An den Grenzen der Maßstäblichkeit (Eberhard Stadler)

Zum 300-jährigen Bestehen: Dietmar Kempf aus Villingen baut Loretto-Kapelle detailgenau nach

Dietmar Kempf, der schon im Jahresheft XXVI mit dem Modell seiner Bickenkapelle vorgestellt wurde, hat zum Jubiläum „300 Jahre Tallard’sche Belagerung“ die Lorettokapelle maßstabgetreu nachgebaut. Wie sein erstes Werk, ist auch diese Arbeit wieder großartig gelungen.

 

Vor 300 Jahren haben die Villinger Bürger mit dem Bau der Lorettokapelle an der Hammerhalde begonnen. Damit dankten sie Gott für die glücklich überstandene sechstägige Belagerung der Stadt durch die Truppen des Französischen Marschalls Graf Camille de Tallard während des spanischen Erbfolgekrieges. Im Jahre 1705 war die Kapelle fertiggestellt. 299 Jahre nach der Belagerung machte sich in Villingen Dietmar Kempf ans Werk. Im Sommer 2003 begann er mit dem Bau eines detailgenauen Modells der Lorettokapelle im Maßstab

1:25. Er brauchte ähnlich lang wie damals die Villinger Bürger. Doch rechtzeitig zum Gedenkjahr 2004 ist das Werk vollendet: ein Meisterwerk der Modellbaukunst und zugleich Dokument der Stadtgeschichte.

Unzählige Stunden Arbeit hat der begeisterte Modellbauer Kempf über mehrere Monate hinweg in den backsteinroten Nachbau der Kapelle investiert. Doch für den 68-jährigen gelernten Maschinenschlosser und ehemaligen Industrie meister beim Backmaschinen-Hersteller Winkler eine vergleichsweise überschaubare Herausforderung. Denn schon seit seiner Jugend frönt er diesem Hobby, zunächst mit dem Schwerpunkt Schiffsbau. Im Laufe der Jahre hat er es zur Meisterschaft gebracht. Die Vitrinen in seinem Kellerraum in der Weichselstraße 19 sind gefüllt mit Galeeren und Galeonen, mit Fracht- und Kriegsschiffen. Zum Teil mehrere Jahre hat er in seiner Freizeit an einem einzigen Modell gesessen. Die Vielseitigkeit der handwerklichen Tätigkeiten ist es, die den Villinger mit den bewundernswert talentierten Händen an seinem Hobby fasziniert. Nahezu alle Teile, die er verwendet, auch die allerkleinsten, stellt er selbst her.

Ein Blick ins Innere des Modells der Lorettokapelle: Da stimmt jedes Detail

Vor rund fünf Jahren stieg Dietmar Kempf um. Statt Schiffe modellierte er historische Gebäude seiner Heimatstadt. Zur 1000-Jahr-Feier des Villinger Markt-, Münz- und Zollrechts Anno 1999 entstand unter seinen Händen das Fassadenmodell des Alten Rathauses. Im Jahr 2000 baute er die im Zweiten Weltkrieg vernichtete Villinger Bickenkapelle nach. Zuletzt nun auch die Loretto- Kapelle.

Für Kempf war sie, wie gesagt, eher ein kleineres Projekt, allerdings mit einigen respektablen technischen Herausforderungen. Bei den Heiligenfiguren des Altars „bin ich bei der maßstäblichen Verkleinerung an meine Grenzen gestoßen“, berichtet Kempf von filigraner Schnitzarbeit. Das Jesuskindlein etwa ist nur sechs Millimeter groß. Doch das Ergebnis stimmt. „Das Modell entspricht hundertprozentig dem jetzigen Original.“

Um diese Detailgenauigkeit zu erreichen, hat sich Dietmar Kempf nicht nur intensiv mit der Baugeschichte auseinandergesetzt, er hat die Kapelle auch fotografiert und genau in Augenschein genommen. „Das ist eine wunderbare Kapelle“, schwärmt er. „Abenteuerlich“ war’s für ihn, auf einer Leiter bis hinauf ins Glockentürmchen zu steigen. „Kiloweise Taubendreck“ ist ihm im Dachstuhl begegnet, „ganz, ganz schlimm“. Aus seiner Sicht falsch verstandene Tierliebe, dass die Luken im Glockentürmchen nicht für die Vögel verschlossen wurden.