Was ist ein Kulturdenkmal? Zur Entstehungsgeschichte des heutigen Denkmalverständnisses (Folkhard Cremer)

Unter einem Denkmal stellt man sich gemeinhin eine Skulptur auf einem Sockel vor. Der Sockel trägt eine Inschrift, die uns erklärt, welche berühmte Persönlichkeit dargestellt ist; wem das Denkmal gesetzt wurde. Die meisten dieser Denkmäler wurden im 19. Jahrhundert in städtischen Grünanlagen aufgestellt. Wie Nationaldenkmäler, Krieger- oder Gefallenendenkmäler, Grabsteine oder Grabplatten sind es bewusst gesetzte Erinnerungsmale oder Gedenkmale an eine Person bzw. an ein historisches Ereignis. Doch sind diese Denkmäler nicht automatisch auch gleichzeitig Kulturdenkmale. Aber sie können durchaus die Kriterien eines Kulturdenkmales erfüllen und damit im Sinne eines Denkmalschutzgesetzes denkmalfähig und denkmalwürdig sein.

Was aber ist ein Kulturdenkmal?

Ein Kulturdenkmal wird nicht unbedingt zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst als Erinnerungsmal errichtet. Vielmehr ergibt es sich erst im Verlauf der Geschichte, ob ein historisches Objekt letztlich auch den Kriterien eines Kulturdenkmals entspricht oder nicht. In diesem Sinne hat die Denkmalpflege eine ähnliche Funktion wie andere Institutionen, die sich um das Sammeln und Archivieren von erhaltenswerten Zeugnissen aus der Geschichte kümmern. Im Gegensatz zu einem Schrift- und Planarchiv, das historisch wichtige Schriftquellen und Planzeichnungen archiviert, oder Museen, die historisch wertvolle mobile Objekte sammeln, kümmert sich die staatliche Bau- und Kunstdenkmalpflege im Wesentlichen um den Erhalt der immobilen Geschichtszeugnisse (das sind im Wesentlichen Bauwerke) in ihrem historisch-topographischen Originalkontext. Dabei können auch mobile Gegenstände als Zubehör Denkmalwert besitzen (z. B. eine Kirchenfahne, die Altarleuchter, das Abendmahlsgeräte, die Paramente etc. als Zubehör eines Kirchengebäudes).

Kriterien für Kulturdenkmaleigenschaft

Die Kriterien, die ein historisches Objekt erfüllen muss, um als Kulturdenkmal gelten zu können, sind in den Denkmalschutzgesetzen der einzelnen Bundesländer definiert.

Im § 2 des Baden-Württembergischen Denkmalschutzgesetzes (DSchG) lautet der entsprechende Passus:

„(1) Kulturdenkmale im Sinne dieses Gesetzes sind

Sachen, Sachgesamtheiten, Teile von Sachen, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht.

(2) Zu einem Kulturdenkmal gehört auch das Zubehör, soweit es mit der Hauptsache eine Einheit von Denkmalwert bildet.

(3) Gegenstand des Denkmalschutzes sind auch 1. die Umgebung eines Kulturdenkmals, soweit sie für dessen Erscheinungsbild von erheblicher Bedeutung ist (§ 15 Abs. 3), sowie 2. Gesamtanlagen (§ 19).“

Was heißt das?

Zunächst einmal gilt das ipse-jure-Prinzip. Demnach ist jedes historische Objekt, das den hier beschriebenen Kriterien gerecht wird, aus sich heraus ein Kulturdenkmal, ohne dass dies durch einen Sachverständigen geprüft und in eine Denkmalliste eingetragen worden ist. Allerdings wird ein Kulturdenkmal erst dann verwaltungsrechtlich als solches behandelt, wenn es durch die Sachverständigen der zuständigen Fachbehörde, dem Landesamt für Denkmalpflege, auf Denkmaleigenschaft geprüft und in die entsprechende Denkmalliste einer Gemeinde eingetragen worden ist.

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Sachen, Sachgesamtheiten und Teilen von Sachen

Sachen oder Teile von Sachen heißt, dass eine bauliche Anlage oder nur ein Teil derselben denkmalwert sein kann. Sachgesamtheiten sind demgegenüber eine Mehrheit von Sachen, die einen funktionalen oder zeitlichen Zusammenhang haben, z.B. Siedlungen oder eine Hofanlage.

Eine Besonderheit des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes ist, dass es Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung kennt, die gemäß § 12 in das Denkmalbuch eingetragen werden und Umgebungsschutz besitzen.

Denkmalfähigkeit

Welche historischen Objekte denkmalfähig sind, ist durch die im Absatz 1 angeführten drei Gründe definiert:

Wissenschaftliche Gründe liegen vor, wenn ein historisches Objekt für die Wissenschaft oder einen Wissenschaftszweig von Bedeutung ist. D. h., es besitzt eine dokumentarische Bedeutung für die Wissenschaft, weil es den bestimmten Entwicklungs- oder Wissensstand einer oder innerhalb einer geschichtlichen Epoche bezeugt und als Gegenstand der wissenschaftlichen Erforschung von historischen Zusammenhängen dient.

Die Verfasser des am 1. Januar 1972 in Kraft getretenen DSchG widerstanden der Versuchung, alle damals bekannten, möglichen Geschichtswissenschaften und Formen tradierter Geschichtszeugnisse auflisten zu wollen. In ihrer juristischen Weisheit wählten sie bewusst den knappen Begriff der „wissenschaftlichen Gründe“. Damit sind nicht nur die bis zum Zeitpunkt der Abfassung des Gesetzes bekannt gewordenen denkmalwerten Zeugnisse der Kulturgeschichte erfasst. Der Gesetzestext lässt offen, welche kulturgeschichtlich wertvollen Zeugnisse zukünftige Epochen hervorbringen werden. Er lässt auch offen, welche Forschungszweige die Geschichtswissenschaft in Zukunft ausbilden wird und welche Fragen sie an die Geschichte stellen werden. Solange es Menschen gibt, produzieren diese immer neue kulturelle Werte.

Abb. 1: Kirnacher Straße 2.

Entsprechend schreitet auch die Erforschung dieser kulturellen Werte durch die Geschichtswissenschaften und ihre Erfassung durch die Denkmalpflege immer weiter voran. Weder die Erforschung der Geschichte, noch die Erfassung der für sie wertvollen Zeugnisse kann daher jemals als vollständig abgeschlossen gelten. Im Wortlaut des DSchG sind also alle Geschichtswissenschaft mit ihren vielfältigen heute bekannten und sich in Zukunft entwickelnden Verzweigungen erfasst. Aus den von ihnen entwickelten Fragestellungen an historische Quellen, Zeugnisse oder Dokumente ergibt sich, ob ein Objekt Denkmalwert aus wissenschaftlichen Gründen besitzt. Wegen ihrer Bedeutung für eine oder mehrere Disziplinen der Geschichtswissenschaften sind die wissenschaftlichen Gründe häufig der wichtigste Schutzgrund für den Wert als Kulturdenkmal.

Künstlerische Gründe liegen dann vor, wenn es sich um ein Kunstwerk handelt. Ein Kunstwerk besitzt exemplarischen Charakter für eine bestimmte Stilrichtung, bzw. für das Gesamtwerk oder eine Werkphase eines Künstlers. Auch wenn Form und Funktion eines Bauwerkes sich in besonders gelungener Weise entsprechen ist ein künstlerischer Wert gegeben. Wichtig ist, dass dem Objekt eine überdurchschnittliche ästhetische oder gestalterische Qualität zu Eigen ist. Es spricht das ästhetische Empfinden in besonderem Maße an. Es vermag den Eindruck zu vermitteln, dass mit ihm etwas nicht Alltägliches oder eine Anlage von Symbolgehalt geschaffen worden ist.

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Die Heimatgeschichtliche Gründe lassen sich in Erinnerungswerte, Aussagewerte und Assoziationswerte gliedern. Ein Erinnerungswert besteht, wenn es sich um die Wirkungsstätte einer namhaften Person oder den Schauplatz eines besonderen historischen Ereignisses handelt. Einen Aussagewert besitzen etwa Objekte der regionalen Baukultur anhand derer heimatgeschichtliche Entwicklungen anschaulich werden. Der Assoziationswert ergibt sich, wenn im Bewusstsein der Bevölkerung durch den Gegenstand ein Bezug zu bestimmten politischen, kulturellen oder sozialen Verhältnissen seiner Zeit vorhanden ist bzw. assoziiert wird.

Neben der Denkmalfähigkeit, die ein Objekt aufgrund seiner wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Bedeutung hat, spielt für die gesetzlich definierte Denkmaleigenschaft auch die Denkmalwürdigkeit eine Rolle. Diese manifestiert sich in erster Linie an der Authentizität der Quelle, ihrer Originalität und Integrität. D.h., die beschriebene Bedeutung muss sich an einem hinreichend gut überlieferten Bestand nachvollziehen lassen, das Denkmal muss als Quelle noch befragbar und erlebbar sein. Sollte der Erhaltungszustand so schlecht sein, dass das Objekt nur noch als Kopie weiterbestehen kann, entfällt die Denkmaleigenschaft. Für Irritationen sorgt hierbei immer wieder die Formulierung des öffentlichen Erhaltungsinteresses. Hiermit ist nicht die Mehrheit der Bevölkerung gemeint. Es reicht, wenn die Denkmaleigenschaft so offensichtlich ist, dass ein Kreis von Sachverständigen diese bestätigt bzw. bestätigen würde.

Wie werden Denkmalfähigkeit und Denkmalwürdigkeit überprüft?

Um Entwicklungen und Zusammenhänge der Architekturgeschichte verstehbar und handhabbar zu machen, wurden und werden von Architekturhistorikern allgemeine Begriffe sowie Schemata entwickelt und zur Anwendung gebracht, mit deren Hilfe es möglich ist, Bauwerke in verschiedene Baugattungen bzw. Bautypen zu untergliedern. Innerhalb einer Baugattung lassen sich weitere

Abb. 2: Konradskirche, 1964 – 1967.

Spezifika und Muster aus differenzieren, über die sich ein einzelnes Bauwerk in die historische Entwicklung seines Bautyps im Allgemeinen, aber auch in seinen individuellen, eher retardierenden oder innovativen Besonderheiten einordnen lässt. Aus diesen allgemeinen Bedingungen heraus lassen sich allgemeine Bewertungskriterien zur Einschätzung der Bedeutung historischer Zeugnisse ableiten. Aus den Betrachtungsperspektiven der für ein historisches Objekt relevanten Geschichtsdisziplinen ergeben sich die Kriterien, ob dieses einen oder mehrere besondere Aussagewerte besitzt, die für eine Denkmaleigenschaft sprechen. Nach einer abwägenden Gegenüberstellung aller bei Abfassung einer Subsumtion bekannten Argumente, die für oder gegen die im DSchG festgeschriebenen Begründungskriterien für Denkmalwerte sprechen, wird von der Denkmalfachbehörde erkannt, ob das Objekt denkmalfähig und denkmalwürdig ist oder nicht.

Abb. 3: Goldenbühlschule nach Plänen von Günter Behnisch und Lothar Seidel, 1961 – 1964.

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Für eine Denkmalfeststellung im ersten Erfassungsschritt reicht es aus, wenn erkannt worden ist, dass mindestens eines der gesetzlich vorgeschriebenen Kriterien für Denkmalfähigkeit auf das Objekt zutrifft. Nachfolgende Auswertungen bis dahin nicht benutzter oder nicht zugänglicher historischer Quellen, jüngerer restauratorischer oder bauforscherischer Befunde und anderer wissenschaftlicher Forschungen können neue Erkenntnisse zu dem Objekt zu Tage fördern, die belegen, dass ein Objekt noch weiteren denkmalfähigen Werten gerecht wird. In einzelnen Fällen kann entsprechendes, erst nach einer Prüfung auf Denkmaleigenschaft aufgetauchtes vertiefendes Wissen auch zu der Erkenntnis führen, dass es sich bei einem zunächst nicht als Kulturdenkmal erkannten Objekt doch um ein Kulturdenkmal handelt.

Warum gibt es so junge Kulturdenkmale

Es gibt kein Ende der Geschichte. In allen Schichten der Vergangenheit entstehen Kulturgüter, die von den nachfolgenden Generationen historisch eingeordnet werden. Da ist die Aufgabe der Denkmalpflege in gewissem Sinne ganz ähnlich wie bei den Bildungsplänen der Schulen. Sie müssen stetig den neueren Entwicklungen etwa der Literatur- oder Geschichtswissenschaft angepasst werden. Der Geschichtsunterricht nimmt sich immer jüngerer Entwicklungen bis zur und über die Wiedervereinigung hinaus an. Der literarische Kanon wurde um Werke der literarischen Entwicklungen von der Weimarer Zeit über die Exilliteratur der alten BRD, der DDR und der Gegenwartsliteratur seit der Deutschen Einheit bis hin zu Literaturverfilmungen gewürdigt und auch um Werke des aktuellen Literaturbetriebs erweitert.

Zu den grundlegenden Aufgaben des Landesamts für Denkmalpflege gehört es, Kulturdenkmale zu erkennen und zu benennen. Das Denkmalschutzgesetz kennt hierfür keine Zeitgrenze. In der Praxis hat sich ein zeitlicher Abstand von einer Generation zur Entstehungszeit eines Objektes bewährt. Fast zwangsläufig liegt daher heute ein Schwerpunkt der Erfassung auf den Zeitzeugnissen der Nachkriegszeit, unter anderem der 1960er und 1970er Jahre.

Wie kam es zur Herausbildung der Denkmalwerte und Denkmalschutzgründe

Der Bedarf eines gesetzlichen Schutzes am Erhalt von Kulturgütern, die einen symbolischen Wert für die Allgemeinheit haben, wurde erstmals während der Französischen Revolution erkannt. Als der Mob die Bauwerke der höheren Stände demolierte, versuchte eine Gruppe innerhalb der Nationalversammlung 1790/92 die konfiszierten Kirchen, Klöster und Adelsschlösser mit ihren Kunstschätzen als Volksbesitz und Nationaleigentum durch Dekrete zu schützen. Als in Deutschland nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1806 durch die Auflösung des geistlichen Besitzes und die profane Nachnutzung diese wichtigen Denkmale verloren gingen, waren es zunächst Schriftsteller, wie Schlegel oder Goethe, die den Wert mittelalterlicher Architektur herausstellten und ihr Empfinden eines Verlustes artikulierten. Die ersten Denkmalschutzverordnungen formulierten daraufhin einflussreiche Architekten wie Georg Moller im Großherzogtum Hessen, Karl Friedrich Schinkel in Preußen

oder Ferdinand von Quast in Bayern. Im Großherzogtum Baden wurde 1853 August von Bayer, in Württemberg 1858 Konrad D. Hassler als

erster Konservator der staatlichen Denkmalpflege eingesetzt. Anfangs wurde Denkmalpflege im Rahmen von im jeweiligen Baurecht fixierten gesetzlichen Vorgaben betrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedete Südbaden im Juli 1949 das erste badische Denkmalschutz-gesetz, das in Beratungen seit 1962 als Ausgangspunkt für eine landeseinheitliche Gesetzgebung für Baden-Württemberg diente, die in dem 1972 in Kraft getretenen Entwurf mündeten, der im Wesentlichen bis heute seine Gültigkeit behalten hat.

Als oberster preußischer Baubeamter verfasste Schinkel 1815 einen ausführlichen „Bericht über den Zustand der Denkmale“ und entwickelte in seinem an den König Friedrich Wilhelm III. gerichteten Antrag „Zur Erhaltung aller Denkmäler und Altertümer unseres Landes“ erstmals eine komplette denkmalpflegerische Methodik. Sie beinhaltete:

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1. die Erfassung der Denkmale in Listen, 2. Hinweise für ihre Restaurierung, 3. eine Bestimmung des Denkmalbegriffs und 4. Vorschläge für eine Behördliche Organisation.

In seinem 1796 – 1809 herausgegebenen Handbuch der Dogmengeschichte kam der als Begründer dieser Geschichtsdisziplin geltende Theologieprofessor und Rektor der Universität Marburg Wilhelm Münscher zu dem Ergebnis, dass die Dogmen der Kirche durch die Jahrhunderte aus dem jeweils vorherrschenden Zeitgeist entstanden sind und konstatierte pragmatisch-kritisch, dass diese die im Laufe der Geschichte des Christentums mit unumstößlichem Wahrheitsanspruch aufgestellten Lehrsätze der Kirche im Lauf der Historie „dem Wechsel von Vorstellungen oft ebenso schnell aufeinander folgen wie die Kleidermoden der Damen“. Wenig später begann der einflussreichste deutsche Historiker des 19. Jahrhunderts, Leopold von Ranke, die Schriftquellen der allgemeinen Geschichte ähnlich kritisch zu beäugen. Mit seinem auf Schriftquellen basiertem Streben, objektiv zu „zeigen, wie es eigentlich gewesen ist“, wurde er zum Begründer einer damals neuen Methodik: der quellenkritischen Geschichtsforschung und der auf Archivalien und umfassende Kenntnis der Literatur gestützten professionellen Geschichtsschreibung. Die im Sinne Rankes ausgebildeten Fachhistoriker der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts sortierten die Archive neu. Sie unterzogen die Schriftquellen einer kritischen Analyse, um Fälschungen zu enttarnen. In großen, gemeinsam erarbeiteten, Generationen übergreifenden Handbuchprojekten, wie den Monumenta Germaniae Historica, wurde das Wissen zusammengefasst und publiziert, um es zukünftigen Forschern als Grundlage für neue, vertiefende Forschungsarbeiten verfügbar zu machen.

Im Geiste von Rankes quellenkritischer Geschichtsschreibung entstand seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Buchreihe der amtlichen Kunstdenkmäler-Inventarbände zum materiellen Kulturerbe. 1890 erschien der von Franz Xaver Kraus bearbeitete Band

Abb. 4: Großinventar. Großherzogtum Baden, Kreis Villingen, 1890.

„Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden“ für den Kreis Villingen. In Analogie zur Gesellschafts- und staatlichen Verwaltungsstruktur wurden die Denkmale einer Gattungshierarchie unterworfen: Das Sakrale kam vor dem Profanen, der Dom vor den Stadtpfarrkirchen, das Schloss vor dem Rathaus und dieses schließlich vor dem Kornspeicher. Und das alles war im Buch so geordnet, wie die Obrigkeit es mit ihrem Land und ihren Untertanen getan hatte. Wobei die Wohnbauten der Untertanen weitgehend noch gar keine Berücksichtigung fanden. Die Erfassung von Baudenkmälern reichte in der Regel nur bis zum Ende des 18. Jahrhunderts oder bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.

Die Denkmaldebatte um 1900: Konservieren statt Rekonstruieren

Um 1900 entzündete sich an Carl Schäfers Restaurierungskonzept für das Heidelberger Schloss zwischen Historikern und Architekten eine vehemente Debatte. Gegen die Rekonstruktion eines historischer Gebäude durch sehr freie phantasievolle Gestaltungen bzw. Erfindungen mit historischem Formengut oder historisierenden Versatzstücken, wandte sich Georg Dehio und forderte – im Sinne von Rankes Diktum: zeigen, wie es eigentlich gewesen ist – das Konservieren historisch überlieferter Originalzustände ein. Denn ein kreativer Umgang mit alten Baustilen beim Sanieren eines historischen Gebäudes führt letztlich zur unsachgemäßen Verfälschung einer Geschichtsquelle.

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Das war ein markanter Wendepunkt in der Methodik der Denkmalpflege. Der Gedanke der sogenannten „schöpferische Denkmalpflege“, die Fassaden historischer Gebäude durch ein gefälliges Äußeres aufzuhübschen und in historistisch angepassten Formen weiterzubauen, wich dem bis heute gültigen modernen konservatorischen Auftrag der Erhaltung und Bewahrung von historischer Originalsubstanz. Das heißt selbstverständlich nicht, dass im Zuge von Bauunterhaltungs-, Restaurierungs- oder Sanierungsmaßnahmen an Kulturdenkmalen zum Erhalt des Erscheinungsbildes keine werk-, form- und materialgerechte Ergänzungen oder auch der Austausch maroder Substanz durchgeführt werden können. Wichtig beim Konservieren eines denkmalgeschützten Gebäudes ist es, sich zu verdeutlichen, welches die denkmalkonstituierenden historischen Werte sind, die die Denkmalfähigkeit begründen, und wie sie bei einer Sanierung in dem Nutzungskonzept des Gebäudes gesichert, restauriert und erhalten werden können. In diesem Sinne schützt und bewahrt die heutige Denkmalpflege selbstverständlich auch typische, qualitätvolle Leistungen im Sinne der schöpferischen Denkmalpflege. Denn Schloss Neuschwanstein, die Haut Koenigsbourg im Elsass, die historistischen Aufbauten der Freiburger Stadttore oder das Freiburger Rathaus sind ja historische Zeugnisse für das Geschichtsverständnis und den Umgang mit Geschichte zu ihrer Erbauungszeit.

Georg Dehio war es auch, der auf dem zweiten Tag für Denkmalpflege in Dresden im Jahre 1900 ein Konzept zur Erarbeitung eines „Handbuchs der Deutschen Kunstdenkmäler“ vorstellte, das gegenüber den umfassenden amtlichen Denkmalinventarverzeichnissen als knappes „Nachschlagewerk für die Arbeit am Schreibtisch und zugleich ein bequemes Reisehandbuch sein“ sollte. Die erste 1905 bis 1912 erschienene Auflage kam noch mit fünf handlichen Bänden für das gesamte deutsche Reichsgebiet aus. In den jüngeren Überarbeitungen haben größere Bundesländer inzwischen häufig schon zwei, Bayern sogar fünf Bände.

Abb. 5: Titelblatt Dehio Baden-Württemberg.

In den Vorworten dieser Bände wird Dehio häufig mit folgendem Satz zitiert: „Was uns die Kunstgeschichte nach ihrem Teil vom historischen Lebensinhalt unseres Volkes zu sagen hat, sagt sie zumeist durch die Denkmäler. Von ihnen geht die Betrachtung aus, zu ihnen kehrt sie zurück.“ Das ist quasi Rankes Methodik der quellenkritischen Geschichtsforschung als Devise für die Denkmalpflege. Dieser Satz bringt prägnant den Wert eines Kulturdenkmals als von jeder Historikergeneration quellenkritisch immer wieder aufs Neue befragbares Geschichtsdokument als den wesentlichen Wert eines Kulturdenkmals auf den Punkt. Entgegen den Vorstellungen der „schöpferischen Denkmalpflege“ ist da zunächst einmal kein Wort von Schönheit und Ästhetik, sondern von den Lebensformen vergangener Zeiten. Diese lassen sich aus den in einer Geschichtsepoche entstandenen Denkmälern auch in späteren Zeiten noch ablesen. Je originaler wir sie konservieren, desto klarer sprechen sie zu uns.

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Das ist wie mit einer in einem Urkundenbuch wörtlich abgedruckten Schriftquelle. Sie ist eben doch nur eine Dokumentation. Das Original setzt auch das originale Material voraus, auf dem der Text niedergeschrieben wurde, mit allen Siegeln etc. Denkmalpflege hat sich in diesem Sinne weder nur um Schönheit, noch nur um die Herrschaftsgeschichte zu kümmern. Dehios Denkmalbegriff meint die breitgefächerte Geschichte eines Volkes, in der Bandbreite der gesamten Historie, die das Volk berührt. Das schließt das Gesicht der Architekturen aller gesellschaftlichen Schichten der unterschiedlichen Epochen ein: von den Behausungen und Arbeitsstätten der Wohlhabenden bis zu denen der Armen gleichermaßen wie die damit verbundenen jeweiligen Denkmodelle der Religions-, Gesellschafts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte usw. Jede Gesellschaftsschicht und jede historische Epoche hat ein Recht auf Tradierung ihres kulturellen Erbes. Im Prinzip wird heute noch nach den auf Ranke basierenden Prinzipien Dehios inventarisiert. Nur die wissenschaftlichen Fragestellungen und Untersuchungsgegenstände haben sich im Verlauf der Geschichte geändert.

Die Erforschung der Bau- und Nutzungsgeschichte von Kulturzeugnissen aller Gesellschaftsschichten

Das Engagement der Heimatschutzbewegung um die Wende zum 20. Jahrhundert bewirkte, dass neben Kirchen, Burgen und Schlösser auch schon viele städtische Bürgerhäuser und ländliche Bauernhäuser in die Denkmallisten gelangten. Die Gesellschaft erkannte ihre Pflicht, nicht nur die Geschichte der Herrschenden, sondern die Geschichte aller sozialen Schichten denkmalpflegerisch zu würdigen. Max Dvorak entwickelte 1916 in seinem Katechismus der Denkmalpflege den Gedanken, dass der Denkmalschutz nicht allein auf die hervorragenden Denkmale zu begrenzen ist. „Das Geringe bedarf da oft mehr des Schutzes als das Bedeutende“. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts begann die Denkmalpflege von rein stilgeschichtlichen Betrachtungen und der Stadtbildpflege durch Fassadendenkmalschutz Abstand zu nehmen. Die historische Aussage eines Fachwerkhauses erschöpft sich nicht allein im äußeren Erscheinungsbild in der schmucken Schaufassade.

Abb. 6: Festumzug zur 900 Jahrfeier 1899 vor dem Gefängnis (SAVS 1.42.91 Nr. 149).

Sie erschließt sich erst durch die Erforschung des gesamten historischen Baugefüges (etwa historische Zimmermannskonstruktionen) und der historischen Nutzung (historische Raumstrukturen und ihre ortsfesten Ausstattungen wie etwa Holzfußboden- und Deckenkonstruktionen, Kachelöfen, Türen und Fenster samt Schlössern und Beschlägen usw.) Mit naturwissenschaftlich basierten Restaurierungstechniken und den Methoden der Bauforschung bzw. historischen Hausforschung wendet die Denkmalpflege heute verschiedenste konkrete Untersuchungsmethoden an, um die geschichtlichen Werte ganzer Gebäude, ihrer Putz- und Farbschichten zu analysieren und zu bewahren. Durch den Kampf um den Erhalt des materiellen Erbes dient die Denkmalpflege der Erforschung der Sozial- und Nutzungsgeschichte von Gebäuden aller Gesellschaftsschichten.

Kulturdenkmale im Kontext des gesamten kulturellen Erbes

Die von den französischen Historikern Marc Bloch und Lucien Febvre begründete Schule der „Annales“ (die nach dem Namen des von ihnen publizierten Jahrbuchs benannt wurde) entwickelte seit den 1920er Jahren einen neuen geschichtswissenschaftlichen Denkstil, aus dem sie neue Denkmodelle zur Analyse der Geschichte ableiteten.

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Einen wichtigen Stellenwert besitzen Kulturdenkmale in Fernand Braudels Dreiteilung historischer Zeiträume: 1. die immobile Geschichte der materiellen Lebensgrundlagen und geographische Rahmenbedingungen, 2. die längerfristigen Entwicklungen im Rahmen von Sozial- und Wirtschaftszyklen und 3. Die kurzfristigen politischen, sozialen und kulturellen Ereignisse. Die Aufgabe der Denkmalpflege ist es, wertvolle Zeugnisse der immobilen Geschichte, der materiellen Lebensgrundlagen aller Geschichtsepochen zu erhalten. Die Denkmalpflege sichert das materielle Erbe der Geschichte damit sich auch spätere Generationen noch ein möglichst authentisches Bild der Geschichte machen kann. Nicht jedes Objekt, das irgendwann einmal entstanden ist, ist automatisch ein bedeutendes Geschichtszeugnis, das als Dokument für die Nachwelt zu erhalten ist. Um etwas über ihre Zeit erzählen zu können, müssen Kulturdenkmale eine für ihre Epoche wichtige Aussage enthalten, eine spezifische Qualität aufweisen und in ihrer Authentizität, Originalität und Integrität erhalten sein. Der Archivar sammelt nicht jeden Kassenbon; die Abschrift im Urkundenbuch oder die Fotokopie sind keine historisch authentischen Originale bzw. Geschichtsquellen. In der Architektur bilden sich nicht nur künstlerisch ästhetische, sondern auch etwa gesellschaftliche, politische oder soziale Konzepte einer Epoche ab. Architektur ist immer auch ein durch die Raumaufteilung und – anordnung im Innern und die Einbindung in das topographische Umfeld ein Feld komplexer Beziehungen. Die Wahl des Standortes, das funktionale Beziehungssystem von Innen- und Außenraum bestimmen die Gestalt des Gebäudes. Im Wandel der Baugattungen bilden sich durch die Jahrhunderte verschiedene Phasen der historischen Gesellschaftsentwicklung und Gesellschaftsentwürfe ab. Im geographischen und topographischen Kontext betrachtet lassen sich die Entwicklungen einer regionalen Kulturlandschaft und ihrer Baukultur ablesen. In den architektonischen, topographischen und geographischen Räumen lesen wir die vergangenen Zeiten und deren Lebenswirklichkeiten.

Das europäische Denkmalschutzjahr 1975

In den 1960er und frühen 1970er Jahren entstanden europaweit pro Denkmalschutz eingestellte gesellschaftliche Strömungen, die im europäischen Denkmalschutzjahr 1975 „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ forderten. Die Erkenntnis, dass seit dem Zweiten Weltkrieg in den deutschen Städten mehr Kulturdenkmale zerstört worden waren als im Krieg, führte zur Bildung von Bürgerinitiativen, die eine stärkere Berücksichtigung des Denkmalschutzes politisch einzufordern begannen. Postromantische Bürgerbewegungen wandten sich gegen das radikal wirtschaftsfunktionalistische Fortschrittsdenken der 1960er Jahre und forderten den Erhalt der historischen Authentizität ihrer Umwelt ein. Gegen die monotone Wirkung der seriellen Bauweise des internationalen Stils verwiesen sie auf die individuelle Einmaligkeit geschichtlich gewachsener Orte mit ihrer historisch authentischen Atmosphäre.

Abb. 7: Titelblatt Ortskernatlas Villingen-Schwenningen.

Seit den 1960er Jahren hatten verschiedene Wissenschaftszweige verstärkt Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Urbanisierung, Stadtsoziologie, Geschichte des Wohnens und Siedlungsentwicklung ausgebildet.

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Diese neuen wissenschaftlichen Fragestellungen kulminierten 1975 in einer völlig neuen und veränderten Sicht- und Handlungsweise der Denkmalpflege. Die städtebauliche Denkmalpflege erhielt nun ein neues Gewicht. Die Denkmalpflege forderte ein, den Erhalt der Kulturdenkmale in den neuen verwaltungsrechtlichen Rahmenrichtlinien etwa der Raumordnungspolitik, in der Stadtplanung und der Bauaufsicht abzusichern. Um hierfür anderen Trägern öffentlicher Belange umfassendes Material als Grundlage an die Hand zu geben, bedurfte es einer anderen Darstellungsweise, als es mit der Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Methodik für die herkömmlichen „Alt“-Inventare möglich war. Zur Darstellung des Einzelobjektes im Zusammenhang mit seiner Umgebung und in seinen historisch-städtebaulichen Strukturen ersann die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger neue Darstellungsmöglichkeiten. Neben dem ganze Landkreise darstellenden Projekt „Topographie Bundesrepublik Deutschland“ entstand in Baden-Württemberg die Reihe der „Ortskernatlanten“, in der 1991 der Band zur Stadt Villingen erschien. Darin wird durch Texte, Bilder und Karten ein Überblick über Art, Lage, Verteilung und strukturelle Beziehungen des Denkmalbestandes hergestellt. Die Topographie gibt Auskunft darüber, „welche Gebäude, Gebäudekomplexe, Ensembles denkmalwert sind. Nicht nur straßenseitige Bauten und ihre Fassaden, auch charakteristische, zeittypische Hofbebauungen gehören dazu. Gruppen von Bauten, die sich zu städtebaulicher Wirkung zusammenschließen, zählen ebenso dazu, wie die Grundrißstruktur eines Ortes Denkmalbedeutung haben kann oder die Durchdringung und Überlagerung baulicher und gartenkünstlerischer Anlagen den spezifischen Denkmalwert einer Anlage bewirken. Die Denkmaltopographie erläutert, in welchem räumlichen Zusammenhang die Denkmale stehen und wie sie sich aufeinander beziehen. Der topographische Ansatz ermöglicht es, Ortsstrukturen zu klären und städtebauliche Entwicklungen nachzuzeichnen und einzuordnen, deren Kenntnis, will man historische Zeugnisse unserer Geschichte nicht zerstören oder überbauen, für weitere Planungen unabdingbar sind.“ (Volker Osteneck 1987).

Abb. 8: Gebäude Mönchweilerstraße 6.

Entgegen der Vorstellung der Heimatschutzbewegung im ersten Dezennium des 20. Jahrhunderts vom Erhalt von als malerisch empfundenen Ortsbildern, geht es nach dem heutigen Denkmalverständnis um den Erhalt komplexerer historischer Zusammenhänge, die – durch eine besondere, von Ort zu Ort individuell unterschiedliche kulturgeschichtliche Entwicklung geprägt – zu dem geworden sind, was sie heute sind. Das können ländliche Siedlungsstrukturen von einem mittelalterlichen Gehöft zu einem Weiler, Dorf-, Markt- oder Stadtsiedlungsstrukturen, Strukturen der Stadtgrundrissentwicklung von der frühmittelalterlichen Stadt bis zur Großstadt des Industriezeitalters sein. Der Schutz endet nicht unbedingt immer mit der Außenmauer eines Gebäudes, er schließt zum Teil über die Bausubstanz eines Hauses hinaus, auch Hofräume, Garten und Grünflächen ein.

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Abb. 9: Bahnhof Kirnach.

Über Ortsbilder hinaus können auch historische Kultur-, Denkmal- und Kunstlandschaften Kulturdenkmale im Sinne von als Sachgesamtheiten darstellen. So ist Villingen etwa mit seinen Bauten und Gleisanlagen der Schwarzwaldbahn in eine von Offenburg bis Singen reichende Denkmallandschaft im Sinne einer Sachgesamtheit nach §2 DSchG, bestehend aus der linearen Bahnstrecke, den Ingenieurbauten (wie Unterbau, Stützbauten und Stützmauern, Dammentwicklung, Brücken, Tunnel, Durchlässe jeglicher Art, Holzrutschen) und den Kunstbauwerke bzw. Hochbauten (wie Stations-, Bahnhofsempfangs- bzw. Aufnahmegebäude an Bahnhöfen bzw. Haltepunkten und -stellen, Bahnbeamtenwohnhäuser, Bahnwärter- bzw. Streckenwärterhäuschen, Bahnbetriebswerk Villingen, Stellwerke, Wachhütten, Güterschuppen, Lagerhäuser und andere Nebengebäude), eingebunden.

Abb. 10 Die barocke Ausstattung der ehemaligen Johanniterkirche in Villingen, heute in der Kirche von Obereschach.

Die 1864 – 73 zunächst eingleisig verlegte, bis 1921 zweigleisig vollendete und 1972 – 77 elektrifizierte Bahnstrecke ist aus wissenschaftlichen, besonders ingenieurbau- und technikgeschichtlichen, verkehrsgeschichtlichen, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen und tourismusgeschichtlichen sowie heimatgeschichtlichen Gründen ein Kulturdenkmal. Weitere über Villingen-Schwenningen hinausgreifende denkmalfähige historische Kontexte wurden bisher zwar noch nicht erkannt und ausgewiesen. Allerdings wäre es durchaus möglich, dass eine (derzeit vom Landesamt für Denkmalpflege sicherlich nicht leistbare) vertiefende Erforschung der Geschichte der Villinger Klöster und ihrer in den historischen Urbaren verzeichneten Lehnshöfe und anderen Besitzungen eines Tages zu

Abb. 11: Bendediktinerkirche in Villingen, Schulgasse 19.

der Erkenntnis führen könnte, dass in den baulichen Zeugnissen einer oder mehrerer dieser der Grundherrschaften die Prägung einer über mehrere Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft noch so umfassend ablesbar ist, dass etwa die Johanniterkommende oder das Georgenkloster samt der zur jeweiligen historischen Grundherrschaft gehörigen Höfe und anderen Baulichkeiten jeweils eine Sachgesamtheit im Sinne des DSchG bilden.

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Beispiele der Bau- und Kunstdenkmalpflege

Um nach diesen vielen theoretischen Ausführungen einen kleinen Einblick in die Bandbreite dessen zu geben, was alles Kulturdenkmal sein kann, werden im Folgenden – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – verschiedene Beispiele unterschiedlicher Zeitstellung sowie Bau- und Kunstgattungen nicht nur aus Villingen, sondern auch aus anderen Stadtteilen der Doppelstadt Villingen-Schwenningen vorgestellt:

Mittelalterliche Bauzeugnisse

Als ältestes erhaltenes Bauwerk Villingens ist der romanische Kirchturm der ansonsten neuromanischen, 1855 errichteten Friedhofskapelle zu nennen.

Abb. 11: Friedhofskirche.

Der Kirchturm stammt noch aus der Zeit um 1100 und gehörte zur Kirche der ursprünglichen Siedlung Villingen. Diese Siedlung ging unter, nachdem neben ihr im 12. Jahrhundert eine Planstadt errichtet worden war und die Einwohner in der durch Mauern gesicherte Stadtanlage ansässig wurden.

Die Gesamtanlage der historischen Altstadt Villingen

Die im Hochmittelalter unter der Herrschaft der Zähringer als Planstadt errichtete Altstadt Villingens ist ein siedlungs- und stadtbauentwicklungsgeschichtlich bedeutsames Kulturdenkmal im Sinne einer Gesamtanlage gemäß § 19 DSchG. Dazu gehört das den Stadtgrundriss bestimmende Straßen- und Gassensystem mit der früher fälschlicherweise als „Zähringer Kreuz“ bezeichneten Straßenkreuzung der beiden Hauptverkehrsstraßen, das die Stadt in vier Quartiere teilt. Die ovale Grundfläche der Stadt ist durch die außergewöhnlich gut erhaltene Stadtbefestigung mit ihren Toren, Türmen und der umgebenden Grünfläche, unter der die verfüllten Stadtgräben und die äußere Stadtmauer liegen, noch heute deutlich ablesbar.

Innerhalb der historischen Altstadt sind das Münster und die im 17./18. Jahrhundert stark erneuerten Klöster auch als Einzeldenkmale geschützt. Ebenso sind viele Wohnhäuser innerhalb der Gesamtanlage als Einzeldenkmale ausgewiesen. Sie reichen in ihrer Bausubstanz zum Teil bis in das 12. Jahrhundert zurück.

Abb. 12: Geschützrampe am Romäusring mit Elisabethenturm.

Aber sie sind nicht nur wegen dieser mittelalterlichen Substanz Kulturdenkmale, sondern gleichzeitig Zeugnisse für die Entwicklung und Veränderungen des Typus des städtischen Bürgerhauses vom Mittelalter bis in das 18. und 19. Jahrhundert.

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An und in ihnen lassen sich verschiedene Phasen der ehemaligen Bau- und Wohnstruktur ablesen. Weitere Elemente der Gesamtanlage bilden die für das historische Stadtbild und die historische Besiedlungsstruktur wichtigen erhaltenswerten Gebäude, Straßen- und Platzflächen sowie Grün- und Freiflächen, die zusammen mit den Kulturdenkmalen für das geschützte Bild der Altstadt konstituierend sind.

Sachgesamtheit Friedhof

Die schon genannte Friedhofskapelle mit dem romanischen Turm gehört zum Villinger Friedhof. Dieser bildet ein Kulturdenkmal im Sinne einer Sachgesamtheit nach §2 DSchG. Er entwickelte sich aus dem ummauerten Kirchhof der mittelalterlichen Kirche. Der denkmalgeschützte Bereich umfasst den der Friedhofskapelle südlich und westlich vorgelagerten Bereich. Hier lassen sich an Hand historischer Mauern noch Friedhofserweiterungen des späten 19. Jahrhunderts bis 1910 ablesen. Wesentlich für die Denkmaleigenschaft ist jedoch die gartenarchitektonische und gartenkünstlerische Gestaltung des Friedhofsgeländes. Ein wohl gegen 1908 angelegter geometrisch und achsensymmetrisch gegliederter Bereich östlich der Steppach samt zweier neuklassizistischer Steinbrunnen korrespondiert hier mit einem im Jahre 1923/24 von dem Architekten Karl Naegele in Formen eines Landschaftsgartens entworfenen Bereich westlich der Steppach.

Abb. 13: Friedhofsanlage (SAVS 1.42.91 Nr. 199).

Im geometrischen Teil steht das mit Relief von Robert Neukum gestaltete Gefallendenkmal mit vorgelagertem Ehrenfriedhof. Verschiedene aus heimatgeschichtlichen Gründen wichtige Grabstätten ortsgeschichtlich bedeutender Persönlichkeiten sind innerhalb der Sachgesamtheit genauso geschützt wie aus künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen bemerkenswerte Grabmale. Hierzu zählen etwa, das mit einer künstlerisch sehr qualitätvollen Frauenskulptur ausgestattete Grabmal der Gertrud Spathelf geb. Schönthale von 1939, der im selben Jahr gesetzte, ikonographisch eigenwillige Grabstein für den Flieger und Bordfunker im Sturzkampfgeschwader „Immelmann“ Franz Adolf Schweizer mit Brustbild und abstürzendem Flugzeug, oder das in sehr sachlicher Manier mit Sitzbänken gestaltete Grab des Architekten Karl Naegele (1873 – 1952) und seiner 1942 verstorbenen Ehefrau.

Bauten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Mit Blasius Geiger in Schwenningen sowie Karl Naegele und Theodor Glatz in Villingen gab es um die Wende zum 20. Jahrhundert drei herausragende Architekten, die vom gehobenen Bürgertum gern mit dem Bau ihres Wohnhauses, einer Gaststätte, aber auch

Abb. 14: Schillerstraße im Jahr 1900 (SAVS 5.2.4 Nr. 3640)

von der Stadt mit kommunalen Bauaufgaben (etwa Schulen, Forstamt etc.) betraut wurden. Die nach ihren Plänen errichteten Gebäude sind als Zeitzeugnisse der großbürgerlichen Wohnkultur, die die künstlerische und architektonische Fortentwicklung des Historismus zu den verschiedenen Reformstilen des frühen 20. Jahrhunderts im Allgemeinen, aber auch innerhalb ihres jeweiligen Schaffens im Besonderen widerspiegeln.

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Abb. 15: Pontarlierstraße 1, Krankenstall der Kaserne

Eine Villinger siedlungs- und ortsgeschichtliche Besonderheit bilden die Gebäude, die als Villengürtel um die zur Grünfläche umgewandelten ehemaligen Wallanlagen vor der Stadtmauer errichtet wurden. Während Naegele in Villingen noch im Krieg die Richthofen-Kaserne (später Lyautey-Kaserne) verwirklichte und in der Zwischenkriegszeit u. a. Mietshäuser für die Villinger Baugenossenschaft sowie Vorstadtvillen in der Schillerstraße entwarf, führte in Schwenningen nach dem Ersten Weltkrieg Hans Armbruster das Büro Blasius Geigers fort.

Abb. 16: Pontarlierstraße 1, Waffenmeisterei.

Der engagierte Architekt war ein Schüler Theodor Fischers. Als Kulturdenkmale erfasst sind: sein 1925 entstandenes eigenes Wohnhaus, das heute als ev. Kindergarten genutzt wird (Mozartstraße 74), das Postamt (Friedrich-Ebert-Straße 22) und, das ehemalige Verwaltungsgebäude des Büdo-Werkes von 1927 (Rietenstraße 30). Neben den zeitgleich 1924 – 28 vom städtischen Stadtbauamt geplanten und verwirklichten Zweckbauten (Rathaus von Hans Herkommer, Waldfriedhof mit Krematorium von Julius Feucht und Siedlung Hammerstatt von Ernst Möbs) gehören seine sachlich-zweckmäßigen, der Werkbundästhetik folgenden Bauten zu dem Qualitätvollsten, das das Ortsbild der aufstrebenden Industriestadt Schwenningen unter Oberbürgermeister Ingo Lang von Langen in den 1920er Jahren geprägt hat. Als aussagekräftige Zeugnisse der NS-Architektur aus den 1930er Jahren können die Schwenninger Friedensschule in der Mozartstraße sowie zwei sehr authentisch erhaltene Gebäude auf dem Villinger Mangin-Kasernengelände gelten. Die Waffenmeisterei als sachlich-funktionaler Stahlskelettbau und der Krankenstall als Backsteinbau mit Gauben besetztem Walmdach in Formen ländlicher Stall- und Ökonomiegebäude zeigen im Kleinen die für nationalsozialistische Baugruppen typische Gegenüberstellung von Bauten der Technik und Industrie in sachlich-funktionalästhetischer Formensprache mit Wohnbauten und/oder Stallungen in traditionalistischem Heimatstil.

Bauten des dritten Viertels des 20. Jahrhunderts

Einen Schwerpunkt architektonisch herausragender Qualität der 1950er und 1960er Jahre bildet der Kirchen- und Schulbau. Sehr eindrucksvoll als Stadtkrone einer Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre neu entstandenen Siedlung sind beide Bauaufgaben auf dem Goldenbühl vereinigt.

Abb. 17: Markuskirche (SAVS 5.2.4 Nr. 142).

Auf einer gärtnerisch gestalteten Freifläche, jeweils als Gemeindezentrum angelegt, beherrschen die kath. Bruder-Klaus-Kirche (1962/63 nach Entwurf von Erwin Foos, mit Glasfenstern von Romuald Hengster und Wilfrid Perraudin) und die ev. Markuskirche (1961/1962 nach Plänen von Fritz Eberhard) den Hügel, während sich an dessen westlich vorgelagerten Hang die locker als Pavillonschule gruppierten Gebäude der Goldenbühlschule (1961 – 1964 nach Plänen von Günter Behnisch und Lothar Seidel) schmiegen.

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Während die Goldenbühlschule als Pavillonschule noch einen in den 1950er Jahren stark vertretenen Schultyp verkörpert, ist das vom Büro Behnisch wenig später in Schwenningen geschaffene Deutenberggymnasium (1962 – 65) eine Vollmontageschule. Gemeinsam mit der Firma Rostan entwickelte Behnisch Anfang der 1960er Jahre ein flexibel verwendbares Konstruktionssystem vorgefertigter Betonmontageelemente. Durch das Montagebaukastensystem war kein Schultyp vorgegeben, es ermöglichte durch typisierte Bauteile und typisierte Bausysteme den dem jeweiligen

Abb. 19: Evangelische Johanneskirche Schwenningen.
Abb. 20: Nepomukdenkmal (SAVS 22 VS 681).

Raumbedarf und Baugelände angepasste Schulbauten. So gehört das Deutenberggymnasium zu den architekturgeschichtlich wichtigen Bauten Günter Behnischs aus der Werkphase der Vorfertigung 1959 – 65 und beeinflusst auch die Schulbauten seiner späteren Schaffensperioden. Zu den überregional herausragenden Kirchenbauten der sogenannten Nachkriegsmoderne zählen neben den Kirchen auf dem Goldenbühl die evang. Johanneskirche (1958 – 60 nach Plänen von Erwin Rohrberg) in Schwenningen, die evang. Versöhnungskirche (1969 von Horst Linde) in Marbach und die von Emil Obergfell (Bad Dürrheim und Villingen) 1962/63 entworfene und nach den statischen Berechnungen durch das Ingenieurbüro Dr. Ing. G. Kani – Dr. M. Holzapfel (Stuttgart) 1964 – 67 ausgeführte kath. Konradskirche in Villingen mit freitragendem Spannbetonschalendach in Form eines hyperbolischen Paraboloids.

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Ein Ableger dieses modernen Kirchenbaus ist die Aussegnungshalle in Obereschach. Der nach Plänen von Ulrich Döring 1972/73 errichtete Bau ist derzeit das jüngste bisher erkannte Kulturdenkmal Villingen-Schwenningens und ein aussagekräftiges Zeugnis für die sich Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre abzeichnende sozial- und gesellschaftlich bemerkenswerte Entwicklung, bei der viele zuvor von den Kirchen verwaltete Aufgaben der Gesellschaft in die Hände kommunaler Träger gelangten. Im Bestattungswesen lösten kommunale Aussegnungshallen den älteren Typ der konfessionellen Friedhofskapelle ab. Für die Formgebung dieser Trauerfeiern verschiedener Konfessionen und Weltanschauungen dienenden „Pseudo-Sakralräume“ wurden viele Anleihen beim gleichzeitigen Kirchenbau gemacht. So hat auch Döring das Erscheinungsbild der Obereschacher Aussegnungshalle deutlich an Entwicklungen des dynamisch rhythmisierten Schalenbaus im Kirchenbau der 1960er Jahre orientiert.

Kleindenkmale, Skulpturen, Reliefs und Wandgemälde

Abb. 21: Räumliche Wand am ehemaligen Finanzamt Schwenninger Straße von Otto Hajek.

Neben hier nicht im Einzelnen benennbaren religiösen Kleindenkmalen wie Wegkreuzen, Bildstöcken, Heiligenstatuen oder Kapellen können auch historische Grenzsteine, Brunnen, Gedenkmale für bedeutende Persönlichkeiten oder an historische Ereignisse etc. Kulturdenkmaleigenschaft besitzen. Aus künstlerischen Gründen besitzen z.B. auch verschiedene qualitätvolle Werke, die überregional bedeutende Künstler als Kunst am Bau oder im öffentlichen Raum verwirklicht haben. Hierzu zählen etwa die Skulptur „Räumliche Wand“ neben dem Finanzamt Villingen (1958 von Otto Herbert Hajek, Stuttgart) oder das 1959 geschaffene Relief von Romuald Hengstler am Sängerheim Schwenningen.

Ansprechpartner für Denkmaleigentümer im Rahmen der verwaltungsrechtlichen Gliederung

Die Unteren Denkmalschutzbehörden sind in Städten, Landkreisen oder Verwaltungsgemeinschaften die erste Anlaufstelle für die Denkmaleigentümer. Sie sind in aller Regel die Genehmigungsbehörde für alle denkmalschutzrechtlichen Fragen.

Die Oberste Denkmalschutzbehörde in Baden-Württemberg ist das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau. Die Höheren Denkmalschutzbehörden sind in den Referaten 21 der Regierungspräsidien angesiedelt. Sie sind die Aufsichtsbehörde für die Unteren Denkmalschutzbehörden und Widerspruchsbehörde; sie führen das Denkmalbuch.

Das Landesamt für Denkmalpflege, das als Vor-Ort-Präsidium im Regierungspräsidium Stuttgart angesiedelt ist, ist die Fachbehörde für Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Sie ist für die Erfassung und Erforschung der Kulturdenkmale zuständig, berät die Denkmaleigentümer beim Erhalt der Denkmale und stellt das Benehmen mit den Genehmigungsbehörden her. Im Landesamt für Denkmalpflege gibt es neben der hier im Fokus stehenden Bau- und Kunstdenkmalpflege als zweite große Fachabteilung die archäologische Denkmalpflege.

Bildnachweis

Abb. 1, 3, 4, 6 – 10, 13, 14, 16:    Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Dienstsitz Freiburg, Dr. Cremer

Abb. 2:    Dr. Enzenroß

Abb. 5, 11, 12, 15, 17:    Stadtarchiv

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Vorgesehenes Jahresprogramm 2019 Änderungen vorbehalten – Bitte beachten Sie die Ankündigungen in der Tagespresse

JANUAR

09. Januar, 17:00 Uhr, Städt. Galerie Friedrich-Ebert-Straße 35 Vanessa Charlotte Heitland, Galerieleiterin Führung durch die Ausstellung: „REVISITED“ Neue Blicke auf diestädt. Sammlung mit einer Auswahl aus 3.000 Werken.

FEBRUAR

22. Februar, 19:00 Uhr, Fürstenbergsaal in der Zehntscheuer Mit den beliebten Fasnachtsakteuren Gunther Schwarz, Henry Greif, Klaus Richter u.a. Kappenabend des GHV Geschichte und Humor im Verein Gemeinsam feiern – Heimatliches Liedgut pflegen – Vergnügter, närrischer VolkshochSchulkurs

MÄRZ

13. März, 19:30 Uhr, Hotel Diegner Jahreshauptversammlung

APRIL

05. – 14. April, Exkursion nach Kreta Klaus Weiss „Kreta – die Wiege Europas“ Exkursion auf die Insel Kreta, auf derdie erste europäische Zivilisation, die minoische Kultur, entstand.

25. April, Tagesexkursion nach Freiburg Dr. Gerhard Krieger Tagesexkursion nach Freiburg Führung durch das Natur- und Kulturdenkmal „Alter Friedhof Freiburg“ mit Zeugnis über Freiburgs Geschichte und Kunstgeschichte und Besichtigung der Münsterbauhütte

MAI

06. Mai, 19:30 Uhr, Münsterzentrum Prof. Dr .h. c. Erwin Teufel Ministerpräsident a. D. Vortrag zur bevorstehenden Europawahl: „Europa vom Kopf auf die Füße stellen.“ Gäste willkommen, Eintritt frei

11. Mai, 14:00 Uhr, Treffpunkt Osianderplatz Franz Kleinbölting Erste besondere „Stadtführung mit dem Fahrrad“ im nördlichen Umfeld Villingens mit spannenden und interessantenGeschichte(n), leichte Fahrstrecke, ca. 15 km mit abschließender Einkehr, Teilnehmerzahl begrenzt.

23. – 26. Mai, Exkursion ins Lahntal Helga Echle 4-Tagesexkursion „Mittelhessen: Das Lahntal zwischen Wetzlar und Limburg und die Bischofsstadt Fulda“.

JUNI

05. Juni, 17:00 Uhr, Franziskanermuseum Dr. Anita Auer Führung durch die Sonderausstellung „Demokratie wagen, Baden 1818 – 1919“

17. Juni, 01:30 Uhr, Bickensteg/Schneckenbrücke Konrad Flöß Fußwallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg

28. Juni, 19.00 Uhr, Münsterzentrum Festakt zum 50. jährigen Jubiläum desGeschichts- und Heimatvereins Villingen e.V., Festredner: Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. h.c. Erwin Teufel

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JULI

17. Juli, 15:00 Uhr, Schwenninger Moos Eberhard Härle Führung durch das Schwenninger Moos.

27. Juli, 15:00 Uhr, Franziskanermuseum Dr. Anita Auer Führung durch die 5. Kunstausstellung aus der Sammlung Heinzmann mit Bildern Villinger Künstler des Expressionismus zum Thema: „Lust und Leidenschaft, Schmerz und Enttäuschung“.

SEPTEMBER

05. September, Exkursion nach Meßkirch und Neuhausen ob Eck Edgar Tritschler Tagesexkursion zum Campus Galli in Meßkirch und Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck.

18. September, Tagesexkursion nach Ulm Helga und Werner Echle Stadtführung mit Fischerviertel und Münsterführung, evtl. Museumsbesuch.

28. September, 16:00 Uhr, Uhrenmuseum Furtwangen Besichtigung mit Führung im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen.

OKTOBER

04. Oktober, Exkursion nach Rottweil Karl-Heinz Weisser Tagesexkursion nach Rottweil mit Besichtigung des Thyssenturmes und Stadt-, bzw. Münsterführung.

18. Oktober, 19.00 Uhr am Riettor Gunther Schwarz und Ensemble „Des Wächters Runde“ Stadtführungstheater mit geschichtlichen Hintergründen über Villingen im 16. Jahrhundert, max. 70 Teilnehmer.

24. Oktober, 19:00 Uhr, Neue Tonhalle Podiumsdiskussion zum Thema „Heimat“ Öffentliche Gemeinschaftsveranstaltung mit Südkurier und Sparkasse Schwarz-wald-Baar mit Landtagspräsidentin Mutherem Aras, Prof. Dr. Werner Mezger, Chefredakteur Stefan Lutz (Südkurier), Günter Rath (GHV).

NOVEMBER

05. November, 18:30 Uhr, Münster Dekan Josef Fischer Gedenkgottesdienst für die verstorbenen Mitglieder im Münster.

06. November, 19:30 Uhr, Münsterzentrum Wolfgang Stetter, Erzbischöfl. Archivdirektor Vortrag : „Hierarchiewechsel zwischen der Altstadtkirche und dem Münster in Villingen“, Gäste willkommen, Eintritt frei.

21. November, 19:30 Uhr, Münsterzentrum Michael Buhlmann Vortrag: „Sebastian Münster– Der wilde Mann von Villingen“ Gäste willkommen, Eintritt frei

24. November, Evangelische Kirchen Totensonntag: Gedenkgottesdienste für die verstorbenen Mitglieder.

DEZEMBER

06. Dezember, 18:00 Uhr, Hotel Diegner Besinnlicher Abend im Advent.

Stammtisch in der Zehntscheuer

Jeden 1. Freitag im Monat, um 19:00 Uhr

Evtl. Änderungen entnehmen Sie bitte aus den Hinweisen in der Tagespresse, den aktuellen Rundschreiben oder dem Internet unter: www.ghv-villingen.de

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Die Autoren

Dr. Anita Auer M. A., geboren 1961 in Säckingen, studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Heidelberg und Stuttgart. Magisterarbeit über klassizistische Damenmode in Baden und Württemberg. Dissertation über einen Modeschöpfer des 20. Jahrhunderts. Verschiedene Werkverträge am Württembergischen Landesmuseum Stuttgart und am Ulmer Museum. Seit 1991 wissenschaftliche Mitarbeit am Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen. Seit 2000 Museumsleitung gemeinsam mit Dr. Michael Hütt.

Wolfgang Bräun, gebürtiger VLer, Jahrgang 1948 / 49; Diplom-Volkswirt (Uni FR 1973), OStR a. D. seit 2013, 40 Jahre Fachlehrer für BWL, VWL und ReWe an den Kaufm. Schulen I in der Südstadt; Lektor & Korrektor; freier MA der Lokalpresse, Hobby-Historiker mit zahlreichen Veröffentlichungen zur populären Stadtgeschichte, Küchen-Lyriker (www.gereimtheiten.de) eigener Lyrikband in 2014 „Gereimt & Verdichtet“ (Engelsdorfer Verlag), Blogger (iposs.de und trupoli.com).

Dr. Annemarie Conradt-Mach, 1947 in Stuttgart geboren, 1966 – 1972 Studium der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Germanistik in Erlangen-Nürnberg und Freiburg, 1972 – 2003 Lehrerin an beruflichen Schulen. 1999 Promotion zum Dr. phil. in Freiburg, 2002 – 2013 Schulleiterin der Staatlichen Feintechnikerschule in Villingen-Schwenningen. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen der lokalen Industrie- und Sozialgeschichte.

Dr. Folkhard Cremer hat Kunstgeschichte, Geschichte und Literaturwissenschaften in Marburg und Wien studiert. Er wurde 1993 mit einer Arbeit über die ehemalige Walfahrtskirche von Bad Wilsnack (Brandenburg) promoviert. Danach war er an verschiedenen Landesdenkmalämtern tätig. Von den unterschiedlichen Projekten in der Inventarisation von Kulturdenkmalen hervorzuheben ist seine langjährige Tätigkeit als Hauptbearbeiter der Neubearbeitungen der Bände des Dehio-Handbuchs der deutschen Kunstdenkmäler für Sachsen-Anhalt und Hessen. Seit gut drei Jahren ist Cremer im Referat 26 (Denkmalpflege) des Regierungspäsidium Freiburg als Inventarisator für die Kreise Schwarzwald-Baar, Emmendingen und Tuttlingen zuständig.

Helga Echle, geboren 1944, geprüfte Sekretärin BDS, von 1974 bis 2004 Mitarbeiterin im Evang. Dekanat Villingen, seit 2010 Schriftführerin im GHV.

Werner Echle, geboren 1944 in Villingen, Verwaltungswirt FH, 48 Jahre bei der Stadt Villingen-Schwenningen beschäftigt, zuletzt Stadtkämmerer und Leiter des Amtes für Haupt- und Finanzverwaltung. Im Ruhestand seit 2008. 1. Vorsitzender des GHV, ehem. Geschäftsführer des Spitalfonds Villingen und der Bürgerstiftung Villingen-Schwenningen.

Dr. Hans-Georg Enzenroß, geboren 1942 in Konstanz, Schule und Abitur in Villingen, Medizinstudium in Freiburg. Langjähriger Leitender Oberarzt der Chirurgischen Klinik am hiesigen Klinikum. Beiratsmitglied im GHV.

Peter Graßmann, geboren 1987 in Heilbronn, studierte in Heidelberg Europäische und Ost-asiatische Kunstgeschichte und arbeitet seit 2013 für die Städtischen Museen Villingen-Schwenningen, seit 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Franziskanermuseum.

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Claudia Güntert, geborene Eberwein, *1967 in Schwenningen a. N.; verheiratet, zwei Kinder; nach St. Ursula Pro-Gymnasium und Klasse 11 am Romäusgymnasium duale Lehre zur Drogistin mit kaufmännischer Schule in Villingen; seit 2005 selbständige Kosmetikerin, („Spécialiste de beauté“

und „Sugaring-Expertin“); Hobby: Garten und Umwelt, Familie, Ahnenforschung.

Thomas Herzog-Singer, Fotograf, geboren 1961 in Villingen, ist Autor zahlreicher Audio-Vision Produktionen und Dokumentationen, darunter die Show „Civitas Villingen“, die anlässlich der 1000 Jahr-Feier hergestellt wurde.

Ingeborg Kottmann, M. A. Jahrgang 1953. Studium der Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte, beschäftigt im Amt Stadtarchiv und Dokumentenmanagement, Leiterin des Heimatmuseums und bis 2018 Geschäftsführerin im Uhrenindustriemuseum. Mitglied im Schwenninger Heimatverein und im Geschichts- und Heimatverein Villingen.

Robert Meister, 1934 in Radolfzell am Bodensee geboren und aufgewachsen. Mit 15 eine Lehre als Mechaniker angetreten. Nach Stationen in Stuttgart und Düsseldorf in Villingen in der Abteilung Kundendienst der Firma Kienzle Apparate gelandet. Mitgewachsen. Wurzeln geschlagen. Mit einer Villingerin

seit 58 Jahren glücklich verheiratet. Drei Töchter mit Partnern, drei Enkel und ein Dutzend guter Freunde bilden den Mittelpunkt unseres Lebens.

Prof. Dr. Werner Mezger, Jahrgang 1951, Germanist und Volkskundler. Studium und Promotion an der Universität Tübingen, Habilitation an der Universität Freiburg. Direktor des dortigen Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa (IVDE Freiburg).

Kurt Müller, geboren 1937 in Kehl, Schulzeit und Jugendjahre in Villingen. Nach dem Studium der Theologie 1963 – 1980 als Vikar und Pfarrer in verschiedenen Pfarreien der Erzdiözese Freiburg tätig. Seit 1981 Münsterpfarrer in Villingen, Dekan des Dekanats Villingen. Mitglied des GHV und seit 1987 im Vorstand.

Günter Rath, Jahrgang 1948, Studium der Anglistik, Geschichte und Politik, Lehrer am Wirtschaftsgymnasium, 1991 – 1996 Referent im Staatsministerium, von 1997 – 2001 im Kultusministerium von Baden-Württemberg. Seit Februar 2001 Direktor der Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen, Donaueschingen. 1991 – 1992 Zweiter Vorsitzender, seit 1992 Erster Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins Villingen.

Dr. Thomas Schnabel, Jahrgang 1952, leitet seit 1989 das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart; studierte Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaften, wurde zum Thema „Württemberg zwischen Weimar und Bonn 1928 – 1945 / 46“ promoviert; Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg.

Ute Schulze M.A., geboren 1963 in Dortmund, nach dem Studium der Mittleren und Neueren Geschichte sowie Politikwissenschaft Ausbildung zur Diplomarchivarin (FH). Seit 1992 im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen. Mitglied im GHV.

Michael Tocha, bis 2012 Lehrer am Gymnasium am Hoptbühl Villingen und Fachberater des Regierungspräsidiums Freiburg für Geschichte. Beirat im Geschichts- und Heimatverein.

Klaus Weiss, Gründer von albaTours Reisen-GmbH, Majoranweg 5, 70619 Stuttgart. https://www.albatours.de

Alfons Weißer, geboren 1935 in Villingen, Abitur 1954 am Gymnasium am Romäusring, Theologiestudium, seit 1961 Priester (Vikar, Pfarrer, 1982 –  2005 auf der Reichenau, seit 2005 Pfarrer i.R. in Villingen (Betreutes Wohnen St. Lioba). Mitglied im Geschichts- und Heimatverein Villingen.

Riet(h)straße: Stadtbild mit Veränderungen (Claudia Güntert & Wolfgang Bräun)

Abb. 1: Riethstraße.

Ein familiärer Kreislauf: vom Kaltenbach Beck aus Gütenbach zur Familie Güntert.

„Falken“, „Antonius-Keller“, „zur Traube“, Drogerie Bottling, Modeboutique „Elegance“, Spielwaren Bauer, Kaufhaus Raff, „Torstüble“, Metzgerei Wöhrle, Bäcker Hoch und Bäcker Busch – was sich über Jahrzehnte veränderte, beweist uns stets die wechselnde Gegenwart und die gelegentliche Erinnerung bestimmt oft ein wenig auch die Nostalgie.

Dazu zählt auch eine lange Zeit unbekannte historische Vergangenheit der Riethstraße # 593: einem Haus, das seit 2014 in Besitz und Eigentum ist von Clemens und Claudia Güntert. Ein Haus auch, das einst bereits von seiner Ur-Ur-Urgroßmutter Mathilde Volk, geb. Rießle, verw. Scherzinger und ihrem 2. Ehemann Anton Volk (Heirat 1864) erworben wurde (ein Kaufdatum ist unbekannt).

Im November 1892 verkauften die beiden das Haus an ihre leibliche Tochter Amalie, geb. Scherzinger, und deren Ehemann Wilhelm I. Kaltenbach sen., den Bäckermeister. Deren Sohn, Wilhelm II. Kaltenbach jun., ebenfalls Bäckermeister, übernahm Bäckerei und Haus nach dem Tod seines Vaters Wilhelm sen. im Jahre 1912. Die Kinder aus einer Ehe mit Stefanie verstarben sehr früh.

Etwa um 1937 ging die Bäckerei Kaltenbach an einen Albert Faller und in der weiteren Folge an den Villinger Bäcker Hans Walter Busch (später HaWaBu).

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Abb. 2: Riethstraße 593 (heute Rietstraße 26) um ca. 1900.

Im Februar 2014 dann die wahrliche Überraschung: „…mit dem Kauf des Hauses 2014 durch Clemens Güntert erkannte man nach und nach die Geschichte des Hauses, was für den Ur-Ur-Urenkel von Mathilde Rießle eine wahre Fügung darstellte“ (CG.).

Damit macht eine spezielle Historie trotz vieler Lücken und fehlender Schriftstücke deutlich, was

Abb. 3: Hochzeit von Emilie Kaltenbach und Wilhelm Weishaupt 1905.
Abb. 4: Rietstraße 26, des nachts…
…und tags.

vor 100 und mehr Jahren galt, was dereinst war und wie es sich wirtschaftlich und familiär gefügt hat.

So eben wie im Falle des Hauses „Rietstraße 26“ (Riethstraße # 593 nach alter Zählweise noch 1892), das auf vielen inhaltlichen, beruflichen und materiellen Umwegen wieder in der Hand derer gelangte, die von ihrer immobilen Familien-Historie dann doch auch überrascht wurden.

Als man 2018 auf den Kauf des Hauses in 2014 für den Namen Kaltenbach in Villingen deren Ahneneinträge sortierte, war zum einstigen Verkauf des Anwesen Rietstraße 26 (bzw. Riethstraße # 593) um das Jahr 1892 festzustellen, dass Mathilde und Anton Volk die Immobilie veräußerten.

Mathilde Volk, geborene Rießle und verwitwete Scherzinger, und ihr zweiter Mann Anton Volk übertrugen das Gebäude bis zur Rathausgasse an Mathildes Tochter Amalia, geborene Scherzinger, und an deren Mann, den Bäckermeister Wilhelm Kaltenbach sen.

Das Haus war Lukas Scherzingers Witwe zugefallen; er stammte aus Gütenbach, war dort als Bäcker und „Lochmüller“ und Wirt der „Lochmühle“. Nachdem jedoch 1885 das dortige Anwesen zwangsversteigert wurde, zog es ihn wohl nach Villingen.

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Abb. 5: Zunftzeichen Haus Güntert.

Für Claudia Güntert, die aktuell „jüngste“ GHV-Co-Autorin, ergab sich vieles wie folgt:

„Ich musste es schon mehrfach erwähnen, dass es nicht Zufall sondern wohl „Bestimmung“ sein konnte, dass das Haus Rietstraße 26 wieder in die Familienhände zurückkam.

An einem Samstag im Januar 2014 las ich eine Immobilienanzeige im Lokalblatt „Geschäftshaus Rietstraße zu verkaufen, keine Makler, Chiffre…“.

Da mein Mann und ich schon länger den Gedanken hatten, in die Innenstadt zu ziehen, schrieben wir den zunächst noch anonymen Privatverkäufer an. Es war Hans Walter Busch, ehemals Bäcker und Betreiber und Mit-Inhaber des Imbiss-HaWaBu.

Nach einem vor Ort-Termin war ich jedoch nicht wirklich begeistert.

Da meinem Mann das wahrlich alte Haus sofort gefiel, ließ er nicht locker.

Und noch wusste niemand, dass die Vorfahren meiner Schwiegermutter Brigitte Güntert, geborene Kammerer, in diesem Haus lebten und arbeiteten.

Erst nach dem Kauf erfuhr mein Mann von seiner Mutter, dass deren Großmutter Emilie Kaltenbach und ihr Großonkel Wilhelm Kaltenbach hier gelebt hatten. Ihn nannte man „Vetter Wilhelm“, bei dem Brigitte und ihre jüngere Schwester Ute als jüngste Kinder zu Besuch waren.

Oft lagen sie auf dem tiefen Sims der Außenmauer in Vetters Stube, schauten aus dem kleinsten der kleinen Fenster auf die Rietstraße bis zum

Abb. 6: Brunnengasse 44.

Bickentor und beobachten, was sich draußen abspielte.

Das „Guckfenster“ wurde später zugemauert und durfte dank vorhandener Nachweisbilder wieder hergestellt werden. Das unter Denkmalschutz stehende Haus ist uns während der umfangreichen Umbauphase sehr ans Herz gewachsen. Und so bereicherten mehrere alte Fotos und aufschlussreiche Informationen und eigene Recherchen nach und nach die Familiengeschichte (C.G.).

Zum allgemeinen „historisch-familiären Sachverhalt“ hat sich Claudia Güntert schließlich auch der Unterstützung des Furtwanger Stadtarchivars Dr. Ludger Beckmann M.A. versichert. Er nahm sich in den Sommermonaten 2018 die Zeit, um sich um Claudias Anliegen zu kümmern:

„…der Gütenbacher Müller und Bäcker Wilhelm Kaltenbach hat am 20. August 1874 die Amalie Scherzinger aus Gütenbach geheiratet. Sein damaliges Bräutigam-Alter wird mit 24 Jahren (* 1849/50), ihres mit 21 Jahren (* 1852/53) angegeben.

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Er war der Sohn des damals bereits verstorbenen Müllers und „Becks“ Wilhelm Kaltenbach (I. ) und dessen Frau Theresia (gemäß Ortschronik seit 1850 in 2. Ehe verheiratet).

Wilhelm II. Mutter Theresia war Tochter des Gastwirts Lukas Scherzinger und der Ehefrau Mathilde, geb. Rießle, beide aus Gütenbach. Deren angestammte Mühle trug den Namen „Lochmühle“, heute mit der Adresse Brennersloch 2.

Ein Sohn der jungen Kaltenbachs kam 1877 und Tochter Emilie 1878 zur Welt…“.

Der benannte Wilhelm Kaltenbach, Müller und Bäcker, musste als Mühlen-Nachfolger wohl aus wirtschaftlichen Gründen sein gewerbliches Anwesen „Lochmühle“ aufgeben, was der Ortschronik nach durch eine Zwangsversteigerung 1885 geschah; die wohl auf einen „Gant“ (eh. für Konkurs) schließen lässt oder diesen abwehrte. Damit ergänzt Beckmanns Familien-Betrachtung die überlieferte Chronik der ehemaligen „Lochmühle“.

Wie Beckmann abschließt, starb Kaltenbachs Sohn im April 1966 in Villingen, wobei ein genaues Sterbe-Datum im Bürgerbuch nicht zu finden war, was dann aber doch ein hohes Alter bedeutet. Zur Tochter Emilie sei nichts Weiteres geschrieben….

Bildbeschreibungen:

Abb. 1:    Riethstraße.

Abb. 2:    Riethstraße 593, heute Rietstraße 26, um ca. 1900, mit Bäcker-Zunftschild unter dem Erker 1889; oben im Fenster (von links): unbekannte Frau mit Hund; Emilie Kaltenbach, die Ur-Großmutter des heutigen Eigentümers Clemens Güntert; unten stehend: Amalie Kaltenbach, geb. Scherzinger, und Wilhelm Kaltenbach sen., Bäckermeister, die beiden Ur-Ur-Großeltern; daneben Wilhelm Kaltenbach jun., Bäckermeister, Bruder der Emilie Kaltenbach und ein Bäckergeselle.

Abb. 3:    Hochzeit von Emilie Kaltenbach und Wilhelm Weishaupt 19. November 1905. oben von links: Wilhelms Schwester Lina mit Begleiter, das Hochzeitspaar Emilie Kaltenbach und Wilhelm Weishaupt, Wilhelms Schwester Berta mit Begleiter; sitzend von links: Bäckermeister Wilhelm Kaltenbach junior mit Ehefrau Stefanie, geb. Furtwängler; Kaltenbachs Schwestern Theresia mit Ehemann Hans, Anna Luise mit Ehemann Walter und Mathilde Kaltenbach und Braut-Kind Maria Moog.

Abb. 4:    Rietstraße 24 und 26 heute..

Abb. 5:    Zunftzeichen Haus Güntert.

Abb. 6:    Brunnengasse 44, Spezerei-Handlung ca. um 1909 / 1910; im Fenster ganz oben links: Johanna Weishaupt mit ihre Mutter Emilie Weishaupt geb. Kaltenbach (Mutter von Brigitte und Großmutter von Clemens Güntert); Fenster oben links: Bäckermeister Wilhelm Kaltenbach senior; stehend unten links: Amalie Kaltenbach geb. Scherzinger und ihre Zwillings-EnkelinnenKarolina und Maria Weishaupt. Die Spezerei-Handlung ging über an Clemens“ Ur-Ur-Großmutter Amalie (Witwe ab 1912; † 1915). Tochter Emilie und ihr Ehemann Wilhelm Weishaupt zogen nach deren Hochzeit 1905 ein, er einst Brunnen-und Wassermeister, wo auch deren drei Kinder zur Welt kamen.

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Jahresrückblick 2018 (Helga Echle)

Das an Veranstaltungen reiche Vereinsjahr 2018 begann im Januar mit einer weiteren Führung mit Herrn Dr. Michael Hütt durch die 3. Kunstausstellung aus der Sammlung Heinzmann mit Bildern Villinger Maler zu dem Thema: „Der Schatten des Krieges“.

Auf Anregung unseres Beiratsmitglieds Andreas Flöß fand eine Führung im Druckzentrum Südwest statt. Die teilnehmenden Mitglieder zeigten sich beeindruckt vom Druckzentrum auf Herdenen. Sie informierten sich über die Entstehung der Tageszeitung und anderer Druckerzeugnisse Nach einem Film wurde die Gruppe ins Papierlager, zum Rollenwechsler und zu den Druckmaschinen geführt. Beeindruckend war für sie auch der vollautomatische Versand.

Abb. 1: Die Teilnehmer vor den großen Papierrollen.

Eine interessierte Zuhörerschar verfolgte aufmerksam den Vortrag von Michael Buhlmann über „Zähringer, Staufer und der obere Neckarraum im hohen Mittelalter“. Er spannte den Bogen vom Schwäbischen Herzogtum vom 10. bis ins 12. Jahrhundert, über Zähringer und Staufer, die im Südwesten aus dem Investiturstreit erfolgreich hervorgingen, bis zu Baargrafschaften und Herrschaftsbildungen am oberen Neckartal, die nach dem Aussterben von Staufern und Zähringern an Bedeutung gewannen.

Zusätzlich ins Programm aufgenommen wurde ein Vortrag von Ignaz Bender, langjähriger Kanzler der Universität Trier: „Der Weg zu einer besser geordneten Welt.“

Über diesen Titel seines herausgegebenen Buches referierte Ignaz Bender. Eine Reihe internationaler Begegnungen hat ihn dazu veranlasst, darüber nachzudenken, ob man z.B. hinnehmen muss, dass pro Tag 6 Milliarden Euro für Soldaten, Waffen, Witwen und Waisen und Verwundete ausgegeben werden, dass wir zunehmend in einer Gesellschaft leben, in der Terror herrscht, wir Probleme mit Unbildung und Umweltverschmutzung haben, und wir seit 70 Jahren mit dem Alptraum der atomaren Zerstörung leben müssen. Bender zeigte einen Weg auf, wie dies verhindert werden könnte. Er kämpft weltweit für seine Idee und erfährt schon bisher allseits große Zustimmung.

Abb. 2: Ignaz Bender signiert sein Buch.

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In einer gut besuchten Jahreshauptversammlung im Hotel Diegner hielt der erste Vorsitzende Werner Echle einen fundierten, auf die wesentlichen Ereignisse beschränkten Rechenschaftsbericht. Der Kassenbericht des Schatzmeisters Hasko Froese, der sich entschuldigt hatte, trug in Vertretung Andreas Flöß vor. Er informierte die Versammlung über die finanziellen Ergebnisse 2017, die zu einem leichten Überschuss führten.

Werner Echle wird 2019 nach vier Jahren nicht mehr zur Wahl antreten, ist aber bereit, im Verein weiterhin mitzuarbeiten. Andreas Flöß stellte sich als 2. Vorsitzender nicht mehr zur Wahl, um sich zukünftig auf seine neue Aufgabe als Gemeinderat zu konzentrieren. Mit dieser Aufgabe wird er auch weiterhin wichtiges Bindeglied zwischen Verein und Gemeinderat bleiben und wurde von der Versammlung in den Beirat gewählt.

Als neuer 2. Vorsitzender wurde Edgar Tritschler in den Vorstand gewählt. Er ist in der Villinger Südstadt aufgewachsen und seit 1978 Mitglied im Verein. Als studierter Wirtschaftswissenschaftler mit Lehrstühlen und Professur in Stuttgart und Karlsruhe hat er Villingen und den Verein nie aus den Augen verloren.

Abb. 3: Der scheidende 2. Vorsitzende Andreas Flöß, der neue 2. Vorsitzende Edgar Tritschler, Vorsitzender Werner Echle und Schriftführerin Helga Echle (v.l.).

Die langjährige Schriftführerin Helga Echle, die eigentlich aufhören wollte, aber sich nochmals für zwei Jahre zur Verfügung stellte, um den 2019 neu zu wählenden Vorsitzenden noch ein Jahr im Amt zu unterstützen, wurde einstimmig bestätigt.

Eine gute Resonanz erfuhr die Führung durch die Städtische Galerie.

Frau Ursula Köhler führte gekonnt durch die Ausstellung „Geschenkt – Genommen“ mit Werken namhafter Künstler aus dem städtischen Kunstbesitz.

Abb. 4: Frau Ursula Köhler erläutert die Ausstellungsexponate.

Im März beteiligte sich der GHV am „Aktionstag Geschichte“ im Franziskanermuseum

Abb. 5: Der Stand des GHV beim Aktionstag Geschichte.

Eine große Anzahl von Mitgliedern, aber auch Gästen, verfolgte den hoch interessanten Vortrag des 2. Vorsitzenden Professor Edgar Tritschler

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über „Die Schwarzwälder Handelsgesellschaften – Glas- und Uhrenträger auf dem Handel in fünf Regionen“. Er gab einen Überblick über den Stand seiner langjährigen Forschungsarbeit zu dem Thema.

Von den zahlreichen Glashütten, die schon im Spätmittelalter im Schwarzwald bestanden, gingen vielfältige technisch-wirtschaftliche Errungenschaften und weit verzweigte Handelsbeziehungen aus. In der zeitlich nachfolgenden Phase der Schwarzwälder Uhrenmacherei machten sich die Uhrenhändler diese Handelswege nutzbar. Referent Edgar H. Tritschler ging auf die Produkte und Handelswaren ein, die Zeugnis ablegen von der hohen Kunst der Glasmacherei, wie sie unter anderem aus den Glashütten im Hinterland von Villingen hervorgingen. Besonders wurden die Organisationsprozesse dargestellt, die mit dem fußläufigen Handel von Glas- und Uhrenträgern beginnen und über mehrere logistische Zwischenschritte zu komplexen Handelsorganisationen und zu weit verzweigten internationalen Netzwerken führten.

Abb. 6: Prof. Edgar Tritschler bei seinem Vortrag.

Eine Tagesexkursion nach Stuttgart wurde von Andreas Flöß vorbereitet und geleitet. Dort stand eine Führung auf der Baustelle Stuttgart 21 – Talüberquerung – auf dem Programm. Die Teilnehmer erhielten einen Einblick über das Fortschreiten der Arbeiten.

Abb. 7: Beim Bahnprojekt Stuttgart 21.

Außerdem warfen die Besucher einen Blick hinter die Kulissen des Landtages in Stuttgart. Nach einer Führung durch den Landtag stand Karl Rombach (CDU) als Abgeordneter des Wahlkreises Villingen-Schwenningen für ein persönliches Gespräch zur Verfügung. Die Möglichkeit, Fragen zu stellen, wurde rege genutzt. Im Fokus standen aktuelle Themen wie z.B. der Lückenschluss B 523/B 33.

Wie in den letzten Jahren üblich, stand auch der Besuch einer Sonderausstellung im Franziskanermuseum auf dem Programm. Die Teilnehmer wurden durch die interessante Ausstellung „Kelten, Kalats, Tiguriner“ geführt.

Die Führung von Dr. Michael Hütt durch die 4. Kunstaustellung der Sammlung Heinzmann mit Bildern Villinger Maler war wieder ein voller Erfolg. Sie stand diesmal unter dem Thema: „Villinger Ansichten“.

Im Mai leitete unser Beiratsmitglied Roland Brauner eine Exkursion nach Murten, Fribourg und Bern. Der Titel der Reise „Auf den Spuren der Zähringer – ein Besuch bei Freunden“ war für diese Reise absolut zutreffend. Betreut wurde

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die Gruppe durch den ehemaligen Stadtschreiber von Murten, Urs Höchner. In einer dreitägigen Bildungsreise wurden die Villinger in allen drei Städten von Repräsentanten freundschaftlich begrüßt und in die Geschichte und Politik der Städte eingeführt. Murten war die erste Station, Stadtammann Christian Brechbühl hob besonders die sehr guten Beziehungen zwischen den Städten hervor und würdigte die Arbeit des GHV Villingen. In allen Städten wurden die Kenntnisse durch Stadtführungen aufgefrischt und neue Aspekte beleuchtet. Im Mittelpunkt standen dabei die Gemeinsamkeiten der Zähringerstädte. Fazit: Freundschaft lässt sich am besten in geselliger Runde vertiefen, die die Villinger in allen 3 Städten in herzlicher Gastfreundschaft erfuhren.

Abb. 8: Gruppenfoto vor der römischen Siedlung im Aventikum südlich von Murten.

Bereits zum 25. Mal pilgerten Villinger Bürger am Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag auch in diesem Jahr wieder mit dem Segen von Dekan Fischer die rund dreiunddreißig Kilometer auf den Dreifaltigkeitsberg. Die Wallfahrt geht zurück auf das Gelübde der Villinger Bürgerschaft, als im Jahre 1763 eine schwere, verlustreiche Seuche überwunden war. Der Geschichts- und Heimatverein Villingen hat auf Initiative seines Ehrenmitglieds Adolf Schleicher, der die Gruppe bis 2011 führte, die Fußwallfahrt reaktiviert. Im Gottesdienst wurde in besonderem Maß Adolf Schleichers gedacht. Nach dem Tod Schleichers übernahm unser GHV- Mitglied Konrad Flöß, der bisher alle 25 Fußwallfahrten mitmachte, die Führung. Der Ehrenvorsitzende Günter Rath sprach anlässlich dieses Jubiläums ein Grußwort und überbrachte eine Spende des GHV.

„Villingen und seine Royals“ – auf den Spuren der Habsburger lautete der Titel einer Stadtführung mit unserem Mitglied Frau Ortrud Jörg-Fuchs. Aufgrund der hohen Anmeldezahlen mussten 2 Führungen angeboten werden. Frau Jörg-Fuchs begann ihre interessanten Ausführungen über „berühmte Villinger Habsburger“ beim Franziskanermuseum, führte zu Wissenswertem in der Stadtmitte, über das Alte Rathaus bis zur Zehntscheuer.

Zusätzlich in das Programm aufgenommen wurde eine Veranstaltung:

„100 Jahre Kinogeschichte in Villingen und Schwenningen.“

Bei einer gemeinsamen öffentlichen Veranstaltung mit der historischen Narrozunft Villingen warf Klaus Peter Karger einen Blick auf 100 Jahre Kinogeschichte in Villingen und Schwenningen. Der Journalist und Filmproduzent hat viele interessante Details aus alten Akten ans Tageslicht geholt, so z.B. wo sich 1910 in Villingen der erste „Kinematograph American“ befand, über den ständigen Kampf der frühen Jahre zwischen Ortspolizei und Kinobetreibern, über „Stromdiebstahl“ und Stempelfälschung und den Konkurrenzkampf der Lichtspielhäuser in den „goldenen“ 1950er Jahren. Die rund 80 Besucher erlebten einen informativ-unterhaltsamen Abend mit Bildern und Anekdoten.

Eine große Teilnehmergruppe erlebte mit unserem Beiratsmitglied Gunther Schwarz eine höchst interessante und informative Führung in Baden-Baden beim SWR. Die Einführung und anschließende Führung durch den Fernseh-, Produktions- und Sendebetrieb hinterließ bei den Teilnehmern einen bleibenden Eindruck. Ein Blick hinter die Kulissen zeigte, wo und wie Programm gemacht

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wird, welcher technische Aufwand hinter SWR-Produktionen steckt und wie Redaktionen organisiert sind. Es konnten Fernsehstudios und die verschiedenen Werkstätten besichtigt werden. Die Drähte für so erfolgreiche Sendungen wie Tatort oder ARD Buffet laufen hier zusammen. Auch durften die Besucher einen Blick hinter die Kulissen der „Fallers“ werfen und erleben wie und wo die „Wetterkarte“ gesendet wird.

Abb. 9: In den Kulissen der Fernsehserie „Die Fallers“.

Auf der Heimfahrt besuchten die Teilnehmer noch die architektonisch und künstlerisch formvollendete Autobahnkirche St. Christophorus Baden-Baden.

Aufmerksam folgte eine Teilnehmergruppe den Ausführungen von Franz Kleinbölting in historischem Gewand unter dem Titel: „Graf Berthold führt durch seine Stadt“, eine Zeitreise von 817

Abb. 10: Erläuterungen von Franz Kleinbölting als Graf Berthold.

bis heute durch Villingen. Sie erfuhren, wie sich Villingen seither entwickelt und was sich in der Stadt abgespielt hat. „Graf Berthold“ berichtete von seinen Vorfahren und Nachkommen und zeigte die schönsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Ein besonderes Ereignis war die große Jahresexkursion nach Holland. Beiratsmitglied Andreas Flöß plante und leitete die Fahrt hervorragend. Zunächst wurde die Stadt Amsterdam besichtigt, in der die Teilnehmer auch untergebracht waren. Das Rijksmuseum, das niederländische Museum schlechthin, mit seinen etwa 8000 Exponaten, beeindruckte ebenso wie das Schifffahrtsmuseum. Natürlich durfte eine Grachtenfahrt nicht fehlen.

Abb. 11: Grachtenfahrt in Holland.

Es folgte eine Stadtführung in Delft, das zu den ältesten niederländischen Städten gehört. Die Altstadt birgt zahlreiche Sehenswürdigkeiten, die von ihrer Vergangenheit als blühende Handelsstadt im Goldenen Zeitalter zeugen. Selbstverständlich wurde auch eine Keramikfabrik besucht und die Herstellung des „Delfter Blau“ beobachtet.

Eindrucksvoll war eine große dreistündige Hafenrundfahrt in Rotterdam mit allen Sehenswürdigkeiten und unvergesslichen Einblicken in den Welthafen und größten Containerumschlagsplatz in Europa. Danach wurde Kinderdijk besucht, ein kleiner Ort in den Niederlanden, der etwa 15 Kilometer südöstlich von Rotterdam in

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Abb. 12: Windmühlen in Kinderdijk.

der Provinz Südholland liegt und bekannt ist für seine Mühlen, die 1997 in die UNESCO-Liste des Welterbes aufgenommen wurden.

Staunenswert war auch der Besuch der „Käsestadt“ Alkmaar mit Besuch des Käsemarktes und des Käsemuseums.

Die erste Exkursion nach den Sommerferien führte im September an Rhein und Mosel. Vorstandsmitglied Hasko Froese hatte die Vorbereitung und Leitung dieser Fahrt übernommen. Mit 40 Teilnehmern ging es zu einer Reise in das Mittelrheingebiet von Bingen bis Koblenz, das als UNESCO-Weltkulturerbe eingestuft wurde. In Bingen wurden Garten und Museum zum Andenken an Hildegard von Bingen besucht, dann mit dem Schiff auf dem Rhein nach Koblenz gefahren. Die Besichtigung der Stadt und der Festung Ehrenbereitstein bestimmte den nächsten Tag. Andernach mit dem weltweit höchsten

Abb. 13: Die Moselschleife bei Bremm.

Kaltwassergeysir und die Benediktiner-Abtei Maria Laach waren Schwerpunkte tags darauf. Dann stand das Moseltal auf dem Programm.

Die Teilnehmer fuhren mit dem Stadtbähnle durch Cochem, sahen in Bremm von oben auf die engste Moselschleife, um dann eine kombinierte Stadt- und Unterweltführung in Traben-Trarbach zu erleben. Zum Abschluss der Reise wurde die größte Klosterruine Deutschlands –der Disibodenberg – besucht, wo die spätere Hildegard von Bingen ihre ersten fast 50 Jahre gelebt hatte. Die Besucher waren beeindruckt von der Atmosphäre dieser Anlage.

Abb. 14: Die Teilnehmer der Rhein-Mosel-Fahrt.

Gemeinsam mit dem Kreisarchiv und dem Freundeskreis Städtische Museen hielt Dr. Niklas Konzen vor einer großen Zuhörerschar im Franziskaner einen Vortrag über „Berühmt, berüchtigt und in Villingen begraben? Der Raubritter Hans von Rechberg zu Schramberg (1410 – 1464)“.

Ein weiterer Höhepunkt unserer Veranstaltungen war die von Claudia Wildi und Roland Brauner geplante und geleitete Tagesexkursion durch den Schwarzwald. Zunächst gab es im Sägewerk Echtle in Nordrach eine überaus eindrucksvolle Führung durch den Betrieb mit Erklärungen und Vorführungen der in diesem Sägewerk speziellen Holzverarbeitung. Das Geheimnis, was die Schwarzwaldtanne VS mit Japan zu tun hat wurde gelüftet: Im Sägewerk Echtle werden aus Tannen aus VS sogenannte „Totentäfelchen“ für Japan hergestellt.

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Anschließend führte der Schwarzwaldbauer und Schwarzwaldexperte Eckard Schmieder in seiner unverwechselbaren Art und Weise durch den Tälerschwarzwald, Grindenschwarzwald und Höfeschwarzwald. Mit vielen Anekdoten und Hintergrundwissen brachte er den GHV Mitgliedern die Kultur und Landschaft seiner geliebten Heimat näher. Besonderes Augenmerk legte er darauf, wie sich das Landschaftsbild verändert, wenn die Flächen von den Schwarzwaldbauern nach und nach nicht mehr bewirtschaftet werden.

Abb. 15: In der Natur auf dem „Schliffkopf“.

Der gemütliche Ausklang fand dann auf dem Prinzbachhof von Eckard Schmieder in Fischerbach statt. Nach einer Hofführung wurden die Mitglieder mit hausgemachtem Datschkuchen (Dünnele), hauseigenem Most und dem ein oder anderen Hochprozentigen verwöhnt.

Abb. 16: Herr Schmieder bei der Hofführung im Prinzbachhof.

Im Oktober fand unter der Leitung von Claudia Wildi eine Führung im Deutschen Harmonikamuseum in Trossingen statt. Modern, informativ und interessant wird die Geschichte der Mundharmonikas und Akkordeons in Trossingen präsentiert. Seit 1857 baut die Firma Hohner Mundharmonikas, Akkordeons und Melodicas. Die Teilnehmer waren beeindruckt von den besonderen Attraktionen des Museums, dazu zählen das größte spielbare Knopfakkordeon der Welt, Mundharmonika-Raritäten und Handzuginstrumente vom 19. Jahrhundert bis heute. Der in Villingen aufgewachsene Günter Hauser gab abschließend eine musikalische Kostprobe.

Ebenfalls im Oktober hielt Frau Dr. Annika Stello vor einem interessierten Publikum den Vortrag: Von Mönchen und Büchern „Die Bibliothek der Benediktinerabtei St. Georgen“.

Einen stimmungsvollen Abend bereiteten Michael Kopp und Claudia Wildi den Besuchern bei einer Führung auf dem Alten Schwenninger Friedhof mit Blick zurück auf die Industrie- und Stadtgeschichte. Auch das anschließende Abendessen „Knöpfle i de Brüh“ fand regen Anklang.

Passend zum Gedenken an das Ende des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren hielt Herr Dr. Sven von Ungern-Sternberg einen außerordentlichen Vortrag über: „Einhundert Jahre danach – Kriegsopfer und -folgen des Ersten Weltkrieges in Villingen“.

Mit einem festlich ausgerichteten Besinnlichen Abend ging ein an Veranstaltungen reiches Vereinsjahr 2018 zu Ende.

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Foto und Optik Singer 125 Jahre Tradition in der Oberen Straße (Thomas Herzog-Singer)

Die erste Generation

In den alten Kirchenregistern erscheinen die Singer als Gewerbetreibende, als Landwirte, als Lehrer und als Musiker. Die Wiege des Firmengründers Josef Singer stand in dem bescheidenen elterlichen Hause in der Haus-Kraut-Gasse 15. Bei den kümmerlichen Einkünften, die damals der Vater als Briefträger bezog, lernte er schon als Schulkind das einfache und genügsame Leben kennen. Nach der Lehrzeit in der Blumenstockschen Uhrmacherwerkstätte, zog es ihn hinaus in die Ferne und nach längerer Wanderschaft findet er in Wien eine Bleibe. Vieles Neue und Interessante gibt es hier zu sehen und kennen

Abb. 1: Firmengründer Josef Singer mit Ehefrau Franziska.

zulernen. Als er zum Militärdienst eingezogen wird muss er zu einem Infanterieregiment nach Passau. Seine Absicht, sich danach in Paris und Hamburg umzusehen, konnte er nicht verwirklichen. Der Vater ist krank und ruft den Sohn zur Unterstützung nach Hause. So beginnt er 1893 zunächst mit einer Taschen- und Wanduhren Reparaturwerkstätte im Hause der Eltern. Und nach zwei Jahren reicht ihm der Verdienst schon zur Miete eines Ladens in seinem späteren Haus in der Oberen Straße. Bald erweitert der Tüftler und Technikinteressierte sein Sortiment, widmet sich neben der Reparatur und der Konstruktion von Uhren auch der Optik samt dem Handel und Schleifen von Brillen. Zu dieser Zeit kann man in Villingen Brillen nur bei reisenden Händlern kaufen. Nach fünf erfolgreichen Jahren wagt er den Schritt, das dem Uhrenfabrikanten Adrian Maner gehörende Haus, an der Ecke zum Münster selbst zu kaufen. Mit dem Handel und dem

Abb. 2: „Optische Centrale Singer“ nach dem Umbau in den 1920er Jahren Das Ladengeschäft in der Oberen Straße 15 und die Fabrikation in der Kanzleigasse 2/1.

Reparaturgeschäft ist der junge Meister allein nicht zufrieden; er sinnt nach einer eigenen Fabrikation auf dem Gebiet seines Fachs. Seine ersten eigenen Erzeugnisse sind eine besondere Art von

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Nachttischuhren, sogenannte „Nachtlichtuhren“ in Verbindung mit Wecker. Diese Uhren bringen ihm seinen ganz besonderen Spitznamen ein; als „s’Nachtlichtle“ ist er allen Villingern bekannt. Dann bringt er die sichtbare Räderuhr, die von zwei halbgewölbten Gläsern eingeschlossenene und mit Bemalung versehene Diaphaniauhr, auf den Markt und der Artikel wird zeitweilig Modegegenstand. Solche Uhren werden der Zugkraft halber auch mit Barometern ausgestattet, und dadurch wird die Selbstanfertigung von Barometern erforderlich. Schließlich führt die Kenntnis der Fabrikation dieses Messinstrumentes dazu, die Maschineneinrichtung ganz auf die Anfertigung von Barometern, Thermometern und Hygrometern einzustellen. Die Gewinnung eines festen Kundenstammes im In- und Ausland und deren Wünsche gibt dann wieder Anlass zur Einbeziehung der Fabrikation von Kompassen und Blutdruckmessgeräten. Während sich die Werkstätte durch den Umbau eines Scheunenanbaus zu einer kleineren Fabrik ausweitet, wird das Anwesen nach der Oberen Straße hin in ein

Abb. 3: Anzeige für „Photo-Bedarfsartikel“ bei Josef Singer & Söhne.

Fachgeschäft umgestaltet und neben der Optik werden auch Fotobedarfsartikel eingeführt. Mit dem weltweiten Aufkommen der Amateurfotografie um die Jahrhundertwende stehen auch bei Josef Singer erste Kameras in den Regalen und wenige Jahre später richtet er bereits ein Labor für

Abb. 4: Die Obere Straße in den 1920er Jahren.

Schwarz-Weiß-Fotos ein. Mit zwei heranwachsenden und auf getrenntem Gebiet fachlich ausgebildeten Söhnen teilt sich der Betrieb alsdann in späteren Jahren in den Besitz von Geschäft und Fabrik. Noch bis zu seinem Tod betätigt sich Joseph Singer mit weiteren kleinen Erfindungen an der Werkbank. Nach getaner Arbeit liebt er in Gesellschaft gerne die Rolle eines unterhaltenden Plauderers; die Erzählungen aus den Erlebnissen seiner Wanderjahre sind immer mit Humor gewürzt. Und nebenbei hat er auch musikalisches Talent; mit seiner Geige ist er ein gern gesehener Gast in den Villinger Wirtshäusern.

Abb. 5: Die Einrichtung des Geschäfts in den 1930er Jahren.

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Abb. 6: Singer-Fotolabor in den 1930er Jahren.

Die zweite Generation

Seine Söhne Albert und Anton Singer sind mit dem Betrieb aufgewachsen und kurz nach dem ersten Weltkrieg treten diese auch schon in das Geschäft ein, das nun in „Joseph Singer & Söhne“ umbenannt wird. Anton übernimmt die Barometerfabrikation und nachdem zu Beginn der 30er

Abb. 7: Albert Singer sen. (Aufnahme aus den 1950er Jahren).

Jahre der erste Augenarzt in Villingen, Dr. Durst, seine Praxis eröffnet, nimmt Albert die sich bietende Chance wahr, sich auf die Augenoptik zu spezialisieren. Die Sparte Uhren gibt er dabei auf um sich verstärkt auf seine Tätigkeit als Optikermeister zu konzentrieren. Maschinen werden gekauft und Augenoptiker werden eingestellt. Von da an heißt die Firma „Optische Centrale Albert Singer“.

Abb. 8: Albert Singer senior (Feuerwehrkommandant der Motorspritze). in den 1930er Jahren.

Trotz der großen Herausforderung im Geschäftsleben bleibt immer Zeit für seine große Leidenschaft Villinger Feuerwehr, bei der er als Abteilungskommandant der Motorspritze bis Anfang der 1930er Jahre im Einsatz ist. Nachdem Albert mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs zur Wehrmacht einberufen wird, ruht die gesamte Verantwortung auf den Schultern seiner Frau Maria, und das Geschäft läuft weiter.

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Abb. 9: Singer Brillenwerkstatt in den 1930er Jahren.
Abb. 10: Refraktionsraum zum Ausmessen der Augen. Auf- nahme aus den 1930er Jahren.

Die dritte Generation

Die Kinder leben im elterlichen Betrieb, und ihr Sohn Albert Singer junior ist von der Augenoptik so begeistert, dass er den Beruf schon beim Vater lernt. In ganz jungen Jahren wird jedoch auch er zum Wehrdienst eingezogen um ein Jahr später als Schwerkriegsbeschädigter heimzukehren. Trotz seiner großen Behinderung, tritt er eine Lehre als Augenoptiker an und belegt als Geselle den Studiengang Optik und Fototechnik in Berlin, welchen er 1955 erfolgreich als Optikermeister und später auch als Hörgeräte-Akustik-Meister abschließt und die Familientradition fortsetzt.

Bereits 1956 tritt Albert als Komplementär in die Firma ein und das Warensortiment wird um die Anpassung und den Verkauf von Hörgeräten

Abb. 11: Das Geschäftshaus in der Oberen Straße 15 kurz vor dem Abbruch im Jahre 1960.

erweitert. Ein großer Einschnitt ist der Abriss des aus dem Barock stammenden Gebäudes in der Oberen Straße: Statt es 1960/61 wie geplant zu sanieren, wird wegen verschärfter Vorschriften für Geschäftsräume ein Neubau erforderlich. Während dieser Zeit entsteht die Filiale in der Rietstraße 30. Nach dem Tod seines Vaters übernimmt Albert Singer die alleinige Verantwortung für den Betrieb und gründet drei Jahre später eine Filiale für Augenoptik in Triberg. 1979 werden in der Oberen Straße 17 zusätzlich Geschäftsräume für den Verkauf von Foto- und Hörgeräten angemietet. Albert Singer bleibt auch noch nach der Geschäftsübergabe an seine Tochter für einige Zeit im Betrieb, welcher in den rund sechzig Jahren seiner Tätigkeit zu seinem Lebenswerk wird.

Die vierte Generation

Ganz in der Tradition der Familie, zieht es auch seine Tochter Luitgard schon als Kind in den Laden und vor allem in das Fotolabor wo sie den Laborantinnen beim Vergrößern, Wässern und Schneiden der Bilder zuschauen durfte. Mit dem Siegeszug der Farbfotografie und der industriellen Filmentwicklung geht später zwar das Aus

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Abb. 12: Albert Singer (Aufnahme von 2009).

des Labors einher, doch die Begeisterung für Bilder ist ihr geblieben. Sie besucht eine Schule für Werbefotografie und legt schließlich die Prüfung als Fotografenmeisterin ab. Mit Ihrem Mann Thomas Herzog-Singer, der ebenfalls Fotograf

Abb. 13: Thomas Herzog-Singer und Luitgard Singer vor dem Hintergrund einer Aufnahme der Oberen Straße aus den 20er Jahren.

ist, eröffnet Sie 1995 zusätzlich zum bestehenden Ladengeschäft in den oberen Geschäftsräumen das Fotostudio. Bald wird das Geschäft unter „Foto-Singer Inh. Luitgard Singer“ geführt. Der Geschäftsbereich Augenoptik sowie die Hörgeräteakustik wird verpachtet und später verkauft. Luitgard Singer und Thomas Herzog-Singer bauen ihre Räume für Pass-, Bewerbungs- und Porträtbilder sowie Hochzeitsfotografie immer weiter aus und teilen weiterhin die Leidenschaft für ihren Beruf. Der Familienbetrieb, welcher sich in der langen Zeit immer wieder gewandelt hat, feiert im Jahre 2018 sein 125 jähriges Jubiläum und gehört zu den ältesten Geschäften in Villingens Innenstadt.

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Von ehemaligen Schmieden, den Naglern und den Ifflingern Pferde als Zeichen des Wohlstands forderten die Schmiede (Wolfgang Bräun)

Das Beständigste an einer Stadt ist der Wandel, was nicht nur für das alte Villingen sondern längst auch für VS gilt. Ein Wandel über Jahrhunderte, der mit vielen Handwerkernamen verbunden war und ist, ist die Tatsache, dass vor mehreren Jahrzehnten die letzte Schmiede-Werkstatt schloss, die von Hans Stern (1926 – 2008) in der Rietstraße betrieben wurde.

Abb. 1: Zunftzeichen der Schmiede.

Schon 1955 deutete sich an, dass das Schmiedehandwerk wohl nicht mehr lange bestehen werde, als es hieß, dass der „Schmied-Flaig“ in der Bickenstraße zum Blumenladen umgebaut werde. Obwohl das Haus manchem als „alt“ Glump“ galt, blieb es vordergründig als denkmalgeschützt erhalten, wie auch das Nachbarhaus der „Zacher-Liesel“, das dem Brauereibesitzer Franz Metzger sen. gehörte. Letzteres wurde mit dessen Entgegenkommen gar im ersten Obergeschoss, dem badischen zweiten Stock, als „Zunftstube“ rekonstruiert, woran der Villinger Historiker Paul Revellio hohen ideellen Anteil hatte.

Daneben lag, einzelne Innenstadt-Villinger der Jahrgänge vor 1950 können oder konnten sich noch erinnern, der Kolonialwaren- und Gemüseladen des Kaufmanns Kaster und gleich ums Eck das Lager der Großhandlung Heinzmann.

Abb. 2: historische Zunftstube.

Wurde noch 1955 bedauert, dass man die Schmiede-Werkstatt des Richard Flaig, dem letzten Eigentümer, in ihrem mittelalterlichen Zustand der Nachwelt nicht erhalten habe, galt damals wenigstens der Rat von Hermann Alexander Neugart, man möge sich noch mal einen Rückblick auf frühere Jahrhunderte verschaffen. Derweil blieb die Fassade mit dem gotischen Erker stehen.

Es war Ferdinand Flaig, der im 19. Jahrhundert die bestehende Schmiede gekauft und beruflich übernommen hatte, die er später an seinen Sohn Josef weitergab. Zum Hof hin und schon zur Gerberstraße markierten in jenen Jahrzehnten die Torbögen den Zugang zu Stallungen und Scheune, gekrönt von der gemeißelten Jahreszahl 1670.

Viel älter ist das Vorderhaus mit dem gotischen Erker und dem Wappenschild der Ifflinger von Graneck, der einstigen Schlossherren von Niedereschach.

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Abb. 3: Wappenschild der Ifflinger.

Wie fast alle Grafen und Burgherren der Region hatten auch die Ifflinger ihr „Stadthaus“ oder gar ihr „Stadtschlösschen in Villingen“, wo sie sich aufhielten, wenn zur Festlichkeit gerufen wurde oder wenn sich eine Fehde anbahnte.

So hatten die Adligen vor Ort auch große Bedeutung für die Schmiede und eben für deren „Pferdestärken“, ebenso wie die Habsburger Besatzungs-Reiterei oder hohe Besucher wie Kaiser Sigmund während seiner Herrschaft von 1410 – 1519 oder Maximillian I. (1493 – 1518), der gar einmal in Villingen der ihrer Schönheit wegen berühmten Maria Blanka von Burgund begegnet sein soll.

Am 19. August 1477 heiratete Maximilian in Gent auf Schloss Ten Walle eben diese Erbherzogin Maria von Burgund. Doch Maria verstand kein Deutsch und Maximilian sprach nur unzureichend Französisch, weshalb sich die Brautleute wohl oder übel nur mittelmäßig in Latein unterhalten konnten.

Das alles aber bewegte die Schmiede in Villingen eher nicht, die sich auf stets einige hundert Pferde der Adligen und ihrer Entourage einstellten. Denn Pferde galten nicht nur als Zeichen des Wohlstandes, sondern gaben den Schmieden und deren Gesellen jede Menge zu tun.

Zu denjenigen, die früher hier nicht nur Hufe schmiedeten, gehörten die Meister Schumpp und Meder in der Niederen Straße, ebenso beim späteren „Kronprinz“ der Huf-Schmied Stortz, der Schmied Stöhr in der Oberen Straße, der Meister Stelz und in der Gerberstraße der Hofsäß.

Der letzte seiner kraftvollen und mannhaften Zunft war Hans Stern (1926 – 2008) in der Rietstraße.

Abb. 4: Hausmarke des Hufschmieds.

Und weil sie ebenfalls zur Zunft zählten, seien auch die Nagel-Schmiede genannt: Rahm in der Schlösslegass‘ und der Nagler-Zanger in der Niederen Straße.

All derer Zunft-Spruch: „Den Hammer wählt die Zunft als Mannesstärke Zeichen – vom Schmied wird ewig nie die Bürgertreue weichen.“

Schloss Graneck bezeichnet eine abgegangene Burg, die auf der Gemarkung der heutigen Gemeinde Niedereschach lag. Graneck lag wohl auf dem Berg zwischen den ehemals selbstständigen Gemeinden Fischbach und Schabenhausen. Ein Bruno von Graneck wird erstmals 1281 erwähnt.

Nach dem Erwerb durch die Ifflinger im Jahr 1465 nannte sich dieses aufstrebende Adelsgeschlecht nach dieser Burg. Die Gemeinde erwarb das Schloss 1778 mit den zugehörigen Gütern; bis auf einen Teil des Ökonomiegebäudes wurde es schließlich abgerissen.

Bildunterschriften:

Abb. 1:    Zunftzeichen der Schmiede am Haus des Hans Stern in der Rietstraße. Die Zunft schuf dereinst ab 1533 mit 100 Pfund Heller eine Stiftung, nach deren Zweck erkrankte Gesellen und Lehrlinge im Spital zu pflegen waren.

Abb. 2:    Der Ifflinger Stadthaus und links das der Zacher-Liesel, das später die historische Zunftstube beherbergte und leider seit Jahren nicht wieder bewirtet wurde.

Abb. 3:    Das Wappenschild der Ifflinger mit Bezug zum „Paradies mit Adam und Eva“: in rotem Schild eine goldene Lindenstaude. Dass „Eva“ (re.) ein wenig glotzt, ist wohl der letzten Sanierung zuzuschreiben…

Abb. 4:    Markant bis heute: die Hausmarke des Hufschmieds Josef Stortz aus 1819, später Wirtshaus „Kronprinz“ an der Niederen Straße.

Bilder: Bräun

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Schüttet bis heute: die Tüttel-Quelle an Stähelins Halde (Wolfgang Bräun)

Radler und Jogger, Schüler und Senioren kennen schon seit Jahrzehnten den direkten und schnellsten Weg nach Rietheim. Selbst ein Ex-OB hatte vor mehr als 16 Jahren für seinen Wohnsitz einst schnell erkannt, wie man über die alte Rietheimer Straße hin und weg vom Rathaus kommt.

Abb. 1: Alte Rietheimer Straße, einst Tüttel-Gasse.

Bis des OB’s Schleichweg mit dem Dienstwagen populär wurde und er davon abließ, das geltende Pkw-Verkehrsverbot zu umgehen.

Kaum noch bekannt ist indes der Name der einstigen Ortsverbindung gen Süden als „Bei der Tüttelgasse“. War sie doch Teil der Stähelins-Halde, die 1540 erstmals erwähnt wurde.

Abb. 2: „Tüttelgasse“ im Süden der Stadt.
Abb. 3: in Sand-Stein gefasste „Tüttelquelle“, hier in Sepia-Optik gewandelt.

Die Familie der Stähelin gehörte einst mit den Thanheimern zu den ältesten und vornehmsten Patriziern der Stadt, von denen einzelne auch ins Amt des Schultheißen kamen, wie 1299 ein „cunrat steheli“, und die Mannsbilder wohl stets auch zur Zunft der „Ehrsamen Müßiggänger“ gehörten.

Bis 1792 war das Gewann namentlich auch populär, „wo ein großer rauer Kalkstein“ die Ortslage bestimmte.

Benannt wurde die „Tüttelgasse“, bis heute Ackerland, nach der gleichnamigen Quelle des „Tüttel-Brunnen“ mit einer doch recht starken Schüttung, die östlich dieses Weges entsprang und bis heute in Quadern gefasst erklecklich sprudelt.

Selbst ortskundigen Villingern dürfte der Begriff „Tüttel“ indes nicht geläufig sein, auch wenn das Wort von „dutte, düttel oder dütze“ abstammt, was so viel wie „Rohrkolben“ heißt.

Und so floss die Quelle früher gen Osten in Richtung des heutigen Marbacher Weiher ab, wo

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das teilweise sumpfige Gelände tatsächlich mit „Kanonenbutzern“ bewachsen ist.

Eine Quelle wie die Tüttel-Quelle, was oberdeutsch auch als Brunnen gilt, spielte im früheren Volksglauben eine große Rolle, weil deren Ausfluss als Eingang zu den Mysterien der Unterwelt und als Sitz göttlicher Wesen wie den Nymphen galt, so Hans Maier sowohl 1929 wie auch noch 1962.

Ob das Wort, der Name „ditel“, dann auch noch als Kennzeichen des „Bösewicht“ gilt, wollte Hans Maier 1962 jedoch nicht weiter ausführen…

Bildunterschriften:

Abb. 1:    Vespern und pausieren ja, aber Grillen ist nicht erlaubt an der Tüttel-Quelle.

Abb. 2:    War schon seit ewigen Zeiten die Verbindung nach Rietheim die „Tüttelgasse“ ganz im Süden der Stadt.

Abb. 3:    Schüttet seit Jahrhunderten: die längst in Sand-Stein gefasste „Tüttelquelle“ an der Stähelinshalde gen Rietheim.

Bilder: Bräun

Literaturhinweis    Redaktion

Johann Dietrich von Pechmann: Obrist Hans Werner Äscher von Bünningen – Obersthauptmann der vier Herrschaften vor dem Arlberg und Verteidiger von Bregenz 1647, in: MONTFORT. Zeitschrift für Geschichte Vorarlbergs. 69. Jahrgang 2017 Band 1, S. 59 – 126.

Diese Ausgabe der Zeitschrift MONTFORT befindet sich auch in der Bibliothek des Stadtarchivs Villingen-Schwenningen.

In der Einleitung zu seinem umfangreichen Beitrag über Obrist Hans Werner Äscher von Bünningen (1582 – 1652) schreibt Johann Dietrich von Pechmann, dass er bei der Beschäftigung mit dem „Copei-Buch“ des Abts Georg Michael Gaisser des Benediktinerklosters St. Georgen im Schwarzwald, das 1644 angelegt worden war, auf die Korrespondenz des Abtes mit Äscher von Bünningen gestoßen ist. „Mir war Äscher bis dahin nur ein Begriff im Zusammenhang mit der ersten Belagerung der Stadt Villingen 1632/1633. Im Vorarlberger Landesarchiv stieß der Autor auf die bedeutende Rolle Äschers bei der Belagerung und Einnahme von Bregenz durch die Schweden im Jahre 1646/47. Mir wurde langsam klar, dass es sich bei dem Obristen nicht um einen der vielen unbedeutenden Kriegsunternehmer handelte, die der Dreißigjährige Krieg hervorgebracht, sondern um eine Persönlichkeit, die einen erheblichen Einfluss auf das Geschehen dieser Zeit in den damals vorderösterreichischen Gebieten hatte.“ In seiner Äscher-Biografie geht von Pechmann ausführlich u. a. auf die Belagerung Villingens 1632/1633 ein (S. 70 – 80). Die von Äscher in Villingen am 24. Januar 1633 veranlasste Dankprozession für die erfolgreiche Abwehr der ersten Belagerung der Stadt durch Württemberger und Schweden, wurde noch im 18. Jahrhundert jährlich an diesem Tag mit einem Lobamt und Te deum gefeiert.

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Eine Ära geht zu Ende – Stadtarchivar Dr. Heinrich Maulhardt verabschiedet sich in den Ruhestand (Redaktion)

Abb. 1: Heinrich Maulhardt. Bild: Streck, Schwarzwälder Bote

Am 1. April 1991 übernahm Dr. Heinrich Maulhardt das Amt des Stadtarchivars in Villingen-Schwenningen. Ende September 2018 wurde er in den Ruhestand verabschiedet. In die ersten Jahre seiner Tätigkeit fielen die Neukonzeption und Einrichtung der Dauerausstellung des Franziskanermuseums. Im Jahr 1993 gelang es ihm, die bis dahin verstreuten Unterlagen des Stadtarchivs in einem Gebäude zusammenzufassen. Die Zugänglichkeit zum Archivgut erleichterte sich damit erheblich. Seither hat er vielfältige Initiativen ergriffen, um die Situation des Provisoriums in der Lantwattenstraße 4 in eine fachgerechte dauerhafte Lösung zu überführen. Im Jahr 2001 verlieh das Landesarchiv der Stadt Villingen-Schwenningen ein gemeinsames Wappen. Nicht zuletzt Heinrich Maulhardt hatte großen Anteil an diesem Erfolg.

Eine Reihe von Jubiläen hat Dr. Maulhardt tatkräftig begleitet. Zur Feier von 1000 Jahren Markt-, Münz-, Zollrecht und Gerichtsbann im Jahr 1999 gab er 1998 die Publikation „Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur“ heraus. Im Jubiläumsjahr selbst veranstaltete er gemeinsam mit dem Alemannischen Institut die wissenschaftliche Tagung „Villingen 999 – 1218. Aspekte seiner Stadtwerdung und Geschichte bis zum Ende der Zähringerzeit im überregionalen Vergleich.“ Die Ergebnisse erschienen 2003 in Buchform. 2002 organisierte er zum 30. Geburtstag der Stadt Villingen-Schwenningen das fächerübergreifende wissenschaftliche Symposium „Villingen-Schwenningen auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“, 2004 publiziert. 2016 organisierte Maulhardt gemeinsam mit dem Alemannischen Institut und der Abteilung Landesgeschichte der Universität Freiburg die wissenschaftliche Tagung „817 – Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen“, deren Ergebnisse wiederum in eine Publikation eingingen. Für das Jubiläumsjahr selbst ist zum einen die mit der Arbeitsgemeinschaft Geschichtliche Landeskunde am Oberrhein durchgeführte Tagung „Kommunen im Nationalsozialismus“ zu nennen, die ein vielseitiges Vortragsprogramm bot. Auch hierzu wird eine gedruckte Version folgen. Zum zweiten konnte zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen der Band 19. und 20. Jahrhundert realisiert werden,dem 2020 der Teil von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert folgen wird.

Die Forschungsarbeit Dr. Maulhardts ist breit gefächert. Unter anderem beschäftigte er sich mit dem Villinger Frauenhaus im Mittelalter, dem Offiziersgefangenenlager des Ersten Weltkrieges und vielem mehr. Ein besonderes Augenmerk richtete er auf die Zeit des Nationalsozialismus. Intensiv forschte er hier über das Schicksal des polnischen Zwangsarbeiters Marian Lewicki, der 1942 in Villingen von den Nationalsozialisten erhängt wurde. An ihn erinnert das Sühnekreuz im Tannhörnle, das der Geschichts- und Heimatverein errichten ließ. Die Familie in Polen erfuhr

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davon erst durch die Kontaktaufnahme Heinrich Maulhardts zu ihr 2011. Die Einladung an ehemalige jüdische Mitbürger durch die Stadt Villingen-Schwenningen im Jahr 2009 ging maßgeblich auf seine Initiative zurück. Außerdem ist er bei dem von Frank Volk ins Leben gerufenen Geschichtspreis für Schüler engagiert, der seit 2010 nach Joseph Haberer, einem in Villingen geborenen Juden, benannt ist. Dieser gehörte zu den Gästen von 2009. Dr. Maulhardt hat auch die Erforschung des Villinger Kasernenareals in die Wege geleitet.

Er hatte stets ein offenes Ohr für die Belange der Stadt und ihrer Menschen. Die Projekte anderer Autoren hat Dr. Maulhardt tatkräftig unterstützt. Hier sind vor allem die Forschungen von Dr. Edith Boewe-Koob zu mittelalterlichen Handschriftfragmenten zu nennen. Er hat die Edition der Villinger Bürgerbücher, die in den 1960er Jahren von Gustav Walzer begonnen worden waren, durch die Bearbeitung von Dr. Andreas Nutz fortführen lassen, so dass dieses Werk 2001 im Druck erschien. Dr. Tobias Fischers rechtshistorische Dissertation „Der Prozeß vor dem Villinger Stadtgericht im 17. Jahrhundert“ fand 2006 als Band 32 Eingang die Reihe Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der städtischen Museen.

Während der Amtszeit Dr. Maulhardts haben folgende Stadtbezirke Publikationen zu ihrer Geschichte erhalten: 1994 Rietheim, 1997 Obereschach, 2002 Marbach, 2008 Herzogenweiler, 2013 Weigheim, 2014 Weilersbach, 2017 Tannheim, 2018 Obereschach. Auch zum Jubiläum von Nordstetten 2012 erschien eine Publikation.

Aktiv beteiligte sich Dr. Maulhardt an den Aktivitäten zum Tag des offenen Denkmals mit einer Vielzahl von Führungen über die Jahre hinweg. Auch Erzählcafés zu verschiedenen Themen hat er organisiert.

Dr. Maulhardt hat die Initiative zur Einführung eines Dokumentenmanagements in der Stadtverwaltung ergriffen und damit wichtige Weichen für die digitale Aktenführung gestellt. Außerdem beteiligt sich das Stadtarchiv am kommunalen digitalen Langzeitarchiv „DIMAG“.

Zwei Ausstellungsprojekte hat Dr. Maulhardt noch 2018 angestoßen. Zum einen wird im Jahr 2019 eine Wanderausstellung zu den Zähringern im Stadtbezirk Villingen gezeigt werden. Für 2020 ist eine Ausstellung zum Nationalsozialismus in Zusammenarbeit mit den städtischen Museen geplant.

So darf Herr Dr. Maulhardt auf eine beeindruckende Bilanz geistiger Arbeit zurück-

blicken , die ihn zufrieden gestellt habe, wie er in einem Zeitungsinterview betonte, die aber nicht immer und von jedem in ihrer Bedeutung richtig gewürdigt wurde, Auch diese Erfahrung wurde ihm in Villingen-Schwenningen zuteil, wo ihm über 20 Jahre als Archiv das Provisorium eines alten Milchwerkes diente. Außer mit nicht erhörten Appellen an die Stadt konnte ihm auch der Geschichts- und Heimatverein nicht helfen, diesen Mangel zu überwinden. Wir aber sind ihm dankbar, dass er über viele Jahre unser Jahresheft mit interessanten Beiträgen bereichert hat. Möge dies auch in Zukunft so sein.

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Was ist der „Herrgottswinkel”? (Kurt Müller)

Wer meint, dass diese Frage mit Frömmigkeitsformen der Vergangenheit zu tun habe, den wird ein Blick ins Internet mit vielen Bildern und Texten belehren, dass der Herrgottswinkel zwar seit Jahrhunderten in katholischen Häusern eine Rolle spielt, aber durchaus auch heute noch in vielen Wohnstuben zu finden ist. Meist in der Zimmerecke an der Fensterseite am Ende des langen Familientisches ist das Kreuz aufgestellt, umgeben von Mariendarstellungen, von Heiligenbildern oder auch von Bildern verstorbener Angehöriger. Beim Tischgebet oder in einer Minute des Nachdenkens, der Klage oder Bitte wendet sich die Aufmerksamkeit dem Herrgottswinkel zu im Vertrauen, dass der Gekreuzigte oder einer seiner Heiligen helfend präsent ist. Wenn wegen schlechten Wetters oder unbegehbarer Wege der Kirchgang am Sonntag ausfallen musste, dann war eine kurze Andacht im Herrgottswinkel ein würdiger Ersatz.

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Ich selber habe den Herrgottswinkel eigentlich erst als Vikar kennengelernt. Ich war fünf Jahre in Schönau im Wiesental als Geistlicher tätig. Zur Pfarrei gehörten eine ganze Anzahl von Weilern mit alten Schwarzwaldhäusern. Darin sind mir ganz unterschiedlich gestaltete Herrgottswinkel aufgefallen. Dabei wurde sehr schnell in mir der Wunsch wach: so eine geschmückte Andachtsecke möchte ich auch in meinem Pfarrhaus einmal haben. Daher habe ich schon bald Gegenstände gesammelt, mit denen sich mein Herrgottswinkel hätte schmücken lassen. Bis heute habe ich keinen eigentlichen Herrgottswinkel eingerichtet, weil in allen Wohnungen, die ich bisher bewohnt habe, kein rechter Winkel vorhanden war.

Aber reichlich Einrichtungsgegenstände habe ich gesammelt, und sie bilden einen unübersehbaren Schmuck in meiner Wohnung in der Turmgasse.

Im Treppenhaus fällt der Blick auf ein schönes Kruzifix, das aus dem Allgäu stammt. Es ist von Dekan Josef Herrmann aus Wieden über seine und meine Haushälterin Agnes Asal zu mir gekommen. Es wird begleitet von zwei auf Holz gemalten Bildern der heiligen Mutter Anna mit Maria und dem heiligen Aloisius. Der Rosenkranz und die Bibel sind oft vorkommende Beigaben im Herrgottswinkel.

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Solange ich Pfarrer in Engen war (um 1970), wurde in der Filiale Bittelbrunn ein Haus umgebaut. Das Kreuz an der Fassade war im Weg und der Bauherr war froh, dass er mir das Kreuz schenken konnte. Der Engel stammt von einem Trödelmarkt. Die Ikone neben dem Kreuz zeigt den Tod Mariens, und über der sterbenden Maria ist der auferstandene Christus zu sehen, der die Seele der Mutter Maria in die Herrlichkeit des Himmels trägt.

1975 wurde in Nußbach ein altes Bauernhaus verkauft. Der neue Besitzer hatte keine Beziehung zu dem Kreuz, aber doch Respekt. Er hat das schöne seltene Kreuz mit Spinnweben überwuchert den damals noch in Nußbach tätigen Franziskanern gebracht. Zufällig kam ich anderntags dienstlich ins Haus der Franziskaner und die wunderten sich, dass ich so starkes Interesse an dem staubigen Kreuz im Flur zeigte. Zu meiner großen Freude schenkten sie mir das Kreuz ohne weitere Worte. Die beiden Bilder zeigen Josef und Maria jeweils mit Kind, sie stammen aus dem Elsaß und bilden gute Patrone für das Familienleben.

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Nur eines meiner Sammlerstücke habe ich im Antiquitätenhandel gekauft. Es ist ein ganz seltenes Beispiel von Schwarzwälder Hinterglasmalerei: Ich habe schon wiederholt es zu Ausstellungen verleihen können. Das Bild ist eine ausführliche Schilderung der Kreuzigung Christi mit Maria und Johannes und Maria Magdalena. Auch der berittene Longinus ist zu sehen und die beiden Schächer. Zwei Engel nehmen das heraustretende Blut Christi auf.

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Auf dem einrahmenden Kreis sind alle Leidenswerkzeuge (arma Christi) gemalt. Der Original erhaltene Text lautet: Petrus leugnete das dritte Mal und sogleich krähte der Hahn. Dies Denkmal hat machen lassen Bartholomä Schneider aus Elzach 1832. Und dies hat gemalt Augustin Faller aus Seppenhofen. „Longinus hat die Seite Jesu mit einer Lanze geöffnet und allsogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, gibt Zeugnis davon, und sein Zeugnis ist

wahrhaftig, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt; so dass ihr glauben sollet.“

In einer großen Bauernstube wirkt ein schöner Herrgottswinkel neben der Frömmigkeit auch dekorativ. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass in der Kanzleigasse in einem Haus ein kleiner Herrgottswinkel aufgetaucht ist, der lange Jahre mit Tapeten verklebt war. Jetzt ist er mit religiösen Gegenständen geschmückt, ein kleines Glaubenszeugnis.

Nun möchte ich die Leser darauf aufmerksam machen, dass es nicht nur private Herrgottswinkel gibt, sondern dass es nach meiner Meinung auch öffentlich zugängliche Orte mit der gleichen Bedeutung geben kann. Wenn sehr viele Menschen sich versammeln, als Pilger etwa, in Fatima oder Altötting, dann spricht man von Gnadenorten. Wenn wenige Menschen oder seltener sich an einem bedeutenden Ort einfinden, dann spricht man von einem spirituellen Rastplatz.

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Auf einen solchen geistlichen Rastplatz möchte ich sie aufmerksam machen.

Das Villinger Münster hat zwei Türme. Im Erdgeschoss jeden Turmes findet man eine kleine Kapelle. Nach Süden steht, weil sie durch zwei Fenster erhellt wird, das helle Chörle. Nach Norden hat die Kapelle nur ein Fenster und heißt daher das finstere Chörle. Bei der letzten Münsterrenovation bekam das finstere Chörle eine neue Einrichtung. Der Kölner Künstler Elmar Hillebrand hat das Fenster mit der Darstellung der Leidenswerkzeuge neu gestaltet: In einem Glasschrein gut sichtbar aber geborgen sieht man eine kleine Pieta und darüber das eigentliche Heiligtum der Villinger, das Nägelinkreuz. Im währenden Licht der vielen Opferkerzen spürt man den mystischen Charakter der kleinen Kapelle. Wer sie betritt, hat Gelegenheit auf dem Altar davor eine persönliche Notiz zu hinterlassen. In dem großen Buch dort findet man nun zahlreiche Namen aber auch viele Dankadressen

werden formuliert oder Klagen, Ängste, Nöte und Sorgen werden vorgetragen. Also steht jede brennende Opferkerze auf dem Leuchter für eine Bitte, Not oder Klage, auch für einen abzuleistenden Dank. Wer die sprechenden Opferlichter wahrnimmt, wer darüber das Nägelinkreuz verehrt mit der Pieta, dem Marienbild darunter, wer die Symbole des Leidens Christi im Glasfenster beachtet, der wird mir zustimmen können, wenn ich sage: „Das finstere Chörle im Münster ist der Herrgottswinkel der Stadt Villingen.“

Abbildungen: von Jochen Hahne

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