlag“.

Die Schrumpfung der Welt hat den Globus zu einer Art Dorf werden lassen. Ereignisse, die viele tausend Kilometer entfernt geschehen, verfolgen wir mit modernen Medien in Echtzeit, wohl wissend, dass sie uns trotz ihrer geographischen Distanz jederzeit unmittelbar berühren können. Zudem steigt durch die weltweite Vernetzung im ganz normalen Arbeitsalltag die Zahl extrem mobiler Menschen sprunghaft an, die heute hier, morgen dort, praktisch überall und eigentlich nirgends zuhause sind. Sie selbst bezeichnen sich gern als „Global Players“, die Forschung nennt sie auch „Globalisierungsnomaden“. Zu ihnen zählen längst nicht mehr nur Spitzenpolitiker, Tennisstars, Tenöre und Formel 1-Piloten, inzwischen gehören Dienstleister wie Ingenieure, Monteure, Einkäufer und Servicepersonal ebenso dazu. All diese global Gehetzten finden, wo immer auf der Welt sie hinkommen, nahezu identisch aussehende Arbeitsplätze, weitgehend gleich ausgestattete Hotels, dieselben Getränkemarken und Fastfoodketten vor. Spätestens dies macht deutlich: Globalisierung führt keineswegs notwendigerweise zu einer Vervielfachung kultureller Möglichkeiten, sondern sie birgt weit mehr die Gefahr der Einebnung kultureller Besonderheiten. Je kleiner die Welt wird, durch fortwährende Steigerung der Mobilität, durch transkontinental agierende Firmen, durch Massenmedien, Internet und andere Kommunikationsmittel, desto stärker gefährdet ist der Facettenreichtum der Kulturen. Nicht von ungefähr hat die UNESCO, wie schon gesagt, ihre Anstrengungen zum Schutz der kulturellen Vielfalt massiv verstärkt.

Bleibt noch die dritte Komponente unseres Kulturdimensionen-Modells: die Gesellschaft. Sie transformiert sich gegenwärtig besonders gravierend und für jedermann konkret sichtbar.

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Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zum demographischen Wandel in Deutschland fasste schon vor ein paar Jahren die „Megatrends“ der Veränderungen der bundesdeutschen Bevölkerung in folgende drei Schlagworte: 1. weniger, 2. älter, 3. bunter. Mit „weniger“ ist der bereits seit geraumer Zeit zu verzeichnende Rückgang der Geburten gemeint, der dazu führt, dass die Anzahl der jungen Menschen stetig abnimmt. Die Beobachtung „älter“ zielt auf die ständig steigende Lebenserwartung, die dafür sorgt, dass immer mehr ältere und hoch betagte Menschen im Land leben, wodurch sich das zahlenmäßige Unverhältnis zwischen Jung und Alt noch weiter zuspitzt. Und der dritte Komparativ „bunter“ bezieht sich auf die Zuwanderer, die einerseits zwar den Bevölkerungsrückgang abmildern, andererseits aber – seit 2015 zumal – die Aufnahmegesellschaft heute vor riesige, bis vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal entfernt zu ahnende Herausforderungen stellen.

Vor allem die letztgenannte Problematik, ausgelöst durch Hunderttausende von Flüchtlingen, die Europa als Zufluchtskontinent sehen und hier wiederum vorzugsweise Deutschland als Ziel ihrer Hoffnungen anvisieren, schürt Ängste und sorgt für enorme Unruhe. Die unkontrollierte Zuwanderung von Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten, Schwellenländern, Armutsregionen und Hungerzonen polarisiert und spaltet die Politik. Migrations- und Integrationsfragen ziehen sich wie ein roter Faden durch fast alle öffentlichen Diskurse. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass ungeachtet hoffnungsvoller Erfahrungen aus Einzelbegegnungen Gruppenkontakte mit Angehörigen anderer Kulturen, deren Wertordnungen teils massiv von den unsrigen abweichen, stets die latente Gefahr von Kulturkonflikten in sich bergen. Der immer größere Aufgabenberg, der daraus für die Aufnahmebehörden, die Pädagogik, die Sozial- und Jugendarbeit, den Arbeitsmarkt und nicht zuletzt für Justiz und Polizei erwächst, scheint kaum zu bewältigen. Das Nebeneinander von Eigenem und Fremdem strengt an, ein harmonisches Miteinander von Eingesessenen und Hinzugekommenen liegt noch in weiter Ferne. Der soziale Alltag ist unübersichtlich geworden, und zwar keineswegs nur im urbanen Raum oder in Ballungszentren. Selbst in kleinen Dörfern, wo die Einwohner sich früher fast alle gegenseitig gekannt und gegrüßt hatten, bestimmen mittlerweile Anonymität, Distanz, nicht selten auch Misstrauen das soziale Klima. Spätestens in der Kassenschlange der Supermärkte am Ortsrand, die überall gleich aussehen, wird am Durcheinander der dort gesprochenen Sprachen deutlich, wie rasant die Gesellschaft sich transformiert. Kaum noch vorstellbar, dass „auf dem Land“ als Kommunikationsform früher durchweg die Mundart dominierte und aus dialektalen Nuancen sogar herauszuhören war, wer aus dem eigenen und wer aus dem Nachbardorf kam.

Heimat – eine dynamische Größe

Angesichts des Rückgangs lokaler Spezifik und des Fortschreitens globaler Einebnungsprozesse scheinen kleinräumige Kulturphänomene und regionale Unverwechselbarkeit eine immer geringere Rolle zu spielen, womit wir bei der letzten unserer eingangs gestellten Leitfragen angelangt sind: Weshalb Heimat? Konkreter gefragt: Besitzt Heimat überhaupt noch irgendeinen Stellenwert? Sind moderne Menschen für so etwas Herkömmliches gegenwärtig noch ansprechbar? Und ist gar ein Verein, der den Begriff „Heimat“ in heutiger Zeit als Teil seines Programms im Namen führt, wirklich noch zukunftsfähig? Unsere Antwort auf diese und die beiden Fragen davor lautet ganz klar: Ja. – In der Tat scheint Heimat unter dem Druck der Globalisierung und ihrer Begleiterscheinungen allmählich zu verschwinden, zumindest auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen aber zeigt sich das Gegenteil – nämlich dass eben gerade durch den Globalisierungsdruck Heimat wieder neu entdeckt, diskutiert und als Wert geschätzt wird. Die universale Gleichmacherei, die manche Forscher als „McDonaldisierung der Welt“ bezeichnen, setzt eine konträre Dynamik in Gang, die den drohenden Verlust kleinkammeriger Kulturformen mit der gezielten Reizinszenierung lokaler Besonderheit beantwortet.

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Jede Stadt, ja selbst jede kleine Gemeinde sucht heute angesichts der um sich greifenden Allerweltskultur nach Alleinstellungsmerkmalen, nach Charakteristika also, die es nur im eigenen Ort und nirgendwo sonst gibt. Globalisierung fördert automatisch zugleich Lokalisierung. Ja beide Vorgänge gehören so eng zusammen, dass ihre Wechselwirkung von der Wissenschaft schon seit einiger Zeit als „Glokalisierung“ beschrieben wird. Und eben hier spielt Heimat nach wie vor – oder besser: erst recht wieder – eine zentrale Rolle.

Welcher Part dies freilich ist und wie sich Heimat in der Postmoderne darstellt, dem sollen unsere folgenden Ausführungen gelten. Allem voran muss gesagt werden, dass Heimat nie isoliert betrachtet darf, sondern immer nur in Korrelation zur Welt. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen. Nur wer die Heimat kennt, kann die Welt verstehen. Und nur wer einmal in der Welt war, vermag die Heimat zu schätzen. Die Erfahrung der Fremde als Voraussetzung für das Verständnis des Eigenen findet sich nicht nur durch viele biographische Zeugnisse bestätigt, sondern wurde etwa für Handwerker über Jahrhunderte hinweg zu einem obligatorischen Bestandteil ihres beruflichen Werdegangs. Ehe sie sich in der eigenen Werkstatt niederlassen konnten, mussten sie zuvor ihre Wanderjahre absolvieren und als fahrende Gesellen weit herumgekommen sein, um schließlich das auswärts Gelernte daheim anwenden zu können: Die Heimat braucht Welt, und die Welt braucht Heimat.

Definitionsversuche des Begriffs Heimat, für die heutige Zeit zumal, gibt es in Fülle. Sie reichen von der eindeutig zu kurz greifenden Aussage aus Wahrigs Deutschem Wörterbuch von 1997, das Heimat einfach als „Ort, an dem man zuhause ist“ beschreibt, über die Feststellung des Liedermachers und Schauspielers Herbert Grönemeyer, für den Heimat „kein Ort, sondern ein Gefühl“ ist, bis hin zu Martin Walsers bewusst provozierender Formulierung, Heimat sei „der schönste Name von Zurückgebliebenheit.“ Wir wollen diesen Beschreibungsversuchen hier keinen weiteren hinzufügen. Es wäre gewiss ebenso fragmentarisch und unbefriedigend wie alle anderen. Viel wichtiger ist es, sich am Beginn jeder Überlegung zu Heimat der Tatsache bewusst zu werden, dass man sich unter Heimat niemals als etwas Statisches, allgemeinverbindlich Festgelegtes vorzustellen hat, sondern dass es sich bei ihr grundsätzlich um eine dynamische, manchmal sogar fluide, jedenfalls aber immer individuell variierende Größe handelt. Sie ist nicht einfach ein Fakt, sondern in erster Linie ein Konstrukt in unseren Köpfen. Das mag den Leser zunächst befremden. In den Kulturwissenschaften jedoch besteht darüber seit langem Konsens.

Wie subjektiv die Wahrnehmungen von Heimat sind, ist mit einem einfachen Experiment überprüfbar: Würde man einer Reihe von Personen, die ihren Hauptwohnsitz alle am selben Ort haben, je eine Landkarte vorlegen und sie auffordern, darin einzuzeichnen, was sie als ihre Heimat betrachten, so kämen dabei ganz unterschiedliche Konzepte von Heimat heraus. Wer immer am betreffenden Ort gelebt und diesen kaum einmal für längere Zeit verlassen hat, könnte seine Heimat vermutlich mit einem einzigen kleinen Kreis auf der Karte bestimmen. Wer sich am genannten Ort zwar zuhause fühlt, aber viel herumkommt, täte sich mit seiner Entscheidung schon schwerer. Wenn seit der Kindheit ein Umzug in eine andere Region oder gar mehrere Wohnortwechsel stattgefunden haben, so wird die Sache noch schwieriger. Gibt es dann zwei Heimaten, die alte und die neue, oder gibt es bei größerer Mobilität so etwas wie Lebensabschnittsheimaten, Heimaten unterschiedlicher Intensität? Ist Heimat die jeweils aktuelle Umgebung oder hat Heimat nicht doch eher mit Vergangenheit, mit der Welt unserer Kindheit zu tun? All das sind keine gesamtgesellschaftlich zu beantwortenden, sondern allein individuell zu entscheidende Fragen.

Unser Heimatbegriff ist aber nicht nur biographieabhängig, wie eben gezeigt, sondern er ist zudem noch situationsbedingt. Auch das lässt

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sich mit einem kleinen Experiment belegen: Wenn ein Villinger nach Schwenningen kommt, ist er – sofern er das überhaupt tut – dort ein Villinger. Wenn ein Villinger und ein Schwenninger zusammen – stellen wir es uns zumindest einmal vor – nach Stuttgart fahren, so stammen sie dort bereits aus Villingen Schwenningen. Wenn sie miteinander nach München reisen, dann gelten sie an der Isar ungeachtet der badischen Wurzeln des einen und der württembergischen des anderen alle zwei als Baden-Württemberger. Wenn sie gar einen Trip nach Paris machen, so sind sie an der Seine einfach nur noch zwei Deutsche. Und wenn sie zuletzt in Peking aus dem Flugzeug steigen, dann fühlen sie sich dort im asiatischen Alltag lediglich noch als Europäer. Mit wachsendem Abstand vom Wohnort wird also die Sicht auf Heimat immer weiter und unschärfer: nicht mehr nur lokal, sondern regional, national oder schließlich sogar kontinental. – Trotz dieser irritierenden Wandelbarkeit und trotz der Unmöglichkeit, sie auch nur annähernd objektiv zu fassen, sind unsere Vorstellungen von Heimat aber alles andere als bedeutungslos oder beliebig. Sie korrelieren vielmehr sehr fein mit unseren jeweiligen Befindlichkeiten, gehören unabdingbar zur kulturellen Ausstattung jedes Einzelnen von uns und machen einen entscheidenden Teil unserer Lebensqualität aus.

Dass Heimat keineswegs nur eine Chimäre ist, ein bloßes Phantasiegebilde also, das man einfach hinter sich lassen und quasi abstreifen kann, wird spätestens klar, wenn sich unsere Gefühlswelt aufgrund unerfüllter Sehnsucht nach zuhause durch Heimweh eintrübt. Nahezu jeder hat es irgendwann schon einmal selber erlebt als merkwürdiges Gemenge von Traurigkeiten über die temporäre oder endgültige Trennung von der gewohnten Umgebung, den Verlust von lieb Gewonnenem, den Abschied von Vertrautem. Im 18. Jahrhundert wurde das Heimweh von Medizinern sogar als regelrechte Krankheit eingestuft, in den zeitgenössischen Diskursen auch „Schweizer Krankheit“ genannt, weil man damals insbesondere bei jungen Arbeitsmigrantinnen in der Schweiz gravierende Fälle von Heimweh mit weit reichenden Folgen bis hin zum Suizid beobachtete. Heute, im Zeichen hoher Mobilität, versuchen wir das Heimweh salopp zu bagatellisieren und belächeln seine frühere Interpretation als pathologischen Befund wie eine Kuriosität. Dennoch kann es auch uns noch zuweilen empfindlich zu schaffen machen und uns dann unvermittelt spüren lassen, welche Kraft das Phänomen Heimat nach wie vor, ja gegenwärtig vielleicht sogar wieder verstärkt hat.

Heimat – historischer Wandel eines Begriffs

Was den Bedeutungsgehalt des Begriffs „Heimat“ angeht, so hat sich dieser im Lauf der Geschichte mehrfach gewandelt – ein Indiz für die Dynamik und Lebendigkeit der damit verbunden Vorstellungen. Ursprünglich war das Wort „Heimat“, von der germanischen Wurzel „heima“ für „Bleibe“ kommend, in erster Linie ein Rechtsbegriff. Es bezeichnete vom Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein schlicht den Ort, wo man das Recht hatte, sich häuslich einzurichten und zu bleiben, konkret also „Haus“ und „Hof“. Über eine Heimat in solch besitzrechtlichen Sinne verfügte demnach nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung. Die weitaus meisten Menschen waren ohne Wohneigentum und damit heimatlos. Und da ihnen eine irdische Heimat versagt blieb, wurden sie von der christlichen Katechese umso intensiver beschwichtigend auf die himmlische Heimat verwiesen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum die Euphemismen in Todesanzeigen bis heute überwiegend auf die Heimatmetapher zurückgreifen: Anstelle von „gestorben“ werden Sprachbilder wie „heimgegangen“ oder „in die ewige Heimat abberufen“ verwendet.

Ab dem 18. Jahrhundert traten neben den primär rechtlich-materiellen Sinngehalt des Heimatbegriffs zunehmend weitere Semantiken. Heimat wurde jetzt mehr und mehr auch als Kontrast zur Fremde verstanden – dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass viele Besitzlose als Arbeitsmigranten eben „in die Fremde“ mussten.

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Als Heimat galt nun das Nahe, Vertraute und Geborgenheit Vermittelnde – als Fremde hingegen das Ferne, Ungewisse und schwer Einschätzbare. Damit wuchs dem Begriff Heimat eine stark emotionale Komponente zu. Er wandelte sich zum Gefühlswert. Die Frühromantik schuf hierfür in einschlägigen Gedichten und Liedern die literarischen Grundlagen. Im Zeichen der industriellen Revolution, der massenhaften Landflucht und der meist vergeblichen Glückssuche Tausender in den rasch wachsenden Städten steigerte sich die sentimentale Aufladung von Heimat weiter. Diese mit Wehmut beschworene Heimat gehörte nun allen. Von ihr konnte jeder träumen – aber eben nur träumen.

Fortan bezeichnete Heimat im populären Gebrauch, der wesentlich über das Medium Volkslied vermittelt wurde, überwiegend etwas Vergehendes oder bereits Vergangenes. Die schönsten Heimatlieder stammen aus einer Zeit, in der das Besungene längst nicht mehr selbstverständlich, sondern bereits vom drohenden Untergang überschattet, wenn nicht schon untergegangen war. „Am Brunnen vor dem Tore“ entstand, als es den Lindenbaum als Ort der Begegnung und Beschaulichkeit kaum noch gab, und „Im schönsten Wiesengrunde“ besang mit dem Heimathaus in verträumter ländlicher Umgebung eine Idylle, die damals bereits der Urbanisierung zum Opfer gefallen war. Heimat als literarisch-musikalischer Topos wurde nun also, wie Konrad Köstlin es formulierte, zum „Signum des Verlusts“, während sich die Vorstellungen von Heimat auf einige wenige, teils noch bis heute geläufige Klischees vom unbeschwerten Landleben reduzierten.

Nach der gescheiterten Revolution von 1848 erhielt der sentimentalische Heimatbegriff einen neuen Schub, weil man sich nun ohnedies aufs Kleinräumige und Provinzielle zurückzog und Werte wie Innerlichkeit propagierte. Damit wuchs ihm endgültig eine sehr stark rückwärtsgewandte und utopische Ausrichtung zu. Heimat wurde fortan zum Fluchtort vor neuen Wirklichkeiten und zu einer Art Verteidigungsbastion gegen Modernisierung. Überschaubarkeit, Verlässlichkeit, Dauer, Ordnung und Harmonie – diese Werte, allesamt in die Formel „Heimat“ eingelagert, standen gegen Wandel, Entfremdung, Unübersichtlichkeit, Massengesellschaft. Das Begriffspaar „Heimat und Fremde“ fand seine reale Entsprechung in zwei scharf kontrastierenden Modellen menschlicher Behausung: in der zum höchsten Ideal stilisierten Dorfidylle auf der einen und dem geschmähten Moloch Großstadt auf der anderen Seite. – Nun vollzog sich übrigens auch eine spezifische Aneignung von Heimat im Bürgertum. Man ging in die Sommerfrische, verließ die graue Stadt und begab sich aufs Land, um die in Liedern und in der Literatur entworfenen Heimatbilder wenigstens bruchstückhaft in der Realität wieder zu finden, sofern man es sich leisten konnte. Die etwas weniger Betuchten näherten sich der Heimat im Rahmen ihrer bescheideneren Möglichkeiten: Sie begannen sie zu erwandern und genossen sie als Naturerlebnis. Entsprechende Vereine entstanden: der Schwarzwaldverein (1864), der Schwäbische Albverein (1888) und andere.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrten sich die Bestrebungen, Heimat als zentrale identitätsstiftende Ressource zu erhalten und dies auch institutionell abzusichern: Die Heimatschutzbewegung formierte sich. Man entwickelte pflegende Konzepte und förderte ganz bestimmte, nach bürgerlichen Maßstäben ausgewählte Teile der Volkskultur, nämlich das Edle, Schöne, Sonntägliche. Was konsequent ausgeblendet blieb, waren das Schmutzige, das Elende, die mangelnde Hygiene, auch das Obszöne und Ordinäre popularer Kultur. In der bildungsbürgerlichen Organisation spektakulärer städtischer Fastnachtsbräuche ist diese bereits durch Aufklärung und Romantik in Gang gesetzte Veredelungs- und Ästhetisierungstendenz vormals widerspenstiger und unbotmäßiger Volksbelustigungen besonders deutlich erkennbar. Die Kölner Karnevalsreform von 1823 hatte für eine solch „gesittete“ Neugestaltung der närrischen Tage schon früh ein Konzept geliefert, das weit über das Rheinland hinausstrahlte – mit dem

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Effekt, dass in den folgenden Jahrzehnten auch im ganzen schwäbisch-alemannischen Raum „Carneval“ nach Kölner Vorbild gefeiert wurde. Erst zwischen 1880 und 1910 kehrte man im Südwesten unter weiterhin penibler Beachtung des bürgerlichen Verschönerungsgedankens zu den bodenständigen Formen der alten Fastnacht zurück.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde Heimatkunde Schulfach. Dabei bekam eine Metapher immer mehr Bedeutung, deren Veranschaulichungsmodell problematisch ist – nämlich diejenige von der „Verwurzelung“ des Menschen in seiner Heimat. Sie geht wesentlich auf Eduard Spranger zurück, der sie in seinem berühmten, 1923 erschienenen Aufsatz „Vom Bildungswert der Heimatkunde“ propagierte. Erst in den 1990er Jahren hat der schon einmal zitierte Konrad Köstlin das heute immer noch gern gebrauchte Sprachbild der heimatlichen Verwurzelung angesichts der Mobilität der modernen Gesellschaft mit der simplen Aussage konterkariert: „Bäume haben Wurzeln, Menschen haben Beine“. – Im Dritten Reich, dessen Missbrauch des Heimatbegriffs als ideologisches Instrument ein Thema für sich wäre, wurden „Blut und Boden“ zu zentralen Schlagworten eines kämpferisch-aggressiven Verständnisses von Heimat. Das Genre des Heimatfilms stand im Dienste der NS-Ideologie, und neue Wortschöpfungen wie „Heimatschutz“ oder „Heimatfront“ unterwarfen die gesamte Heimatidee der militärischen Propaganda des Zweiten Weltkriegs.

Bei Kriegsende nahm das Thema Heimat angesichts des Heimatverlusts von rund 12 Millionen Menschen eine neue, ebenso dramatische wie tragische Wendung an. Die „Heimatverwiesenen“, wie die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten genannt wurden, mussten nach traumatischen Trennungserlebnissen von ihrem Zuhause eine neue Bleibe im Westen suchen und finden. Dass die Unterbringung einer so riesigen Zahl von heimatlos Gewordenen in den vom Schicksal der Vertreibung verschonten Teilen Deutschlands keine sozialen Unruhen auslöste, sondern dass diese Herausforderung trotz der einen oder anderen Irritation im Endeffekt enorme Kräfte der Solidarität freisetzte, verdient bis heute höchste Bewunderung. Aus Notquartieren entstanden Unterkünfte, aus Unterkünften Siedlungen, aus Siedlungen eigene Orts- und Stadtteile. Ganze Wohnungsbauprogramme bekamen den Namen „Neue Heimat“. Ein Dach über dem Kopf zu haben, aber hieß noch lange nicht, wirklich daheim zu sein. Um Beheimatung im vollen Sinne zu erreichen, waren weit größere Anstrengungen notwendig. Wie sich damals alle Teile der deutschen Bevölkerung – die Vertriebenen ebenso wie die Aufnahmegesellschaft – miteinander arrangiert und gemeinsam den Wiederaufbau eines zerstörten Landes in die Hand genommen haben, war eine Leistung, die in dieser Größenordnung in der Geschichte ohne Beispiel ist.

Auch in den Folgejahrzehnten nahm der Heimatbegriff immer wieder neue Facetten an. Eben durch die Erfahrung von Flucht und Vertreibung, die unauslöschlich in die Biographie vieler eingeschrieben war, erlebte in den 1950er-Jahren die sentimentale Heimatidee wieder eine Renaissance. Rührselige Heimatfilme und Heimatromane, die jedoch weniger das Thema des Heimatverlusts aufgriffen als die Utopie einer intakten Heimat in harmonischen, meist alpinen Naturkulissen vermittelten, hatten jetzt Hochkonjunktur. Derartige mediale Inszenierungen von Heimat sollten wohltuend wirken und wurden zur Projektionsfläche einer heilen Welt. Ihr eigentliches Erfolgsgeheimnis aber war zweifellos der Beschwichtigungscharakter nach den bitteren Ereignissen der Historie. – In bewusst scharfem Kontrast zu diesen gefühlsbetonten Heimatimaginationen der Nachkriegszeit formierten sich ab den frühen 1970er Jahren lokale und regionale Heimatbewegungen ganz anderer Art, die sich offensiv gegen mediale Verdummung wandten und kämpferische Ziele verfolgten. Ihnen ging es um die Verteidigung einer lebenswerten Heimat angesichts der Gefährdungen durch neue risikoreiche Technologien.

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Am effektivsten waren hier im deutschen Südwesten die Gegner des geplanten Kernkraftwerks in Wyhl am Kaiserstuhl, die ihren Protest konsequent in Mundart artikulierten, eine ganz neue Kultur lokaler Liedermacher entstehen ließen und die Kraft des Alemannischen plötzlich zur Identifikationsgrundlage einer rasch wachsenden Bürgerbewegung machten. Heimat wurde damit zur Ressource unbequemer Auflehnung gegen die etablierte Politik – am Ende mit Erfolg.

Die Politik wiederum, aufgeschreckt durch solche Formen heimatverbundener Widerständigkeit, zeigte sich nun ihrerseits neu am Thema Heimat im Sinne eines aktiv zu gestaltenden Gemeinguts interessiert. Hatten die politischen Akteure noch kurz zuvor, getrieben von der Kritik der 1968er-Generation, alles im Verdacht der Provinzialität und Fortschrittsfeindlichkeit Stehende weit von sich gewiesen und sogar Heimatkunde als Schulfach abgeschafft – in Baden-Württemberg wurde sie zunächst durch „Sachkunde“, später durch „Menuk“ (Mensch, Natur, Umwelt, Kultur) abgelöst –, so unternahmen sie nun Anstrengungen in genau umgekehrter Richtung. Nach und nach etablierten die Bundesländer landesweite Veranstaltungen, mit denen das Heimatgefühl offiziell und mit dem Segen der Politik gefördert werden sollte. Nach dem Vorbild des „Hessentages“, der 1961 eine Art Vorläufer gebildet hatte, kreierten 1978 Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein spezielle Heimattage bzw. ein Landesfest, dann folgten Niedersachsen (1981), Rheinland-Pfalz (1984), das Saarland (1988), Sachsen (1992), Brandenburg (1995), Sachsen-Anhalt (1996), Thüringen (1996), Mecklenburg-Vorpommern (2000) und schließlich Nordrhein-Westfalen (2006). Man mag über Gestaltungsfragen streiten – ohne Zweifel sind jedoch diese Veranstaltungen ein redlicher Versuch, in einer Welt voller Veränderungen Heimat als wichtige Grundlage und Garant für Lebensqualität im öffentlichen Bewusstsein präsent zu halten und Identität zu stiften.

In jüngster Zeit verbinden sich mit dem Thema Heimat Herausforderungen, die an Komplexität wahrscheinlich alles Bisherige übertreffen, weil sie nunmehr globale Dimensionen haben: Der Zustrom von Geflüchteten und Schutzsuchenden aus unterschiedlichsten Regionen und Kulturen der Welt, der Europa als bevorzugtes Migrationsziel vor enorme Probleme stellt und in Deutschland spätestens seit 2015 einen Großteil des politischen Diskurses bestimmt, hat das öffentliche Nachdenken über den Stellenwert von Heimat neu entfacht und die Auseinandersetzung damit auch deutlich zugespitzt. Das Spektrum der Aktionsebenen reicht hier von der medialen Dauerdiskussion grundsätzlicher Fragen zur Beheimatung von Zuwanderern über eine zunehmende Vereinnahmung des Themas Heimat durch populistische Kreise bis hin zur Einrichtung eines Bundesministeriums, das in seinem Namen explizit den Begriff Heimat führt. Ein differenzierteres Eingehen freilich auf diese aktuellen Entwicklungen oder gar ihre Bewertung aus kulturanalytischer Sicht würden den Rahmen des vorliegenden Beitrags sprengen. Beschränken wir uns also stattdessen auf ein paar abschließende und ordnende Gedanken.

Zukunft der Heimat und Heimat der Zukunft – drei Forderungen

Kommen wir am Ende noch einmal auf unser Modell der drei Kulturdimensionen Raum, Zeit und Gesellschaft zurück, wie es als Systematisierungshilfe auf die Gesamtheit aller kulturellen Phänomene und Prozesse zu deren besserem Verständnis anwendbar ist, so stellen wir fest, dass exakt diese Dreidimensionalität auch dem Heimatbegriff zugrunde liegt, weil unsere Vorstellung von Heimat sich zu gleichen Teilen aus einer räumlichen, einer zeitlichen und einer gesellschaftlichen Komponente konfiguriert. Die räumliche Dimension ist diejenige, an die wir in der Regel als erste denken, wenn die Rede auf Heimat kommt. Mit Heimat verbinden wir zunächst einmal irgendeine geographische Vorstellung, einen Ort oder eine Gegend. Dass allerdings die „mental maps“, die gedachten

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Landkarten, die wir dabei als heimatlich in unseren Köpfen haben, sehr individuell und unterschiedlich zugeschnitten sind, darf nicht vergessen werden. Loten wir die Semantik unserer Heimatvorstellung genauer aus, so zeigt sich: Neben dem meist primär wahrgenommenen Raumbezug ist dem Begriff Heimat eine mindestens genauso bedeutende zeitliche Dimension eingeschrieben. Mit Heimat verbinden sich stets auch Erinnerungen, meist diejenigen an die ersten Lebensjahre. Der mit wachsendem Alter mehr und mehr verklärte Blick in die verlorene Kindheit ist nichts anderes als die erträumte Rückkehr in eine Heimat, die es so nicht mehr gibt. In diesem zeitlichen Sinne bildet Heimat übrigens immer noch wie in der Romantik eine Metapher für Verlust. Das Allerwichtigste aber, was Heimat ausmacht, ist zweifellos die soziale Dimension. Wo Menschen sind, mit denen man sich versteht und bei denen man Verständnis findet, erlebt man Beheimatung. Gut nachbarschaftliches Nebeneinander und freundschaftliches Miteinander gehören ganz sicher zu den tragfähigsten Elementen, die in der komplexen Gesellschaft von heute Heimat begründen.

Aus dieser Bindung des Phänomens Heimat an die drei Kulturdimensionen ergeben sich – analog dazu – für eine gegenwartsadäquate und zukunftsorientierte Konzeptualisierung von Heimat drei Forderungen. Die erste, resultierend aus der Dimension Raum, lautet: Heimat braucht definierte Orte. Damit ist gemeint, dass Menschen irgendwo ein klar lokalisierbares Zuhause haben müssen, wo sie hingehören und wo sie sich geborgen fühlen. Selbstverständlich kann dieses Zuhause im Lauf eines Lebens wechseln, heute mehr denn je. Heimatorte können sich auch vermehren und nebeneinander bestehen, sie dürfen sich aber nicht verflüchtigen. Ein besonderes Augenmerk der Gesellschaft sollte sich in diesem Zusammenhang auf Neuankömmlinge und Migranten richten. Gerade sie müssen möglichst bald nach ihrer Ankunft eine stabile Bleibe und einen festen Ort der Behausung finden. Jedwedes behördlich verordnete oder von den Betroffenen selbst gewählte Hin und Her zwischen unterschiedlichsten Aufnahmeeinrichtungen, schlimmstenfalls noch in der Anonymität von Großstädten, ist für einen erfolgreichen Integrationsprozess hochgradig kontraproduktiv.

Die prinzipielle Ortsgebundenheit von Heimat darf freilich nicht etwa als Plädoyer für kleinbürgerliche Enge, provinzielle Unbeweglichkeit oder gar Kirchturmdenken gedeutet werden. Dies wäre ein fatales Missverständnis. Wer durch längeres Leben an einem Ort geprägt und dort beheimatet ist, muss unbedingt auch über die Grenzen seiner Heimat hinausschauen, sie temporär verlassen und anderswo Erfahrungen sammeln. Die Dialektik von Nähe und Ferne, wonach man erst fort gewesen sein muss, um heim zu kommen, gilt für die hochmobile Gesellschaft der Moderne in ganz besonderem Maße. Das Eigene gewinnt erst Konturen in Relation zum Fremden. Und diesem gegenüber sollte man sich nach Möglichkeit stets neugierig und offen zeigen. Auch das haben uns frühere Generationen gelehrt. Nicht nur wandernde Handwerksgesellen, von denen bereits die Rede war, sondern ebenso Kaufleute, Händler, Gelehrte, Künstler sorgten für einen ständigen Austausch zwischen Heimat und Welt. Weil sie alle sich mit wachen Augen in der Fremde Anregungen geholt und diese in die eigene Lebenswelt eingebracht haben, ist das kulturelle Erbe unserer unmittelbaren Umgebung so bunt und vielfältig.

Wenn wir von definierten Orten als notwendige Basis für die Entwicklung einer Heimatbindung oder zumindest eines Heimatbezugs reden, so gilt es – ohne kulturpessimistisch zu sein – noch an ein besonderes Problem veränderter Ortswahrnehmung und Raumaneignung in der Moderne zu denken: an die zunehmende Auflösung des realen Raums in der Virtualität der digitalen Medien. Sie macht sich vor allem im Dasein Jugendlicher bemerkbar. Wer als 12- oder 15Jähriger täglich mehrere Stunden damit zubringt, im virtuellen Raum zu surfen, wo die ganze Welt gleich nah und gleich fern ist, wer tage- oder nächtelang an der PlayStation mit computeranimierten Figuren durch

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phantastische artifizielle Spiellandschaften jagt, der verliert allmählich die Bindung an den physischen Raum, in dem er lebt. „Real life“ gegen „virtual reality“ einzutauschen, führt mit wachsender zeitlicher Ausdehnung zum schleichendem Realitätsverlust, mündet in eine rastlose Cyberspace-Odyssee und endet schließlich in der Heimatlosigkeit. Beheimatung ist nämlich nur an realen Orten möglich, im Internet kann niemand zuhause sein.

Unsere zweite Forderung, bezogen auf die Dimension Zeit, lautet: Heimat braucht kulturelles Gedächtnis. Um irgendwo heimisch werden zu können, sollte man nicht nur mit der Gegenwart der Umgebung vertraut sein, in der man sich bewegt, sondern auch etwas über deren Vergangenheit wissen. Früher wurden die Grundlagen hierfür meist schon durch innerfamiliäres Erzählen lokaler Geschichten und durch die einfache mündliche Weitergabe von Erinnerungen geschaffen. Mit der Ablösung der Mehrgenerationenfamilie durch die Kleinfamilie infolge zunehmender Mobilität änderte sich dies allerdings entscheidend: Die für den Entstehungsprozess von Generationen übergreifendem Gedächtnis enorm wichtige Großeltern-Enkel-Kommunikation ging rapide zurück und ließ den persönlichen Austausch über Unvergessenes aus der eigenen Nahwelt mehr und mehr versiegen. Der globale Eroberungszug moderner elektronischer Medien bis hin zu ihrer heutigen Omnipräsenz in sämtlichen Lebensbereichen reduzierte schließlich die Gesprächskultur selbst unter den Mitgliedern von Kleinfamilien auf ein Minimum und brachte die orale Weitergabe von kleinräumigem historischem Wissen so gut wie ganz zum Erliegen.

Nach dem weitgehenden Ausfall der vormals zentralen Instanz zur Herstellung von Vertrautheit mit lokaler Geschichte, nämlich der Familie, bedürfte es eines ganz erheblichen Engagements externer Sozialisations- und Bildungseinrichtungen, um entsprechende Kenntnisse als Basis für die historische Dimensionierung von Heimat zu vermitteln. Das Vorhandensein eines kollektiven Verständnishorizonts über die heimatliche Umgebung und ihre Geschichte ist vor allem deshalb so wichtig, weil es die Grundlage für identitätsstiftenden Gesprächsstoffs bildet. Erst wenn nämlich Menschen neben der Orientiertheit über das tagesaktuelle Geschehen in einem bestimmten Raum auch Wissen über dort früher Gewesenes miteinander teilen, sich darüber austauschen und gemeinsame Narrative haben, kann Identität entstehen. Heutige Schulen vermögen die notwendigen Voraussetzungen hierfür nicht mehr zu schaffen. Zur Verfolgung entsprechender Lernziele fehlen ihnen aufgrund des ostentativen Abrückens der Lehrpläne von vermeintlicher Kleinkariertheit und als Folge von falsch verstandenem pädagogischem Modernismus seit langem die geeigneten Instrumente: Die Verallgemeinerung der ehemaligen Heimatkunde auf eine weder explizit ortgebundene und noch dezidiert lokal- oder regionalhistorische Beschäftigung mit Mensch, Natur, Umwelt und Kultur dient nicht zur Förderung eines reflektierten und erst recht nicht eines konstruktiv-kritischen Heimatbewusstseins. Hieran etwas zu ändern, ist Lehrern durch Ausbildungsdefizite und mangelnde curriculare Vorgaben, für die einstmals als progressiv geltende Bildungstheoretiker die Verantwortung tragen, wie auch durch das Fehlen geeigneter Unterrichtsmaterialien kaum möglich.

Mindestens ebenso große Bedeutung wie dem schulischen Sektor, vielleicht sogar ein noch höheres Gewicht, kommt bei der Weckung von Interesse an der Heimat und ihrer Geschichte den Kindergärten zu. Sie sind nämlich die allerfrühesten außerfamiliären Agenturen der Kulturvermittlung – und dies sowohl für Kinder deutscher Herkunft als auch für solche aus fremdkulturellen Kontexten, aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund also. Gerade ihnen beim Hineinfinden in die historisch gewachsenen Denk- und Vorstellungswelten der Aufnahmegesellschaft zu helfen, sie behutsam an die Kultur der Einheimischen heranzuführen und sie mit deren Wertordnungen vertraut zu machen, ist eine Aufgabe von herausragender Wichtigkeit. Was hier Hunderte von Erzieherinnen –

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übrigens ohne dafür hinlänglich ausgebildet, geschweige denn angemessen bezahlt zu sein – Tag für Tag leisten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es sind, wie gesagt, in erster Linie die vorschulischen Kulturvermittlungsangebote, nicht die Schulen, mit denen die entscheidenden Grundlagen für Integration geschaffen werden – Basisarbeit, wie sie später kaum noch nachzuholen ist.

Die dabei von den Kindergärtnerinnen verlangte Leistung ist vor allem deshalb so anspruchsvoll, weil sie ein feines Gespür für die jeweilige Lebenssituation der Migranten voraussetzt, insbesondere für deren von außen oft nur sehr schwer einschätzbare kulturelle Befindlichkeit. Im Unterschied zu Migranten früherer Generationen – etwa Amerika-Auswanderern des 19. Jahrhunderts, die ihrer alten Heimat Europa endgültig den Rücken kehrten, allenfalls noch Briefkontakte pflegten, aber ansonsten gänzlich in der Kultur der Neuen Welt aufgingen – bleiben heutige Migranten durch die modernen Kommunikationstechnologien, durch Fernsehen, Mobilfunk und Internet, aber auch durch günstige Fernreisemöglichkeiten zeitlebens intensiv mit ihrer Herkunftsregion und der dortigen Kultur verbunden. Sie bewegen sich daher ständig in einem kulturellen Dazwischen, einem Spannungsfeld aus Primärkultur und Aufnahmekultur, das innerfamiliär in der Regel immer von der ursprünglichen kulturellen Prägung dominiert bleibt. Der angemessene Umgang mit eben dieser hochkomplexen Disposition, von der Forschung als Transkulturalität bezeichnet, die sich zwangsläufig auch auf die Kinder der Migranten überträgt, bedeutet für das Kindergartenpersonal die eigentliche Herausforderung. Die Kunst der Erzieherinnen muss nämlich darin bestehen, den kulturellen Baukasten, den Migrantenkinder von Haus aus mitbringen, einerseits grundsätzlich zu respektieren und ihn andererseits doch einfühlsam zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Die Erfüllung dieser Aufgabe, Zuwandererkinder unter Wahrung ihrer bisherigen kulturellen Identität zugleich auch in der Aufnahmekultur und deren geschichtlicher Gewachsenheit zu beheimaten, kommt fast einer Quadratur des Kreises gleich. Eine wirklich fundierte Vorbereitung hierauf müsste daher zentraler Bestandteil der – insgesamt deutlich aufzuwertenden – Ausbildung entsprechender Fachkräfte werden.

Unsere dritte und letzte Forderung, gekoppelt an die Dimension Gesellschaft, lautet: Heimat braucht menschliches Miteinander. Das mag im ersten Moment banal klingen, ist es aber keineswegs. Denn obwohl eigentlich jedem klar sein müsste, dass Heimat nur durch den Aufbau konkreter menschlicher Bindungen entstehen und durch die konsequente Pflege persönlicher Beziehungen, sprich: durch Nähe aufrecht erhalten werden kann, befinden sich weite Teile der jüngeren Generation, der sogenannten digital natives, heute in zunehmendem Maße auf einem fatalen Irrweg: Sie halten ihre Präsenz in sozialen Medien und den flüchtigen Austausch mit dortigen „Freunden“ für wichtiger als den viel näher liegenden Kontakt zu ihrer realen Umgebung. Die Verlagerung der Kommunikation in Online-Communities, häufig noch unter Preisgabe jeglicher Privatsphäre, täuscht Nähe allenfalls vor. Wirkliches Miteinander – und nur dieses kann beheimaten – lässt sich durch Chatten im Internet nicht ersetzen. Die aberwitzigen Bilder von sich selbst isolierenden Kindern und Jugendlichen, die unentwegt in ihr iPhone starren und mitten unter Menschen völlig einsam sind, nehmen wir schon als so selbstverständlich hin, dass sie uns kaum noch auffallen.

Jedoch auch unabhängig von dem merkwürdigen Paradoxon realer Vereinzelung aufgrund medialer Vernetzung muss die Kultur zwischenmenschlicher Verständigung heute erst wieder neu gelernt werden. Neuen Elan braucht der Dialog der Generationen im Zeichen des demographischen Wandels und einer ständig älter werdenden Bevölkerung ebenso wie das Bemühen um ein gutes und vorurteilsfreies Zusammenleben von Alteingesessenen und Zuwanderern. Um diese beiden Problembereiche gravitieren nämlich in letzter Konsequenz sämtliche Heimatdebatten der Gegenwart. Wer sich für Heimat engagiert,

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muss dabei wissen, dass sie stets die drei Dimensionen Raum, Zeit und Gesellschaft einschließt und dass die Konzepte von Heimat, wie wir gesehen haben, hochgradig individuell und von Person zu Person variabel sind. Heimat existiert nicht als Kollektivbesitz per se, sondern sie ist die Summe von vielen, nur bedingt kongruenten Vorstellungen Einzelner. Dies freilich als Schwäche zu deuten, wäre der falsche Schluss. Das Gegenteil trifft zu: Gerade der imaginative und plurale Charakter von Heimat macht ihre Stärke aus. Ideen, je bunter, desto kreativer, haben nämlich die Kraft, neue Wirklichkeiten zu schaffen. Das heißt: Mit unseren Sichtweisen von Daheimsein, von Identität und von Gemeinschaft generieren wir erst Heimat – Heimat, die man ständig neu denken, selbst erarbeiten und im Einvernehmen mit anderen aktiv gestalten muss.

Eben hierzu leistet der Geschichts- und Heimatverein Villingen, dessen Jubiläum den Anlass für die vorliegenden Anmerkungen gab, seit nunmehr fünfzig Jahren einen vorbildlichen Beitrag. Durch die Kompetenz und den Idealismus seiner Mitglieder, verdichtet im beharrlichen Erforschen der Vergangenheit, im wachen Beobachten der Gegenwart und im klugen Vorausdenken für die Zukunft, hat er die Bedeutung der Heimat und ihrer Geschichte ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Er hat hierbei nicht zuletzt gezeigt, wie die Wertschätzung des Eigenen und der respektvolle Umgang mit dem Fremden als kultureller Gewinn für sämtliche Beteiligten miteinander in Einklang gebracht werden können. Gezeigt aber hat er vor allem auch, dass man sich um Heimat fortwährend bemühen muss und dass Heimat eine permanente Aufgabe für jeden Einzelnen von uns darstellt. Zumindest ein Stück weit ist ihm damit die Mitwirkung an jenem Prozess gelungen, den Ernst Bloch in seinem „Prinzip Hoffnung“ als zentrales Postulat formuliert und den er als den „Umbau der Welt zur Heimat“ bezeichnet. In diesem Sinne herzliche Gratulation zur stolzen Bilanz der zurückliegenden Aktivitäten, manifest geworden in einer Fülle von Veranstaltungen, Publikationen und Projekten, und alles Gute für die kommende Zeit: Ad multos annos – auf viele weitere erfolgreiche Jahre.

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