Warum beschäftigen wir uns mit Geschichte? (Günter Rath)

„Der Mensch verwandelt sich und flieht von der Bühne, seine Meinungen fliehen und verwandeln sich mit ihm, die Geschichte allein bleibt unausgesetzt auf dem Schauplatz eine unsterbliche Bürgerin aller Nationen und Zeiten.“ So heißt es in der Schrift Schillers „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, in der er seine Gedanken aus seiner Jenaer Antrittsvorlesung im Mai 1789 zusammengefasst hat.

Der Geschichts- und Heimatverein kann 2019 auf 50 Jahre seiner Neugründung im Jahre 1969 zurückblicken. Jubiläen sind nicht nur Gründe zum Feiern. Sie sind auch Anlässe zum Nachdenken. Jubiläen sind Schwellen zwischen der Vergangenheit und der Zukunft: Schwellen, die uns dazu bringen, inne zu halten, zurückzuschauen auf das, was geschah, zu bedenken, was davon gut und was nicht so gut war.

Dieses Be-Denken des Vergangenen muss nicht allein rückwärts gerichtet bleiben. Vielmehr kann und soll es uns auch dazu ermutigen, den Blick von der Vergangenheit wieder in die Zukunft zu richten und, wenn nötig, Korrekturen vorzunehmen, oder gar neue Ziele abzustecken. Jubiläen sind zwar Schwellen, aber keine Hemmschwellen.

Geschichte ist das, was uns alle angeht. Wer sich mit Geschichte befasst, versucht, das Gegenwärtige ins klärende Licht geschichtlicher Erfahrungen zu rücken. Das können Ereignisse in Politik und Geschichte sein, aber sie müssen es nicht sein. Das Bewahren dieser Ereignisse ist nicht im Zuge nostalgischer Gefühle entstanden, sondern steht für eine ungebrochene bodenständige Überlieferung. Selbstbewusste Menschen stehen dahinter.

Zu den wesentlichen Zielen des Geschichts- und Heimatverein gehört es, für historische Fragestellungen zu sensibilisieren, Initiativen anzuregen und Ratschläge zu bieten, Möglichkeiten engagierter Geschichtspflege aufzuzeigen, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Der aktive Umgang mit unserer Geschichte soll zur Gewinnung und Festigung unserer regionalen Identität beitragen. Geschichte ist kein Museumsgegenstand, sie wirkt mit Macht in unsere Gegenwart hinein. Es liegt an uns, was wir aus unserer Geschichte und Gegenwart für die Zukunft machen. Ihre Gefahren zu erkennen, ihre Chancen zu nutzen ist unsere Verantwortung. Deshalb ist es gut, dass wir dieses Jubiläumsjahr in besonderer Weise nutzen, an Vergangenheit und Zukunft zu denken. Auch unsere Zeit erleben wir als eine Zeit epochaler Umbrüche. Viele Menschen sind verunsichert durch die vielfältigen Formen des technischen Fortschritts und fragen sich: Wohin werden die uns führen? Anderen macht die Globalisierung der Wirtschaft Sorge. Sie sehen ihre Arbeitsplätze bedroht und zweifeln an der Fähigkeit und am Willen der Politik, Lebenschancen für alle zu sichern und für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Viele fragen: Werden wir die Umweltprobleme in den Griff bekommen? Wir alle müssen uns fragen: Wie steht es um die Werte, die nicht an der Börse gehandelt werden? Wie steht es um Ehe und Familie? Wenn man sich vor große Aufgaben gestellt sieht, dann kann es ganz hilfreich sein und den eigenen Horizont weiten, den Blick in die Geschichte zu werfen.

Wir brauchen den Blick in die Geschichte, damit wir soziale und politische Entwicklungen erklären können, und damit wir unsere Verfassung und die gesellschaftlichen Institutionen besser verstehen. Johann Gustav Droysen hat gesagt: Das, was war, interessiert uns nicht darum, weil es war, sondern weil es in einem gewissen Sinne noch ist. Ihm war der gesellschaftliche Auftrag wichtig, junge Menschen sollten angeregt werden,

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sich mit unserer Geschichte und ihren demokratischen Traditionen auseinander zu setzen, um, wie es Gustav Heinemann formuliert hat, „die Quellen unseres freiheitlichen und demokratischen Staatswesens freizulegen und uns zu ihnen zu bekennen.“

Es kommt darauf an, historisch sehen zu lernen, was man fast an allen Themen kann, weil jedes Spezialthema wieder zurückführt zu den Fragen, die hinter jeder historischen Frage stehen: was wir sind und wie wir es geworden sind.

Historisches denken ist auf Verstehen angelegt. So lehrt uns die Geschichte auch zu hören, unseren Ahnen zuzuhören. Geschichte ist Wissenschaft vom Menschen in seiner Zeit. Indem wir die Natur des Menschen erkennen und verstehen lernen, wächst auch unsere Fähigkeit, in der Gegenwart andere Menschen besser zu verstehen. Auf diese Fähigkeit des Verstehens gründet sich Vertrauen, und ohne Vertrauen ist dauerhafter Friede nicht möglich.

Geschichte macht den Menschen nicht klug für ein andermal sondern weise für immer. Dieser berühmte Satz des Historikers Jacob Burckhardt hat noch heute Bedeutung. Das Studium der Geschichte bietet dem politischen Menschen, wie Heimpel es nennt, nicht Ausbildung sondern Bildung, nicht Handlungsanweisung sondern Horizonte. Wir lernen aus der Geschichte nicht, was wir tun sollen, aber wir können aus ihr lernen, was wir bedenken sollen. Dafür, dass wir die Klarheit des Geistes erreichen, dafür brauchen wir die Historiker, denn wer sonst könnte uns den Spiegel vorhalten, der die Wege und Irrwege unserer Anschauungen zeigt, die hinter uns liegen, die wir aber kennen müssen, wenn wir wirklich neue Wege gehen wollen. In der Hessischen Landesverfassung (1946 durch Volksentscheid angenommen) heißt es im Paragraph 56: „Der Geschichtsunterricht muss auf getreue, unverfälschte Darstellung der Vergangenheit gerichtet sein. Dabei sind in den Vordergrund zu stellen die großen Wohltäter der Menschheit, die Entwicklung von Staat, Wirtschaft und Zivilisation und Kultur, nicht aber Feldherrn, Kriege und Schlachten. Nicht zu dulden sind Auffassungen, welche die Grundlagen des demokratischen Staates gefährden.“

In einer demokratischen Gesellschaft muss die Auseinandersetzung mit der Geschichte mehr sein als die Erinnerung an die häufig nur vermeintlich Großen in Staat und Politik, an ihr Handeln und an ihre Taten, die manchmal auch Untaten sind. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte muss das gesellschaftliche Leben in seiner ganzen Breite zu erfassen versuchen. Kulturelle, wirtschaftliche Aspekte der Entwicklung gehören dazu genauso wie politische und kurz- und langfristig bedeutende Ereignisse. Dass Geschichte die Entwicklung der Bürgergesellschaft ist, wusste schon Voltaire (französischer Philosoph und Schriftsteller). Er ist einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert auch „das Jahrhundert Voltaires“ als er schrieb, „die Schürfstätte der Historiker“ sei erstaunlich groß geworden und als er die Geschichte der Künste, also der menschlichen Zivilisation „als die vielleicht nützlichste Art der Geschichte“ hervorhob.

Die Kenntnis der Geschichte ist das Fundament für die Gestaltung der Zukunft. Der erfolgreiche Unternehmer Kurt A. Körber (das Unternehmen ist heute Teil der Körber AG, eines international agierenden Maschinenbaukonzerns. Körber gilt als eine der großen Unternehmerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik) vertrat schon in den Nachkriegsjahren die Ansicht, dass Wirtschaftswachstum allein keine Garantie für den Fortbestand unserer Demokratie ist und dass man nur aus einer eingehenden Kenntnis vom eigenen Standort und von der eigenen Vergangenheit sichere Fundamente für die Zukunft bauen kann. „Es gibt Zukunftsinvestitionen, die sich nicht in Heller und Pfennig auszahlen und dennoch lohnend sind.“

Es ist sicherlich ein Erfolgsmoment und ein Gütesiegel, wenn wir erfolgreiche historische Spurensuche am eigenen Wohnort betreiben, in der eigenen Region, in der Familie, unter Freunden und Bekannten. Bei der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte geht es um Heimatgeschichte im guten Sinn, ohne Kitsch und Betulichkeit: Was Industrialisierung für ein Dorf bedeutet, wie man bei der Integration, früher von Heimatvertriebenen, heute von Flüchtlingen verfahren ist und wie Fremde aufgenommen werden sollen, diese Fragen werden konkret erforscht durch Quellenstudien und Gespräche mit Zeitzeugen.

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Natürlich soll und kann die Beschäftigung mit der Geschichte in einem Geschichtsverein nicht Historiker schaffen, sondern es geht darum, dass historische Laien das Entscheidende lernen, nämlich in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihr eigenes Urteilsvermögen zu schulen und Erfahrungen mit wissenschaftlichen Methoden zu gewinnen.

Die Kenntnis der Geschichte und der Sinn für historische Zusammenhänge ist für die Gestaltung kommender Gesellschaften von großer Bedeutung. Geschichte hat eine aufklärende Funktion. Wer sich mit ihr beschäftigt, auf lokaler Ebene oder im Weltmaßstab wird nicht so leicht von kurzatmigen Prognosen und aufgeregten Propheten aus dem Gleichgewicht gebracht werden können, sondern er erreicht eine Form von Gelassenheit, die die wichtigste Voraussetzung ist für eine rationale Analyse und für begründetes (politisches) Handeln in der Gegenwart.

Die Beschäftigung mit der Geschichte stärkt darüber hinaus den Umgang der Generationen untereinander. Wir erkennen, wie die Generationen miteinander verbunden sind, und dass wir nicht erst heute in eine Umwelt hineingestellt sind.

Geschichte, Gegenwartsbezug und forschendes Interesse und Lernen sind die tragenden Pfeiler unseres Engagements im Geschichts- und Heimatverein seit nunmehr 50 Jahren. Das verlangt aber auch Menschen, die eine Sache tragen und bewegen. Im Jubiläumsjahr 2019 wie im Gründungsjahr 1969 sind die Zielsetzungen des Geschichts- und Heimatvereins gleichermaßen gültig und aktuell: Pflege und Erforschung des überlieferten heimatlichen Kulturguts, Erhaltung des Erhaltenswerten und sinnvolle Neugestaltung überlebter Formen und Gewohnheiten, wo es geboten erscheint, Förderung des Denkmalschutzes sowie des allgemeinen Interesses an Volks- und Heimatkunde, Pflege des heimatlichen Brauchtums. Möge das Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins auch weiterhin für jeden, der sich mit der Geschichte der alten Stadt Villingen und ihrer Umgebung beschäftigen will, Pflichtlektüre sein.

Goethes Wort „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es um es zu besitzen“ bleibe Auftrag und Verpflichtung auch in den kommenden Jahren.

Dem Geschichts- und Heimatverein wünsche ich für die Zukunft gutes Gelingen, die verdiente Wertschätzung der Öffentlichkeit, engagierte Mitglieder und danke allen, die sich in den vergangenen 50 Jahren für den Verein eingesetzt haben und es hoffentlich auch weiter tun werden.

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