Geschichte erfahren (Klaus Weiß)

Die wirkliche Entdeckungsreise besteht nicht darin neue Landschaften zu erforschen, sondern darin, Altes mit neuen Augen zu sehen.

Marcel Proust

Geschichte muss man „erfahren“ Schon der Name des Geschichts- und Heimatvereins unterstreicht den Satz von Marcel Proust: Folgt man den Spuren fremder und vergangener Kulturen, lernt man die eigene Region besser zu erfassen und zu verstehen. Zumal in einer Stadt, wo auf dem Magdalenenberg, dem größten hall- statt zeitlichen Grabhügel Mitteleuropas sich das Bild eines keltischen Fürstenhofes bietet. Wen reizt dies nicht zu „erfahren“, wo dieses Volk herkam und an welchen anderen Orten es seine Spuren hinterließ. Schließlich kommt das Wort „Erfahrung“ von „fahren“, was zeigt, dass der Mensch seit je das Bedürfnis hatte, sich zu bewegen, um damit seinen Erfahrungsschatz zu vergrößern.

Der Autor hatte das Glück und Privileg, Mitglieder des GHV Villingen seit nunmehr 10 Jahren auf den „Fährten“ – kommt auch von „fahren“ – fremder Völker und Zeiten begleiten zu dürfen. Auch wenn uns heute schnelle Jets und komfortable Reisebusse schnell ans Ziel unserer Wünsche bringen, so fühlt sich der geschichtsbewusste Reisende doch in der Tradition eines Phänomens, das wie kein anderes die Kultur der Menschheit weiter gebracht hat.

Reisen – Teil der menschlichen Natur und Kultur

Unsere europäische Literatur beginnt mit den Epen Homers, die sich hauptsächlich ums Reisen drehen. Die Helden brechen aus der gewohnten Umgebung, heute auch spöttisch „Komfortzone“ genannt, auf. Sie verlassen Haus, Hof und Familie, um die Entführung einer Frau, der schönen Helena, zu rächen. Dabei verbindet die Helden inzwischen wirklich nichts mehr mit dieser mythischen Schönheit. Nach vollbrachtem Kampf vor den Mauern Trojas geht die Reise zurück – aber mit Schwierigkeiten. Über zehn Jahre lang schlägt sich der Held Odysseus durch fremde Länder, stellt sich gegen die Missgunst der Götter, verführt schöne Frauen, wehrt Monster und Ungeheuer ab und liegt zum Schluss dann doch wieder in den Armen seiner Gattin Penelope. All diese Erfahrungen machten ihn zum klügsten aller Menschen und umschwärmten Vorbild zukünftiger Generationen. Zwei Aspekte zeigen Homers Reiseerzählungen. Reisende sind oft von irrationalen Motiven getrieben, wobei es sich nicht um eine sagenhaft schöne Frau handeln muss. Man hat gehört, gelesen, erfahren von einem Landstrich, den man unbedingt gesehen haben musste. Der Reisende genießt den Ortswechsel, schaut, staunt, freut sich über die neuen Eindrücke und Erfahrungen, ist dann aber doch froh, es sich wieder in seinem alten Ambiente bequem zu machen. Auch wenn die Gefahren der Reise sich als ganz übersichtlich erweisen, fühlt man sich doch ein bisschen wie der Held Odysseus, wenn die Freunde gebannt den Reiseberichten lauschen.

Aber warum zieht es den Menschen in die Ferne?

Doch liest man die Reiseberichte im Laufe von dreitausend Jahren, eröffnet sich eine erstaunliche Vielfalt an Motiven und Gründen, denen der homo sapiens – oft nicht freiwillig – gefolgt ist. Kaufleute und Pilger, Gelehrte und Künstler, Kuriere und Eroberer, Soldaten und Abenteurer haben stets die ungewisse, aber verlockende Ferne gesucht. Ebenso schillernd waren ihre Motive: die Suche nach einem besseren Leben, die Sorge um das Seelenheil, ein voreilig gegebenes Versprechen, Flucht vor den Gläubigern, Forscherdrang und Abenteuerlust bewogen viele Leute, die Enge ihrer Heimat hinter sich zu lassen.

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Die Sorge um das Seelenheil

Aufschlussreich wäre es zu erfahren, wie viele Villinger in längst vergangenen Zeiten den beschwerlichen Weg über die Alpen bewältigt haben, um in Rom, Jerusalem oder Santiago himmlische Unterstützung für ihr Seelenheim zu suchen. Durch den Besuch bestimmter Kirchen und einem vorgeschriebenen Gebet konnte man einen Ablass seiner jetzigen und sogar zukünftiger Sünden erreichen. So mancher Büßer unternahm die Reise, wenn ein Verbrechen auf seiner Seele lastete und er damit hoffte, den Rest seines Daseins ohne nagende Gewissensbisse zu durchleben. Eine solche peregrinatio poenitentialis (Bußwallfahrt) konnte der arme Sünder noch steigern, indem er (ungekochte) Erbsen in die Schuhe packte und so die Leiden des Alpenübergangs noch steigerte. Solche Episoden entlocken den heutigen Reisenden des GHV Villingen höchstens ein Schmunzeln. Wenn allerdings die Abfahrt lange vor dem Morgengrauen vor der Volksbank startet und die Reiseteilnehmer fröstelnd in den Bus einsteigen, dann fragt sich doch mancher, ob man hier nicht doch der Tradition der peregrinatio poenitentialis folgt.

Dass eine Wallfahrt dazu dient, Gott seine Dankbarkeit zu erweisen, zeigt eine alte Villinger Institution. Als im 18. Jahrhundert eine Viehseuche Bauern und Bürger in Not brachte, versprachen die Bürger der Stadt eine Wallfahrt, wenn sie bald von diesem Übel befreit würden. Als das Viehsterben schließlich aufhörte, gelobten Stadt und Umland 1763 eine regelmäßige Wallfahrt zum Dreifaltigkeitsberg. Industrialisierung und Wohlstand ließen dann irgendwann diese Tradition in Vergessenheit geraten, bis ein geschichtsbewusster Villinger, das Ehrenmitglied des GHV, Adolf Schleicher, den Bußgang wieder aufleben ließ. (Villinger Hefte Nr. 36/2013 und Nr. 37/2014, S. 93).

Der soziale Aspekt stand schon immer im Mittelpunkt

Neben der religiösen Erbauung erweisen sich solche Exkursionen stets als Gemeinschaftserlebnisse. Sie fördern den Zusammenhalt, Meinungen werden ausgetauscht, Erfahrungen verbalisiert, menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten aufs Korn genommen. Der Bestseller von Harpe Kerkeling über seinen Weg nach Santiago zeigt, dass auch in der heuten säkularen Zeit solche Wallfahrten die Menschen in ihren Bann schlagen. (Titel des Buches: „Ich bin dann mal weg.“) Seit je galt bei Pilgern, dass eine Wallfahrt nicht nur zu einem heiligen Ort, sondern auch zu sich selbst führt.

Diesen wichtigen Aspekt hat Geoffrey Chaucer, Vater der englischen Literatur, in seinen im 14. Jahrhundert geschriebenen Canterbury Tales umgesetzt. Die Pilger, eine unwahrscheinliche Gruppe von 28 Leuten treffen sich in einem Gasthof zu einer Wallfahrt zum Grab des hl. Thomas

Becket in Canterbury. Der Wirt macht ihnen einen genialen Vorschlag: Wer immer die beste Geschichte erzählt, gewinnt ein freies Abendessen, wenn sie zurückkommen. Das zahlt sich auch für den Wirt aus, denn er weiß, dass alle Pilger bei der Rückkehr mit dem Gewinner trinken und essen würden. So muss jeder Pilger vier Geschichten zu erzählen: zwei auf dem Weg zum Schrein des Heiligen und zwei auf dem Heimweg. In der Gruppe sind alle Bevölkerungsschichten vertreten, der Ritter ebenso wie der Bettelbruder, die Nonne neben der mannstollen Witwe von Bath. Diese hatte bereits fünf Männer unter die Erde gebracht. Da es noch kein Portal für Partnersuche gab, späht sie „stark, von heißem Blut, keck wie ’ne Elster und voll Übermut“ auf Wallfahrten nach dem sechsten Mann. Mit in der Gruppe der weinfrohe Büttel, der in der Betrunkenheit nur lateinisch redet neben dem gelehrten Arzt, der Oxforder Student neben dem zotenreißenden Müller, der gute Priester neben dem gerissenen Ablasskrämer usw.

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Wohin geht unsere Reise?

Weniger verwegen, aber nicht weniger originell erweist sich das Reisevölkchen, das sich regelmäßig aus der Zähringerstadt im Schwarzwald zu den geschichtsmächtigsten Zielen unseres europäischen Kulturkreises aufmacht. Ausschlaggebend für die Auswahl ist dabei der historische Bezug und die Erweiterung des persönlichen Horizonts. Deshalb kamen auch nie Ziele ins Gespräch, deren Reiz in einer oberflächlichen Exotik zu suchen ist und dem Reisenden nur den flüchtigen Eindruck des Staunens vermittelt.

Zitronen, Tempel und Vulkane

So kann die Exkursion an den Golf von Neapel von 2006 als Beispiel einer nachhaltigen Begegnung mit einer der geschichtsträchtigsten Regionen des Globus gelten. Wo sonst verbinden sich Historie, Botanik, Geologie und Archäologie so eindrücklich mit einer atemberaubend schönen Landschaft. Dass in Neapel unsere ruhmreiche Dynastie der Staufer durch die Hinrichtung Konradins 1268 ihr tragisches Ende gefunden hat, bezieht die Gäste aus den staufischen Kernlanden beim Besuch seiner Grabstätte in der Kirche S. Maria del Carmine in einen großen historischen Rahmen ein.

Doch bewegen sich die Reisen nie auf ausschließlich intellektuellem Terrain. Diese Exkursion nahm z. B. ihren Anfang bei einem Bauern, der den Gästen zeigte, dass es die traditionelle Landwirtschaft noch gibt und dass man sich auch heute dem Zwang der Monokultur entziehen kann. Ein Hof mit Schweinen, Kühen, Geflügel, Gemüse und Obst kennt man in unseren Breiten nur noch aus den Erzählungen der Altvorderen. Was die Schwarzwälder zum Staunen bringt ist die ganze Skala mediterraner Produkte von Artischocken über Auberginen, Oliven, Zitronen und Johannesbrot bis zum Weinstock, der sich – wie bei den Römern – als Ranken von Baum zu Baum zog.

Als ähnlich exklusiv erwiesen sich die Exkursionen: Pompeji, eine Stadt, die von einer Minute zur anderen ihre Existenz einstellte und 2000 Jahre später dem staunenden Touristen ihre Wohnkultur, ihre kommunale Struktur, den in Graffitis festgehaltenen Klatsch und etliche pornographische Enthüllungen preisgaben.

Die geistige europäische Heimat umfängt den Besucher wieder bei den Tempeln von Paestum. Mehr als 2500 Jahre alt und doch von ungebrochener Wirkung durch alle Epochen bis zur heutigen Architektur.

Mit den Staufern an den Stiefelabsatz!

Staufer und Normannen ließen das Reisevölkchen des GHV nicht mehr los, wobei bei der Reise des Jahres 2007 besonders das Vermächtnis des großen Stauferkönigs Friedrich II in den Mittelpunkt trat. Wir begegneten ihm sogar persönlich, als er von einem Fresko der Felsenkirche S. Margherita auf die Schwarzwälder schaute, neben ihm seine englische Frau Isabel und sein Sohn Konrad IV. Die Kirche wurde übrigens auf Empfehlung von Frau Hiekisch besucht, die sich mit der Malkunst des 13. Jahrhundert ausführlich beschäftigt hatte. Höhepunkt einer Apulienfahrt ist immer das faszinierende Bauexperiment des Castel del Monte des Architekturfans Friedrich, von wo der Besucher einen traumhaften Blick über die gewellte Landschaft des Stiefelabsatzes genießt.

Abb. 1: Eines der Ziele in Apulien, Castel del Monte.

Die Reisenden sind immer überrascht, welche Fülle an historischen Erinnerungen Apulien seinen Gästen bietet: Wer fühlt sich nicht an seinen Geschichtsunterricht erinnert, wenn er die Topographie des Schlachtfeldes von Cannae erlebt, wo den Römern durch Hannibal fast das Ende ihres imperialen Dranges geblüht hätte. Welche Zusammenhänge eröffnen sich doch im Heiligtum des Erzengels Michael auf dem Gargano, der zum Schutzpatron der Deutschen wurde und der ihnen den despektierlichen „deutschen Michel“ eingebracht hat. In die Urzeiten der Menschheit sieht sich der Besucher beim Gang durch die Höhlenwohnungen in Matera oder die Steinbauten der Trulli in Alberobello versetzt.

España und sein Goldenes Zeitalter

Ein anderer deutscher König und römischer Kaiser empfing die Reisegruppe im Jahr darauf im fernen Kastilien. Wir folgten Karl V, dessen Rolle im vergangenen Jahr der Reformation 2017 immer wieder beleuchtet wurde. Da er noch keine Hauptstadt hatte, begegnete er uns immer wieder an verschiedenen Stellen. Erst sein Sohn Philipp II machte Madrid zum Zentrum des Landes. Beide liegen in den düsteren Mauern des Kloster El Escorial, das wir nach dem nahegelegenen „Tal der Gefallenen“ besuchten. Faszinierend zu vergleichen, zu welcher Hybris sich ein Diktator – Francisco Franco – im 20. Jahrhundert versteigen konnte.

Abb. 2: Von Avila aus wurde Kastilien erkundet.

In Aranjuez holten den Besucher Erinnerungen an die Schultage ein: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende“ so eröffnet Friedrich Schiller seinen Don Carlos. Das traurige Schicksal dieses Sohnes von Philipp erschien uns noch einmal in Alcalà de Henares, dessen größter Sohn Miguel de Cervantes die Welt mit dem komischen Gespann von Don Quixote und Sancho Pansa zum Lachen brachte.

Schwieriges Katalonien

Columbus aus Genua, Entdecker der Neuen Welt war es, der die Brücke zum Ziel des Jahres 2011 schlug. In Barcelona präsentierte er den staunenden katholischen Königen neben seinem Reisebericht farbige Papageien und verschüchterte Einheimische, die er – in seiner Ahnungslosigkeit – als Indios bezeichnete. Neben der Gotik der Kathedrale erschloss sich die Reisegruppe hier die farbenfrohe Welt des Modernisme, wie er vor allem von Antonio Gaudí im Parc Güell und in der Kathedrale der Sagrada Familia umgesetzt wurde. Das Interesse an moderner Kunst

Abb. 3: Eingang zum Parc Güell mit Blick auf Barcelona.

wich dann doch öfters einem nachdenklichen Wiegen des Kopfes, als wir den künstlerischen Niederschlag von Salvador Dalis exzentrischen Spinnereien in Figueres betrachteten. Natürlich kam das schwierige Verhältnis der Katalanen zu ihrer Zentralregierung in Madrid immer wieder zur Sprache.

Es war die sympathische Polin Barbara Dudek, die ebenfalls 2011 stolz und kenntnisreich die Villinger zu den historischen und künstlerischen Höhepunkten ihrer Heimat führte.

Wenn hinten fern in der Türkei …

Im Jahre 2012 führte die Reise zum alten Konstantinopel in deutlich exotischeres Terrain. Dabei sind die Türkei und ihre Bewohner den Schwarzwäldern beileibe nicht fremd. Gemeint sind nicht nur die türkischen Mitbewohner, die man als gute Nachbarn oder gar Freunde kennt. Leser der Villinger Blätter wissen, dass Türken, lange vor der Ankunft der ersten Gastarbeiter vom Bosporus die Schwarzwälder beschäftigten. Dort (Villinger

Abb. 4: Blick auf den Bosporus und Istanbul.

Hefte Nr. 37/2014, S. 50) lesen wir von einer „Türkentaufe“, die den staunenden Villingern 1646, also noch während des Dreißigjährigen Krieges im franziskanischen Schultheater vorgeführt wurde. Und unser Prinz Eugen, der edle Ritter, der übrigens badische Wurzeln besitzt, bereits 1710 im Mittelpunkt des Theaterstücks „Irene“ stand. Doch trotz dieser uralten Beziehungen kann sich niemand dem exotischen Reiz Istanbuls entziehen, mit seinen sinnbetörenden Bazaren, dem fremdartigen Ruf des Muezzins, der farbenfrohen Ausstattung des Top Kapi mit seinem Harem und der altehrwürdigen Hagia Sophia.

Rule Britannia

Zum anderen Ende unseres Kontinents, nach Cornwall, brachte Bernd Schnekenburgers Bus die Reiselustigen im Jahr 2013. Thematisch wurde auf dieser Reise die Zeit vom

Abb. 5: Stonehenge, Südengland.

paläolithischen Steinmal von Stonehenge bis zu den rührseligen Erzählungen einer Rosemarie Pilcher durchmessen. Auch auf dieser Exkursion waren es die alten Kelten, die die Villinger auf dem Weg begleiteten. In dieser Region soll die mythische Gestalt von König Arthur gewirkt haben. Im düsteren Castle von Tintagel soll sich seine Tafelrunde ihrer Heldentaten gebrüstet haben. In den Ruinen von Glastonbury fand er der Sage nach seine letzte Ruhe, neben ihm die treue Gattin Guinevra. Die römischen Bäder von Bath, die romantischen Gärten von Lanhydrock, die mächtigen Kathedralen von Salisbury and Exeter rundeten das Bild von Merry Old England ab.

Das Dolce Vita darf nicht zu kurz kommen!

Neben dem historischen Aspekt erschloss die zweite Reise des Jahres ins italienische Piemont auch gastronomische Erlebnisse. Ein Besuch in der Tenuta San Mauro inmitten sanftgewellter lieblicher Hügel machte den Schwarzwäldern klar, wie erst die jahrfüllende harte Arbeit des Weingärtners und seiner Familie zum Genuss hochgeschätzter Weine führt. Den leiblich-sinnlichen Genüssen hat sich nämlich das Land „am Fuß der Alpen“ – das bedeutet nämlich Piemont – verschrieben. Das Städtchen Bra, in dem wir wohnten, ist die Wiege von Slow Food, das den Konsum unverfälschter und ortsnaher Ernährung auf seine Fahnen schreibt. Alba dagegen gilt weltweit als Mekka der Trüffelsuche. Dieses Städtchen ist auch die Heimat des Konditors Pietro Ferrero, Erfinder von Kinderschokolade, Nutella, Mon Chérie, Rocher und anderer Leckereien, nicht nur für die Kleinen. Dabei war italienische Lebensart in Tälern des Schwarzwalds schon längst zu Hause. Es waren schließlich Arbeiter der Apenninen-Halbinsel, die schon vor dem Ersten Weltkrieg die Bahnschienen durch die schwierigsten Schluchten des „Foresta Nera“ (Schwarzwald) trieben. Wie gut sich deren Nachfahren bei den als eigensinnig geltenden Schwarzwäldern integrierten, zeigt wiederum ein Bericht der Villinger Hefte über die Familie Camilli (Nr. 37/2014, S. 77).

Besuch bei den „Schwaben“ am Atlantik

Der Völkerwanderung verdanken es Schwaben und Alemannen, dass sie mit den Portugiesen direkt verwandt sind, wie sich auf der Exkursion von 2014 zeigte. Statt sich zwischen Rhein und Neckar anzusiedeln, waren Scharen von Sueben an die Küste des Atlantik gezogen und hatten dort im fernen Lusitanien ein Königreich, das regnum Sueborum, errichtet. Ansonsten waren bei unseren Besichtigungen die portugiesischen Entdecker unsere steten Begleiter, wie sie das Kap der Guten Hoffnung umfuhren und den

Abb. 6: Tal des Douro, Portugal.

Europäern die Weiten des Amazonas erschlossen. Die Bodegas von Porto, das Weingut Quinta da Pacheca am Oberlauf des Douro, die Meeresfrüchte im Restaurant Ribamar in Nazaré zeigen, wie angenehm sich die Faszination der Geschichte mit den Genüssen des Landes verbinden lässt.

Die Insel der liebreizenden Venus

Eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung nahöstlicher Kultur spielte die Insel Zypern in grauer Vorzeit. Das Mineral Kupfer und die schlanke Zypresse leiten ihren Namen von diesem Eiland ab. Hier entstieg die liebliche Venus dem Schaum des Meeres. Und doch leidet das Land an politischer Teilung und dem Hass der Menschen. Mauern und Stacheldraht an einer gutbewachten Grenze waren den Deutschen seit dem Fall der Mauer zur Geschichte geworden, über die man im Unterricht hört. Nun erlebten wir es wieder beim Besuch beider Landesteile. Doch für die geschichtsbewussten Villinger gehörten noch viele andere Aspekte zur Insel: von den Funden der Bronzezeit über Homers Helden, von Richard Löwenherz und den Kreuzfahrern und den Strategien des britischen Empires bis zu den Ansprüchen der neureichen Russen von heute.

Mit Petrarca in die moderne Zeit

Als der junge Mann aus Florenz endlich oben war auf dem Mont Ventoux, am Ziel seiner Träume, schämte er sich. Er hatte einen Berg bestiegen –nur so zum Spaß. Und er konnte das nicht für sich behalten, er musste von der Verzückung und dem gleichzeitigen Erschrecken erzählen. Der Brief über „Die Besteigung des Mont Ventoux“ aus dem Jahr 1336 von Francesco Petrarca gilt als das erste literarische Zeugnis einer Vergnügungsreise.

Abb. 7: Pont du Gard, Provence.

Und die Villinger wollten es ihm gleichtun. Bei dieser Fahrt in die Provence des Jahres 2016 kam immer wieder zur Sprache, wie sich die Zeiten gewandelt hatten. Reisen vor 600 Jahren waren erzwungene Touren, der Not gehorchend, denn eitle Neugier (vanitas curiosa) galt als verwerflich im Mittelalter. Von solchen Skrupeln lässt sich heute kein Reisender mehr die Seelenruhe rauben. Wenn er sich Sorgen macht, dann darüber, wer zuhause die Blumen gießt, warum man gerade jetzt verreist, wo die Rosen ihre schönste Pracht entfalten, ob die Schnecken ihm den Salat zerfressen haben, wenn er wieder zurückkommt. Über die Gefahren der Reise verschwendet man kaum einen Gedanken, schließlich vertraut man den superbequemen Bussen der Firma Luschin und den Fahrkünsten von Bernd Schnekenburger. Anders war es noch bis vor 200 Jahren. Die Kutsche ohne jeden Komfort wurde denn auch von Goethes Zeitgenossen Karl Friedrich Zelter als „eiserner Altar“ bezeichnet, auf dem der Passagier „seine weichen Teile zum Opfer bringt“. Die Wege befanden sich meist in einem erbärmlichen Zustand, Rad- und Achsbrüche waren nichts Ungewöhnliches, die Wagen blieben im Morast stecken oder kippten immer wieder um. Und nicht nur in Italien lauerten Banditen am Wegesrand. Heute „erfahren“ die Reisegäste, entspannt zurückgelehnt im bequemen Bussessel von der Geschichte des Ziellandes, lernen kulturelle Gepflogenheiten kennen, kulinarische Besonderheiten, religiöse Traditionen, umweltfreundliche Initiativen.

Die Barbaren vom Ende Europas

So geschehen auf unserer letzten Fahrt 2017 nach Schottland. Schon die Kunde von dem keltischen Nationalgericht „Haggis“ trieb einige Reisegäste dazu, Strategien zu entwickeln, damit dieser Kelch an ihnen vorüber geht. Dabei stellte sich zur Überraschung der Mutigen heraus, dass die britische Cuisine inzwischen

Abb. 8: Whiskylager, Schottland.

erstaunliche Kreativität entwickelt hat. Als gelungen empfanden es alle Mitreisenden, als sich im Städtchen Carlisle die Möglichkeit bot, im Restaurant „The Viceroy“ mit einer gelungenen Speisefolge aus der indischen Küche das gastronomische Weltbild zu erweitern.

Heidenängste vor den wilden Horden des Nordens gab es dagegen bei Besuchern vom Kontinent schon in antiken Zeiten. Dies wurde der Villinger Gruppe deutlich, als sie auf dem Hadrianswall hörten, dass die römischen Soldaten aus den Garnisonen des sonnenverwöhnten Rheinlandes zum Dienst im rauen Caledonia abgeordnet wurden.

Doch dass der Norden der Insel nicht arm an Genüssen ist, zeigte sich beim Besuch einer Whisky Distillery in den Highlands. Und von wegen Barbaren! Das Land ist stolz auf ein unglaublich reiches literarisches Erbe von der „Schatzinsel“ und dem Roman von Dr. Jekyll und Mr. Hyde des Robert Louis Stevenson über die historischen Klassiker eines Sir Walter Scott, dessen Wohnung die Gruppe besuchte. Überhaupt war die Literatur ein geschätzter Begleiter auf dieser Reise. Wer war nicht bewegt vor dem Elephant House in Edinburgh, wo die Sozialhilfeempfängerin Joanne K. Rowling den ersten Band von Harry Potter schrieb! Es war aber unser Landsmann Friedrich Schiller aus dem schwäbischen Marbach, der die Reisegruppe durch das bewegte Leben der schottischen Königin Maria Stuart begleitete. Ihr Leben und Schicksal beschäftigte alle entlang den Stationen ihres Triumphes und ihres bitteren Endes.

So schließt sich nach jeder Fahrt zwar ein Kreis, er weitet sich aber bei jedem Ziel. Nach der Reise zu neuen Ufern kehrt man zwar zurück zum alten Gewohnten, doch das Alte ist vielfach angereichert durch die Erfahrungen in der Fremde.

So erging es unserem Landsmann Hölderlin, als er heimgekehrt aus der Ferne vom Hardter Hügel aus das Neckargestade bei Nürtingen sieht:

„Ihr milden Lüfte! Boten Italiens!
Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom!
Ihr wogenden Gebirg! o all ihr
Sonnigen Gipfel, so seid ihrs wieder?“