Das Tagebuch der Klarissin Euphrosina Some (Edith Boewe-Koob)

„Bittend Gott och für die armen schriberinen Sch. Efrosina sömin“

„Diße ding hon ich nitt vß fürwiz geschriben sunder vs bitt ettlicher andächttiger schwestern. War sölches listt oder hörtt, der bitt gott och für mich arms schwesterle, ich sy lebendig oder tod.“ 1

Diese ausdrucksstarken Worte Sr. Euphrosinas zeigen in knapper Form einen wesentlichen Teil ihres Ordenslebens. Sie schrieb nicht aus Neugierde, sondern aus Demut und Pflichterfüllung ihren Mitschwestern gegenüber und bittet Gott um das Gebet der Lesenden.

Es sind vor allem zwei Aufgaben, die das Leben eines Ordensmitglieds bestimmen. Die Zwiesprache mit Gott im Gebet und die selbstlose Arbeit im Geist der Evangelien. Dabei ist es unwichtig, ob die Schwerpunkte des klösterlichen Lebens im Lobpreis Gottes durch die täglichen Stundengebete, wie bei den Klarissen, oder ob der Aspekt auf einem karitativen Leben in der Arbeit für den Mitmenschen liegt. Es ist ein Kennzeichen jedes Ordensmitglieds die gestellten Aufgaben bereitwillig zu erfüllen. So sind die Aufzeichnungen Sr. Euphrosinas zu verstehen und zu bewundern. Schon ein halbes Jahrhundert vor der schriftstellerisch begabten Klarissin und späteren Äbtissin Juliane Ernstin (1655–1665), die mit ihren Aufzeichnungen besonders über den Dreißigjährigen Krieg bei Historikern Aufsehen erregte, hatte Schwester Euphrosina Some auf Wunsch ihrer Mitschwestern im Jahr 1580 angefangen, ein Tagebuch zu schreiben, das die wichtigsten Begebenheiten des Klosters, die historischen Ereignisse der Stadt und auch die Kalenderreform, die zuerst das katholische Abendland betraf, beinhaltet. Für ihre schriftstellerische Tätigkeit benutzte sie ein unscheinbares Heftchen, das sich im Archiv des Klosters St. Ursula befindet.

Sr. Euphrosina schrieb schon viele Jahre vor ihrer Wahl zur Konventschreiberin. Erstmals wurde 1593 erwähnt, dass sie dieses Amt ausführte.

Wahrscheinlich aber wurde sie nach der Wahl der Sr. Apollonia Moserin zur Äbtissin für diese Aufgabe eingesetzt. Ihre Heimat war Überlingen und sie kam mit 12 Jahren nach Villingen in das Kloster St. Klara. Dort erhielten die Mädchen seit der Zeit der ersten Äbtissin Ursula Haider eine solide Ausbildung, im Gegensatz zu den meisten jungen Mädchen außerhalb eines Klosters. Schöne Handschriften zeugen von der Schreibkunst in St. Klara.2 Außerdem wurde große Bedeutung auf die musikalische Gestaltung der Gottesdienste gelegt. Der Klarissenorden entfaltete zwar als beschaulicher Orden keine äußere Tätigkeit, doch war der Tag für die Schwestern genauestens geregelt. Die für den Gottesdienst notwendigen gesanglichen und instrumentalen Übungen nahmen einen beträchtlichen Teil des Tages in Anspruch. Musik spielte eine große Rolle im Kloster St. Klara. Das bezeugen die Ausgaben für Reparaturen der Instrumente (Geigen, Bassgeigen und Trompeten), die alle in den Rechnungsbüchern vermerkt wurden. Der Kauf von neuen Instrumenten wurde nicht erwähnt, so dass angenommen werden kann, dass die Mädchen dieselben von zu Hause mitgebracht hatten.

Die Klarissen versammelten sich siebenmal am Tag zu den Stundengebeten. Die Matutin fand nachts um 23 Uhr statt. Daran schloss sich eine Betrachtung und um 6 Uhr wurde die Laudes mit anschließender Prim, um 9 Uhr die Terz, um 12 Uhr die Sext, um 15 Uhr die Non, um 18 Uhr die Vesper und als Tagesabschluss die Komplet gehalten. Die Stundengebete wurden teils gesprochen (Lesungen, Orationen etc.) und teils gesungen (Antiphonen, Responsorien, Psalmen etc.). In der Konventliste3 sind die Eintritte der Mädchen oft mit ihrem Alter angegeben. Zwischen den Anfängen des Klosters unter Ursula Haider ab 1480 und 100 Jahre später verschiebt sich das Eintrittsalter der zukünftigen Klarissen. So waren es unter Ursula Haider die Acht Zwölfjährigen, die in die Obhut des Klosters gegeben wurden, in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es kein Mädchen unter 10 Jahre, das von seinen Eltern dem Kloster zur Erziehung und zum späteren Eintritt anvertraut wurde. In dieser Zeit bewegte sich das Eintrittsalter zwischen 11 und 26 Jahren, wobei die Zwanzigjährigen in der Überzahl waren.

„Item Euphrosina Somi ist ingeschlossen vf sant

Martinstag im 1566 jar, ihres alters im 12 jarr.“ 4

Sie wurde 1554 geboren und war, wie sie in ihrem Tagebuch angab, die Cousine des Weihbischofs Balthasar Wurrer von Konstanz. Der Stil ihrer Tagebucheintragungen, die sie 1580 begann, ist lebendig, teilweise liebenswert kritisch und zeugt von einem Weitblick, der nicht so ohne weiteres am Ende des 16. Jahrhunderts für eine in einem kontemplativen Orden lebende Schwester selbstverständlich war. Bei allen Aufzeichnungen ist der Einfluss der mystischen Ausstrahlung der ersten Äbtissin Ursula Haider gegenwärtig. Neben den Berichten im Tagebuch existiert eine Fortsetzung ihres Schrifttums in einer Chronik des Klosters St. Klara (1480–1777), die sich seit dem späten 19. Jahrhundert im Stadtarchiv Villingen befindet.5

Das hundertjährige Jubiläum des Klosters St. Klara

Als im Jahr 1580 die Hundertjahrfeier des Klosters St. Klara stattfand, vermittelte Sr. Euphrosina Some ihre Eindrücke des Festes in lebendigen Worten. Aber nicht nur die Feier des Jubeljahres wurde von ihr aufgezeichnet, sondern auch die Ereignisse, die zwischen 1580 und 1586 geschahen. Sie hat alles genauestens in ihrem Tagebuch wiedergegeben.

„Item Es jst ze wissen, das mir in dem jar, do man zaltt MCCCCC vnd jm LXXX jar (1580), do hond mir vnsers Closters jubel jar geheptt vff frytag vor Canntatte6 jst vff den Selben tag C (100) jar gesin, das vnßer Closter ist beschloßen worden vnd reformiertt, das vor ain samlung ist gesin, vnd hatt man achtt frowen von faldunen (Valduna) vff den frytag jn geschloßen, deren namen, vnd wie Es zuo Gangen jst und vffgepflanzett, findtt, man

 

Abb. 1: Klarissin

 

Ordelich jn dem jarzittbuoch.7 Aber vff das erst hunderttest jubel jar, jst wider der hailig Santt Petter von mayland 8 vff den frytag vor Cantatte gesin wie Es och gesinn ist do mans beschloßen hatt dem hond mir minus duplex 9 begangen, die hailigen meß herlich gesungen mit Cimbali schlachen vnd fyguriren …“

Die Klarissen durften an diesem Festtag ihre Sonntagshabite tragen wie an großen Feiertagen. Die Äbtissin Sophia Eschlinspergerin (1578–1592), die wie Euphrosina Some aus Überlingen stammte, hatte das Fest für ihre Mitschwestern schön gestaltet. Es wurde an diesem Freitag nicht gefastet und die Klarissen bekamen Milch und Eier angeboten, was von Sr. Euphrosina als Besonderheit vermerkt wurde. Daneben erhielt jede Schwester bei Tisch einen silbernen Becher „… mitt Guottem rotten räpis geben vnd ainer jettlichen ain beschlagnen löffel, zuo ainer Er dem jubel jar (zu Ehren des Jubeljahres), den vnßer bruoch jst nitt mitt beschlagnen löfflen zuo Essen, sy (Äbtissin) hatt och jettlicher schwester zway stuck fisch Guott karpfen geben, ain erbs supen, vnd ain riß. Am aubentt ain gele supen, ain guotten ziger eine schwierige Situation für das Villinger Kloster, denn sonst hätte Sr. Euphrosina diese Mitteilung nicht als Nachtrag in ihren Aufzeichnungen aufgeführt.

Abb. 2: Petrus Martyr

 

Die Äbtissin Sophia Eschlinspergerin hat nicht nur die Festtage würdig gestaltet, sondern versuchte auch, gemäß ihrer Möglichkeiten, das Kloster in einen guten baulichen Zustand zu bekommen. So wurde im Jahr 1581 das alte Haus mit Ziegeln neu gedeckt, während es vorher mit Fladen bedeckt war.11 Auch kümmerte sie sich um mehr Helligkeit im Kloster und ließ aus diesem Grund größere Fenster in die dunklen Räume einsetzen. Neben den baulichen Maßnahmen bemühte sie sich auch um liturgische Bücher und kaufte Messbücher und Breviere.12

Die Einführung des gregorianischen Kalenders in Villingen im Jahr 1583

Als im Jahr 1582 die Kalenderreform Papst Gregors XIII. beschlossen wurde, war es kaum vorauszusehen, dass ein Jahr später bereits die Reform in Südwestdeutschland durchgeführt wurde. Nach (Quark), ain geseztte Gesten milch dem Ganzen conventt …“ Durch das häufige Fasten der Klarissen waren die Mahlzeiten dieses Tages eine große Ausnahme, so dass die genaue Aufzählung im Tagebuch für die Schreiberin von Wichtigkeit war. Damals waren 25 Klarissen im Villinger Kloster beheimatet.

„… Diß hab ich schwöster Efrosina Some von überlingen, darum geschriben, das vnsere nachkumnen hören, wie mir das erst jubel jar So herlich hond begangen.“

Im Advent des Jahres 1579 hatten drei Klarissen von St. Klara freiwillig das Kloster gewechselt. Sie gingen nach Paradies bei Schaffhausen, um dort einen neuen Konvent zu eröffnen. Das ehemalige Klarissenkloster in Paradies war 1529 vom Schaffhauser Rat aufgehoben worden. Es konnte erst 1578 wieder aufgebaut und dem Orden übergeben werden.10 Der Wegzug ihrer Mitschwestern hatte Sr. Euphrosina sehr betroffen, zumal die Äbtissin andere Schwestern von dem Wechsel nach Paradies nur mit Mühe abhalten konnte.

Abb. 3: Papst Gregor XIII.

 

Es war dem im Kloster St. Klara die Umstellung des Kalenders bekanntgegeben wurde, beschäftigte sich Sr. Euphrosina intensiv mit dieser neuen Situation, zumal die Kalenderreform am Anfang große Unruhe und Unsicherheit bei den Klarissen auslöste. So wichtig diese Reform war, stieß sie doch auf Misstrauen und Unverständnis, wie es meistens bei Neuerungen geschieht, wenn nicht am Althergebrachten festgehalten werden kann. Dazu kamen die Fehlinformationen, die von der Kanzel weitergegeben wurden, welche die Klarissen mit Sorge und Angst erfüllten, so dass Sr. Euphrosina schrieb:

„Ittem do man zaltt tusend finff C vnd jm LXXXIII jar (1583) vff Sunnentag nach santt Gallen tag den XIII tag Octobris do hatt Sich diße verendrung des zitts verloffen (wurde die Veränderung der Zeit eingeführt), vß bäbstlichen mandatt vnd gebott ist Geordnett, das man X tag vß dem jar söll stosen (auf päpstliche Anordnung sollten zehn Tage des Jahres wegfallen), vnd soll, wie man sett, gebratticiertt sin worden von den gelertten Astronomii (es wurde von Astronomen praktiziert), von wegen der vrsach, das das zitt so hefftig abnimpt …“ Dieses Ereignis wurde den Gläubigen zu früh verkündet. Dadurch hatte die geistliche Obrigkeit Schwierigkeiten, die Zeitverschiebung zu erklären, und auch selbst zu verstehen „… vnd hond verstanden, der sunnentag söll verenderett werden vnd vff die mittwoch gelett, welches man an Offner kanzel vff benempten Sunnentag verkintt hatt, welches vns allen gar Seltzam ist gesin …“ 13

Am nächsten Tag, es war der Tag der hl. Ursula und Gefährtinnen, erklärte der Beichtvater Johannes Kircher der Äbtissin den genauen Ablauf der Kalenderumstellung.14 „… vs vnderrichtung ains Doctors hett geordnett, aller hailigen fest vff künftigen mittwoch ze füren, welcher tag des selben jars nach dem altten kalender vff den frytag wer xin (gewesen), vnd was dißer mittwoch IX tag vor vnd vff die Complett by liecht, lütt (läutete) vnser erwirdige, liebe, truewe fro muotter Äppttissin, Sch. Sophia Eschlinspergerin (zum) capitell, die was do ze mol vnßer für geseztte Oberkaitt, vnd sett ainem Erwirdigen Conventt Alle ding, vnd waren vnßer do ze mol XXV, welche sach vnß allen gar scharpf vnd Selzam (war), was vnser Ettlich forchttend, es wär gar nitt ain rechtt ding, den mir nie nünz söllichs erleptt hattend …“ Die Äbtissin rief nach der Komplet die Schwestern zum Kapitel zusammen, um ihnen die Kalenderreform aufs Neue zu erklären. Am nächsten Tag, der eigentlich ein Freitag war, wurde kein Fasttag gehalten, die Messe vom Fest der hl. Ursula gesungen, obwohl das Gedächtnis erst vor ein paar Tagen begangen wurde. Die Klarissen durften Fleisch essen und bekamen den Rest des Lebkuchens. Sie konnten aber wegen der Zeitumstellung an diesem Tag das heilige Sakrament nicht empfangen. Die Schwestern gingen nur neunmal im Jahr zur Kommunion, so dass diese Anweisung Unsicherheit auslöste.

Am folgenden Mittwoch, an dem nach altem Brauch das Fest Allerheiligen gefeiert wurde, erlaubte die Äbtissin ihren Mitschwestern zu reden. Sie ermahnte den versammelten Konvent, die Veränderung der Zeit im Gedächtnis zu behalten.

„… darum bin ich sch(wester) Efrosina Some bewegtt worden, diß zuo schriben, vnd do ich diße ding Geschriben, bin ich jm XXXII jar gesin vnd jm XX im hailigen Orden …“

Das Fest der heiligen Apostel Simon und Judas wurde auf den Samstag nach Allerheiligen verlegt. Und am Sonntag, dem eigentlichen Tag des Apostelfestes, wurde nun Allerheiligen gefeiert. An diesem Tag konnten die Klarissen das heilige Sakrament empfangen.

„… diße ding alle hon ich darum geschriben das alle die sölches leßentt, hörentt das mir hond mießen Erleben, das menge altte sälge muotter nie Erlebtt hatt. Gott der her wöll, das dißes ding alle der hailigen ypenhait (Christenheit) ze Guottem denen, wölche der hailig vatter, der babst Gregorius des namens XIII geordnett …“

Trotz der Unsicherheit und Angst, die durch die Zeitverschiebung entstanden war, kann man auch eine gewisse Freude aus den Zeilen der Schreiberin entnehmen, da sie Zeugin einer welthistorischen Kalenderreform geworden war.

Doch neben diesem einschneidenden Ereignis hatte Sr. Euphrosina trotzdem großes Interesse an klosterinternen Begebenheiten, die sich in diesen Tagen innerhalb des Klosters abspielten.

Abb. 4: Handschrift der Sr. Euphrosina (A.B. BB 7)

 

„… Es hatt sych och vff dißen vorgeschribnen aller hailgen tag zuo getragen, das die Conventt schriberin Sch(wester) Apolonia moßerin am morgen vor prim zitt ainen marder mitt ainem prattspis duorchstochen hatt, vnd gefangen jm flaisch kerle vnd jn also dem Conventt jn die stuben brachtt an dem spiß …“

Betroffenheit über die Absetzung des Provinzials

Im selben Jahr brachte eine Nachricht die Klarissen in Unruhe. Der langjährige und sehr beliebte Provinzial Jodocus Schüßler, der von 1565–1583 sein Amt ausübte, wurde auf dem Konstanzer Kapitel unter der Form der freiwilligen Resignation seines Amtes enthoben. Um den Bestimmungen des Trienter Konzils und einer besonderen Konstitution des Papstes Sixtus V. zu genügen, wurde das Provinzialat nur noch für drei Jahre verliehen. Davor hatten die Gewählten das Amt meist lebenslänglich inne.15 Diese Tatsache war den Klarissen bis dahin nicht bekannt, so dass sie für die Absetzung des beliebten Paters kein Verständnis hatten. Sr. Euphrosina bemerkte kritisch: „… Ittem mir hond och jn dißem vorgenemptten jar Erlebtt das vnsere altten zuo vor och nie Erlebtt hond das man darvor vff mathei apostoli vnsern Erwirdigen altten vatter jodocum schissler, provincial, hatt ab geseztt vnd ist an Sin statt kumen der Erwirdig her fratter Gre(g)orius fischer …“ Sie schrieb über die Betroffenheit, die im Kloster St. Klara herrschte, da Pater Jodocus Schüßler im Jahr seiner Wahl zum Provinzial 1565 der verehrte Beichtvater in St. Klara war. Ein Jahr später wurde Schüßler zum Visitator der oberdeutschen Provinz ernannt.16

Abtsweihe in Villingen im Jahr 1585

Ein besonderes Ereignis fand im Jahr 1585 statt, als der Benediktinerpater Blasius Schönlin von Weihbischof Wurrer aus Konstanz zum Abt geweiht wurde. Am Sonntag vor St. Elisabeth wurden die Feierlichkeiten „allhie zuo vilingen“ abgehalten. Pater Blasius Schönlin wurde in Villingen geboren und war der 38. Abt des BenediktinerKlosters St. Georgen und der 3. Abt des Benediktiner-Klosters St. Georgen zu Villingen.17

Abb. 5: Benediktiner

 

Das Fest wurde „… mitt groser hochzittlichaitt (Feierlichkeit) vnd andachtt och mitt vil herlichen Ceremonien (gefeiert) …“ Es wurden zwei Fässer mit gutem alten Wein und zwei große Laibe Brot an den Altar gelegt. Das war das Opfer des neuen Abts, wie es seit alten Zeiten der Brauch war und als Geschenk für den Weihbischof vorgesehen. Nach der Weihe hatte der Bischof den Klarissen ein Fass Wein und ein Brot geschenkt, „… ab welchen mir grose fred hattend, vnd ich sch(wester) Efrosina Some ward do zemol von Ettlichen andächttigen sch(western) Gebätten, das ich sölches vffschribe, das mir von dißem andächttigen Opfer geessen vnd getruncken hätten, vnd do diß Geschach, da Erloptt vnß vnser Erwirdige, liebe, truwe fro muotter Appttissin sch(wester) Sophia Eschlinspergerin ze reden vnd vermanett vnß Alle ain gaistlichs muettle ze haben …“

Abb. 6: Die Bickenkapelle

 

„Am Mentag vor santt Elsbetten tag, do ze mol (1585), ist och das gnadrich Bicken cäpele gewichtt worden.“ 18

Einblicke in das Klosterleben

In der Chronik des Klosters St. Klara, die im Stadtarchiv unter der Signatur EE 37d19 geführt wird, befinden sich wertvolle Hinweise, auch über die Zeit um 1600, die hauptsächlich von Euphrosina Some aufgezeichnet wurden. So auch der Bericht über die Visitation ihres Klosters. Als 1586 der Weihbischof Wurrer mit Begleitung auf Anordnung des Erzherzogs Ferdinand, nach St. Klara kam um zu visitieren, fand er das Leben im Kloster vollkommen im Geist ihrer Ordensgründerin. Aus diesem Grund sollte den Klarissen ein Wunsch erfüllt werden. Sie baten um einen kleinen Garten und um Erlassung des Stammgeldes.20 Der Garten wurde den Klarissen gewährt und das Stammgeld „aus gnaden“ erlassen. Der Rat der Stadt bot den Klarissen einen Platz beim Bollwerk (Schanze) an. Da aber die Schwestern keine Probleme mit der in der Nähe der Schanze wohnende Vettersammlung bekommen wollten, lehnten sie diese Lösung ab. Nun bot der verständnisvolle Nachbar, Jacob Weiß, sein Haus zum Verkauf, d. h. zum Tausch an.21 So war es den Schwestern möglich, das Holzhaus abreißen zu lassen, ein kleineres zu bauen und auch noch einen Garten zu bekommen. Da die Klarissen in Klausur lebten, d. h. sie durften nur mit Dispens ihr Kloster verlassen, war der Garten lebensnotwendig. Bisher besaßen sie nur einen engen Hof. Für die Klausur gab es strenge Vorschriften. Lediglich die Laienschwestern, die nicht in Klausur lebten, hatten mehr Freiheiten. Wenn Gespräche mit Bürgern stattfanden, waren diese auf kurze Unterredungen in der Redstube beschränkt. Dabei waren immer zwei Mitschwestern anwesend, die Zeuginnen der Unterhaltung waren. Das Redfenster, durch das die Schwestern mit den Bürgern sprechen konnten, bestand aus einem kleinen vergitterten Fenster, das mit einer eingemauerten, durchlöcherten, eisernen Platte versehen war. Auf der Innenseite befand sich ein schwarzer Vorhang, durch den die Klarissen weder hinaussehen noch gesehen werden konnten.

Der Kontakt zu den Verwandten war etwas gelockerter. Durch das Kommuniongitter in der Kirche konnten die Klarissen ihre Angehörigen sehen und sprechen. Hier fanden auch wichtige Unterredungen statt.

Eine Verbindung zur Außenwelt gab es durch die Winde, die in der äußeren Mauer der inneren Klausur in der Nähe der Pforte angebracht war. Hier wurde alles Nötige herausund hereingebracht, ohne dass die Außenstehenden die Pförtnerin sahen. Die Pforte selbst wurde nur bei besonderen Gelegenheiten geöffnet. Außer den Geistlichen hatten nur der Arzt, der Bader und Handwerker Zutritt, jedoch mit Begleitung.22

Manche jahrhundertelange Bräuche waren durch den Beschluss des Trienter Konzils (1545–1563) verboten worden. So durfte z. B. das eingebrachte Gut der Mädchen nicht schon beim Eintritt dem Kloster übergeben werden, sondern erst bei der Einkleidung oder der ewigen Profess.

Die Freude über den neuen Garten überwog die Sorgen, die durch den Kauf des Hauses entstanden waren. Sr. Euphrosina beschrieb die schwierige Situation in eindrucksvollen Worten. Durch fehlende Einnahmen war die Zahlungsfähigkeit des Klosters begrenzt und doch musste der Umbau bezahlt werden. Nur wenige Wohltäter haben zu den Ausgaben beigesteuert.

Die Aufzeichnungen dieses Berichts von 1586 kann Sr. Euphrosina erst nach 1592 geschrieben haben, obwohl sie genauestens alle Daten und auch die große Mühe und Arbeit beschrieb, welche die Äbtissin Sophia Eschlinspergerin mit dem Bau gehabt hatte. Aber in ihrer Chronik wird Sr. Apollonia Moserin als Konventschreiberin angeführt und im nächsten Satz als neue Äbtissin.23

Folglich muss Sr. Euphrosina, die ihre Aufzeichnungen alle exakt chronologisch aufgeschrieben hatte, ihren Bericht nach dem Tod der Äbtissin Sophia Eschlinspergerin in die Chronik eingetragen haben. Es kann angenommen werden, dass Sr. Euphrosina seit dieser Zeit Konventschreiberin war. Die Klarissen nahmen auch an den religiösen Ereignissen in Villingen teil, wenn auch nur gedanklich oder durch Erzählung. So steht für das Jahr 1590:

 

Abb. 7: Die Klausurtür von St. Klara

 

„Item do man zalt nach geburt Christi 1590 jar, den 5 Juni haben was der nächst zinstag vor pfingsten habent die in Vilingen den Passion hie gar zierlich gespilet vn jst gar vil frömds volck darzu herkumen, vnd vff diße tag am abent vm 5 vre (Uhr) jst ain wetter kume mit dunderen, blizen vnd ain solches groß wasser das man das selben nacht nit me den das thor by vnßre Closter hat kinden beschließen, also geschwind jst das wasser an geloffen vnd hat hien vnd zuo rotwil eben gar vil so großen schaden than, das es kainen menschen zuo globen jst …“ 24

Unabhängig von der Autorität der Äbtissin ging es im Kloster St. Klara recht demokratisch zu. Sr. Euphrosina notierte, dass am 20. Nov. 1593 der gesamte Konvent einem Antrag zustimmen musste, damit der Schaffner Jörg Lemle wieder eingestellt werden konnte. Allerdings mit der Bedingung, dass er seinen Dienst ordentlicher ausführe und nicht gleich Lohnerhöhung verlange.25

Im gleichen Jahr erschreckte ein dreister Diebstahl die Klarissen.

„Item als man zalt nach gebuort ypi (Christi) 1593 am Samßtag vor letare26 hat vnßer truwer bichtvatter Herr Cristian Grauff wöllen Consecrieren do hat er das keffzle27 mit dem hailigen Sacrament nit funden man hat vnß das selbig gestolen, ab dem mir alle ain herzklichs Groß laid vnd schrecken empfingen, also ordnet vnßer Erwirdige liebe truwe Fro muotter Apptts Sch Appolonia moßerin das man ain weg söl Consecrieren wie den anderen, vnd das hochwirdig hailig Sacrament jn ain Corporal28 legen vnd jn vnßern altar beschließen wie am grien donstag (Gründonnerstag) och das hailig öl darzuo stellen das hat man laßen ston vnd nit gestolen …“ Die Äbtissin versuchte sofort, einen neuen Hostienbehälter zu bekommen. Sie beauftragte den Goldschmiedemeister Jacob Kromer aus Überlingen ein neues „Keffzle“ anzufertigen. Dafür wurden einige silberne Becher und Deckel, die aus der Mitgift der Schwestern vorhanden waren, geopfert. Aus dem gewonnenen Silber sollte der Meister den Schrein für die Hostien anfertigen. Obwohl der Goldschmied versprach, das „Keffzle“ innerhalb von vier Wochen herzustellen, warteten die Schwestern bis 1594, dem Samstag vor „Esto mihi“ 29, auf den neuen Schrein. Besonders erwähnt Sr. Euphrosina ihre Äbtissin, die durch Mühe, Unkosten und Fleiß viel zu dem neuen „Keffzle“ beigetragen hatte. „Item jr söllend och truolich vnd flißlich mit sonderhait gedencken vnßer rechtt liebsten vnd getruowosten Fro muotter Appttissin Sch Appolonia Moßerin gegen Gott jm leben vnd sterben, welche große sorg, fliß, miee vnd arbaitt an das schön keffzle angewendett, damit mir wider versorget wuordent …“

Noch bevor das „Keffzle“ seiner Bestimmung übergeben werden konnte und ein Großteil der Arbeit bezahlt war, erlebten die Klarissen im selben Jahr, am 23. August 1593, am St. Bartholomäusabend, einen neuen Schrecken. „Item ze wissen jst, das Anno 1593 den 23 Augusti, was do ze mal Sant bartholomeus aubent, do man das 2 zaichen zuo der vesper gelütt, vnßer glog zerspalten jst die hat hundert vnd 25 lib (Pfund) gewegen vnd jst hundert vnd XV jar alt gesin, so lang jst das Closter beschlossen gesin, ob sy elter sy jst mir nit bewist

…“ Wieder musste die Äbtissin Apollonia Moserin alles versuchen, um eine neue Glocke zu finanzieren. Das war für das Kloster ein großes Problem, hatten die Schwestern doch erst die Kosten des Hostienschreins zu bezahlen.

Aber für die Schwestern war eine Glocke, die zu den Offizien und Messen läutete, von großer Bedeutung. So begaben sich zwei Tage nach St. Johannes Bapt. die Pfleger des Klosters, die alle angesehene Männer der Stadt waren, mit dem Glockengießer Hans Reble und der Äbtissin in das Glockenhaus. Nachdem festgestellt wurde, dass die Glocke nicht mehr repariert werden konnte und auch der Glockenturm erneuert werden musste,30 rieten die Sachverständigen zu einer etwas größeren Glocke, die mit Silber verarbeitet werden sollte, damit der Klang heller würde. Es wurde den Schwestern von allen Seiten geraten, wie und was sie machen sollten, doch niemand gab auch nur eine Kleinigkeit zu dem großen Projekt. „… Darnach am 6 tag Septtembris kament die muorer vnd zimerlütt vnd fingent an zuo wercken, man riet vnß vil, aber die herren noch kain mensch vß der statt stürtt vnß kain dingle an dem buw des thuorm, noch an die glogen, vnd bat vnßer Erw. Fro muotter vnd mir mitt jr die pfleger vff den knuwen (Knien), das sy den rath für vnß bettend, es ward vnß aber nit ain guotte antwuort (gegeben) …“ Es waren Jahre mit vielen Unannehmlichkeiten und großer finanzieller Belastung für das Kloster, zumal die Äbtissin keinerlei finanzielle Unterstützung von der Stadt bekommen hatte. Wenn Apollonia Moserin nicht so sparsam gewirtschaftet hätte, wäre es nicht möglich gewesen, die hohen Ausgaben zu bezahlen. Sie war die eigentliche Baumeisterin des Turms, wie Sr. Euphrosina schrieb. Am Abend vor St. Michael wurde die Glocke gegossen und das Werk war gelungen. Sie wog zwei Zentner und 88 Pfund. Der Bischof erlaubte, dass die Glocke auch ohne Weihe aufgehängt und geläutet werden sollte, bis er nach Villingen kommen könnte, um sie zu weihen. „… vnd als sy gar vff gezogen, do sangend mir Gott zuo lob vnd Eren vnd alle himelschlichen her vff die vesper mit großer hochzitlichait vnd Cimbale schlachen och mit großen fröden, „Te Deum laudamus“ vnd luttend (läuteten) den ganzen „Te Deum“ vß mit der nuwen glogen, Gott zuo lob, das mir wider erleptt hattend, das vnßer glog wider nuw vnd kilchenbuw ain end wolt nehmen…“

Diese Aufzeichnungen wurden in den Turmknopf gelegt, der so groß war, dass einige Säcke Körner darin Platz hatten. Auch wurden Reliquien von St. Laurentius, St. Christophorus, St. Johannes und Paulus, ebenso ein Teil der Tunika des hl. Franziskus, ein Agnus Dei 31, etwas Wachs von der Osterkerze und das Evangelium des hl. Johannes in den Turmknopf eingeschlossen. Ebenso die Namen der damaligen Klarissen.32

Endlich am 8. Mai 1595, am Montag nach „Exaudi Domine“ 33, kam Weihbischof Wurrer mit seinem Kaplan Blasius Wurrer, ebenso der geistliche Herr Johannes Wunholt aus dem Benediktiner-Kloster St. Georg in Villingen, wie auch der Beichtvater der Klarissen, Nicolaus Fer, mit allen Pflegern in das Kloster. „… die priester jn priesterlicher Claidung vnd der herr wichbischoff jn bichofflicher zierd mit sampt dem Ganzen Convent vff vnßer amptt jn das glogen huß, vnd was die glog herab dar vor genumen vß dem thuorm vnd an ainen tromen 34 by den fordren lädemle vff gehencktt, eben so fer, das sy der herr wichbischoff mocht erlangen, (die Glocke wurde abgenommen und so an einem Seil aufgehängt, dass sie vom Weihbischof noch erreicht werden konnte) vnd muosten mir haben ain nuwe schißel mit salz, ain nuw geltle (Gefäß) mit wichwasser, ain beßen vs balmen gemachet mit ainen ganz nuwen stil, muostend och ain bulpept hinvff tragen mit der Chorzwelchen35 zuo dem Pontifical buoch, ainen großen schemel, daruff stalt der Caplon, die zwen großen messinen kerzstal 36 mit zwayen brinenden kerzlinen, och den Crisum vnd hailig öl aischet och ain nuw tuoch zuo der Glogen, do alle ding gerüst, fing der herr wichbischoff an das salz vnd wichwasser zuo segnen, wie am Sunentag, wuosch vnd Tost (taufte) darnach die glogen mit vil herrlichen Ceremonien, darnach muost sy der Caplon mit dem nuwen tuoch gar wol subren vnd trucknen, vnd sang der herr wichbischoff vil herlicher Colecten, darob für das gespenst wetter für vnd andre vnglück wuordent och gar vil

schöner spalmen vnd antiphonen gesungen vnd gesprochen von den priestern darnach do wicht vnd Crißmat der herr wichbischoff die Glogen … jn wendig fünff mal, vnd vßwendig 7 mal …“ und weihte sie der Gottesmutter und der heiligen Klara.

„… also haist vnßer Glog Maria Clara …“

Der Weihbischof ging anschließend in die untere Kirche, in der sich das gläubige Volk versammelt hatte, um die Firmung zu empfangen. Die Kirche war so besetzt wie das Münster an Sonntagen. In seiner Predigt erläuterte er, dass es wichtig sei, Gott mit Zimbeln und Glocken zu ehren, wie es in Psalm 150 steht. „Lobt ihn mit klingenden Zimbeln, lobt ihn mit vollem Schall der Zimbeln“ und er erteilte mit seinem Segen einen 40tägigen Ablass. Anschließend wurden in der oberen Kirche zwei junge Novizinnen gefirmt.

„… der Herr wichbischoff diß alles gethon vm gozwilen, darum wöllend jr jnn och alle zit jn vnserm andächtigen gebätt empfolchen haben, besunder by den hailigen kilchen vnd stetten, och alle die so by dißer wiche sind geweßen …“

„Bittend Gott och für die armen schriberinen Sch Efrosina sömin.“

Mit der Glocke und dem Turm waren die Umbauten im Kloster noch nicht beendet. Die Räume des Klosters waren dunkel und eng und die Schwestern hatten oft gegen Ungeziefer anzukämpfen, obwohl die jeweilige Äbtissin versuchte, das Haus in einem einigermaßen ordentlichen Zustand zu halten. So ging die Äbtissin Apollonia Moserin im Jahr 1596 daran, eine neue Badestube bauen zu lassen und die Fenster derselben zu vergrößern. Vorher war die Badestube „… als wölle jn vnd nider fallen …“ Wieder hatten die Bitten der Klarissen um finanzielle Zuwendung kein Gehör gefunden. Trotzdem konnte im folgenden Jahr 1597 die Erneuerung der alten Konventstube in Angriff genommen werden. „Item Anno 1597 hat vnßer Erwirdige liebe truwe Fro muotter Appolonia Moßerin der zit vnßer ordeliche Oberkaitt vnßer Conventtstuben, wellche als gar altt vnd buwfellig geweßen, besunder das murwerck wellches als hatt wöllen jn fallen, widerum von nuwem vff lassen buwen, mit großem vncosten, vnd hat jr vnßer Erwirdiger herr vnd vatter Provincial Hochgelertter Doctor der hailigen Göttlichen geschrifftt Caspar Göman (= Gehmann) der zit vnßer ordelicher visitator, söllches erlaptt vnd gerathen och die fenster zuo größern, damit mir dester me helle habentt …“ 37 Der Provinzial hatte der Äbtissin erlaubt „Ehrenleute“ in das Kloster einzulassen, damit diese den notwendigen Umbau besichtigen konnten und gleichzeitig die Äbtissin die Besucher um ein Almosen für den Bau bitten konnte. Durch Vermittlung des Provinzials Gehmann (1595–1598) konnte der Konvent St. Klara einen Franziskaner, den Laienbruder Konrad Herlinger aus Zürich, für die Schreinerarbeit gewinnen. Der Bruder hielt sich im Villinger Franziskanerkloster auf und begann mit den Arbeiten in St. Klara am 28. April. Es war wieder der Gedenktag des heiligen Peter von Mailand. Mit einem kleinen Lehrbub aus Villingen hatte er elf Wochen, bis zu seiner Krankheit, fleissig gearbeitet. Durch die langwierige Krankheit des Franziskaners wurde die Arbeit für lange Zeit unterbrochen. Im Kloster herrschte große Sorge um die Genesung des Bruders und die Fertigstellung der Konventstube, die erst am Montag nach „Exsurge“ 38 im Jahr 1598 wieder aufgenommen werden konnte. Kurz nach Allerheiligen konnte der Bau vollendet werden. „… was vnßer Erwirdige geliebtte truwe Fro muotter Appttissin, die rechtt truw buwmaisterin vnd mir alle jre gaistliche kind die do ze mal jn leben für sorg angst kumer betrieptt (Betrübnis) vnd allerlay vnkosten jn dißem buw jn gnomen, vnd vberstanden, jst Gott dem herren alles wol bekantt vnd zuo wissen, wär wol ain ganz buoch darvon zuo schriben …“ Für die wenigen Wohltäter, die sich an den Unkosten des Baus beteiligt hatten, wurde jedes Jahr ein gesungenes Amt abgehalten und in den heiligen Offizien der Spender gedacht. Mit den Namen der Schwestern und der Wohltäter schließen die Berichte der Schwester Euphrosina Some. Zwischen den Jahren 1598 und 1603 existieren keine Aufzeichnungen der Schwester.

Im Jahr 1603 ereignete sich für das Kloster ein einmaliger Fall, den Sr. Euphrosina emotionslos wiedergegeben hat.

„… 1603 am 4. novembris wurde Sr. Agatha Hübler vnßer vntruwe Schwester wider jnd Closter gnomen welche 7 tag octobris on alle vrsach vsgesprungen jst.“ 39

Im Jahr 1605 gab es erstmalig im Jahresrechnungsbuch handschriftliche Eintragungen von den Ämtern verwalteten Schwestern. In dieser Zeit war Sr. Euphrosina die Priorin des Klosters St. Klara.

„Item jch Sch Efroßina Sömin vnwirdige pryorin, erkenn mit dißer miner hand geschrifftt, das diße rechnung von mir vnd ainen wirdigen conventt für guott vne gerecht jst erkenntt vnd angenommen worden.“ 40

Schwester Euphrosina gab mit ihren Aufzeichnungen ein lebendiges Bild vom Leben im Kloster St. Klara, von den Sorgen, Mühen und auch Freuden, mit welchen die Klarissen konfrontiert wurden. Alle Berichte zeugen von einem unerschütterlichen Glauben. In diesem Sinn muss man die Aufzeichnungen der in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts lebenden Klarissin verstehen. Der Mut zur franziskanischen Demut, die keinerlei Unterwürfigkeit besitzt, sondern ganz im Geist der Ordensgründerin St. Klara von Assisi lebt, ist ein Charakteristikum dieser Klarissin. Der Gehorsam der jeweiligen Äbtissin und den Geistlichen gegenüber zeigte das große Vertrauen, das sie in die „vorgesetzte Obrigkeit“ setzte. Sie war für ihre Zeit sehr aufgeschlossen und interessiert an wichtigen Begebenheiten. Dennoch lebte sie ganz im Armutsideal des zweiten franziskanischen Ordens, der strengen Klausur, der mitternächtlichen Chorgebete und dem beständigen Fasten. Doch sie diente Gott in Fröhlichkeit und Einfalt des Herzens, in kindlicher Freude und auch in scharfer Beobachtung und gelegentlicher Kritik.

Von historischem Wert sind ihre Angaben über die Einführung des gregorianischen Kalenders in Villingen, die Ängste der Schwestern und sicher auch der Bevölkerung, die „diße verendrung des zitts“ auslöste. Ihr emotionaler Bericht über die vermeintliche Absetzung des Provinzials, der Diebstahl des Hostienschreins und die Glockenweihe durch ihren Cousin Weihbischof Wurrer zeigen ihre liebenswerte Aufgeschlossenheit bei allen besonderen Anlässen. Durch ihre Aufzeichnungen wurden bedeutende Vorkommnisse, die für den Orden, wie auch für die Kultur- und Stadtgeschichte wichtig sind, dem Orden und der Nachwelt überliefert. Sie setzte ihre Berichte in der Chronik des Klosters St. Klara fort, die mit Unterbrechungen die Jahre 1480–1777 umfasst. Schon 1586 schrieb Sr. Euphrosina in diese Chronik, wie durch eine Schriftanalyse festgestellt werden konnte.

Es waren also neben der bekannten Juliane Ernstin auch Euphrosina Some und nicht zuletzt die Nachfolgerin Juliane Ernstins im Amt der Äbtissin, Agnes Kaiserin, die mit großem Eifer und in einer von Ursula Haider geprägten Geistesrichtung ihre chronistischen Arbeiten ausführten und zur Geschichte des Klosters und der Stadt viel beigetragen haben.

„Diße ding hon ich nitt vß fürwiz geschriben sunder vs bitt ettlicher andächttiger schwestern. War sölches listt oder hörtt, der bitt gott och für mich arms schwesterle, ich sy lebendig oder tod.“

Anmerkungen:

1 A.B. BB 7.

2 „Item es jst zewyssen das jm XCIIIII (14)95 jar die wirdigen gaistlichen andechtigen vnser Conventschwösteren Lucja Stökle von velkylch, Agnes blüme von vilingen, Elyzabeth frenckin och von Vilingen, Andle bützlin von pregentz, Endle bentzin von Vberlingen mit grossem flyss vnd arbart geschriben robriciert vnd geryssen händ dry Antyfoner vnd nuwen gesangbücher och den newen Sequentzer …“ (Vgl. SAVS EE 37d).

3 A.B. BB 1.

4 A.B. BB 1.

5 SAVS EE 37d.

6 Cantate = 4. Sonntag nach Ostern.

7 A.B. BB 1: Das Jahrzeitenbuch, fol. 82r-102v.

8 Peter von Mailand ist besser bekannt als Petrus Martyr OP, Fest am 29. 4. (1205–1252), oder Petrus von Verona, da er dort geboren wurde. Bei Mailand wurde er auf Betreiben der Katharer und Ghibellinen ermordet (vgl. Baur, Johannes: Petrus Martyr. In LThK. Bd. 8, Freiburg: Herder 1963, Sp. 369f.

9 Duplex maius vel minus = gehobenes Fest.

10 Für diese Information sei Herrn Dr. Gérard Seiterle, Schaffhausen, herzlich gedankt.

11 A.B. Rechnungsbuch 9b, 1581.

12 A.B. Rechnungsbuch 9f, 1583.

13 Der gregorianische Kalender, der durch Papst Gregor XIII. 1582 eingeführt wurde, beseitigte die schon dem Mittelalter bekannten Fehler des julianischen Kalenders. Der Gleichlauf mit dem tropischen Jahr wurde durch Ausfall von 10 Tagen (5.–14. Oktober 1582) erreicht und durch neue Schaltregeln gesichert, so dass die Abweichung erst im Jahr 4500 einen Tag beträgt. Die kath. Staaten führten den greg. Kalender bald ein. Das protest. Deutschland erst 1700 und England 1752. Vgl. O‘ Connell, Daniel: Kalenderreform. In: LThK. Bd. 5. Freiburg: Herder 1960, Sp. 1260.

14 P. Johannes Kircher, geboren in Villingen, wurde als kundiger Mann vieler Wissenschaften von den Bürgern verehrt. Er war Hofprediger bei Rudolf II., ein strenger und wissenschaftlich gebildeter Ordensmann, der 1589 das 1. Mal Provinzial, 1592 wiedergewählt wurde. Er starb 1595 in Villingen. (Eubel, Konrad: Geschichte der oberdeutschen Minoriten-Provinz, Würzburg: Bucher 1886, Sp.1689.

15 Eubel, Konrad: Geschichte der oberdeutschen Minoriten-Provinz. Würzburg: Bucher 1886, Sp. 367.

16 Eubel, Konrad, a.a.O. Sp. 367.

17 Schönstein, Johann Baptist: Kurze Geschichte des ehemaligen Benediktiner-Stifts St. Georgen. Einsiedeln: Benziger und Söhne 1824, Nachdruck 1988.

18 A.B. BB 7.

19 Die Chronik SAVS EE 37d wurde vom Institut St. Ursula an Fr. Grieshaber verschenkt. Im Jahr 1886 kaufte sie Dr. Warenkönig für Dr. Mone für 50 Mark von der Stadt Villingen. Unbekannt ist, wie die Chronik wieder an die Stadt Villingen kam. Sie umfasst die Zeit von 1480–1777 des Klosters St. Clara.

20 Stammgeld = Abgeltung des allgemeinen Holzrechts.

21 A.B. DIV/17.

22 N.N. Chronik St. Clara.

23 Äbtissin Sophia Eschlinspergerin starb in der Nacht vom 31. 12.1591 und dem 1. 1. 1592 zwischen 24 und 1 Uhr, so dass ihr Todesjahr mit 1592 angegeben wird. (Vgl. A.B. BB 1 fol. 82v, Jahrzeitenbuch).

24 A.B. BB 8, fol. 14r.

25 A.B. BB 8.

26 Laetare = Dominica Quarta in Quadragesima (4. Fastensonntag).

27 Keffzle = Keffale oder Kaffale von cavaedium = Hostienbehälter, oder von capsa = Schrein zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostien.

28 Korporale ist ein quadratisches Leinentuch, das als Unterlage für Kelch und Patene in der Messe dient und als Hülle für geweihte Hostien.

29 Esto mihi = Dominica in Quinquagesima (Vorfastenzeit).

30 A.B. BB 4.

31 Agnus Dei = kleine Lämmer, die aus Wachs und Öl geformt wurden. Sie wurden am Karsamstag geweiht und am Weißen Sonntag an die Gläubigen verteilt. (Dürig, Walter: Agnus Dei. In: LThK,

32 Leider ist diese Turmknopfurkunde des Jahres 1593 nicht mehr vorhanden.

33 Exaudi Domine = Sonntag in der Oktav von Christi Himmelfahrt.

34 Tromen = zylindrischer Gegenstand zum Aufwickeln von Seilen.

35 Chorzwelchen kommt von Zwehel = Altartuch.

36 Kerzenleuchter aus Messing.

37 SAVS EE 37d.

38 Exsurge, quare = Sonntag Sexagesima (Vorfastenzeit).

39 A.B. Jahresrechnungsbuch 1603.

40 A.B. Jahresrechnungsbuch 1605.

Quellen:

A.B. = Archiv des Bickenklosters

SAVS = Stadtarchiv Villingen-Schwenningen

Literaturhinweise:

Baur, Johannes: Petrus Martyr. In Lexikon für Theologie und Kirche, Band 8. Freiburg: Herder 1963.

Dürig, Walter: Agnus Die. In Lexikon für Theologie und Kirche, Band 1. Freiburg: Herder 1957.

Eubel, Konrad: Geschichte der oberdeutschen Minoriten-Provinz. Würzburg: Bucher 1886.

O‘ Connell, Daniel: Kalenderreform. In Lexikon für Theologie und Kirche, Band 5. Freiburg: Herder 1960.

Schönstein, Johann Baptist. Kurze Geschichte des ehemaligen Benediktiner-Stifts St. Georgen. Einsiedeln: Benziger und Söhne 1824, Nachdruck 1988.

Bildnachweise:

1. „Frauwe Clarissen“ aus einem Zeichenbuch des Klosters St.Klara, jetzt St. Ursula.

2. Petrus Martyr. Jacques Callot, aus: Die Bildnisse aller Heiligen des

Jahres – nach dem römischen Martyrologium. Paris 1636.

3. Papst Gregor XIII. Aus: Franz Xaver Seppelt/Klemens Löffler: Papstgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 1933.

4. Handschrift Sr. Euphrosinas aus dem Tagebuch (A.B. BB 7).

5. „Benedictiner“ aus einem Zeichenbuch des Klosters St. Klara, jetzt St. Ursula.

6. Bickenkapelle. Tintenzeichnung von J. B. Kefer.

7. Die Klausurtür von St. Klara. Fotografiert von Thomas Herzog- Singer.