50 Jahre GHV – Ein Blick auf Vereinsleben und Aktivitäten (Günter Rath, Hans Georg Enzenroß)

Die Gründungsversammlung des Geschichts- und Heimatvereins Villingen fand am 10. Juni 1969 mit ca. 200 Personen statt. Dr. Nepomuk Hässler wurde zum 1. Ehrenmitglied ernannt und erhielt gleichzeitig das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Hans Brüstle wurde erster Vorsitzender und in einem ersten Schritt wurden 7 Arbeitsgemeinschaften gebildet. Bereits am 1. August nahm der Verein öffentlich Stellung gegen Pläne der Stadt wegen des Abrisses des historischen Baudenkmals „Mauer am Spitalgarten“. 1973 wurde die „Aktions- und Arbeitsgemeinschaft Stadtplanung- und sanierung Villingen“ gegründet. Am 12. 11. 1976 trat Hans Brüstle als Vorsitzender zurück, Dr. Faas wurde erster Vorsitzender. Hans Brüstle wurde zum ersten Ehrenvorsitzenden ernannt, verstarb aber leider schon am 2. Dezember 1976. 1981 lud der Verein zum Festakt aus Anlass des 75. Geburtstags von Hans Hauser ein und ernannte ihn zum Ehrenmitglied. Von 1983 bis 1986 arbeitete der Arbeitskreis Innenstadt als „Initiative Münsterplatz“ an Ideen und Planung für die Neugestaltung des Münsterplatzes.

Am 8. Dezember schieden Werner Huger als Erster Vorsitzender und Hermann Preiser als Zweiter Vorsitzender aus. Nachfolger wurden Hubert Waldkircher und Günter Rath, am 8. Dezember 1992. Werner Huger wurde Ehrenmitglied und erhielt die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg.

Im Laufe seiner 50-jährigen Geschichte hat der Geschichts- und Heimatverein Villingen mit zahlreichen Exkursionen, Vorträgen, Projekt-förderungen und Meinungsbeiträgen seinem satzungsgemäßen Auftrag entsprochen, die Erinnerung und Vermittlung geschichtlicher Ereignisse wachzuhalten und bis in die Gegenwart zu pflegen, „Wissenschaft und Forschung in stadtgeschichtlicher und regionaler Hinsicht zu fördern, Kunst und Kultur, Denkmalschutz und Denkmalpflege zu gestalten und an der Gestaltung und Erhaltung des Erscheinungsbildes der historischen Innenstadt von Villingen mitzuarbeiten.“

Beim Festakt zum 25-jährigen Jubiläum 1994 präsentierte sich der GHV als angesehener Verein, dessen Ziele und Engagement breite Anerkennung in der Bevölkerung fanden. Die Mitgliederzahl hatte sich seit der Gründung von 81 spontan eingetretenen Mitgliedern auf 434 erhöht und steht heute bei knapp 600. In den ersten 25 Jahren seines Bestehens war er bereits zu einem Faktor geworden, der aus dem kulturellen Leben der Stadt nicht mehr wegzudenken war, eine Entwicklung, die sich auch in den Jahren bis heute fortgesetzt hat.

1997 startete der GHV in Ergänzung zu seinen Jahres- und Tagesexkursionen zu seiner ersten Sonderexkursion, die ihn nach Rom führte. Beeindruckende Führungen durch das antike und christliche Rom begeisterten die Reisegruppe. Reisen unter anderem nach Israel und Jordanien, Prag, Brüssel, Südengland, Pompeij, Padua und Venedig, zu den Schlössern der Loire, in die Toskana, Erfurt, Quedlinburg, nach Andalusien, Sizilien, St. Petersburg, Schottland, Amsterdam und Burgund seien als weitere Beispiele genannt.

Der Franziskusbrunnen an der Westseite der Franziskanerkirche geht auf die Initiative des Lehrers und späteren Schulamtsdirektors Helmut Heinrich und des Kunstschmieds Walz zurück. Werner Huger hat als Vorsitzender diese Initiative spontan und bereitwillig unterstützt und gefördert. Der Brunnen trägt folgende Inschrift:

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„O Herr mach mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe wo man sich hasst, dass ich verzeihe wo man sich kränkt, dass sich verbindet wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage wo Irrtum herrscht, dass ich Glaube bringe wo Zweifel drückt. Dass ich Hoffnung bringe wo Verzweiflung quält, dass ich ein Licht anzünde wo Finsternis regiert, dass ich Freude mache wo Kummer wohnt. Ach Herr, lass mich trachten, nicht dass ich getröstet werde, sondern dass ich verstehe. Lass mich trachten, nicht dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Denn wer gibt, der empfängt. Wer sich selbst vergisst, der findet. Wer verzeiht dem wird verziehen und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.“

(Franz von Assisi)

Das Münsterpfarramt hat nach vielen Gesprächen eine Grüninger Glocke von Professor Metzger erhalten, die früher in der im Krieg zerstörten Bickenkapelle hing. Der GHV hat den Sandsteinsockel finanziert, auf dem diese Glocke in der Benediktinerkirche für die Bevölkerung zur Besichtigung ausgestellt ist.

Heiß diskutiert wurde die Frage der Fassaden-gestaltung des Alten Rathaus im Jahr 1997, wozu der GHV zu mehreren Veranstaltungen einlud. Im gleichen Jahr enthüllten Herbert Schroff und Werner Jörres das Berthold Denkmal. Für die Pflege des Denkmals und seiner Umgebung kam der Geschichts- und Heimatverein viele Jahre auf. Im Rahmen der 1000-Jahr-Feier wurden auf Initiative des GHV und seines Beiratsmitglied Elmar Fuhrer 44 blaue Tafeln als „stumme Stadtführer“ an historischen Gebäuden durch die Stadt angebracht.

Mit der von Klaus Ringwald geschaffenen Stele gegenüber dem Haupteingang des Friedhofs erinnert der GHV an den Stationenweg, der zwischen der Bickenkapelle und dem Friedhof verlief und auf dem viele Generationen Villinger Bürger ihre Toten zur letzten Ruhe begleiteten. Es war auch ein besonderer Tag für den Geschichts- und Heimatverein, denn er hat die Stele gespendet und der Stadt zum Geschenk gemacht. Genauer gesagt: Die Mitglieder waren die Spender! Sie, und einige Sponsoren, haben in einer Sonderaktion das Geld für die Realisierung dieses Kunstwerkes aufgebracht und damit ein Zeichen dafür gesetzt, dass sie die Geschichte ihrer Heimatstadt „sichtbar und anschaulich“ lebendig halten wollen.

Abb. 1: Übergabe der Stele an die Stadt Villingen.

In einer schlichten Feier wurde die Stele, die der Geschichts- und Heimatverein Villingen zur Erinnerung an den einstigen Stationenweg der Stadt gestiftet hat, ihrer Bestimmung übergeben. Auf unserem Bild von links: Oberbürgermeister Manfred Matusza, der sie als Stadtoberhaupt dankbar entgegennahm, Professor Klaus Ringwald, der sie geschaffen hat, Dekan Kurt Müller, auf dessen Anregung die Anschaffung zurückgeht und der GHV-Vorsitzende Günter Rath.

 

Groß gefeiert wurde 2004 die 300. Wiederkehr der für den Feind vergeblichen Tallardschen Belagerung.

Im Jahre 2009 waren es immerhin schon stolze 15 Personen die, nun eingeteilt in Gruppen, ab Sonntag vor Fronleichnam die Wiesen und Wälder in der Region durchforsteten und eimerweise die Blüten oder Gräser sammelten. Die gesammelten Blüten wurden in der kühlen Benediktinerkirche gelagert, bis sie ihren Platz in den Blumenteppichen fanden. Seit vielen Jahren unterstützt der GHV gerne auch die Tradition der Villinger Fronleichnamsprozession und das große Engagement der Beteiligten.

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Auch sind inzwischen die wertvollen Historienbilder von Albert Säger in der Zehntscheuer der Narrozunft zu bewundern, unter ihnen das

Abb. 2: von links: Joachim Wöhrle, GHV Vorsitzender Günter Rath, der Leiter des Franziskanermuseums, Michael Hütt, GHV Schatzmeister Hasko Froese, Hanni Hirt und Doris Feld.

 

monumentale Bild vom Einzug Kaiser Maximilians in Villingen, dessen Restaurierung der Geschichts- und Heimatverein mit einem Betrag von 3.000 Euro unterstützte.

Vor dem 3,50 Meter breiten und 1,80 Meter hohen Historiengemälde, das Albert Säger 1901 gemalt hat, von links Zunftmeister Joachim Wöhrle, GHV Vorsitzender Günter Rath, der Leiter des Franziskanermuseums, Michael Hütt, der aus der Hand von GHV Schatzmeister Hasko Froese den Scheck in Höhe von 3.000 Euro entgegennimmt, sowie Hanni Hirt und Doris Feld. Mit seiner Spende übernahm der GHV die Hälfte der Restaurierungskosten für Sägers historisches Bild.

In den Jahren 1995 – 2002 beteiligte sich der GHV an den Renovierungskosten der Silbermann-Orgel in der Benediktinerkirche. Die Herausgabe einer Weihnachts-CD und die Ausrichtung einer Kunstausstellung in der Benediktinerkirche samt Herausgabe eines Ausstellungskataloges erbrachten einen hohen Spendenbetrag und ermunterte zusätzlich zahlreiche Mitglieder zu einer persönlichen Spende.

Neben der Beteiligung an mehreren Krippenausstellungen im Gemeindezentrum Münster und der Benediktinerkirche sowie im Alten Rathaus war der GHV drei Jahre auch mit einem Stand auf dem neu begründeten Weihnachtsmarkt

vertreten. Der Erlös wurde zu gleichen Teilen an das zu erbauende Palliativzentrum und die Katharinenhöhe gespendet. Eine viel beachtete Ausstellung zu den im Hause Schuh Keller gefundenen Theaterkulissen wurde vom GHV ebenfalls mit getragen. Zuvor hatte sich der Verein mit einem bedeutenden Geldbetrag an der Restaurierung der Bretter beteiligt.

2006 und 2007 organisierte und realisierte der GHV die Fortsetzung des Schwenninger Geschichts- und Naturlehrpfads auf Villinger Gemarkung unter dem Stichwort Geschichte vor Ort.

Vorbild und wahrscheinlich auch etwas Verpflichtung war das nahezu fertiggestellte Projekt eines solchen Pfades in und um Schwenningen. Als bei der Einweihung einer der letzten Stationen desselben am Hölzlekönig Oberbürgermeister Kubon den Erkenntniswert sichtbarer Spuren historischer Vergangenheit betonte, war dies im Verein der Beginn von Planung und Realisierung eines ebensolchen Pfades, der Anschluss und Weiterführung des Fertiggestellten sein sollte und der dadurch auch der Zusammengehörigkeit der beiden Stadtteile Ausdruck verleihen würde, indem man sie wandernd umrunden konnte. Werner Echle hat im Jahresheft Jahrgang XXXIV / 2011 die Realisierung des Lehrpfades ausführlich dargestellt und dabei die einzelnen Stationen tabellarisch aufgeführt. 1 An jeder Station, sei sie nun der Natur oder der Geschichte gewidmet, informiert eine Tafel über das Wesentliche. Charakteristisch für den Weg ist, dass er um die alte Stadt herumführt und an vielen Stellen einen Blick auf diese gestattet, so vom Blutrain, vom Laible und Magdalenenberg und von der Anhöhe hinter Nordstetten, wenn man auf das Biselli-Kreuz zuwandert.

Wir wollen einige wesentliche Stationen mit Literaturhinweisen aus unseren Jahresheften versehen, die dem interessierten Wanderer die Möglichkeit bieten, sich intensiver zu informieren und beginnen unseren Rundgang beim schon erwähnten Hölzlekönig, von dem aus wir

Richtung Villingen wandern, vorbei an den sogenannten Erbhöfen, deren Entstehung in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts eng mit der Blut- und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten zusammenhing.

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2 Vorbei am Aussichtsturm, der den Besuchern eine weite Sicht über den Schwarzwald und Richtung Bodensee bis zur Alpenkette ermöglicht, aber auch Menschen anzog, denen im Leben nicht zu helfen war, gelangen wir hinunter zum Friedhof, zur Altstadtquelle, dort wo sich die Stadt Villingen zu entwickeln begann. 3 Vorbei an der vom Geschichts- und Heimatverein errichteten Stele folgen wir einem heute imaginären Stationenweg bis zum Bickentor 4, dann an der Brigach entlang (hier kommt noch ein Fischlehrpfad des Angelsportvereins Villingen hinzu) hinauf zum Laible mit Resten der Warenburg 5 und dem bedeutenden keltischen Grabhügel. 6 An ein dunkles Kapitel auch der Villinger Geschichte erinnert uns das Sühnekreuz am Sandweg, neben dem 1942 der junge polnische Zwangsarbeiter Marian Lewicki an einer Eiche erhängt wurde. Dieser Station sei ein eigener kurzer Abschnitt gewidmet. Schleifenhof, Warenbachtal mit der Stelle, an der die Burg Runstal stand, folgen, dann Volkertsweiler, Kirnachtal, Römerweg, der nie einer war, vorbei an einem ehemaligen Mühlsteinbruch, Kapf, Kirnacher Bahnhof 7, hier mehr Natur als Geschichte, wenn man vom Kapf 8 einmal absieht, an dem eine alte Keltensiedlung gelegen war. Die Schwarzwaldbahn 9 überqueren wir bei der Rindenmühle, gelangen durch das sogenannte Kurgebiet zum ehemaligen Begräbnisplatz für russische Kriegsgefangene des STALAG V, dann durch Neubaugebiete der Nachkriegszeit mit einer Architektur, die die Wohnungsnot der damaligen Zeit sichtbar macht. Zwei weitere Neubaugebiete, später errichtet, werden durchquert, bis man über Nordstetten, Schilterhäusle, am neuen Klinikum 10 vorbei auf der anderen Seite der Klinikstraße den Schwenninger Rundweg erreicht und diesem nun folgen kann.

Das Sühnekreuz am Tannhörnle ist seit vielen Jahren Teil der Projekte des GHV. Schon als Schüler hatte man gehört, dass neben dem Sandweg zwischen Villingen und Pfaffenweiler im Krieg ein Pole an einer Eiche erhängt worden sei. Aber erst 1987, immerhin 42 Jahre

 

Abb. 3: Sühnekreuz am Tannhörnle.

 

nach Kriegsende, wurden erstmals Forschungen von Werner Huger bekannt, die dieser im Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins veröffentlichte. 11 Der junge polnische Zwangsarbeiter Marian Lewicki war als Kriegsgefangener nach Villingen gekommen, er arbeitete in einem Villinger Handwerksbetrieb. Mit einer benachbart wohnenden jungen Frau bahnte sich eine Liebesbeziehung an, die denunziert wurde. Der 29jährige Pole wurde im März 1942 an der abgebildeten Eiche auf Anordnung des NS-Sicherheitshauptamtes erhängt.

(Abb. 2) 1988 errichtete der Geschichts- und Heimatverein Villingen ein Sühnekreuz am Ort des Verbrechens. 12 Zehn Jahre zuvor hatte Rolf Hochhuth seine Geschichte „Eine Liebe in Deutschland“ veröffentlicht, die sich im Südschwarzwald nahe der Schweizer Grenze ereignet hatte. Der polnische Regisseur Andrezej Wajda hat sie 1983 verfilmt.

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Viele weitere solcher Schicksale und die Orte, wo sie sich ereigneten, wurden nun bekannt. Auch die Villinger Geschichte bewegte die Menschen, Theaterstücke wurden geschrieben und aufgeführt, Schüler drehten einen Film über das Geschehen, ehrenamtlich wird die kleine Gedenkstätte gepflegt. Die Angehörigen von Marian Lewicki wurden in Polen gefunden, sie erfuhren so das Schicksal ihres Verwandten und den Ort, an dem er sein Leben verloren hat, den sie nun aufsuchen konnten. Hierüber und über einen Besuch in der Heimat Marian Lewickis berichtet H. Maulhardt in einem unserer Jahreshefte. 13

Seit vielen Jahren wird vom GHV unter Leitung unseres Mitglieds Konrad Flöß die nötige Renovierung von vielen Wegkreuzen (an der Lorettokapelle, in der Saarlandstraße und der Kalkofenstraße) betrieben und vom GHV finanziell unterstützt.

1999 wurde in Zusammenhang mit der 1000-Jahr-Feier zusammen mit dem Kloster St. Ursula eine Ausstellung angeboten und ein Begleitbuch mit dem Titel „St. Ursula – Ein Villinger Haus mit Geschichte“ herausgegeben. Neben den Jahresheften folgten weitere Bucherscheinungen: Kurt Müller, Kreuze in der Feldflur am Wegrand und an Hausfassaden (2008); Kurt Müller, Große und kleine Gotteshäuser beider Konfessionen in Villingen-Schwenningen; Villinger Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein Begleitbuch zur Kunstausstellung in der Benediktinerkirche, Mitbeteiligung am Buch Geheimnisse der Heimat.

1994 wurde die Fußwallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg von unserem Ehrenmitglied Adolf Schleicher wiederbelebt, Konrad Flöß übernahm nach dem Tod Schleichers die Organisation und Führung.

2010 eröffnete der GHV seine neue Geschäftsstelle des Vereins mit Büro und Besprechungsraum sowie einem kleine Archiv in der Kanzleigasse.

2016 / 17 startete der GHV die Aktion „Rekonstruktion des Niederen Tores“ auf Initiative von Werner Echle und Andreas Flöß, die aber nicht realisiert wurde. Unterstützt wurden dagegen die Aktion „Schulkiste“ der Narrozunft für die Goldenbühl-Schule und die Nachbildung des historischen Marschallstabs der Katzenmusik für das Museum.

Diese sicher nicht vollständige Aufstellung von Aktivitäten und besonderen Veranstaltungen mag den Leserinnen und Lesern einen kleinen Ausschnitt aus dem Vereinsleben vor Augen

führen.

Man kann es nicht beweisen, Schriftliches gibt es nicht, aber annehmen darf man es schon, dass die Gründung des Vereins 1969 im Zusammenhang mit der geplanten Städtefusion zu sehen ist, für manchen Villinger/-in ein geradezu unvorstellbarer Vorgang. Es ist kein Zufall, dass im Namen des Vereins der Begriff Heimat vorkommt, fürchtete man doch durch eine Fusion den Verfall der Horizonte, die das eigene Lebensumfeld abschirmten. Villingen, die tausendjährige, gewachsene Stadt, als jahrhundertelang zu Vorderösterreich gehörend immer katholisch geblieben, mit selbstbewusstem Bürgertum, der Hort, den es zu bewahren galt gegenüber einem groß gewordenen Dorf ohne echten Mittelpunkt, erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts zur Stadt erhoben, seit jeher württembergisch-protestantisch, eine Arbeiterstadt. Man wollte nicht unbedingt eine Ausweitung der Bühne in fremde Räume und so errichtete man als Gegenbewegung, wie immer in solchen Fällen, anstelle der früheren Horizonte die Kulissen des Heimatlichen. Wir finden solche Gegenbewegungen auch heute. Die Nachdrücklichkeit und Häufigkeit mit der heute Heimat gefordert und proklamiert wird, hat ihre Ursache in der Konfrontation mit der rasch voranschreitenden Globalisierung und den weltweiten Flüchtlingsströmen, die auch uns erreichen. Aber der Heimatbegriff ist heute ein anderer als vor 50 Jahren, auch hier „Villingen im Wandel der Zeit“, wie der Titel unseres Jahresheftes lautet.

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Die Bevölkerungszusammensetzung hat sich gewandelt, heute haben etwa 50 % der Menschen in Villingen-Schwenningen einen Migrationshintergrund, auch sie möchten ihr Lebensumfeld als Heimat empfinden, in dem sie „gut und gerne leben“ können, wie ein Wahlplakat der CDU versprach. Hermann Bausinger gibt in seinem lesenswerten Aufsatz über die Geschichte des Begriffs Heimat einige Beispiele, wie in einer offenen Gesellschaft aktive Gestaltung der Heimat aussehen könnte: Heimatforschung ohne Romantisierung der „guten, alten Zeit“, sondern Darstellung der wirklichen Lebensverhältnisse der Menschen, Einmischung bei Bau-Sanierungen, bei denen zwar auf die historische Substanz Rücksicht genommen werden sollte, aber auch auf die Bedürfnisse der Wohnbevölkerung, die dort oft schon Jahrzehnte „daheim“ ist. Ein harmloses, aber zum Nachdenken anregendes Beispiel ist der Gebrauch des Dialekts, der eine Zeitlang eine Renaissance erlebte und als Zeichen besonderer Heimatverbundenheit galt. Sieht man heute auf die ethnische Mischung mancher Schulklassen und der Bevölkerung, so sollte man den Dialekt zwar nicht abschaffen, wie das übrigens schon Anfang des 19. Jahrhunderts für das Plattdeutsche gelegentlich gefordert wurde, aber einer unbeschwerten Kommunikation aller dient sein Gebrauch sicher nicht. 14

Dieser kurze Abschnitt mag zeigen, wie sich der Begriff Heimat, der ja auch Bestandteil des

Vereinsnamens ist, in den letzten 50 Jahren verändert hat und dass man sich im Geschichts- und Heimatverein Villingen damit auseinandersetzt. So sind Diskussionen über aktuelle Themen ebenfalls Bestandteil des Vereinslebens.

Literatur:

    1 Werner Echle: Der Geschichts- und Naturlehrpfad Villingen, Jg. XXXIV / 2011,114 – 118.

    2    Sabine Streck: Landwirte erleben die Weite der Erbhöfe, Jg. XXXIII / 2010, 88 – 91.

    3    Werner Huger: Die Altstadt-Quelle, Jg. XXVI / 2003, 20 – 30. Bernd Schenkel: Gymnasiasten vom Romäusring, Die Altstadtkirche, Jg. XXIV / 2001, 19 – 21.

    4    Kurt Müller: Die Glocke von der Bickenkapelle, Jg. XXXX / 2017, 8 – 9.     Kurt Müller: Erinnerung an die Bickenkapelle, Jg. XX, 1995 – 96, Kurt Müller: Die Bickenkapelle und das Nägelinkreuz, Jg. XXXI / 2008.

    5    Hermann Preiser: Die Warenburg, Jg. XIX / 1994 – 95, Hermann Preiser: Die Warenburg in Villingen – die Martinskirche in Kirchdorf: Geschichtlicher Zusammenhang oder zufälliges Nebeneinander, Jg. VII / 1982.

    6    Peter Graßmann: „In mannigfacher Beziehung merkwürdig“ Die erste Ausgrabung des Magdalenenberges 1890, Jg. XXXIX / 2016, 109 – 116. Christina Ludwig: Ein „Museum im Freien – Der Keltenpfad am Magdalenenberg“ Jg. XXXVIII / 2015, 62 – 70. Konrad Spindler, Werner Huger: Der Magdalenenberg bei    Villingen, Jg. XXIX / 2006, 33 – 42. Manfred Hettich: – 4000 Jahre – Ein Steinbeil der Jungsteinzeit auf Villinger Gemarkung. Ältester lokal gesicherter Fund aus der Vorgeschichte beim Magdalenenbergle, Jg. IX, 1984 – 85.

    7    Heinrich Maulhardt: Spurensuche: Der Bahnhof Kirnach-Villingen, Jg. XXXV / 2012, 58 – 67.

    8    Ohne Autor: Erneute archäologische Untersuchung der Wallanlage des keltischen Siedlungsareals auf dem Kapf beim Kirnacher Bahnhöfle, Jg. XIX / 1989 – 90.

    9    Michael Tocha: Robert Gerwig: Erbauer der Schwarzwaldbahn und Abgeordneter für Villingen im Reichstag. Jg. XXXVII / 2014, 22 – 28.     Jörg-Dieter Klatt, Wolfgang Riedel: Nächster Halt „Klinikum „. Jg. XXXX / 2017, 55 – 62.

10 Hans Georg Enzenroß: Vom Stadtkrankenhaus zum Zentralklinikum, Jg. XXXI / 2008, 79 – 81.

11 Werner Huger: Vom Villinger Galgen und von einer pseudogermanischen Eiche, Jg. XII, 1987 – 1988.

12 Werner Huger: Sühnekreuz im Tannhörnle, Jg. XIII, 1988 – 1989.

13 Heinrich Maulhardt: Gedenken an Marian Lewicki     (1918 – 1942) in Polen, Jg. XXXIX, 2016, 98 – 103.

14 Hermann Bausinger: Heimat in einer offenen Gesellschaft. http://hdl.handle.net/10900/47994.

Die Beiträge 1 – 13 können sowohl in den Jahresheften nachgelesen werden, wie auch im Archiv auf der website des GHV, www.ghv-villingen.de

Beitrag 14 findet sich im Internet unter dem angegebenen Link.

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