Spuren der Laufgräben von Tallards Soldaten bei der Belagerung im Juli 1704 erkundet (Redaktion)

Die Belagerung Villingens durch die Armee des französischen Marschalls Tallard im Juli 1704, also vor 300 Jahren, gehörte zu den wichtigsten Ereignissen im Programm des Geschichts- und Heimatvereins Villingen im abgelaufenen Vereinsjahr. Das Thema fand breiten Raum und großes Interesse. In diesem, Ihnen jetzt vorliegenden Jahresheft, war ein größerer Beitrag unseres langjährigen Vorsitzenden und Ehrenmitglieds Werner Huger vorgesehen, der aber aus aktuellen Anlass in einer Sonderveröffentlichung in Form einer Broschüre schon vor dem Jubiläum zum 300. Jahrestag der Belagerung erschienen ist. Das Heft ist allen Mitgliedern zugegangen und es erübrigt sich somit, hier noch einmal diese „Episode im Spanischen Erbfolgekrieg“ wie Werner Huger dieses wichtige Ereignis der Villinger Stadtgeschichte bezeichnete, noch einmal zu veröffentlichen. Erinnert sei aber an eine GHV-Veranstaltung, die Werner Huger zusammen mit Gerhard Graf am 17. Juli 2004 durchführte, die beachtliches Interesse fand. Am Wegkreuz an der Kreuzung Saarland-Vöhrenbacherstraße (siehe dazu gesonderten Beitrag in diesem Heft) versammelten sich rund 60 geschichtsbewusste Frauen und Männer, die mit Wemer Huger und Gerhard Graf, Geodät aus Karlsruhe, auf Spurensuche nach dem Verlauf der Laufgräben gingen, in denen sich die Soldaten des französischen Marschalls über das Hubenloch der Stadt näherten und ihr mit viel Mühe und Opfer verbundenes Vorhaben schließlich doch erfolglos aufgeben mussten. Es gelang den beiden GHV-Männern ausgezeichnet, den Vorgang der Belagerung, die nach einem Plan des französischen Generals Marquis de Hautfort erfolgte, zu rekonstruieren.

Die Heimatzeitungen haben dieser GHV-Veranstaltung breiten Raum gewidmet.

Werner Huger (links) und Gerhard Graf (rechts) zeigten bei der Ortsbegehung auf dem Hubenloch, von wo die Truppen Tallards 1704 zum Sturm auf die Stadt angesetzt haben.

 

Unter der Überschrift: „Wie eine Wasserflut Tallard in die Flucht schlägt“ hat der Südkurier über die Führung von unserem Ehrenmitglied Werner Huger berichtet.

Es war eine klare Vollmond-Nacht, als die Franzosen den Angriff vorbereiteten – doch dann wandelte ein überraschender Platzregen das Kriegsglück: In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli vor 300 Jahren hatten französische Truppen unter ihrem Befehlshaber Tallard mit der systematischen Beschießung und Belagerung der Stadt Villingen begonnen. Mit Hilfe des erhaltenen Angriffsplanes von General Marquis de Hautfort zeigten Werner Huger vom Geschichts- und Heimatverein Villingen und Gerhard Graf aus Karlsruhe, was man heute auf dem Villinger Hubenloch noch davon sehen kann. Für das damalige Stellungswerk der Franzosen interessieren sich über 60 Bürger. Es ist eine Geschichtsstunde der besonderen Art, anschaulich und lebendig zugleich.

Das Quartier hatten die Belagerungstruppen auf dem „Engelhard“, in der Nähe der Wirtschaft „Flughafen“ aufgeschlagen. Das Grabensystem begann beim Wegkreuz an der Ecke Vöhrenbacher/Saarland-/Dattenbergstraße und führte übers Wasserreservoir entlang zum Abhang vom Hubenloch zur Kalkofenstraße, mit einigen Verwinkelungen direkt zum Romäusturm hin und von dort zum heutigen Hotel Diegner. Diese Gräben von rund 900 Metern Länge hatten wenigstens 300 bis 400 französische Soldaten in der Nacht innerhalb weniger Stunden ausgehoben. Dass solch eine Leistung möglich ist, zeigen die Referenten an einem Abstich durch das Gelände an einer Baustelle. Das geologische Material ist unterer Muschelkalk, der leicht abzustechen ist.

Außerdem war es klare Vollmondnacht, zusätzliche Lichtquellen wie Fackeln wurden offensichtlich nicht gebraucht, sonst wäre dies überliefert. Der Erdaushub der ein Meter tiefen Gräben wurde gegen die Seite der Verteidiger aufgeworfen, so dass diese keine Einsicht in die feindlichen Truppenbewegungen hatten.

Die Batterien der Franzosen standen an der Stelle, wo sich heute das Hotel Diegner befindet. Die 24- Pfünder-Kanonen sollten eine Bresche in die Festungsmauer schießen und die 8-Pfünder- Kanonen die Verteidiger von Romäusturm und Riettor zum Schweigen bringen. Die Bresche war letztlich rund 80 Meter lang und befand sich ungefähr dort, wo sich heute das Cafe des Franziskanermuseums befindet und nicht, wo die Erinnerungstafel an der Ringmauer bei der Schanze des Elisabethenturms befestigt ist.

An dieser Stelle führen die Referenten ihre „Schüler“ sozusagen in die bergabwärts führenden Sturmgräben, über die die vermeintlich schwächste Verteidigungsstelle Villingens am Riettor zangenförmig angegriffen werden sollte. Das eine Grabensystem führte am heutigen Theater am Ring vorbei direkt auf das Franziskanermuseum zu, das andere in Richtung Vöhrenbacher Straße zum Riettor.

Die französischen Kanoniere hatten ganze Arbeit geleistet, die Verteidigungsstellungen sturmreif zu schießen. Das Franziskanerkloster war zerstört und die Bresche breit genug, der Vorturm am Riettor ebenfalls niedergemacht. Mit Mörsern wurden Brandbomben in die Stadt geschossen, um so auch die Bevölkerung zu zermürben. Die Sturmtruppen der rund 20.000 Mann starken Armee Tallards warteten, wo heute der Romäusring am Theater am Ring ist sowie in der Höhe der Fußgängerampel der Kreuzung vor dem Riettor. Hier sollte der Angriffsbefehl auf die Reichsfestung Villingen gegeben werden.

Es kam anders. Ein Platzregen am Abend des 20. Juli setzte das Angriffsvorfeld komplett unter Wasser. Geht man von rund 20 bis 25 Liter Niederschlag auf einen Quadratmeter aus, wie neulich beim Hagel an Kaiserstuhl und Bodensee, erläutert Vermessungsfachmann Gerhard Graf, so müsste die Wasserflut, die sich damals vom Hubenloch in die Vöhrenbacher- und Kirnacher Straße in die Grabensysteme vor der Stadtmauer ergoss, circa 190 Liter pro Quadratmeter betragen haben, also die Oberfläche rund 20 Zentimeter unter Wasser gesetzt haben. Mindestens fünf bis sechs Tage hätten die Angreifer gebraucht, um die Überschwemmungsschäden zu beheben: Zeit, die sie nicht hatten – der Angriff wurde abgeblasen.

Am gleichen Tage erschien im „Schwarzwälder Bote“ ein Bericht unter der Überschrift: „Mit den Belagerern auf Erkundung“. Darin hieß es: Autolärm statt Kanonendonner: Trotz der modernen Geräuschkulisse schafften es Werner Huger vom Geschichts- und Heimatverein Villingen und Gerhard Graf, Spezialist für Vermessungswesen, spielend, die zahlreichen Interessierten in die Zeit vor genau 300 Jahren zu versetzen. Damals wurde die Zähringerstadt durch die Tallard’schen Truppen belagert.

In der Nähe des Hochgerichts, gegenüber der Araltankstelle, markiert ein barockes Kruzifix den Beginn des damaligen französischen Laufgrabens. „Heute vor 300 Jahren war die restliche Armee nachgerückt“, umschrieb Huger die Situation im Sommer 1704.

20.000 Mann lagerten auf dem heutigen Friedengrundgelände. Dass die Lorettokapelle den Standort des Feldherrnzeltes anzeigt, ist laut Huger aber ein Mythos.

Die Laufgräben erstreckten sich über eine Länge von 860 Metern und verliefen parallel zur Kalkofenstraße in etwa dort, wo auf dem Hubenloch heute Rosenstöcke stehen. Nach den Überlegungen von Gerhard Graf gruben die Soldaten die Gräben rund einen Meter tief, wobei Material von 7653 Kubikmeter anfiel, das als Schutz vor den Graben aufgetürmt wurde.

Mit den Grabungen begannen die 300 bis 400 Tallard’schen Schanztruppen gegen 22 Uhr und standen kurz nach Mitternacht vor Villingen.

„Sahen die was um diese Zeit?“ Sie sahen was, denn Graf errechnete, dass in der Nacht vom 18. Zum 19. Juli 1704 Vollmond herrschte. Zum Greifen nah und fast schon bedrohlich erschien der Romäusturm zwischen den Bäumen. An diesem Punkt standen vor 300 Jahren die 24- und achtpfündigen Batterien: „Bis zu zwei Kilometer trafen die Kugeln zielgenau“.

Nach den Plänen des französischen Generals Marquis de Hautfort gabelte sich beim Hotel Diegner der Laufgraben in zwei in Zickzacklinien verlaufende Gräben. Der eine führte zum Riettor, der andere endete weiter südlich in Höhe des Franziskanerklosters. Dieses wurde total zerstört. In die dort geschlagene und 40 Klafter breite Bresche – was 80 Metern entspricht – wollten die Tallard’schen Truppen in die Stadt eindringen.

Als möglichen Grund, warum die Belagerung fehlschlug, nannte Huger ein Unwetter das die Gräben mit Wasser füllte und das ganze Terrain in eine Schlammlandschaft verwandelte. „Wir haben ein Indiz dafür: die Unwetter vor wenigen Tagen“, so der langjährige Vorsitzende vom Villinger Geschichts- und Heimatverein.

So die Zeitungsberichte von der Ortsbegehung auf dem Hubenloch, die den Vorgang der Belagerung vom Juli 1704 wieder lebendig werden ließ.