Südwest und Fernost Berührungspunkte zwischen Villingen und Ostasien um 1900 (Peter Graßmann)

Beim Gedanken an Berührungspunkte zwischen Villingen und dem Fernen Osten mögen einem zunächst die indischen, chinesischen und vietnamesischen Restaurants in den Sinn kommen, die heute ganz selbstverständlich zum Stadtbild gehören. Was aber hatten die Zähringerstadt und die fernen Kulturen Ostasiens historisch miteinander zu tun? Von hier brachen weder bedeutende Weltreisende wie Marco Polo auf, noch legten die Schiffe der Ostindien-Kompanie an den Ufern der Brigach an, und dennoch finden sich Spuren einer Ostasien-Begeisterung, wie sie vor allem um die Jahrhundertwende in ganz Europa zu beobachten war. Die Spurensuche führt in gutbürgerliche Gaststuben, in Kolonialwarenläden und auf Schlachtfelder am anderen Ende der Welt.

Kunst und Curiosa

Wir beginnen unsere Reise an einem Ort, an dem sich seit jeher Zeiten und Räume verdichten: Im Museum. Die 1876 gegründete Städtische Altertümersammlung, Vorläuferin des heutigen Franziskanermuseums, verfolgte nämlich nicht nur das selbst gesteckte Ziel, „das specifisch Villingische und Umgebung“ (sic!) zu sammeln, sondern präsentierte sich als wahre Kunst- und Wunderkammer, in der auch asiatische Objekte ihren Platz fanden. Von einer Caroline Fleck aus Paris stammen „1 chinesisches Büchle“, „1 japanisches Photographie Rähmle“ und „eine Schachtel mit Chinesischen Münzen nebst 2 Stück Chinesische Stickerei“, vom Maler Fridolin Leiber aus Bockenheim „Chinesische Maler Arbeiten auf Baumwollstoff“ und von Fidel Hirt – einem der fleißigsten Beiträger zur Sammlung – „ein Chinesisches Lotterie Loos“ und „eine Chinesische Uhrenkette aus Bambusfaser“. Daneben gibt es noch jede Menge chinesisches Porzellan, das durch seine feine Bemalung auffällt (Abb. 1). Gesammelt wurden die Gegenstände teils aufgrund

Abb. 1: Chinesisches Porzellan in der Abteilung „Nicht nur Kraut und Rüben“, Franziskanermuseum.

ihrer künstlerischen Qualität, teils aber auch unter der Bezeichnung „Curiosa“, also nur ihrer Seltenheit und ihrem exotischen Charakter wegen. Sie fallen damit in dieselbe Kategorie wie türkische Münzen, eine „Meeresmuschel aus Amerika“ oder „drei Muskatnüsse aus Indien“.

Abb. 2: Chinesische Figuren im Franziskanermuseum.

Irgendwo zwischen Kunst und Kuriosum siedelte man wohl die zwei Holzfiguren an, die fälschlich als „amerikanische Holzschnitzer-Arbeiten“ bezeichnet wurden (Abb. 2). In Wahrheit handelt es sich um chinesische Figuren, die einen der acht Unsterblichen (Bâxiân), Heilige aus der chinesischen Mythologie, darstellen, vermutlich Li Tieguai. Der Schenker der Figuren, Max Distel, war ein gebürtiger Villinger, der 1881 nach Nordamerika ausgewandert war und sich schließlich in St. Louis niedergelassen hatte. Seiner Heimatstadt treu verbunden, überließ er die Figuren 1885 der Altertümersammlung, wohl ohne selbst zu wissen, was es mit ihnen auf sich hatte. St. Louis besaß zu dieser Zeit eine kleine Gemeinschaft von etwa 300 chinesischen Migranten, die als Fabrikarbeiter angeworben worden waren. Der erste chinesische Siedler war 1857 in die Stadt gekommen, 1869 folgte eine große Einwanderungswelle, ein Jahr später die nächste. An der sogenannten „Hop Alley“ entstand ein florierendes Chinatown, das 1966 einem Sportstadion Platz machen musste. Vermutlich hatte einer der chinesischen Einwanderer die Figuren aus seiner Heimat mitgebracht – auf welchem Wege sie in den Besitz Distels kamen, wissen wir nicht.

Das erste China-Restaurant Villingens?

Während die Objekte der Altertümersammlung nur zahlenden Kunstinteressierten zugänglich waren, erfreuten sich andere fernöstliche Inspirationen großer Popularität. Zu ihnen gehörte die Weinstube „Zur chinesischen Nachtigall“ in der Niederen Straße 47, die 1898 vom Konditor, Gemeinderat und stellvertretenden Bürgermeister Albert Cammerer („Guetele Cammerer“) eröffnet wurde. Einem Gedicht von Cammerers Freund Georg Rabenstein zufolge erhielt das Lokal seinen Namen von dessen Haustier, einer Leiothrix lutea (Chinanachtigall): „De Albert hät en Vogel scho zehn Johr, Wi’e wärs ihr Liet, wenn mr dere Stub de Namä grad vu sellem Vogel giet?“. Allerdings dürften auch die mit dem Namen verbundenen Assoziationen eine Rolle gespielt haben, wie Fotos vom Innenraum des Lokals zeigen. Ein umlaufender Wandfries mit chinesisch inspirierten Darstellungen (Abb. 3), Menschen mit Schirmen und Fächern zwischen Seen, Bergen und Bambushainen, zierte die Wände. Die Chinoiserie bereicherte auf harmonische Weise die gründerzeitliche Salonatmosphäre und war seinerzeit ein echtes Novum in einer Kleinstadt wie Villingen. In den Großstädten gehörten solche orientalistischen Cafés hingegen längst zum

Abb. 3: Innenraum der „Chinesischen Nachtigall“.

vertrauten Erscheinungsbild. Exotismen entsprachen dem Geschmack der Jahrhundertwende, der sich des Fremden als Projektionsfläche für eigene Träume und Fantasien bemächtigte. Die Assoziation der östlichen Kulturen mit Luxus und Muße hat kulturhistorisch eine lange Tradition, reicht sie doch mindestens bis zu den Indienzügen Alexanders des Großen zurück. Im Barock gehörten Kleider und Möbel in der „Chinamode“ zur Standardausstattung jedes Adligen, der etwas auf sich hielt. Mit der Werbeindustrie des 19. und 20. Jahrhunderts erhielten die alten Stereotypen schließlich neue Nahrung und Tabak, Kaffee, Tee oder andere Luxusprodukte wurden nur zu gern mit orientalischen Klischees beworben. Dies mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass später das Lagerhaus des Villinger Kolonialwarenhandels Spathelf in der Lantwattenstraße den Spitznamen „Chinesentempel“ erhielt. Ausschlaggebend war hier jedoch vor allem das Erscheinungsbild des Gebäudes mit seinen einander überkragenden Stockwerken, das die Bevölkerung an ostasiatische Pagoden erinnerte: Form

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und Funktion verbanden sich durch die Fantasie des Betrachters zu einer stimmigen Gesamtheit (Abb. 4).

Abb. 4: Kolonialwaren-Großhandel Spathelf, sog. „Chinese- Tempel“.

Nicht selten wurden Chinesen und Japaner von der Werbung als servile Diener diffamiert, wofür man eine Bestätigung in den eigenen diffusen Vorstellungen etwa der japanischen Geisha-Kultur sah. So wundert es nicht, dass Variétes wie das berüchtigte „Chat noir“ in Paris (wo auch die ersten „chinesischen“ Cafés entstanden), aber auch bürgerliche Gaststuben in der badischen Provinz mit attraktiven Damen in chinesischen Kostümen warben – so die „chinesische Nachtigall“ auf einer lithographierten Ansichtskarte (Abb. 5). Eine zeitgenössische Vorlage mag Cammerer in den ganz ähnlichen Karten der Hamburger Kon

Abb. 5: Ansichtskarte der „Chinesischen Nachtigall“.

ditorei Georg Hübner gefunden haben, zu deren Räumlichkeiten ein japanischer Salon zählte. In der Villinger Kunst lassen sich die Chinoiserien und Orientalismen der Großstädte ansonsten nicht nachweisen. Immerhin stammt jedoch von einem Villinger Maler die Darstellung einer bekannten Tänzerin, die gerne exotisch kostümiert auftrat: Waldemar Flaig porträtierte 1927 Tatjana Barbakoff in chinesischem Kostüm und zeigte dabei offensichtlich besonderes Interesse an dessen vielfarbigen floralen Mustern (Abb. 6).

Abb. 6: Waldemar Flaig: Tatjana Barbakoff in chinesischem Kostüm.

Flaig war während seiner Berliner Zeit mit Barbakoff, die zu den angesehensten Tänzerinnen der 20er Jahre zählte, persönlich befreundet. Seit 1924 gehörten chinesische Tänze zu ihrem Programm, 1944 wurde sie von den Nazis ermordet.

Koloniale Verflechtungen

Den kulturellen Hintergrund solcher Asienbegeisterung um die Jahrhundertwende bildete freilich nicht nur naive Neugier, sondern auch harte Realpolitik in Form kolonialistischer Bestrebun

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gen. So waren insbesondere China und Japan im Verlauf des 19. Jahrhunderts in das Blickfeld europäischer Geostrategen geraten. Deutschland schloss bereits 1861, nur kurz nach der erzwungenen Öffnung des bis dahin isolierten Japan, einen Freundschaftsvertrag mit dem Land, in dem sich zu diesem Zeitpunkt bereits preußische Händler niedergelassen hatten. In China wiederum errichtete das Deutsche Reich 1897 das „Schutzgebiet Kiautschou“ mit der Hauptstadt Tsingtau. Proteste und Aufstände gegen die Kolonialpolitik der europäischen Mächte gipfelten im sogenannten Boxeraufstand von 1900, der mit der Ermordung des deutschen Gesandten von Ketteler begann und mit dem Einmarsch europäischer Truppen in die verbotene Stadt endete.

Villinger beteiligten sich nicht nur an der Niederschlagung des Aufstandes, wie einige erhaltene Feldpostbriefe bezeugen, sondern waren auch als Soldaten in der deutschen Kolonie Kiautschou stationiert. Zu ihnen zählte der junge Matrose

Abb. 7: Riegger und Obergfell im japanischen Kostüm.

Joseph Riegger, der seiner Schwester Paula um 1910 eine Postkarte schickte, die ihn und seinen Kameraden Obergfell in japanischem Kostüm zeigt – ein üblicher Soldatenjux, der in der badischen Heimat sicher für so manchen Lacher sorgte (Abb. 7). Später organisierten sich viele Veteranen in der „Vereinigung ehemaliger Tsingtauer“, darunter der Schwenninger Johann Georg Jauch, der als Seesoldat in China und Japan gedient hatte und 1915 in japanische Kriegsgefangenschaft geriet. Während dieser Zeit lebte seine Frau Marie in Tsingtau, später zog das Paar nach Shanghai und schließlich nach Villingen.

Die Wirkungen der geopolitischen Umwälzungen am anderen Ende der Welt waren bis hinein in die Fastnacht spürbar. Bei einem Themenumzug im Jahre 1896 wurde „Der japanisch-chinesische Krieg mit der Erstürmung von Port Arthur“ dargestellt – ein nicht sehr lustiges Thema, wie man meinen sollte. Port Arthur, das heutige Lüshunkou in China, war im November 1894 Schauplatz eines grausamen Massakers an der chinesischen Zivilbevölkerung (Abb. 8). Im folgenden

Abb. 8: Angriff auf Port Arthur in einer zeitgenössischen japanischen Darstellung.

ahr erzwangen Russland, Frankreich und das Deutsche Reich in der „Intervention von Shimonoseki“ die Rückgabe der Stadt und der Halbinsel Liaodong, weil sie eine weitere japanische Ausbreitung im Pazifikraum befürchteten. Der Villinger Themenumzug spielte daher auch subtil mit der damals in Europa herrschenden Angst vor der „Gelben Gefahr“, eines Erstarkens der politischen Mächte im Fernen Osten. Höhepunkt des Zuges, der auf dem Hubenloch begann, war laut Programmankündigung (heute im Franziskanermuseum ausgestellt) der „Einzug der Japaner und Chinesen in die Stadt“. Versprochen wurden „ächte schlitzäugige Steppensöhne“, denen man mit zeittypischer sprachlicher Unkenntnis rassistische Spottnamen verlieh. So nannte man den japanischen Regimentstambour „Wau-Wau“, den Kapellmeister „Ha-da-da“ und die chinesische Militärakademie „Hei-di-li-dei-dei“. Völlig absurd wurde es schließlich, als die chinesische Kavallerie auf (afrikanischen) Nilpferden einritt – ein deutlicher Hinweis darauf, wie gering man die chinesische Militärmacht einschätzte. Dementsprechend wurde der Einsatz der chinesischen Artillerie denn auch mit dem Hinweis „viel Geschrei und wenig Wolle“ angekündigt. Die Überlegenheit der Japaner hatte nach Ansicht der Veranstalter den einfachen Grund, dass sie „nach europäischem Muster gedrillt“ waren. Tatsächlich war die preußische Armee das Vorbild des Meiji-Militärs und europäische Offiziere beteiligten sich an der Ausbildung der Soldaten.

Kolonialistische Themen waren um die Jahrhundertwende überhaupt populär in der Villingen Fastnacht, so wurde 1890 „Die deutsche Expedition in Ostafrika“ mit der „Beschießung und Erstürmung eines aufständischen Negerdorfes“ gezeigt. Hinter solchem fastnächtlichen Spaß verbergen sich rassistische und kolonialistische Denkmuster, die unverhohlen zur Schau gestellt wurden. Ihre Fortsetzung findet die lange Tradition exotistischer Motive in der Fastnacht bis heute etwa in den allgegenwärtigen Chinesenkostümen.

Fazit

Die Berührungspunkte zwischen Villingen und Ostasien sind spärlich und indirekt, was bei der großen räumlichen und kulturellen Distanz auch nicht verwundert. Dennoch lässt sich zeigen, dass exotistische Strömungen, die von den Großstädten ihren Ausgang nahmen, auch in der damaligen badischen Kleinstadt ihren Niederschlag fanden. Sammler, Gastwirte und Fastnachtszünfte öffneten ein Fenster in die weite Welt – oder das, was sie sich darunter vorstellten.

Abbildungen:

Abb. 1:    Chinesisches Porzellan, Qing-Zeit, 18. Jahrhundert, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 12667/8.

Abb. 2:    Chinesische Bâxiân-Figuren aus Wurzelholz, Qing-Zeit um 1850, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 12704.

Abb. 3:    Der Innenraum der „Chinesischen Nachtigall“. Ein umlaufender Fries mit chinesisch inspirierten Darstel-lungen schmückt die Wände. Foto um 1910, Sammlung Siegfried Preiser.

Abb. 4:    Kolonialwaren-Großhandel J. Spathelf, Einwohnerbuch Villingen 1939. Hinweis von Wolfgang Heitner.

Abb. 5:    Lithographische Ansichtskarte der „Chinesischen Nachtigall“. Die chinesisch gekleidete Serviererin spielt mit Assoziationen und Klischees von exotischem Luxus. Um 1900, Sammlung Graßmann.

Abb. 6:    Waldemar Flaig: Tatjana Barbakoff in chinesischem Kostüm, 1927, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 10005.

Abb. 7:    Joseph Riegger, Schiffsartillerist der 4. Kompanie, und sein Kamerad Obergfell posieren während ihrer Dienst-zeit in Tsingau für eine Postkarte in japanischem Kostüm. Um 1910, Sammlung Graßmann.

Abb. 8:    General Yamaji führt den Angriff auf Port Arthur, Farbholzschnitt von Nobukazu Yõsai, 1894, British Library.