Ich bin Anna . . . (Heike Gressenbuch)

Eine Kinderstadtführung der besonderen Art

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stellt euch vor, was mir geschehen ist: Heute Morgen ging ich auf den Markt zum Einkaufen. Da stieg mir der Geruch von edlem Gebäck in die Nase. Beim Anblick der goldgelb gebackenen Mandeln konnte ich nicht widerstehen, ich kaufte einen Korb voll! Seht mal hier!

Danach kam mir in den Sinn, noch nach einem besonderen Kräutlein für die Suppe zu suchen. Ich musste nicht weit gehen, da entdeckte ich einen kleinen Marktstand, an dem überall feine getrocknete Kräutersträußlein hingen. Ich roch an Jenem und diesem . . . aber mir waren alle bekannt. Und es sollte doch eines sein, das ich noch nie hatte ! Aber dann erblickte ich eines ganz hinten in der Ecke! Ich bat das kleine hutzelige Kräuterweiblein, es mir zu reichen, damit ich an ihm riechen konnte. Die Alte lächelte so geheimnisvoll . . . und wie ich daran schnupperte und schnupperte . . . wurde mir ganz schwarz vor den Augen und ich verlor die Besinnung!

Als ich wieder zu mir kam befand ich mich hier auf dieser Straße. Lauter Menschen, die so seltsam gekleidet waren wie ihr, standen um mich herum und fragten, ob sie mir helfen könnten. Ich schaute mich um und erkannte die Tortürme wieder. Es sah aus, als wenn ich in Villingen wäre, in meiner Heimatstadt, da wo ich gerade noch auf dem Markt war, aber . . . es war alles so verändert! Schließlich erfuhr ich, dass ich mich jetzt im Jahre 2004 befinde. Und nun konnte ich mir alles erklären, denn ich bin aus dem Jahre 1520! In den 500 Jahren hat sich doch so einiges verändert! Ich war ratlos! Was sollte ich jetzt tun? Die Menschen waren sehr hilfsbereit und so erfuhr ich, dass ihr Kinder etwas über das alte Villingen erfahren wollt und man meinte, dass ich doch bestens geeignet wäre, euch davon zu berichten!

Wollt ihr ein wenig mit mir gehen, die Stadt erkunden? Ich erzähle von meiner Zeit und ihr erklärt mir die vielen Dinge, die ich gar nicht kenne?

Vorsicht, da kommt wieder so eigenartiges Gefährt auf uns zu! Was ist das eigentlich? – Ein Fahrrad! Aber wie kann das sein, dass der Fahrer nicht umkippt? Zwei Räder hintereinander, das kann doch nicht gehen? Man muss wohl lange geübt haben, um damit fahren zu können. Was, ihr könnt alle Fahrrad fahren? Bei uns gibt es nur Karren, mit denen man etwas transportieren kann. Die haben auch zwei Räder, aber nebeneinander. Sie werden von Eseln oder Ochsen gezogen. Nur die Reichen konnten sich Pferde leisten …

Die ganze Zeit habe ich mich schon gefragt, was das für seltsame Dinger sind, habt ihr die gebaut damit die Tauben darauf landen können? – Also Lampen sind das. Es ist aber sehr umständlich, wenn man sie anzünden möchte, denn sie sind so hoch! Das kann ich kaum glauben, dass ihr Licht habt, das von selbst angeht und ohne Feuer leuchtet. Wenn all diese Lampen gleichzeitig brennen, ist es des Nachts taghell in den Straßen! Bei uns ist es stockfinster, wenn die Sonne untergegangen ist. Niemand geht da noch gern auf die Straße, und wenn, nur mit einer Laterne. Es ist viel zu gefährlich, hinter jeder Häuserecke könnte sich ein Räuber versteckt haben . . .

Ich habe Durst! Gehen wir an den Brunnen. – Hmmh, köstlich frisch schmeckt das Wasser bei euch. Möchte jemand aus meinem Horn trinken? – Ich habe bisher niemanden Wasser trinken oder holen gesehen, seid ihr nie durstig? Für uns waren die Brunnen sehr wichtig, nicht nur zum Trinken für Mensch und Vieh, sondern auch zum Waschen, Putzen und Feuer löschen! Ich gehe gerne Wasser holen, denn am Brunnen treffe ich immer andere Frauen und dann halten wir ein Schwätzchen. Abends treffen wir uns auch zum Spinnen in den Häusern. Schon als Kind lernen wir das Spinnen mit der Handspindel. Seht, ich habe meine immer dabei! In jeder freien Minute drehen wir den Faden aus Wolle oder Flachs, damit die Weber Stoffe weben können. Fühlt mal die unversponnene Wolle, die ist von unserem eigenen Schaf. Es weidet vor den Toren der Stadt. Außerdem haben wir noch eine Kuh, einen Esel, zwei Schweine und ein paar Hühner. Habt ihr auch Tiere zu Hause? Lasst uns zum Marktplatz gehen. . . . Zu meiner Zeit ständen wir jetzt mit den Füßen im Wasser, denn genau hier stand der große Marktbrunnen. Dort in der Rietstraße, da habe ich das edle Gebäck gekauft! Ich sehe, heute gibt es hier auch viel zu kaufen. In meinem Lederbeutel habe ich Villinger Denaer, könnte ich denn damit bezahlen? Seht sie euch an, sieht euer Geld genauso aus? – Vielleicht tauscht mir jemand mein Geld in Euros um. Aber nun möchte ich sehen, ob es das schöne Münster noch gibt.

Ein Glück, es steht noch! Lasst uns den Hochwächter rufen: „Hallo, Hallo!“ – Es scheint niemand oben auf dem Kirchturm zu sein! Habt ihr keine Angst, wenn euch niemand vor Unwetter oder dem Feind warnt und bei Gefahr die Sturmglocke läutet? Habt ihr überhaupt vor etwas Angst? Aber nun möchte ich von unseren Erfindungen erzählen, wir hatten auch schon welche! Das Münster zu bauen war nämlich eine schwere Arbeit! Habt ihr euch noch nie über die Löcher in den Steinen gewundert? Jeder Stein hat genau in der Mitte ein Loch. Das möchte ich euch gerne erklären . . .

Die Fensterscheiben sind bei uns nicht so groß und durchsichtig wie bei euch, seht ihr die Fenster im alten Rathaus? Das sind geblasene Glaskugeln, die flachgedrückt und in Blei gefasst wurden. Bei mir zu Hause haben wir keine Glasscheiben, sondern dünne Tierhäute vor den Fenstern. Im Winter zieht es ganz schön herein.

Doch nun wollen wir vorbei am Franziskanerkloster ins Riet gehen. Dort hat einst Romäus gelebt und von dem gibt es viel zu erzählen. Er sei so groß gewesen, dass wenn er durch die Brunnenstraße ging, hätte er mühelos mit der Hand in ein geöffnetes Fenster des ersten Stockes greifen können, um vom Tisch des Hauses ein Laib Brot zu stibitzen und diesen wie einen Wecken in die Hosentasche zu stecken. Hatte er Durst, so soll er zuweilen aus der Regenrinne getrunken haben und pflückte er Äpfel, sah es aus, wie wenn wir Himbeeren pflücken. . . . Naja, das sind die Geschichten, die man nach seinem Tode erzählte. Er ist 1513 in der Schlacht zu Novara in Italien gefallen. Das ist also in meiner Zeit – sieben Jahre her. Aber so ist das eben mit diesen Geschichten, es wird gerne übertrieben. Ich habe ihn gekannt und sage euch, er war ein großer, starker Kerl! Und wie ich hier an dem großen Bild am Romäusturm sehe, denkt ihr in eurer Zeit immer noch an ihn. Einer, der das Rottweiler Stadttor nach Villingen getragen haben soll und aus solch einem großen Turm geflohen ist, der bleibt natürlich lange in der Erinnerung der Menschen.

Davon erzählt auch mein Lied zu Ehren von Romäus. Lasst uns einen Kreis um meinen Korb machen und gemeinsam singen: „Romäus war ein starker Mann, von dem ich viel erzählen kann. Vollbracht hat er so manche Tat, für die man ihn bewundert hat. Ihm zu Ehr klatschen wir (klatsch, klatsch, klatsch), Ihm zu Ehr klatschen wir (klatsch, klatsch, klatsch).“ (tanzen, stampfen, pfeifen)

Wir sind ein ganzes Stück gemeinsam gegangen, ich konnte dabei viel über euer Leben erfahren und ihr habt mir so aufmerksam zugehört, als ich von längst vergangenen Zeiten erzählte. Dafür möchte ich mich bedanken und schenke jedem ein edles Gebäck aus meinem Korb.

Was kommt denn da im leeren Korb zum Vorschein? Das Kräutlein, an dem ich gerochen habe, bevor mir schwarz vor den Augen wurde! Jetzt weiß ich, wie ich wieder zurück in meine Zeit komme: Ich rieche daran und reise zurück in mein gewohntes Villingen! Aber noch nicht sofort, ich will mich noch ein wenig umsehen und euch wünsche ich einen guten Heimweg.

Lebt wohl!

Begeisterte Kinder hören Anna immer aufmerksam zu.