Bestandsliste über Jahreshefte, Bücher, u.s.w. (Hermann Schubauer)

Stand 13. Juli 2007

Jahresheft Nr.     Jahr     Archiv-Bestand     Verkaufbestand

Jahresheft 1     = 1975     1 Heft

Jahresheft 2     = 1976     1 Heft

Jahresheft 3     = 1977     10 Hefte     22 Hefte

Jahresheft IV     = 1978/1979     1 Heft

Jahresheft V     = 1980     1 Heft

Jahresheft VI     = 1981     1 Heft

Jahresheft VII     = 1982     –

Jahresheft VII     = 1983/1984     5 Hefte

Jahresheft IX     = 1984/1985     10 Hefte     28 Hefte

Jahresheft X     = 1985/1986     2 Hefte

Jahresheft XI     = 1986/1987     10 Hefte     28 Hefte

Jahresheft XII     = 1987/1988     10 Hefte     18 Hefte

Jahresheft XIII     = 1988/1989     10 Hefte     35 Hefte

Jahresheft XIV     = 1989/1990     1 Heft

Jahresheft XV     = 1990/1991     10 Bücher     32 Bücher

Buch: Das Leben im alten Villingen – alte Ratsprotokolle erzählen ..1830-1930

Jahresheft XVI     = 1991/1992     10 Hefte     193 Hefte

Jahresheft XVII     = 1992/1993     10 Hefte     43 Hefte

Jahresheft XVIII     = 1993/1994     10 Hefte     67 Hefte

Jahresheft XIX     = 1994/1995     1 Heft

Jahresheft XX     = 1995/1996     10 Hefte     120 Hefte

Jahresheft XXI     = 1996/1997     10 Hefte     82 Hefte

Jahresheft XXII     = 1997/1998     10 Hefte     121 Hefte

Sonderheft zum Stadtjubiläum 1999     10 Hefte     334 Hefte

Jahresheft XXIII     = 1999/2000     10 Hefte     73 Hefte

Jahresheft XXIV     = 2001     10 Hefte     69 Hefte

Jahresheft XXV     = 2002     10 Hefte     66 Hefte

Jahresheft XXVI     = 2003     4 Hefte

Jahresheft XXVII     = 2004     10 Hefte     99 Hefte

Jahresheft XXVII     = 2005     10 Hefte     177 Hefte

Jahresheft XXIX     = 2006     10 Hefte     282 Hefte

Jahresheft XXIX     = 2007     10 Hefte     185 Hefte

Huger: 300 Jahre: Marschall Tallard belagert Villingen     10 Hefte     30 Hefte

Neues Inhaltsverzeichnis und Autorenregister der Hefte I–XXX = 1975–2007.

Alle Hefte überarbeitet und Inhalte registriert.     23 Register

50 Jahre Bundesrepublik Deutschland. Die Entwicklung in der Region Schwarzwald-Baar.

Schülerarbeiten.     10 Hefte     96 Hefte

 

Vom Stadtkrankenhaus zum Zentralklinikum (Hans-Georg Enzenroß)

 

Diese Visualisierung zeigt die Außenansicht des geplanten Großklinikums.

 

Als im Jahr 1972 die beiden Städte Villingen und Schwenningen zur gemeinsamen Stadt vereinigt wurden, gab es in jedem der beiden Stadtbezirke ein Krankenhaus, das baulich etwas ältere in Schwenningen. Beide Krankenhäuser waren jeweils so strukturiert, wie es damals für Städte dieser Größenordnung üblich war. In beiden Häusern waren jeweils die großen medizinischen Fachgebiete Innere Medizin, Chirurgie sowie Gynäkologie und Geburtshilfe vertreten, Villingen besaß zudem ein Kinderkrankenhaus. Es war damals schon abzusehen, dass der rasante Fortschritt in der Medizin eine immer weitergehende Spezialisierung nach sich ziehen würde und dass die genannten Fachgebiete sich in spezialisierte kleinere Einheiten umwandeln würden. So besteht beispielsweise heute die Innere Medizin am hiesigen Klinikum aus vier einzelnen Fachabteilungen (Allgemeine Innere Medizin mit Pulmonologie und Angeologie, Kardiologie, Gastroenterologie, Onkologie), die Chirurgie aus drei (Allgemein-, Visceral- und Kinderchirurgie, Unfallchirurgie, Thorax und Gefäßchirurgie). Man mag zwar beklagen, dass Spezialistentum den Blick auf die Ganzheitlichkeit verstellt, aber unbestritten sind bei funktionierender Kommunikation der Spezialgebiete die Ergebnisse in Diagnostik und Behandlung verbessert worden.

Es war 1972 keine neue Erkenntnis, dass die Zusammenarbeit spezialisierter Abteilungen durch deren Unterbringung unter einem Dach gefördert würde, und so wurde die Idee eines gemeinsamen Krankenhauses für Villingen-Schwenningen bereits damals diskutiert. Im zuständigen Ministerium in Stuttgart fanden bereits regelmäßige Besprechungen statt, in denen über medizinische Entwicklungen, Raumplanung und Finanzierung diskutiert wurde. Aber besonders von Villinger Seite müssen die Widerstände groß gewesen sein, denn es kam nicht zur Verwirklichung dieser Idee, und nachdem es über den langwierigen Diskussionen auch zur ersten wirtschaftlichen Rezession gekommen war, erhielt die Stadt die Order, die vorhandenen Standorte in Villingen und Schwenningen in kleinen Schritten weiter zu entwickeln, ein Konzept, das am ehesten in die damalige politische Landschaft passte.

Es folgte ein Zeitabschnitt von etwa 20 Jahren, in dem dieser Auftrag umgesetzt wurde. Entsprechend der fortschreitenden Spezialisierung in der Medizin wurden, wie oben für Innere Medizin und Chirurgie gezeigt, bestehende Abteilungen aufgeteilt. Die neuen Einheiten wurden nun Kliniken genannt. Neue Kliniken kamen hinzu, so die Urologie, die Neurologie und die Neurochirurgie. Begleitet waren diese Umstrukturierungen und Erweiterungen des medizinischen Spektrums von einer regen Bautätigkeit. In beiden Häusern wurden neue Operationstrakte gebaut, neue Intensivstationen errichtet. Hebammen- und Krankenpflegeschule wurden neu gebaut. Apotheke, Labor und Patientenzimmer waren lang dauernden Umbaumaßnahmen unterworfen. Dies alles geschah bei weiterlaufender Krankenversorgung. Den älteren Mitarbeitern ist gut in Erinnerung, wie sie und die Patienten immer wieder dem Lärm von Presslufthämmern ausgesetzt waren. Trotz aller Widrigkeiten war das Ergebnis eine Erfolgsgeschichte. Man darf getrost behaupten, dass es ohne die Städtefusion keiner der Städte gelungen wäre, für sich ein so leistungsfähiges und umfangreiches Klinikum zu schaffen, das in der Krankenversorgung nur wenig hinter einem Klinikum der Maximalversorgung rangiert.

Trotz aller Zufriedenheit begann vor etwa 10 Jahren unter dem Einfluss der hohen Kosten im Gesundheitswesen die Diskussion über eine Reform der Krankenversorgung im Schwarzwald-Baar-Kreis. Die Ausgangslage war geprägt von einer gemischten Trägerstruktur und vor allem einem nicht untereinander abgestimmten medizinischen Leistungskonzept. Kreisweit gab es 1240 Planbetten, verteilt auf 6 Klinikstandorte. Das Klinikum der Stadt Villingen-Schwenningen bestand aus vier Krankenhäusern (Villingen mit Goldenbühlkrankenhaus, Schwenningen, St. Georgen) und erfüllte den Auftrag der Zentralversorgung auch für die beiden Nachbarlandkreise Tuttlingen und Rottweil. Die Kliniken Donaueschingen und Furtwangen waren Häuser der Grund- und Regelversorgung. Man durfte davon ausgehen, dass diese Strukturen nicht geeignet waren, den Heraus forderungen der Zukunft und vor allem dem wachsenden Kosten- und Leistungsdruck gerecht zu werden. Ein erster Erfolg der Reformbestrebungen war der Beschluss eines gemeinsamen medizinischen Leistungskonzepts Ende des Jahres 2002, das hauptsächlich den Abbau aller Doppelvorhaltungen vorsah. Dessen schrittweise Umsetzung in den Jahren 2003 –2005 führte zur Schließung der Krankenhäuser Furtwangen und Goldenbühl sowie der Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe und Allgemeinchirurgie des Krankenhaus Donaueschingen. Die Klinik für Orthopädie, für Gefäß- und Thoraxchirurgie sowie die Belegabteilung für Hautkrankheiten wurden nach Donaueschingen verlagert. Viele gemeinsam genutzte Funktionsbereiche wie z. B. Labor, Apotheke und Küche wurden zentralisiert. Träger der neuen Klinikum GmbH sind seit Januar 2004 die Stadt Villingen-Schwenningen, der Schwarzwald-Baar-Kreis und mit einem kleinen Geschäftsanteil die Stadt St. Georgen.

Kernstück der gesamten Neuordnung der Krankenhausstruktur aber war und ist die Planung eines Klinikneubaus, um die Gebäude in Villingen, Schwenningen und St. Georgen zu ersetzen. Die Klinik in Donaueschingen bleibt davon unberührt. Die Begründung ist einmal eine ökonomische. Die beiden nun etwa 50 Jahre alten Hauptgebäude sind im Verlauf dieser Zeit immer wieder umgebaut, erweitert und saniert worden. Trotz aller Bemühungen entsprechen die Patientenzimmer mit ihren sanitären Einrichtungen nicht mehr den heutigen Ansprüchen. Auch in anderen Bereichen ist die Bausubstanz verbraucht und sanierungsbedürftig. Die Entwicklung in der Medizin wird auch in Zukunft mit einem erhöhten Raumbedarf einhergehen. Realistisch gesehen wären beide Häuser eine dauerhafte und teure Baustelle. Dennoch würde es nie gelingen, die Funktionsabläufe in den Altgebäuden zu verbessern, die unwirtschaftlichen Stationsgrößen mit ihrem erhöhten Personalaufwand würden bestehen bleiben.

Die wichtigste Begründung aber ist eine nicht ökonomische. Für die Zusammenarbeit der Kliniken erweist es sich als nachteilig, wenn diese in verschiedenen Häusern, und auch noch weit auseinander, untergebracht sind. Die klinische Versorgung eines Patienten ist heute im Zeitalter der Spezialisierung weitgehend ein Gemeinschaftswerk. Mit viel Mühe und Geduld aller Beteiligten kann man den Nachteilen einer räumlichen Trennung zwar begegnen, einfacher und intensiver aber ist die Kommunikation schon, wenn sie im gleichen Haus stattfinden kann. Die Qualität der medizinischen Versorgung wird dadurch verbessert. Man könnte dies mit zahlreichen Beispielen aus der täglichen Arbeit belegen. Nach dem Prinzip „alles unter einem Dach“ wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die ersten Großkrankenhäuser in den USA errichtet, bei denen die Zentralisation der medizinischen, aber auch der technischen und administrativen Einrichtungen im Vordergrund stand. Die Patienten waren in besonderen Bauteilen, den Bettenhäusern untergebracht, möglichst kurze Wege führten zu den Funktionsräumen wie Röntgenabteilung, klinisch-chemische Laboratorien oder Operationssälen. Im Jahr 1944 entstand in Stockholm ein kommunales Großkrankenhaus, das nach diesen Grundsätzen strukturiert wurde, das Södersjukhus mit 1500 Betten. Auch in Deutschland wurden nach dem Zweiten Weltkrieg     Krankenhäuser,     hauptsächlich     im Universitätsbereich, nach diesen Prinzipien geplant und gebaut. So wurde 1969 in Berlin-Steglitz das Klinikum der Freien Universität Berlin in Betrieb genommen, 1970 jenes für die neu geschaffene Medizinische Hochschule in Hannover, 1974 das Klinikum Großhadern in München, später kamen noch Münster und Aachen hinzu. Dass diese Großkliniken als Symbole einer technisierten Medizin auch kritisiert werden, weil sie nicht ohne Einfluß auf das Verhältnis zwischen Patient und Betreuern bleiben, ist naheliegend. Aber eine zunehmende Technisierung prägt nicht nur den Krankenhausbetrieb, sondern schon seit dem 19. Jahrhundert nahezu alle Lebensbereiche. Was das neu zu errichtende Zentralklinikum Villingen-Schwenningen betrifft, so dachte man zeitweise auch an eine Privatisierung. Eine private Krankenhausgesellschaft hätte für ca. 40 Millionen Euro die Alt-Kliniken gekauft und sich verpflichtet, einen Neubau zu erstellen und das neue Klinikum zu betreiben. Nach intensiven, zum Teil auch emotionalen Diskussionen, über das Für und Wider einer Privatisierung wurde schließlich der Entschluss gefasst, in eigener Regie mit Hilfe des Landes den Klinikneubau zu realisieren. Wenn es einem privaten Krankenhausträger möglich ist, rund 10–15 % Rendite anzustreben, sollte dies auch dem kommunalen Träger möglich sein, ohne zusätzliche große Renditeerwartung einen Neubau zu finanzieren. Die Verpflichtung gegenüber den Mitarbeitern hat bei diesem Entschluss sicher eben falls eine Rolle gespielt, nachdem keine eindeutigen Auskünfte über die zukünftige Gestaltung der Arbeitsverträge von der privaten Krankenhausgesellschaft zu erhalten waren. Und schließlich dürfte auch die in Jahrhunderten gewachsene Tradition, in der Krankenfürsorge eine öffentliche Aufgabe zu sehen, die Entscheidung beeinflusst haben.

Wenn man die Internetseite des Schwarzwald- Baar-Klinikums aufschlägt (www.kreisklinikum.de), kann man dort virtuelle Bilder des zukünftigen Klinikums sehen. Man erfährt etwas über die Lage, die zukünftige Verkehrsanbindung und die etwa gleich weite Entfernung zwischen den beiden Stadtbezirken. Im Jahr 2011 soll das gewaltige Bauvorhaben vollendet sein. Der Neubau wird dann etwa 700 Betten aufweisen, etwas weniger als die beiden Altbauen heute.

Was wird das neue Klinikum kosten? Die Gesamt-Investitionskosten werden sich auf ca. 222 Millionen Euro belaufen. Die Finanzierungsplanung sieht vor, diese Summe durch Eigenkapital (10 Millionen), Landeszuschuß (erwartete 92 Millionen) sowie Kreditaufnahme (120 Millionen) aufzubringen. Die Schuldendienstbelastung von jährlich ca. 8,4 Millionen Euro soll aus den Synergieeffekten des Klinikneubaus finanziert werden: Der Wegfall von Doppelvorhaltungen an drei Altstandorten, die optimalen Organisationsgrößen und die effizienten Betriebsabläufe eines Neubaus ermöglichen hohe Einsparungen von schätzungsweise 7 Millionen Euro dadurch, dass etwa 150 Stellen, verteilt über alle Bereiche, eingespart werden können, ebenso wie die Kosten für zusätzliche Ruf- und Bereitschaftsdienste. Auch im Sachbedarfsbereich (Transporte, Energie- und Brennstoffkosten, Instandhaltungen) werden Einsparungen von 2,3 Millionen Euro erwartet. Insgesamt ergeben sich so 9,3 Millionen Euro, die eingespart und dem Schuldendienst zugeführt werden können. Viel spricht man heute im Gesundheitswesen vom Geld, von Einnahmen, Ausgaben und Einsparungen. Die notwendige Ökonomisierung auch der Kliniken schreitet unaufhaltsam fort. Im Leitbild des Schwarzwald-Baar-Klinikums findet sie auch ihren sprachlichen Niederschlag. Hier ist schon einmal vom „Unternehmen“, von der „Positionierung am Gesundheitsmarkt“ und von „Kundenorientiertheit“ die Rede. Aber auch, unddas stimmt uns hoffnungsvoll, vom Patienten, dem alle Sorge zu gelten hat. Und so hoffen wir als potentielle Patienten insgeheim, diesen Geist auch im neuen Klinikum vorzufinden.

Für die Unterstützung bei der Recherche bedanke ich mich bei Herrn H. Schlenker und Herrn R. Schmid, ehemaliger und derzeitiger Geschäftsführer der Klinikum GmbH.

Zur Geschichte der Villinger Familie Freiburger (Winfried Hecht)

(Fryburger, von Freiburg)

Wappen der Familie von Freiburg nach Johann Siebmachers Wappenbuch von 1605

 

Zu den ältesten, reichsten und vornehmsten Familien der spätmittelalterlichen Stadt Rottweil zählten die Freiburger oder Friburger. Ihr Name dürfte auf die Herkunft der Familie aus Freiburg im Breisgau oder Freiburg in der Westschweiz hinweisen. 1243 kommt der Name „Freiburger (Vriburgere)“ in Zürich vor1. Schon im Jahre 1300 erreichte Eberhard Freiburger Amt und Würde eines Rottweiler Schultheißen. Bis 1550 saßen danach nicht weniger als 14 männliche Angehörige der Familie im Rottweiler Rat und vier stiegen sogar zur Würde eines Bürgermeisters der Reichsstadt auf2. Nach dem Rottweiler Steuerbuch von 1441 war der im Johannser-Ort wohnhafte Hans Freiburger mit einem Vermögen von 10 200 Pfund Haller der mit Abstand reichste Mann der Stadt; sein Vetter Jakob Freiburger, der im Juden- Ort wohnte, stand mit einem versteuerten Vermögen von 4 000 Pfund Haller an fünfter Stelle unter den reichen Rottweilern, und schon auf dem achten Platz folgte ihm Frau Ann Freiburger3. Versippt war die Familie in Rottweil früh mit den Bletz, den Mäslin, den Schappel und den Wirt sowie den Wehinger, aber auch den Kanzler oder den Endinger4.

Ausdruck von gesellschaftlichem Ansehen war es auch, wenn mit Engla Freiburger eine Frau aus der Familie nachweislich von 1484 bis 1493 die Reichsabtei Rottenmünster vor Rottweils Toren als Äbtissin regieren konnte5. Schon 1471 war Hans Freiburger Pfarrer der reichen Rottweiler Hauptpfarrei von Heilig Kreuz geworden6; damals bürgten für den Kleriker seine Brüder Großhans, er war Bürger zu Rottweil, und Frischhans, der sich in Überlingen niedergelassen hatte. Ohne dass die Verbindung der Familie nach Überlingen aufgegeben worden wäre, wurde Frischhans Freiburger 1476 Satzbürger in Villingen.

Wegzug von Rottweil nach Überlingen und Villingen

Unübersehbar kündigte sich 1471 und 1476 die Aufspaltung der Familie in mehrere Linien und ihr teilweiser Wegzug von Rottweil an. Dies mag auch politische Gründe gehabt haben. In Rottweil verfolgte an der Spitze der Stadt Heinrich Freiburger (ca. 1455 bis ca. 1525) eine ausgesprochen proeidgenössische Politik7, während der Weg seiner Verwandten aus der Stadt ins vorderösterreichische Villingen wahrscheinlich mit einer Haltung zu tun hat, die sich politisch eher an den Interessen und Zielen der Habsburger orientierte. Einen wichtigen Schritt bei der Teilung der Familie in mehrere Linien hatte allerdings schon 1462 der Teilungs- und Leibgedingvertrag zwischen Jakob Freiburger und seinen Söhnen Hans, Großhans, Eitelhans und Frischhans sowie den Kindern seiner Tochter Katharina und ihres Ehemanns Hans Wehinger gebracht, den neben den Vertragsparteien Schultheiß Lienhard Schappel und weitere Rottweiler Bürger besiegelt haben8. Die Überlinger Linie der Familie erlebte zu Beginn des 16. Jahrhunderts vor allem mit Hans Freiburger († 1542) einen steilen Aufstieg. Er ist zwischen 1521 und 1534 wiederholt als Bürgermeister der Reichsstadt am Bodensee belegt und wurde 1530 von Kaiser Karl V. auf dem Reichstag in Augsburg zum Ritter geschlagen; verheiratet war er mit Katharina Reichlin von Meldegg. Einer seiner Söhne war der 1610 verstorbene Lutz von Freiburg, der in Memmingen als Bürgermeister wirkte9.

Bis 1476 zog Frischhans Freiburger nach Villingen zu und versprach unter dem 25. Mai dieses Jahres die Übernahme der Pflichten eines Bürgers der Stadt10. In Villingen besiegelt er 1481 und 1482 Rechtsgeschäfte11 und wird dabei ausdrücklich als „Junker“ bezeichnet. 1486 und 1487 heißt es bei solchen Vorgängen wörtlich von ihm, er sei „in Villingen sesshafft“12. Im Jahre 1490 tritt in ähnlichem Zusammenhang Junker „Hans Fryburger der jung“ in Erscheinung, so dass man annehmen möchte, er sei der Sohn des Frischhans gewesen, um den es in dieser Zeit stiller geworden ist13, der aber im Februar 1490 erneut erwähnt wird14. Nach diesem Zeitpunkt wird jedoch nur noch und mit einiger Regelmäßigkeit „Junckher Hanns Fryburger der jung ze Villingen“ genannt15.

Im Jahre 1495 und auch später noch wiederholt siegelt in Villingen aber auch Junker Hans Fryburger genannt Großhans zu Villingen16. Sein Sohn mag 1496 Junker Hans Fryburger, „Großhansen Fryburgers sone zu Villingen“, gewesen sein17. 1496 und 1497 sowie 1505 findet aber auch Junker Hans Fryburger „der mettel“, der „mittlere“ also, Erwähnung18, so dass davon auszugehen ist, dass damals in Villingen drei Junker aus der Familie Freiburger mit dem gleichen Vornamen Hans gelebt haben. Noch unklarer werden die Verhältnisse, wenn Ende November 1497, 1498 und in besonders ehrenvollem Zusammenhang 1506 auch wieder Junker Hans Fryburger der Ältere genannt Frischhans auftaucht19. Im Jahr 1500 besiegeln Junker Frischhans Fryburger und Hans Fryburger, Großhansen Fryburgers Sohn, „baid zu Villingen gesessen“, ein und dieselbe Urkunde20. Hans Fryburger, „des Großhansen Fryburgers sohn“ wird auch 1504 und 1509 wieder „zu Villingen“ genannt21. Von Junker Hans Fryburger zu Villingen heißt es 1504 und sinngemäß 1505, er sei „by dem Riethtor gesessen“. Dagegen wird 1508 von Junker Hans Friburger dem Alten ausdrücklich mitgeteilt, er sei „am kilchhoff gesaessen“22.

Nicht unbedingt zur „älteren“ Villinger Linie der Familie mag Jakob Fryburger gehören, der 1498 in Villingen das Protokoll einer Vernehmung besiegelt hat23. 1503 heißt es jedoch auch von ihm eindeutig, er sei in Villingen sesshaft24; außerdem wird er von diesem Zeitpunkt an regelmäßig als Junker angesprochen. 1514 und 1516 wird er dann ausdrücklich als Vetter von Junker Hans bzw. von Junker Hans „dem Älteren“ bezeichnet25; demnach ist zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall von zwei Freiburger-Linien in Villingen auszugehen. Andererseits wird Jakob 1517 erstmals als wohnhaft „an dem kilchhoff“ angesprochen, so dass er Hans Friburger den Alten zumindest beerbt haben könnte 26.

Als geadelte Familie „von Freiburg“

Unter dem 9. August 1518 versprach „Jacob Fryburger zuo Villingen“ die Übernahme der Pflichten eines Bürgers der vorderösterreichischen Stadt27. Er wird erneut als Junker bezeichnet und war „am Kilchoff zuo Villingen wohnhaft“28. In der Folge hat der Junker in Villingen bis Anfang März 1541 gleich reihenweise Rechtsgeschäfte mit seinem Siegel bekräftigt und wird seit 1532 als „von Friburg“ bezeichnet29. Die Gesamt-Familie hatte in der Tat unter dem 16. September 1532 wohl vor allem auf Bemühen von Ritter Hans von Freiburg zu Überlingen ein Adelsdiplom erhalten, mit welchem auch ihr Wappen festgeschrieben wurde.; es zeigt einen mit einer halben Lilie besetzten goldenen Sparren in einem durch diesen Sparren von Blau über Rot geteilten Schild30. So fand es 1605 unter der Rubrik „Schwäbische Herrn und Ritterschaft“ auch Eingang in das bekannte Wappenbuch Johann Siebmachers31. Wenn der „neue“ Villinger Junker Jakob Fryburger schon 1520 im Auftrag des „Inneren Regiments zu Innsbruck“ einen Streit schlichtete, so zeigt auch dies das hohe Ansehen, welches seine Familie inzwischen genossen hat32. Aufschlussreich auch für seine politische Einstellung, dass er das schwierige Jahr 1525 des Bauernkriegs anscheinend durchgängig in Villingen verbracht hat. Offenbar stand er im Hinblick auf die religiöse Entwicklung in diesen Jahren ebenso eindeutig auf katholischer Seite. Auf der Urkunde über die Bürgerannahme von Junker Jakob Fryburger in Villingen vom Jahr 1518 bestätigte am 9. Januar 1539 Joachim von Fryburg den Eintritt ins Satzbürgerrecht der Stadt Villingen33. Danach lässt sich die Beteiligung an Villinger Rechtsgeschäften für ihn seit dem folgenden Jahr nachweisen34. Vielleicht wird die alte Verbindung seiner Familie nach Rottweil 1536 damit deutlich, dass Gertrud Tucher aus der Nachbarstadt in Jakobs Diensten stand35. Junker Joachim war auch der Vater des Johann Georg von Freiburg, welcher mit seiner Familie nach Rheinau übersiedelte36. 1540 erwarb Jakob von Freiburg zu Villingen um 1.800 Gulden Schloss und Burgplatz Kappel, Teile des Dorfes Kappel und den Wald Kapplenberg37, gab diesen Besitz aber weiter zu Lehen. 1543 konnte er erneut einen Teil des Dorfes Kappel und das dortige Schloss als Heiratsgut seiner Gemahlin Euphrosyne Bletz von Rotenstein übernehmen. 1543 wird er vor dem Rottweiler Hofgericht als „Jakob von Fryburg zu Cappell“ angesprochen38. Das dürfte darauf hinweisen, dass er seinen Wohnsitz aus der Stadt Villingen heraus aufs Land verlegt hatte und beabsichtigte, wie andere Adelige eine eigene, kleine Herrschaft aufzubauen. 1550 wurde er jedoch im Verlauf eines     Rechtsstreits,     der     auch     das     Reichskammergericht in Speyer beschäftigt hat, vor dem Hofgericht in Rottweil geächtet und gefangen gesetzt. Dabei ging es vermutlich um Zehntrechte und Abgaben in Kappel, die auch von kirchlicher Seite beansprucht wurden39; offenbar hat der Junker bis Dezember 1550 die Haft aber wieder verlassen können40.

1559 gehörte Junker Jakob einer Villinger Abordnung an, welche über den Besuch der Märkte in Villingen und Hüfingen mit der Obrigkeit der Stadt Hüfingen verhandelt hat41. Frühestens Ende 1560, aber jedenfalls bis 1566 dürfte Jakob von Freiburg verstorben sein42. Im Jahre 1566 verkaufte nämlich seine Witwe Euphrosyne zusammen mit den Vögten von Jakobs Kindern den Besitz zu Kappel um 4.900 Gulden an die Heilig Kreuz- Bruderschaft in Rottweil43. Über seine Tochter Euphrosyne steht der Junker auch in familiärem Bezug zu den Lauffer von Schwenningen.

Die Villinger Linie der Familie Freiburger bzw. von Freiburg spaltete sich erneut. Im November 1580 berichtet der Rottweiler Makarius Spreter, er habe vor Jahren von den Brüdern Joachim, Hans Georg und Hans von Freyburg zu Villingen den dritten Teil eines Hofes in Zimmern o. R. zusammen mit anderen Gütern gekauft44. Er bezeichnet dabei die drei Verkäufer als „Gebrüder“ und seine „Schwäher“, woraus sich folgern lässt, dass er mit einer Schwester von ihnen verheiratet gewesen ist.

In Villingen bis an die Spitze der vorderösterreichischen Stadt gelangte Hans Joachim von Freiburg (Fryburg). 1564 studierte er anscheinend an der Universität in Padua45. Er ist in Villingen 1574 bei der Erbteilung aus Anlass des Todes von Thaddäus Ifflinger genannt und 1587 sowie 1591 mit dem Amt des Bürgermeisters und Pflegers der Franziskaner belegt, 1594 als Schultheiß46. Schon Anfang April 1583 hat er, allerdings anscheinend noch nicht als Bürgermeister, die Interessen der Stadt Villingen bei einer Konferenz vertreten, bei welcher Bevollmächtigte aller Herrschaften im Raum zwischen Hochrhein und oberem Neckar über Fragen der Münzpolitik beraten haben47.

Dem Villinger Bürgerbuch zufolge soll Hans Joachim von Freiburg 1575 das Bürgerrecht erlangt haben und 1592 (!) gestorben sein48. Er wohnte 1583 in Villingen wiederum in der Nachbarschaft von Rathaus und Kirchplatz49 und besaß gemeinsam mit seinen Brüdern eine Scheuer50, außerdem einen Garten51. In Friedingen an der Donau har er schon 1574 umfangreicheren Lehensbesitz aus dem Vermögen des Hans Conrad Ifflinger verwaltet52.

Der gleichnamige Sohn Johann Joachims von Freiburg gehörte in Villingen 1625 zum Rat, war 1626 bis 1629 Schultheiß sowie seit dem 24. Juni 1629 und auf jeden Fall noch 1634 Bürgermeister der Stadt53. 1634 gab er aus militärischen Gründen den Befehl zur Zerstörung der Ruinen der Abtei von St. Georgen im Schwarzwald und reiste im September dieses Jahres nach Überlingen, von wo seine Verwandten ohne alle Habe 1632 nach Konstanz hatten fliehen müssen54. Schon 1602 waren die Beziehungen zwischen der Villinger und der Überlinger Linie der Familie deutlich geworden, als Hans von Freiburg zu Überlingen als Vormund die Interessen Hans Joachims von Freiburg zu Villingen beim Streit um eine Erbschaft von Seiten der Familie Ifflinger von Graneck vertrat55. In diesem Zusammenhang wandte sich Hans Joachim von Freiburg auch noch 1614 an den Rat der Reichsstadt Rottweil56.

Von Villingen nach Rheinau

Ein Junker Konrad Sigmund von Freiburg ließ 1614 in Rottweil „in meiner Herren gewölb“ 120 Gulden hinterlegen57. Der nächste wichtigere Vertreter der Familie von Freiburg dürfte Joachims Bruder Ferdinand von Freiburg gewesen sein, der 1623 und 1654 in Villingen lebte58, während seine Schwester Anna Maria 1654 gestorben ist59. Ferdinand erscheint nicht selten im Zusammenhang von Geldgeschäften und war 1680 gleichfalls verstorben60. Auch der Stadt Rottweil gewährte er ein Darlehen von 780 Gulden, war damals aber bereits in Rheinau ansässig61.

Die Interessen seiner Söhne Hans Hermann und Hans Jakob wurden von Ferdinands 1601 geborenem Vetter Abt Bernhard von Rheinau wahrgenommen, welcher von 1642 bis 1682 die Benediktinerabtei Rheinau am Hochrhein flussabwärts von Schaffhausen leitete; Abt Bernhard beschaffte 1647 die Reliquien des römischen Katakombenheiligen Basilius für sein Kloster und hat 1652 den entsprechenden Schrein machen lassen, 1671 ließ er den prächtig mit Intarsien geschmückten Audienzsaal seines Klosters beginnen62; in Rheinau wohnhaft war übrigens auch der Neffe Hans Hermann des Abts63. Die Übersiedlung weiterer Familienmitglieder nach Rheinau muss vor 1652 erfolgt sein, denn im Mai dieses Jahres besuchte von Rheinau aus der Bruder Johann Theobald von Abt Bernhard von Freiburg Abt Michael Gaisser in Villingen64.

Als Besitzer des Steinemühlen-Lehens in Rottweil-Altstadt erscheint um 1690 Georg Hermann von Freiburg65, nach ihm 1699 Jeanne Jouette, wohl seine Witwe, und ihr Sohn Ovidius von Freiburg. Mit dem Tod des Ovidius von Freiburg vor 1748 starb die „Villinger“ Linie der Familie anscheinend aus66. Ovidius von Freiburg war 1709 noch am Leben. Dem Rottweiler Ratsprotokoll zufolge wurde dies der Stadt bei einer Auseinandersetzung um den Zehnten zu Weilersbach zusammen mit dem Hinweis mitgeteilt, der Gesuchte halte sich „zu Barcellona“ auf67; dies lässt darauf schließen, dass er damals auf habsburgischer Seite am Spanischen Erbfolgekrieg teilgenommen hat.

Ärzte aus der Familie Freiburger in Villingen

Auch ein nicht geadelter Zweig der Rottweiler Familie Freiburger fasste in Villingen zeitweilig Fuß, aus dem vor allem Mediziner zu nennen sind. Diese Linie wird mit Dr. Bernardin Freiburger greifbar, welcher 1592 die Stelle eines zweiten Stadtarztes in Rottweil bekleidet hat, sich jedoch 1594 nach Villingen veränderte und etwa 1608 verstorben ist68. Sein Sohn Dr. Johann Philipp Freiburger praktizierte seit 1620 und dann in den schwersten Jahren des 30jährigen Krieges seit 1631 und noch 1650 allein in Rottweil69; er war auch am Kaiserlichen Hofgericht in Rottweil Assessor und starb am 30. Januar 166570. Zu seinen Patienten zählte Abt Michael Gaisser von den Benediktinern von St. Georgen zu Villingen, bei dem er im März 1655 eine Geschwulst im Halsbereich mit Hollunder-Blüten behandelt hat und noch im August vor dem Tod des Abts tätig war71. Aus der nächsten Generation war Dr. med. Claudius Freiburger nach seiner an der Universität Freiburg erfolgten Promotion von 1665 bis etwa 1670 im Wartestand in Rottweil tätig und danach auf jeden Fall 1675, als er auch auf sein Rottweiler Bürgerrecht endgültig verzichtete, und noch 1677 als Stadtarzt in Villingen angestellt72. In Villingen hatte sich Dr. Claudius Freiburger 1674 um ein Haus bemüht und sollte das Pfründhaus der Elendenjahrzeit beziehen73.

Anmerkungen

1 Artikel „Freiburg(er), Fry-“ . In: J. K. Brechenmacher, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Familiennamen Bd.1 (1957/1960) S.498.

2 R. Elben, Das Patriziat der Reichsstadt Rottweil von den Anfängen bis zum Jahre 1550. Stuttgart 1964 S. 155.

3 E. Mack, Das Rottweiler Steuerbuch von 1441. Tübingen 1917 A.141, S. 135 und S. 137.

4 Elben, passim, und L. Stierle, Die Herren von Wehingen. Sigmaringen 1989 S. 189 ff.

5 M. Reichenmiller, Das ehemalige Reichsstift und Zisterziensernonnenkloster Rottenmünster. Stuttgart 1964 S. 183.

6 Urkundenbuch der Stadt Rottweil Bd.I (zit.: RUB) Nr. 1400 S. 618, 22 ff.

7 W. Hecht, Artikel „Freiburger, Heinrich“. Historisches Lexikonder Schweiz Bd. 4 (2005) S. 759.

8 HStA Stuttgart B 203 PU Nr. 382

9 Oberbadisches Geschlechterbuch Bd.I. Bearb. von J. Kindler von Knobloch und O. von Stotzingen. Heidelberg 1898 S. 392.

10 Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen I. Bearb. von H.-J. Wollasch. Villingen 1971 (zit.: Inventar Villingen) S. 121 Nr. 582.

11 Inventar Villingen I S. 129 Nr. 617 und S. 131 Nr. 625.

12 Inventar Villingen I S. 137 Nr. 658.

13 Inventar Villingen I S. 141 Nr. 678.

14 Inventar Villingen I S. 141 Nr. 680.

15 Beispielsweise für 1492 Inventar Villingen I S. 144 Nr. 695 und für 1495 Inventar Villingen I S. 149 Nr. 724 und Nr. 726.

16 Inventar Villingen I S. 149 Nr. 722 und S. 150 Nr. 727.

17 Inventar Villingen I S. 151 Nr. 739.

18 Inventar Villingen I S. 152 Nr. 740, S. 153 Nr. 750 und S. 175 Nr. 867.

19 Inventar Villingen I S. 155 Nr. 758, S. 159 Nr. 773 und S. 177 Nr. 882.

20 Inventar Villingen I S. 163 Nr. 798.

21 Inventar Villingen I S. 172 Nr. 854.

22 Inventar Villingen I S. 178 Nr. 888.

23 Inventar Villingen I S. 158 Nr. 770.

24 Inventar Villingen I S. 170 Nr. 839.

25 Inventar Villingen I S. 191 Nr. 957 und S. 196 Nr. 988.

26 Inventar Villingen I S. 197 Nr. 993.

27 Inventar Villingen I S. 200 Nr. 1009.

28 Inventar Villingen I S. 200 Nr. 1010.

29 Inventar Villingen I S. 242 Nr. 1261 und noch S. 260 Nr. 1378.

30 Oberbadisches Geschlechterbuch I S. 393.

31 Johann Siebmachers Wappenbuch von 1605. Hrsg. von H. Appuhn. Dortmund 1994 S. 137.

32 Inventar Villingen I S. 206 Nr. 1040.

33 Inventar Villingen I S. 200 Nr. 1009.

34 Inventar Villingen I S. 261 Nr. 1389.

35 Inventar Villingen I S. 251 Nr. 1322.

36 Oberbadisches Geschlechterbuch I S. 392.

37 J. A. Merkle, Die Entwicklung des Territoriums der Stadt Rottweil bis 1600. Diss. phil. Tübingen. Stuttgart 1913 S. 34.

38 Inventar Villingen I S. 265 Nr. 1411.

39 Inventar Villingen I S. 272 Nr. 1458.

40 Inventar Villingen I S. 273 Nr. 1460.

41 Inventar Villingen I S. 276 Nr. 1480.

42 Inventar Villingen I S. 277 Nr. 1483 und Oberbadisches Geschlechterbuch I S. 392.

43 Merkle, a. a. O. S. 34.

44 StadtA Rottweil, Sp.A. L.37 F.1 Nr. 7.

45 Oberbadisches Geschlechterbuch I S. 392.

46 Inventar Villingen I S. 285 Nr. 1531 und S. 294 Nr. 1569, S. 299 Nr. 1587 und Inventar Villingen II S. 142 Nr. 2983 sowie Oberbadisches Geschlechterbuch I S. 392 und K. Rothenhäusler, Geschichte der Freiherren von Ifflinger-Granegg. Stuttgart 1896 S. 73.

47 Mitteilungen aus dem Fürstenbergischen Archive II. Bearb. von F. L. Baumann und G. Tumbült. Tübingen 1902 S. 423 Nr. 535.

48 Die Bürgerbücher der Stadt Villingen bearb. von A, Nutz und G. Walzer. Villingen-Schwenningen 2001 Nr.4336 S.398 ff.

49 Inventar Villingen I S. 292 Nr. 1558.

50 Bürgerbücher der Stadt Villingen, a. a. O. S. 398.

51 Bürgerbücher der Stadt Villingen, a. a. O. Nr. 4292 S. 394.

52 Rothenhäusler, a. a. O. S. 135 ff. und S. 153.

53 Inventar Villingen I S. 319 Nr. 1684 und Nr. 1686 sowie S. 320 Nr. 1688 und Nr. 1692 ferner Abt Michael Gaisser, Tagebuch Bd.1 S. 105 und S. 616.

54 Abt Michael Gaisser, Tagebuch Bd. I S. 263.

55 Inventar Villingen I S. 310 Nr. 1637.

56 Ratsprotokoll der Stadt Rottweil (zit.: RPR) vom 14. Oktober 1614 p. 469.

57 RPR vom 25. Juli 1614 p. 464.

58 Oberbadisches Geschlechterbuch I S. 392.

59 a. a. O.

60 Abt Michael Gaisser, Tagebuch Bd. I S. 65, S. 88, S. 110 oder S. 173.

61 StadtA Rottweil, StRb 1662 f.5 r.

62 H. Fitz, Kloster Rheinau. Zürich 1932 S. 14 und S. 34 ff.

63 StadtA Rottweil, I. A. I. Abtl. Lade 1 Fasz.6 Nr. 3 von 1680, November 25 (Lehensbrief für die Steinemühle in Rottweil)

64 Abt Michael Gaisser, Tagebuch Bd. 2 S. 1270.

65 W. Hecht, Die Steine-Mühle in Rottweil-Altstadt. Rottweiler Heimatblätter 49. Jg. (1988) Nr. 3 S. 3.

66 Hecht, a. a. O.

67 RPR vom 18. Juli 1709 p. 226.

68 RPR vom 29. März 1594 p.114 ff. und W. Hecht, Zur ärztlichen Versorgung im heutigen Landkreis Rottweil vor 1800. In: FS Das neue Kreiskrankenhaus Rottweil. Rottweil 1987 S. 95.

69 RPR vom 30. März 1620 p. 255 bzw. vom 1. April 1631 p. 520.

70 PfarrA Hl. Kreuz Rottweil, Sterbebuch 1647–1678 p. 66.

71 Abt Michael Gaisser, Tagebuch Bd. 2 S. 1337 und S. 1350.

72 W. Hecht, Aus Rottweil stammende Mediziner der Reichsstadtzeit. Rottweiler Heimatblätter 46. Jg. (1985) Nr. 3 S. 3.

73 StadtA Villingen, Ratsprotokoll vom 18. Juni 1674.

 

Unne – dert am Hennyboge (Lambert Hermle)

Sit alters her m’r im Städtle woeß,

goht au en Stadtbach nab dur d’Nidere Stroeß,

un speist di’e Brunne – so Stucker vier,

als Wasserschtell fir Mensch und Dier.

Vom Rietstroeßbächle hätt m’r au Wasser abzoge,

un fiehrt ’s em wieder zue, – unne, dert am Hennyboge.

 

 

 

 

 

 

Vo de „Hochstadt“ kunnt des Bächle a,

so zoegt’s is scho Martin Blessings Plan.

Noech eme Boge fließt es oschtwärts zue, un so sait mr hit au „Bogegässle“ dezue.

Der Name isch nei und nit vuloge,

jetzt ’s Gässle isch alt un endet – dert am Hennyboge.

 

 

 

 

 

 

 

De Name „Henny“ vu me Megser (Mezger) stammt,

der dert si Mezg g’khett hätt, drum war er bekannt.

Es hät sich troffe Jung und Alt,

unne am Boge war de Halt.

Im Bahhof zue isch mr dert durzoge,

unne – dert am Hennyboge.

 

 

 

 

 

 

Vom Märtplatz nab, im Amtsg’richt zue,

do sait mr hit no „Rennbah“ dezue,

wi’e goddig bisch als d‘ Stadt nab gloffe,

häsch a de Uhr din G’spanne troffe,

bisch uf de Zug, bisch links abboge,

grad vis a vis – vom Hennyboge.

 

 

 

 

 

‚S kunnt mr hit als no in Sinn,

wenn i unne – dert am Hennyboge bin,

de Federer Karle, i wer’s ni’e vogesse,

wi’e oft hätt mr desell Name dert g’lese,

denn der hätt mr de erscht Zah rus zoge,

i sire Praxis – dert am Hennyboge.

 

D’Rosegässler, e g’fierchtete Sort;,

bestimmet au ’s Gschäehe, dert am Ort,

vom Kapuziner bis nuff zum Thomasgässle,

als Fremde dert durgau, war g’wiss ko Spässle,

do bisch ringer voher is Brunnegässle niboge,

als unne dert – am Hennyboge.

 

 

 

 

 

 

 

Selbscht a de Fasnet, wer ka ’s voschtau

sottsch bim Umzug bis zum Hennyboge g’strählet hau,

suscht bischt e Maschgere mit eme wiiße Miile,

drum niz den Weag und au sell Wiile.

Erscht dann duet mr dich als Narro lobe,

dert obe – dert am Hennyboge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sag, wi’eviel Liet sind scho dur de Hennyboge,

i di’e groeße Welt nuszoge?

Jetz fir desell – war ’s ni’e de Fall,

denn der isch nu kumme – i „d’Chinesisch Nachtigall“

un hätt am Stammtisch e baar Viertele zoge,

dert, uff de andere Siete, vis a vis – vom Hennyboge.

 

Drum:

Dont dich dini Schritt dur de Hennyboge lenke,

no sottsch au Du a des Gedichtle denke,

no macht es Sinn – ’s isch nit vuloge

un i gang jetz hom, hom dur

Mittelalterliche Handschriftenaus der Bibliothek des Benediktinerklosters St. Georgen in Villingen (Michael Buhlmann)

Bildung und Kultur in Deutschland stehen neuerdings zum Verkauf. Im „Kulturgüterstreit“ („Handschriftenstreit“) zwischen der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe und der baden-württembergischen Landesregierung um eine eventuelle Veräußerung von Handschriften hat die Politik wieder einmal jegliches Fingerspitzengefühl vermissen lassen. Ein Verkauf der Handschriften scheint als Folge des nationalen und internationalen Protestes zwar abgewendet, doch ist weiterhin Misstrauen gegenüber solchen politischen Entscheidungen angebracht. Auch Handschriften des ehemaligen Klosters St. Georgen im Schwarzwald bzw. des frühneuzeitlichen Benediktinerklosters in Villingen wären von einem Verkauf betroffen gewesen. Das Folgende will daher nachdrücklich aufmerksam machen auf die mittelalterlichen Codices einer Klosterbibliothek, die vom 17. bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Villingen beheimatet war.

I. Villingen und das Kloster St. Georgen

Schon bald nach seiner Entstehung (1084) besaß das Benediktinerkloster St. Georgen im Schwarzwald Besitz in Villingen und auf der Baar. Gerade das sich zur Zähringer-, Reichsund Territorialstadt entwickelnde Villingen sollte sich in den folgenden Jahrhunderten des hohen und späten Mittelalters zu einem wichtigen Bezugsort der Mönchsgemeinschaft entwickeln. St. Georgener Hausbesitz in der Stadt ist erstmals zu 1291 bezeugt, ist weiter im ältesten Villinger Bürgerbuch verzeichnet (1336) und lässt sich auch in den jüngeren Bürgerbüchern nachweisen. Damit verbunden war das Villinger Bürgerrecht für die Mönchsgemeinschaft. Der St. Georgener Pfleghof, der eine wichtige Bedeutung als Zentrale für den Klosterbesitz auf der Baar hatte, war das heute so genannte Abt-Gaisser-Haus in Villingen, angelehnt an die nordwestliche Stadtmauer, entstanden 1233/34.

Infolge von württembergischer Landesherrschaft und Reformation (1536) verlegten im Jahr 1538 die katholisch gebliebenen Mönche ihr Kloster in den Pfleghof nach Villingen, das somit nochmals eine gesteigerte Bedeutung für die Benediktiner aus St. Georgen bekam. Daran änderte auch nichts die zwischenzeitliche Rückkehr der Mönche nach St. Georgen im Zuge des Augsburger Interims (1548–1556/66) und während des Dreißigjährigen Krieges (1630–1648). Am 1. Dezember 1588 schloss der Konvent des Georgsklosters mit der Villinger Bürgerschaft über die Rechte und Pflichten der geistlichen Gemeinschaft in der Stadt einen Vertrag, der Pfleghof (Alte Prälatur) wurde ab 1598 nochmals erweitert und umgestaltet. Bis 1666 entstand ein viergeschossiges Konventshaus mit Sakristei, Kapitelsaal, Refektorium und Bibliothek, zwischen 1688 und 1725 bzw. 1756 erbaute man die barocke Klosterkirche, ab 1650 war mit dem Kloster ein Gymnasium verbunden. Die bis zur Säkularisation letzten Äbte des Klosters St. Georgen sollten in der barocken Klosteranlage in Villingen residieren.

Villinger Georgskloster (1805).

 

Probleme mit der habsburgisch-vorderösterreichischen Stadt, in der die katholischen Mönche also solcherart Unterschlupf gefunden hatten, gab es immer – z.B. 1774/75 um den Erhalt des Benediktinergymnasiums –, aber im Großen und Ganzen kam man miteinander aus. Das Georgskloster in Villingen wurde im Jahr 1806 säkularisiert und aufgehoben.

II. Klosterbibliothek

Schon die Regel des heiligen „Mönchvaters“ Benedikt von Nursia († 547) setzt wie selbstverständlich den Gebrauch der Heiligen Schrift etwa bei Tischlesungen oder bei der geistlichen Lektüre der Mönche voraus, setzte zudem voraus, dass Mönche das begriffen, was sie sprachen und sangen, mithin dass die Kirchensprache Latein verstanden und gesprochen wurde. Gerade das Christentum als „Buchreligion“ bedurfte seit jeher der Heiligen Schrift und ihrer Auslegung (etwa durch die Kirchenväter), die mittelalterliche Liturgie wäre ohne das in Büchern auf Latein formulierte undenkbar gewesen. So finden sich diesbezüglich aus Mittelalter und früher Neuzeit biblische und liturgische Texte vielfach überliefert. Die Menge der liturgischen Texte, die altund neutestamentliche Bücher wie Psalmen oder Evangelien aufnahmen, ist bezeichnend: Neben Psalter, Evangeliar (mit den vier Evangelien) und Evangelistar (Perikopenbücher; mit den Evangelientexten in der Reihenfolge des Kirchenjahres) finden sich Sakramentar, Missale und Epistolar mit gottesdienstlichen (Evangelien-) Texten, Graduale, Hymnar, Sequentiar und Antiphonar mit liturgischen Gesängen, Brevier, Diurnale und Matutinale als Bücher für das Stundengebet und Benedictionale, Rituale und Prozessionale für Weihehandlungen. In das Umfeld klösterlichen Gebetsgedenkens gehören die kalendarisch geordneten Martyrologien, Nekrologien und Kalendarien. Letztere bildeten das chronologische Rückgrat für die Liturgie im Kirchenjahr. In Klöstern vorhanden war ebenfalls theologische und Erbauungsliteratur, waren Werke der Naturlehre, der Jurisprudenz sowie der Geschichtsschreibung oder Bücher von antiken (lateinischen) Autoren.

Klösterliche Bildung in Mittelalter und früher

Neuzeit drehte sich um Schriftlichkeit und Buch und war präsent in Bibliothek und Skriptorium. Eine Schreibstube in St. Georgen können wir schon unter Abt Theoger (1088–1119) annehmen, über die mittelalterliche Bibliothek des Benediktinerklosters St. Georgen im Schwarzwald ist aber nichts oder kaum etwas bekannt. Verschiedene Klosterbrände (1224, 1338, 1391, 1474) und der erzwungene Umzug des Klosters nach Villingen werden sich nicht günstig auf den Buchbestand ausgewirkt haben. So finden sich seit dem 17. Jahrhundert erste Informationen zu Handschriften und Büchern aus dem Georgskloster in Villingen: über eine Bibliothek auf Wanderschaft, zum Teil eingelagert in anderen Klöstern, über die (teilweise?) Vernichtung des Villinger Buchbestandes durch Brand (1637), über den Erwerb und Aufbau einer neuen Bibliothek durch Abt Georg II. Gaisser (1627–1655) durch Kauf, über die Katalogisierung der Bücher und Handschriften. Auch Abt Gaissers Nachfolger bemühten sich um Sicherung und Ausweitung des Buchbestandes, zumal in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts die erweiterten Villinger Klostergebäude einschließlich der Räumlichkeiten für die Bibliothek bezogen werden konnten. Im 18. Jahrhundert vergrößerte sich der Buchbestand – trotz mancher Rückschläge wie dem erzwungenen Verkauf der Musica Theogeri („Musikschrift Theogers“) an das Kloster St. Blasien (1743) – weiter. Bei der Säkularisation des Georgsklosters (1806) kamen dann die gedruckten Bücher zum großen Teil an die Universität Freiburg, die 111 (Pergamentund Papier-) Handschriften gelangten an die großherzoglich-badische Hofund Landesbibliothek, die heutige Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, wo sie einen umfangreichen und geschlossenen Teilbestand des dort gelagerten Schrifttums bilden. Doch ging auch manches der ursprünglich wohl 20.000 Werke zählenden Klosterbibliothek verloren, bei der Säkularisation, in den darauf folgenden Jahren, aber auch durch Kriegseinwirkungen im 20. Jahrhundert.

Was 1806 und 1807 an die badischen Großherzöge kam, waren von 2900 ausgewählten schließlich 1340 gedruckte Bücher der Kloster bibliothek. Die Handschriften aus dem Georgskloster, nummeriert von I bis CXI, unterteilt in Pergamentund Papiercodices, nochmals unterteilt in lateinische und deutsche Manuskripte, waren unterdessen vom Bibliothekar Coelestin Spegele katalogisiert worden; Spegele schloss den Katalog am 30. März 1807 ab. Die St. Georgener Handschriften in der heutigen Badischen Landesbibliothek Karlsruhe sind zu ca. 45 Prozent lateinisch, zu 55 Prozent deutschsprachig, 38 Prozent sind Pergamentcodices, 62 Prozent Handschriften aus Papier.

III. Handschriften

Codex Nr. 36, fol. 1r: St. Georgener Prediger.

 

Wir nennen – wie in der germanistischen und historischen Forschung üblich – die mittelalterlichen Handschriften, die sich im Villinger Georgskloster der frühen Neuzeit befanden, St. Georgener Handschriften, da zwischen der Mönchsgemeinschaft in St. Georgen und der in Villingen selbstverständlich eine historische und rechtliche Kontinuität bestand. Bei den 111 Codices hauptsächlich des 15. Jahrhunderts, die 1806 der Klostersäkularisation zum Opfer fielen und an die badischen Großherzöge kamen, handelt es sich zumeist um liturgische Texte wie Psalter, Antiphonare, Breviere, Stundenund Gebetbücher; Heiligenlegenden, Geschichtsschreibung wie das Werk Ulrich Richentals über das Konstanzer Konzil, das „Gedicht von Christus und der minnenden Seele“ sind darunter, eine Handschrift enthält einen Artes-liberales-Zyklus, es gibt medizinisch-naturwissenschaftliche Sammelhandschriften. Die berühmte St. Georgener Predigtsammlung, der sog. St. Georgener Prediger aus dem endenden 13. Jahrhundert, beinhaltet Predigten und Traktate auf Alemannisch. Manche der Handschriften sind einmalig, fast alle lassen sich in größere Überlieferungszusammenhänge stellen. Die Predigtsammlung des St. Georgener Predigers, um beim Letzteren zu bleiben, ist enthalten im Codex St. Georgen Nr. 36 der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, eingebunden in einen roten Ledereinband, verschließbar mit zwei Schnallen. Der Codex besteht aus 109 Pergament Folioseiten der Größe 21,6 cm x 14,2 cm. Die Seiten sind zweispaltig aufgebaut mit 37 bzw. 38 Zeilen, jeweils eine große Initiale im Fleuronné-Stil („geblümt“, zweifarbig, Buchstabenschaft mit ornamentaler Aussparung) leitet eine neue Predigt ein. Bei den Majuskeln im Text, die Satzanfänge und Einschnitte markieren, wechseln sich meist die Farben rot und blau – auch gemäß dem Fleuronné-Stil – ab. Die Minuskelschrift ist (gebrochen-) gotisch (Textura), die einzige Ausstattungsform der Handschrift eben die Kennzeichnung durch Initialen und Majuskeln, Abbildungen fehlen. Die Handschrift wird auf das endende 13. Jahrhundert bzw. die Zeit um 1300 datiert, ist ostalemannisch und auf Grund der Sprachmerkmale wahrscheinlich im südöstlichen Schwarzwald oder in angrenzenden Gebieten entstanden.

 

Codex Nr. 89, fol. 1r: Gedicht von Christus und der minnenden Seele.

 

Codex Nr. 89, fol. 82v: Christus mit den sieben Laden.

Die Handschrift enthält 39 deutsche Klosterpredigten und Traktate, wahrscheinlich     für     einen     (benediktinischen) Nonnenkonvent bestimmt. Die Predigten im engeren Sinne, religiöse Traktate und Erbauungstexte ohne Predigtform, haben mitunter theologisch anspruchsvolle Themen zum Inhalt wie Trinität, Christologie, Mariologie, Abendmahl und mystische Erfahrungen. Als Makulatur fand sich, auf dem hinteren Buchdeckel der Handschrift aufgeklebt, ein beschnittenes Pergamentblatt mit einem Trierer Reliquienverzeichnis aus dem Jahr 1117.

Ein Antiphonarium cisterciense ist das aus der Bibliothek des Villinger Georgsklosters stammende Wonnentaler Antiphonar, das auf die 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert wird. Die Handschrift Codex St. Georgen Nr. 5 wurde irgendwo im Breisgau wahrscheinlich für den Zisterzienserinnenkonvent Wonnental geschrieben. Das Chorgesangbuch führt die für die kirchliche Liturgie so wichtigen lateinischen Wechselgesänge des Chorgebets auf, wobei die zeitliche Anordnung der Gesänge sich nach der Liturgie des Kirchenjahres richtet. Auf 260 Pergamentblättern enthält die Handschrift zahlreiche ornamentale Initialen sowie figürliche Anfangsbuchstaben und Randillustrationen.

Aus dem Nonnenkonvent Amtenhausen des 17. oder 18. Jahrhunderts stammt der St. Georgener Codex Nr. 64, der das Werk von den „Vierund zwanzig Alten“ des Erbauungsschriftstellers Otto von Passau († nach 1386) wohl am unmittelbarsten enthält. Die Papierhandschrift wurde im Jahr 1383 niedergeschrieben, wie Datierung und Kolophon am Schluss des 230 Blätter zählenden Manuskripts zeigen, der Text enthält viele Änderungen aus dem 16. Jahrhundert. Wir werden hinsichtlich der Herstellung des Codex auf den Freiburger Raum verwiesen, wie die 23 erhaltenen Miniaturen der Alten zeigen; die Miniatur des ersten Alten fehlt, ebenso der Anfang der Lebenslehre. Inhaltlich handelt es sich bei den „Vierundzwanzig Alten“ um eine Erbauungsschrift, um eine christliche Lebenslehre, eine Sammlung, die Sentenzen (Gedanken, Meinungen) von mehr als hundert christlichen und antiken Autoren enthält. Dabei spricht jeder der 24 Alten der biblischen Apokalypse (die dem Evangelisten Johannes zugeschrieben wurde) zu einem Thema, jede Rede beginnt mit einem Buchstaben in der Abfolge des Alphabets.

Die Handschrift St. Georgen Nr. 89 enthält auf 99 kleinformatigen Folioblättern das „Gedicht von Christus und der minnenden Seele“, eine mystische Schrift, einen Dialog zwischen der Seele als Braut und Christus als Bräutigam, sowie die Erbauungsschrift „Christus mit den sieben Laden“. Auf Folio 99 verso finden sich Federproben. Die Papierhandschrift ist 14,50 cm hoch, 10,70 cm breit und ist um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden. Die beiden im alemannisch-schwäbischen Dialekt verfassten Texte enthalten eine Reihe von farbigen Bildern. Die Handschrift ist in schwarzer Tinte geschrieben, die Initialen sind rot, ein roter Ledereinband schützt die Blätter. Im Text „Christus mit den sieben Laden“ fungiert Christus als Fuhr und Kaufmann, der einen Einsiedler durch Aufzeigen der inneren Werte in den „köstlichen Laden“ auf den rechten asketischen Weg zurückführt.

Die Handschrift St. Georgen Nr. 7 stammt aus dem 15. Jahrhundert, hat eine Größe von 33 cm auf 22,5 cm und enthält auf 122 zweispaltig angelegten Blättern u.a. ein Martyrolog, ein Nekrolog sowie die Benediktregel. Martyrolog und Nekrolog waren Bestandteile einer klösterlichen Erinnerungskultur um das Totengedenken (memoria), das eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten schuf. Zusammen mit der Benediktregel machen sie dieses Kapiteloffiziumsbuch aus.

Codex Nr. 7, fol. 98r: Benediktregel.

 

 

Codex Nr. 28, fol. 28r: Stundenbuch, Christus am Kreuz.

 

Der Vielzahl von liturgischen Handschriften und Erbauungsliteratur – hierzu lassen sich noch aus der Klosterbibliothek das „Leben Christi“ Ludolfs von Sachsen († 1378) (Codex St. Georgen Nr. 67) und lateinische Stundenbücher zählen (u.a. Codex St. Georgen Nr. 28) – stellen wir nun noch Handschriften mit profanweltlichen Inhalten zur Seite. Die in einem braunen Ledereinband eingebundene Papierhandschrift St. Georgen Nr. 63, die Chronik des Konstanzers Ulrich von Richental († 1437) stammt aus der Zeit vor 1472, hat eine Größe von 29,7 cm auf 21,2 cm und enthält auf 268 zweispaltig angelegten Blättern auszugsweise die Geschichte des Konstanzer Konzils (1414–1418). Der Codex besitzt viele Illustrationen, u.a. als Vollund Doppelvollbilder, viele Wappen, zum Teil unvollendet, und farbige Initialen. Bekannt ist die bildlich umgesetzte Szene des „Papststurzes“ Johannes‘ XXIII. (1410–1415). Johannes war einer der drei Päpste, die sich im Großen Kirchenschisma (1378–1417) gegenüberstanden. Auf der Anreise nach Konstanz kippte der Wagen mit dem Papst um, Johannes blieb aber unverletzt und konnte den Weg fortsetzen.

Der St. Georgener Codex Nr. 81 ist eine 74 Blätter umfassende Papierhandschrift, ca. 21,2 cm mal 14,7 cm groß, ist zwischen 1420 und 1440 entstanden und stammt – der alemannischen Mundart zufolge – aus dem südwestdeutschen Raum. Von einem Schreiber wurde hier ein „Hausbuch mit astronomisch-medizinischen Texten“ niedergeschrieben, ein am Beginn des Codex stehender Kalender später durch Einträge zur gesunden Lebensführung ergänzt. Die Handschrift enthält eine Vielzahl von Rubrizierungen (bei Überschriften, Initialen usw.), dem Text sind zahlreiche Illustrationen beigegeben. Auf fünf Blättern des Codex findet sich dann ein sog. Artes-liberales Zyklus, der als „zyklische Formation des Wissens“

Informationen über die artes liberales, also die (mittelalterlichen) „sieben freien Künste“, bebildert und volkssprachlich transportierte. Im gereimten, in Strophen zu 10 Versen unterteilten Artes-liberales-Zyklus werden die Fächer der Artes nacheinander vor- und mit diesen die sie repräsentierenden Lehrer und Gelehrten auch bildlich dargestellt: Priscian (Grammatik), Aristoteles (Logik), Marcus Tullius Cicero (Rhetorik), Boethius (Musik), Algus (abgeleitet von Algorismus und dem arabischen Mathematiker al-Hwarizmi, Arithmetik), Euklid (Geometrie) und Ptolemäus (Astronomie). Der Artes-liberales-Zyklus verweist indes nicht auf die Wissenschaften, die Weisen und Lehrmeister legen ihre Disziplinen höffelichen aus, beziehen sie auf den Minnedienst, auf den werbenden Umgang des Mannes mit der auserwählten Frau. Die Artes werden so zur ars amatoria, zur ars amandi, zur Liebeskunst, die über den Wissenschaften steht, sie überbietet. Der Text ist somit parodistisch, erotisch und mehrdeutig-eindeutig.

Wir erwähnen abschließend noch an St. Georgener Handschriften: die 20 antike Bücher umfassenden „Etymologien“ des spanisch-westgotischen Bischofs Isidor von Sevilla († 636), die für das gesamte Mittelalter antikes Wissen, u.a. betreffend die artes liberales, zur Verfügung stellten und daher zu dem Nachschlagewerk dieser Epoche wurden (Codex St. Georgen Nr. 10); medizinische Sammelhandschriften, u.a. enthaltend „dz buoch der gesunthait“, in dem u.a. Aderlassregeln, die Bedeutung des Mondes für die Gesundheit, ein Kräuterverzeichnis, sowie Blut-, Wasser-, Pferdeund Wurmsegen zu finden sind (Codex St. Georgen Nr. 73).

IV. Zusammenfassung

Die im frühneuzeitlichen Villinger Georgskloster gesammelten geistlich-christlichen Handschriften haben uns einen tiefen Einblick gegeben in die christliche Glaubenswelt des späten Mittelalters (und der frühen Neuzeit). Die St. Georgener Codices sind auch heute noch aktuell und verweisen – über die Beschäftigung mit den Büchern als solche hinaus – auf das Denken und die Mentalität in der Epoche des 13. bis 15./16. Jahrhunderts („literarisches, soziales und religiöses Klima“ des späten Mittelalters). Eine verstärkte Schriftlichkeit in Land und Stadt ermöglichte es nun auch den Laien, gebildeten Frauen wie Männern aus Adel und Bürgertum, im Zuge einer Laienfrömmigkeit, geistlich-religiöse Texte in ihrer Muttersprache zu lesen. Dabei kam im Bereich der Klöster der Nonnenbildung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Manch einer der Codices der St. Georgener Bibliothek stammte nicht von ungefähr aus den Frauenprioraten des Villinger Benediktinerklosters.

Unser Einblick in die frühneuzeitliche Bibliothek des Villinger Georgsklosters ergab dann das Vorhandensein folgender Handschriftentypen: biblische Texte (Psalter), dem klösterlichen Umfeld verpflichtete liturgische Codices für Gottesdienst und Stundengebet, Erbauungsliteratur (Predigten, Heiligenlegenden), wissenschaftliche Texte (Geschichtsschreibung, artes liberales). Die Werke auf Deutsch machten über die Hälfte der Handschriften der St. Georgener Klosterbibliothek aus. Gerade der letzte Aspekt hat dazu geführt, dass sich immer wieder die germanistische Forschung mit den deutschsprachigen Handschriften der Villinger Mönchsgemeinschaft beschäftigt hat. Der St. Georgener Prediger, wohl die berühmteste Handschrift des Georgsklosters, hat zuletzt im allgemeinen Zusammenhang mit den „St. Georgener Predigten“ eine entsprechende Würdigung erfahren, der Artes-liberales-Zyklus im St. Georgener Codex Nr. 81 ist untersucht worden. Über die „Vierundzwanzig Alten“ des Otto von Passau und über den mystischen Traktat „Christus und die minnende Seele“ wird unter maßgeblicher Berücksichtigung der St. Georgener Handschriften zurzeit geforscht. Die mittelalterlichen St. Georgener Codices in der Badischen Landesbibliothek stehen damit auch heute für benediktinische Gelehrsamkeit im 17. und 18. Jahrhundert. Darüber sollte nicht vergessen werden, dass die St. Georgener Bibliothek mit der 1743 verkauften Musica Theogeri ein sehr altes Manuskript beherbergte, das auf den Zusammenhang zwischen klösterlicher Bildung und Reformmönchtum des hohen Mittelalters verwies.

Für die Bibliotheksbestände des Villinger Georgsklosters bedeutete die Säkularisation von 1806 eine ebenso große Zäsur wie genau zweihundert Jahre später der glücklicherweise abgewendete Handschriftenverkauf von 2006. Nicht nur die Geschichte des Klosters St. Georgen, sondern auch die des frühneuzeitlichen Villingen, das die Mönchsgemeinschaft über einen langen Zeitraum beherbergte, hätte Schaden erlitten, waren doch die hier vorgestellten Handschriften vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ein wichtiger Bestandteil Villinger Kultur.

Literaturverzeichnis

Buhlmann, Michael, Das Benediktinerkloster St. Georgen. Geschichte und Kultur. Zwei Vorträge zur St. Georgener Klostergeschichte in Mittelalter und früher Neuzeit (= VA 21), St. Georgen 2006; Buhlmann, Michael, Die mittelalterlichen Handschriften des Villinger Klosters St. Georgen. Handschriften in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe (= VA 27), St. Georgen 2007; Buhlmann, Michael, Bildung im mittelalterlichen Kloster – Mönchsgemeinschaft St. Georgen im Schwarzwald. St. Georgener Klosterspuren 2007 (= VA 32), St. Georgen 2007; Ettlinger, Emil, Die ursprüngliche Herkunft der Handschriften, die aus Kloster-, bischöflichen und Ritterschaftsbibliotheken nach Karlsruhe gelangt sind (= Die Handschriften der großherzoglich badischen Hofund Landesbibliothek Karlsruhe, Beilage III), Ndr Karlsruhe 1974; Jakobi-Mirwald, Christine, Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung (= RUB 18315), Stuttgart 2004; FDA = Freiburger Diözesan-Archiv; Längin, Theodor, Deutsche Handschriften der großherzoglich badischen Hofund Landesbibliothek (= Die Handschriften der großherzoglich badischen Hofund Landesbibliothek Karlsruhe, Beilage II), 1894, Ndr Wiesbaden 1974; Roder, Christian, Das Benediktinerkloster St. Georgen auf dem Schwarzwald, hauptsächlich in seiner Beziehung zur Stadt Villingen, in: FDA 33 (1905), S. 1–76; Seidel, Kurt Otto, Die St. Georgener Predigten. Untersuchungen zur Überlieferungsund Textgeschichte (= Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters, Bd.121), Tübingen 2003; VA = Vertex Alemanniae. Schriftenreihe des Vereins für Heimatgeschichte St. Georgen; Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur, hg. v. d. Stadt VillingenSchwenningen aus Anlaß des Jubiläums 1000 Jahre Münz-, Marktund Zollrecht Villingen im Jahre 1999 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der städtischen Museen Villingen-Schwenningen, Bd. 15), Villingen-Schwenningen 1998; Werner, Joachim, Die Bücher der Benediktiner von Villingen. Kostbarste Bücher durch das Großherzogtum verschleudert und verstreut, in: Almanach Schwarzwald-Baar-Kreis 2003, S. 170–176.

 

Strukturen des „und“. (Michael Hütt)

Museen und Gewerbeausstellungen

Das 150-jährige Jubiläum der Gewerbevereine und der Gewerbeausstellungen in Villingen und Schwenningen im Jahr 2007 war Anlass für die Ausstellung „Im Zeichen des Fortschritts“, die sowohl im Villinger Franziskanermuseum als auch auf der Südwest-Messe zu sehen war und noch bis zum 22. Juni 2008 im Schwenninger Uhrenindustriemuseum besichtigt werden kann. Bei der Konzeption des Projekts erwies sich schnell, wie eng die Geschichte der Gewerbeausstellungen mit der der Museen verzahnt ist. Dieser wichtige und heute weitgehend in Vergessenheit geratene Zusammenhang soll im folgenden am Beispiel der Schwarzwälder Gewerbeausstellungen in Villingen etwas genauer untersucht werden.

Keine nennenswerte Ausstellung von aktuellen Gewerbeprodukten kam ohne eine historische und keine ohne eine Kunstabteilung aus. Die Verwandtschaft von Museum und Industrieausstellung belegt an prominentester Stelle die Londoner Great Exhibition von 1851, mit deren Beständen und Profiten das South Kensington Museum, das heutige Victoria & Albert-Museum, gegründet wurde. Auch das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, seit 1861 diskutiert und 1877 eröffnet, übernahm kunstgewerbliche Altertümer von der hamburgischen Industrie- und Gewerbeausstellung von 1869. Die Belegliste könnte man beliebig verlängern. Die Gewerbeausstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts setzten Kunst und historische Artefakte in einen umfassenden Kontext. Hier waren nicht nur die besten und neusten Produkte aus Gewerbe und Industrie sowie Maschinen in einem möglichst vollständigen Überblick zu bestaunen, hier herrschten Strukturen des „und“: Es gab Belehrung und Unterhaltung, Ethik und Kommerz, Moderne und Tradition, Kunst und Kirmes.

1858

Die     Industrie-Ausstellung     des     badischen Schwarzwaldes, veranstaltet vom Villinger Gewerbeverein, gezeigt vom 22. August bis zum 26. September 1858 in den Räumen des ehemaligen Benediktinerklosters, war die erste von drei regionalen Gewerbeschauen vor dem ersten Weltkrieg in Villingen. 700 Aussteller nahmen mit 2374 Katalognummern teil, 16.000 Besucher konnten bereits zwei Wochen vor Ausstellungsende gezählt werden1, es wurde ein Überschuss von 1.500 fl. erwirtschaftet2. Trotz dieser noch heute recht beeindruckenden Zahlen muss man zunächst einmal konstatieren, dass die Ausstellung vor allem dokumentiert hat, wie sehr das Land Baden und speziell der Schwarzwald der allgemeinen Entwicklung hinterher hinkten.3 Zu sehen waren Produkte bescheidener Hausindustrie wie z.B. Strohtaschen und -hüte, hölzerne Wasserkübel, Pinsel oder Bürsten. Dominiert wurde die Ausstellung jedoch von Uhren und Uhrenbestandteilen. Historische Ansichten dieser Villinger Präsentation gibt es keine, der Katalog lässt nur die Verteilung der nach Produktgruppen geordneten Exponate auf die 26 Säle erkennen. Es scheint so, als würde dem geringen Grad der Arbeitsteilung auch die ungeteilte Wertschätzung für alle Arten von Exponaten entsprechen. Gleichwohl gibt es neben aktuellen auch historische Stücke: Unter der Nummer 1425 findet sich in Saal XVIII „eine Sammlung alter Uhren, 12 Stück, aus der Gr. Uhrenmacherschule in Furtwangen“4. Das ist die in Villingen erstmals überhaupt ausgestellte Keimzelle des Deutschen Uhrenmuseums.5 Ihr Ursprungskontext ist gerade für die Frühzeit der Industrialisierung äußerst typisch. Als Teil der 1850 gegründeten Uhrenmacherschule entspringt sie staatlicher Gewerbeförderung und muss parallel zu den ebenfalls ausgestellten „Muster(n) von Uhrengehäusen und von fertigen Uhren“ gesehen werden, „welche auf dem Schwarzwald erst eingeführt werden sollen“6. Die Ausstellung erweiterte so die Gegenwart um Vergangenheit und Zukunft. Neben der notwendigen Orientierung an „der jeweiligen Pariser Mode“7, neben der Einwerbung von Entwürfen „Vaterländischer Künstler“ für ein Musterbuch für die Schwarzwälder Uhrenmacherei8, neben Fortbildung durch Weltausstellungsbesuche9, neben Ankäufen vorbildlicher Uhren war es eben auch die eigene Herkunft, die bei der Suche nach der spezifischen Position der Schwarzwälder Uhrenindustrie auf dem Weltmarkt eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte.

1876

Die zweite Ausstellung 1876 schrieb die von 1858 fort – mit einigen charakteristischen Veränderungen. Nach der Reichseinigung hat man sofort auch den württembergischen Schwarzwald mit berücksichtigt, der zuvor noch Ausland war. Nicht zuletzt deshalb ist der Anteil industriell hergestellter Produkte zweifellos gestiegen. Die Gewerbeschau fand jetzt nicht mehr in den Klausurgebäuden des säkularisierten Benediktinerklosters, sondern in der Kirche selbst statt. Die Nutzung der barocken Wandpfeilerkirche kann als selbstbewusste Aufwertung der ausgestellten Gewerbeerzeugnisse gelten, was mindestens mittelbar einen Rekurs auf die pseudosakralisierenden Tendenzen im internationalen Ausstellungswesen darstellt10. In der Tat ergibt ein Blick auf den Ausstellungsplan eine Bedeutungssteigerung in der Größe, aber auch der Wertigkeit der ausgestellten Produkte in Richtung Altar. Uhren nehmen große Teile des Langhauses ein. Die nächste Gruppe sind Möbel und dann folgen unmittelbar vorm Altar Musikwerke als eine Kombination aus Uhr und Möbel und als die bei weitem spektakulärsten Produkte, die die Region zu bieten hatte.

 

Ansicht des Benediktinerklosters in Villingen, Ort der ersten Schwarzwälder Gewerbeausstellung 1858: Ausschnitt aus: Th. C. Weber (Zeichner), J. Schedler (Drucker), F. Förderer (Verleger): Ansicht der Großherzoglich Badischen Stadt Villingen mit acht interessanten Randparthien, Villingen, um 1850, Lithographie, Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen, Inv.- Nr. 12033.

 

Zusammen mit dieser zweiten Gewerbeausstellung wurde auch die Städtische Altertümersammlung im Alten Rathaus eröffnet. Die beiden Projekte waren personell eng miteinander verzahnt, Ferdinand Förderer und Ferdinand Stocker als die wichtigsten Protagonisten des städtischen Museums waren auch Vorstandsmitglieder im Gewerbeverein und hatten bereits der Ausstellungskommission von 1858 angehört.11

Beide waren Unternehmer, der eine hatte einen Verlag, der andere war Uhrenfabrikant. Sie realisierten im Rahmen der Industrieausstellung ein Projekt, das seit 1869 diskutiert wurde. Die deshalb bereits im städtischen Besitz befindlichen Exponate wurden für die Zeit der Industrieausstellung durch Leihgaben aus Privatbesitz ergänzt, wodurch die museale Sammlung wie die Gewerbeausstellung den Charakter einer temporären Ausstellung bekam. Damit hatte man 1876 zwei Publikumsattraktionen geschaffen und diese in zwei der symbolträchtigsten Gebäude der Stadt untergebracht. Sie waren als Komplementäre konzipiert, man begründete die Gleichzeitigkeit beider Projekte damit, „daß neben den Erzeugnissen der Gegenwart auch Werke und culturhistorische Ueberbleibsel aus ältern und ältesten Zeiten unserer Stadt, den Besuchern und Freunden der Alterthumsgeschichte vor Augen geführt werden können.“12

Mit der Altertümersammlung, die ausdrücklich“nach dem Vorgange in anderen Städten“13 entstand, bekommen „Antiquitäten“ einen Eigenwert, dem kein konkreter Verwendungszusammenhang mehr zugeordnet wird. Zugleich wird eine neue regionale Kategorie eingeführt: Das Sammelgebiet der Altertümersammlung beschränkte sich auf die Stadt, auf „das specifisch Villingen’sche“. Grund dafür ist ein kulturtouristisches Vermarktungsargument. „Den im Sommer fast täglich in der Stadt zu sehenden Touristen sei zum jetzigen Zeitpunkt nur wenig geboten: ‚Unter die gesuchtesten Sehenswürdigkeiten eines so alten Gemeinwesens gehören (aber – M.H.) insbesondere die sichtbaren Merkmale früherer Cultur … wir meinen damit die Ansammlung und Conservation von Gegenständen aus längst vergangenen Zeiten stammend …'“.14 Villingen beanspruchte mit seiner Sammlung Eigenständigkeit und löste sich damit aus dem Kultur- und Wirtschaftsraum Schwarzwald heraus, dem es doch mit der Gewerbeausstellung eine Plattform bot. Ein klarer konzeptioneller Zusammenhang zwischen Schwarzwälder Industrieausstellung und stadtgeschichtlicher Sammlung wurde erst im Rahmen der nächsten Großveranstaltung eingeführt.

1907

Die „Gewerbe- und Industrie-Ausstellung des Badischen und Württembergischen Schwarzwaldes“ vom 14. Juli bis zum 9. September 1907 hatte eine ganz andere Dimension als ihre Vorgänger. Auf einer 4 ha großen Wiese vor der Stadt entstand eine architektonische Einheit aus Ausstellungshallen und Landschaftsgarten, die von 280.000 Besuchern frequentiert wurde.15 Der Aufsehen erregendste Teil der Kunsthalle war die „Sammlung von Gegenständen zur Volkskunde des hohen Schwarzwaldes“ des Lenzkircher Uhrenfabrikdirektors Oskar Spiegelhalder: „Bilden doch diese schlichten Zimmer so recht den Gegensatz zu dem modernen großartigen Gepräge der Ausstellung und zeigen sie uns, wie der Schwarzwälder Bauer und Uhrmacher früher lebte und wohnte. Es ist also eine kleine retrospektive Ausstellung, die den Besucher in die alten primitiven Kulturzustände unserer Heimat zurückführt.“ Das Bild der Uhrmacherstube „spricht von dem unendlichen zähen Fleiß des Schwarzwälder Uhrenmachers, der jahraus jahrein mit seinen einfachen Werkzeugen am gleichen Fleck arbeitet um bescheidenen Lohn, dabei mit zufriedenem Sinn, an der gleichen Stelle und in der gleichen Weise wie der Vater und der Großvater es getan hatten, unbekümmert um den Lauf der Welt, festwurzelnd im heimischen Boden, wie sein Wahrzeichen, die Schwarzwaldtanne. Heute ist es allerdings anders geworden, die Großindustrie hat die Kleinen aufgesaugt. Umso interessanter ist es, einen Blick rückwärts zu tun in das idyllische Leben, das vor zwei oder drei Generationen die Ahnen des Schwarzwälder Uhrmachers führten.“16 Der Artikel propagiert abschließend, vermutlich auf Anregung des Sammlers17, die dauerhafte Präsentation der Sammlung in der Region: „Recht lebhaft wünschen wir, daß diese Sammlung im Lande, das heißt auf dem Schwarzwalde, verbleiben möge, wohin sie ihrer Eigenart nach unbedingt gehört.

Schwarzwälder Bauernstube aus der Sammlung Spiegelhalder auf der Gewerbe- und Industrieausstellung 1907, Foto: Eduard Lieberknecht, Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, Sign. 2.42.1-11.

 

Ansicht des Ausstellungsgeländes der Gewerbe- und Industrieausstellung 1907, Postkarte, Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, Sign. 5.2.4-3019.

Warum muß denn der Schwarzwälder nach Karlsruhe, Nürnberg und Berlin gehen, um seine alten Kulturzustände zu sehen und zu studieren? Und würde diese Sammlung nicht für jeden Fremden, der den Schwarzwald besucht, von allergrößtem Interesse sein?“ Spiegelhalder hatte mit seiner Strategie Erfolg, sogar mehrfach: Nachdem er bereits 1896 eine Sammlung an die Stadt Freiburg verkaufen konnte, ging 1909 eine weitere an das Badische Landesmuseum und schließlich die dritte 1929 an das Villinger Museum. Die 1907 gezeigte Bauernstube ist seitdem dauerhaft ausgestellt.

Kommt in den volkskundlichen Inszenierungen Spiegelhalders eine rein kompensatorische Funktion gegenüber der „Großindustrie“ zum Ausdruck, so zeigt der etwas geweitete Blick auf den architektonischen Ausstellungszusammenhang die symbolische Verbindung beider Aspekte: Die Industrie- und die Maschinenhalle bilden die Eckpunkte der zentralen Schauseite des ganzen Geländes. Zwei flankierende Türme nobilitieren diese seitlichen Großbauten. Zwischen ihnen spannt ein offener Wandelgang mit zentralem Portal alle Gebäude zu einem durchgehenden Ensemble zusammen. Dahinter zurückversetzt befindet sich die Kunsthalle, die so zwar das Zentrum der gesamten Anlage bildet, jedoch trotzdem von der übermächtigen Industrie in die Zange genommen wird. Aussagekräftiger kann man die Rolle von Kunst und Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht inszenieren. Beide sind immer noch unverzichtbare Bestandteile eines Gesamtbildes, werden sogar stärker denn je ins Zentrum gerückt, bleiben aber gleichwohl untergeordnet. Aufschlussreich ist dabei, dass Spiegelhalder 1907 dieselben Produkte als sentimentale Relikte einer außerhalb der Geschichte stehenden, untergegangenen Welt ausstellte, die 1858 noch zur aktuellen Produktion gehört hatten, und dass er als einer der Direktoren der Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation, Lenzkirch, eine Doppelrolle als Aussteller zu spielen in der Lage war.

Auf die städtische Altertümersammlung wird im Katalog nicht nur unter den Villinger Sehenswürdigkeiten verwiesen, als 25. Gruppe wird bezeichnenderweise die Abteilung „Zunftwesen“ ausdrücklich in den Rahmen der Industrieausstellung aufgenommen, obwohl sie in der städtischen Sammlung im alten Rathaus verblieb. Für die Zünfte als städtische Einrichtungen gilt ja dasselbe wie für die ländliche Hausindustrie: 1858 gab es sie noch, 1907 waren sie heimelige Geschichte. Im Rahmen der Industrieausstellungen gelang es also, der Sammlung von „Altertümern“ eine der alles bestimmenden Maxime des Fortschritts durch Industrialisierung untergeordnete Rolle zuzuweisen und für alle sichtbar zu machen. Diese zentrale, paradoxerweise stark zukunfts- und fortschritts orientierte Funktion ist faszinierend und sollte auf ihre aktuelle Tragfähigkeit überprüft werden. Die drei Längsschnitte anhand der Villinger Gewerbeausstellungen zeigen zugleich den Bedeutungswandel der historischen Abteilungen in diesem Zusammenhang auf, eine Ausdifferenzierung verschiedener Funktionen, aber eben noch keinen Bruch zwischen Moderne und Tradition, Belehrung und Unterhaltung, Ethik und Kommerz, Kunst und Geschichte. Die Klammer wird immer weiter gespannt, aber sie hält noch.

Anmerkungen

1 Dietz, R.; Lang, H.; Frick, J.: Commissions-Bericht über die Schwarzwälder Industrieausstellung zu Villingen im Spätjahr 1858 …, Karlsruhe 1858, S. VI u. S. 1

2 Rodenwaldt, Ulrich: Das Leben im alten Villingen, Bd. 2 Geschichte der Stadt im Spiegel der Ratsprotokolle des 19. Und 20. Jahrhunderts, Villingen-Schwenningen 1990, S. 104.

3 Allgemein zu Baden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mit einem Überblick über die ersten Gewerbeausstellungen (S.184–193): Fischer, Wolfgang: Der Staat und die Anfänge der Industrialisierung in Baden 1800 –1850, Bd. 1 Die staatliche Gewerbepolitik, Berlin 1962.

4 Katalog über die … Industrie-Ausstellung des badischen Schwarzwaldes, Villingen 1858, S. 47.

5 von der Geest, Simone: „Aufbewahren und Versinnlichen“. Zum 150jährigen Jubiläum des Deutschen Uhrenmuseums Furtwangen, in: Museum Aktuell 84 (Sept. 2002), S. 3583–3586.

6 Commissions-Bericht 1858 (wie Anm. 1), S. 43.

7 Commissions-Bericht 1858 (wie Anm. 1), S. 43 in Bezug auf die äußere Gestaltung der Uhren der ebenfalls auf Wunsch der Uhrenmacherschule gegründeten „Actiengesellschaft für Uhrenfabrikation in Lenzkirch“.

8 von der Geest, Simone: Einleitung, in: Ausst.-Kat. Made in Furtwangen. Vom Hausgewerbe zur Uhrenindustrie, Deutsches Uhrenmuseum Furtwangen 2003, S. 43.

9 Der erste Direktor der Uhrenmacherschule, Robert Gerwig, reiste 1852 zur Great Exhibition nach London, vgl. van der Geest 2002 (wie Anm. 5), S. 3583.

10 Hofmann, Werner: Die Welt als Schaustellung, in: ders.: Das irdische Paradies. Motive und Ideen des 19. Jahrhunderts, München 1960, S. 86 –111.

11 Walz, Annelore: „… unter den kleineren Städten Badens so früh einen so herrlichen Anfang gemacht …“. Die Geschichte der Villinger Altertümersammlung, in: Ausst.-Kat. Schöne Aussichten. Beiträge zum Tourismus und zur kulturellen Identität in Villingen und Schwenningen, (Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Villingen-Schwenningen 25.3), Villingen-Schwenningen 2002, S. 23.

12 Aufruf „An unsere Mitbürger“, 28. Mai 1876, wieder abgedruckt in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 20 (1995/96), S. 102.

13 Ebd.

14 Walz 2002 (wie Anm. 11), S. 23; Zitat: Bericht vom 3.11.1875 zur „Restauration des alten Rathauses nebst Errichtung einer Alterthums-Sammlung…“ SAVS 2.2 V 7 C.1.

15 Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, SAVS 2.2 V 5, 45e.

16 E. F.: Die Schwarzwald-Sammlung von Oskar Spiegelhalder in Lenzkirch auf der Villinger Ausstellung, in: Das Badner Land. Wochenschrift zur volksthümlichen Unterhaltung und Belehrung, Freiburg / Br. 1907 Nr. 31.

17 Im Nachlass Spiegelhalders findet sich eine handschriftliche Liste, die über 50 Personen und Verlage aufführt, denen er den Artikel zukommen ließ (Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, SAVS 2.42.1, Nr. 41).

 

Renaissance im Alten Rathaus Glasmalereien und Prunkwaffen (Anita Auer)

Eine Ausstellung im Alten Rathaus vom 30.05. bis 13.07.2008

(Tage der offenen Tür 31. Mai und 1. Juni 2008)

Das Alte Rathaus in Villingen wird 2008 Schauplatz einer Ausstellung mit hochwertigen Glasmalereien und Prunkwaffen aus einer einzigartigen Privatsammlung. Ausgehend vom historischen Ratssaal von 1537 wird die Zeitepoche der Renaissance mithile von Kabinettscheiben, flämischen Rundscheiben, den zugehörigen Scheibenrissen und Waffen wie Bidenhänder, Radschlosspuffer und Teschinke verlebendigt. Schon in den Aktionen des Schülerprojektes „Intermezzo“ (2005–2007) wurde mit großer Resonanz diese Zeitebene gewählt, um das Publikum für das eindrucksvolle  Gebäude  und  seine  besondere Ausstattung zu sensibilisieren. Parallel zum Geschichtsspektakel „Bürgertrutz und Pulverdampf“ des Werbekreises Villingen am 31. Mai und 1. Juni 2008 sind Tage der offenen Tür im Alten Rathaus und in der Ausstellung geplant.

Über das Schülerprojekt „Intermezzo“ des Gymnasiums am Romäusring und des Franziskanermuseums wurde bereits berichtet. Es fand im Frühjahr 2007 sein offizielles Ende. In Form von Aktionstagen und öffentlichen Führungen war wieder Leben in das denkmalgeschützte Gebäude eingezogen. Inzwischen finden mehr Veranstaltungen im Alten Rathaus statt. Das Standesamt konnte als Partner gewonnen werden, um im Ratssaal in stimmungsvoller Atmosphäre und mit einer größeren Anzahl von Gästen standesamtliche Trauungen durchzuführen. Ungefähr 20 Paare entschieden sich im Jahr 2007, in den historischen Räumen den Bund der Ehe zu schließen. Der Standesbeamte Dieter Scheu sieht für 2008 sogar eine noch größere Nachfrage voraus. Die Sanierung des Fußbodens im Ratssaal, für die das Schülerprojekt Spenden sammelte, steht unmittelbar bevor. Um weiterhin auf das kulturelle Erbe hinzuweisen, das dieses besondere Gebäude für die Stadt bedeutet, konnte ein privater Sammler gewonnen werden, der Teile seiner Sammlung hier zeigen möchte. Es handelt sich um kostbare Glasmalereien und Prunkwaffen der Zeit um 1600. Einen ersten Einblick in diese Ausstellung soll eine Auswahl an Exponaten geben, gleichzeitig wird hierbei die Verbindung zur Villinger Stadtgeschichte und zum Alten Rathaus aufgezeigt.

Kabinettscheiben zierten traditionell die Fenster von Ratssälen. Die Scheiben, die heute in der Fensterfront des Ratssaals eingebaut sind, stammen aus jüngerer Zeit. Erhaltene Kabinettscheiben der Renaissance, die sich in der Dauerausstellung des Franziskanermuseums befinden, sollen aus dem Besitz der Herrenstube stammen, waren also ursprünglich wohl im „ersten Stockwerk“ des Gebäudes Rietstraße 20 eingebaut. Darüber heißt es im von Ferdinand Förderer verfassten Altertümerrepertorium: „Letzteres bestund in einem großen Vorplatz (Lauben) wo wahrscheinlich getanzt wurde und einem Saal mit doppelthürigem Eingang. Derselbe, das eigentliche Gesellschaftslokal, hatte sechs schmale Kreuzstöcke mit Aussicht in die Riethstraße, von denen jeder mit einer gemalten Scheibe geziert war“. An dieser Stelle des Repertoriums wird auf („1–6“) Kabinettscheiben, die am Anfang des Artikels zur Herrenstube erwähnt werden, verwiesen, allerdings werden nur fünf aufgezählt: „Die Wappenschilder Kaiser Karl V., der Stadt Villingen, des Klosters St. Blasien, der Edlen v. Schellenberg, v. Schwandorf“. Diese sind auch die heute noch Vorhandenen.

Darunter ist eine Wappenscheibe der Stadt Villingen, datiert 1538 (Abb. 1) und dem Freiburger Glasmaler Hans Gitschmann von Ropstein zugeschrieben. Sie zeigt das von Karl V. 1530 verbesserte Wappen (mit rotem Adler und Pfauenschweif!) unter einem Prunktor, wie es im zugehörigen Wappenbrief zu sehen ist (Abb. 2).

 

Abb. 1: Wappenscheibe der Stadt Villingen, vermutlich Werkstatt Hans Gitschmann von Ropstein, Freiburg, datiert 1538.

 

Was im Wappenbrief in Worten beschrieben ist, dass näm-lich dieses Wappen dem Bürgermeister Junker Jakob Betz 1530 in Augsburg wegen der Verdienste um die Niederschlagung der „lutherischen und bäuerischen Empörungen“ verliehen und durch Villinger Bürger heimgeholt wurde, ist im Oberlicht (also über dem Torbogen) des Glasbildes detailreich ins Bild gesetzt.

Abb. 2: Ausschnitt aus dem Wappenbrief Erzherzogs Ferdinands, 1530, Stadtarchiv Best. 2.1 A 24.

 

Von demselben Glasmaler Gitschmann von Ropstein stammt die Wappenscheibe des Wappenstifters Kaiser Karls V., die ebenfalls ins Jahr 1538 datiert und formal eindeutig als Pendant gearbeitet ist. So gleichen sich die damastizierten Hintergründe, vor denen das Wappen jeweils steht, aber auch die Säulen und die gesamte Struktur der beiden Glasgemälde. Die Wappenscheibe Karls V. zeigt im Oberlicht den Kampf des Heiligen Georg mit dem Drachen. Tocha, der sich Gedanken über die Wertung der beiden „Begründungen (für die Wappenverleihung, A. A.), Bauernkrieg und Reformation“ (S. 208) macht, kommt zu dem Schluss „Das Wappen von 1530 ist ein Panier der Gegenreformation!“ (S. 209). Dafür spricht die Darstellung des Georg als „Defensor Mariä“, des Reiters, der die Prinzessin (Maria) mit Lamm (Christus) befreit. Drachenkampfdarstellungen (auch der des Heiligen Michael) symbolisieren den Kampf der (katholischen) Kirche gegen das Böse (Protestantismus) und kommen gehäuft in gegenreformatorischer Zeit vor.

Dem bereits beschriebenen Aufbau, Wappen im Zentrum, gerahmt von Architektur (Torbogen), darunter Kartusche mit Beschriftung, darüber im Oberlicht szenische Darstellungen, folgen alle Kabinettscheiben. Sie waren eine Art Visitenkarte des Auftraggebers, die dieser gerne auch auf Vorrat fertigen ließ, um sie bei entsprechender Gelegenheit zu verschenken. Als Mitglieder der Herrenstube wurden nicht nur die reichen Patrizier der Stadt, sondern auch Landadelige und die Vorstände der Klöster, die sich in der Stadt Villingen „verbürgerten“, aufgenommen. Daher verwundert es nicht, unter den Scheiben der Herrenstube auch die Wappenscheibe eines Abtes von St. Blasien (Abb. 3), die Wappenscheibe Gebhards und Arbogasts von Schellenberg (Abb. 4) und die Wappenscheibe mit dem österreichischen Bindenschild von 1567 (und dem Johanniterwappen) (Abb. 5) zu finden.

 

Abb. 3: Wappenscheibe des Abtes von St. Blasien, datiert 1566.

 

Eine Scheibe, die ursprünglich für die Herrenstube gedacht war, ist allerdings dort nie angekommen, die Wappenscheibe des Georg Kechler von Schwandorf (Abb. 6), Komtur der Johanniterkommende von 1546 bis 1571. Sie kann als Beleg für das unangepasste Verhalten der Ordensmitglieder gelten, welches immer wieder zu Missstimmigkeiten mit der Bürgerschaft führte. Denn der Komtur, der als Mitglied der Herrenstubenzunft um seine Kabinettscheibe gebeten wurde, zog diese wieder zurück, als er hörte, dass er sie auch selbst bezahlen sollte.

Die vier letztgenannten Scheiben sind jünger als die beiden zuerst beschriebenen, datieren zwischen 1566 und 1569. Sie werden allesamt einem Villinger Glasmaler, der mit dem Monogramm „IG“ zeichnete, zugeschrieben (Revellio/1964, S. 236), obwohl nur zwei Scheiben von ihm signiert sind: die mit dem Allianzwappen der Schellenberg und die mit dem österreichischen Bindenschild. Wer sich hinter dem Monogramm verbirgt, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Revellio vermutet einen „Johann Glaser …, der 1560 Bürger wird auf Hans Schönsteins des Bürgermeisters halber Scheuer“ (Revellio/1964, S. 236).

Bei der Überprüfung der alten Inventarkarten zu den Kabinettscheiben, die wahrscheinlich von dem Kunsthistoriker Max Wingenroth zwischen 1909 und 1913 inventarisiert wurden, ergab sich allerdings eine kleine Unstimmigkeit. Statt sechs Inventarkarten gibt es sieben, und um dieses „Versehen wettzumachen“, hat ein späterer Bearbeiter (oder eine Bearbeiterin) aus der „7“ eine „6“ gemacht, wodurch zwei Inventarkarten mit der Nummer 6 entstanden. Tatsache bleibt, dass hier eine weitere Scheibe inventarisiert wurde, die heute nicht mehr in der Sammlung ist und auch nirgends in der Sekundärliteratur erwähnt wird: „Glasgemälde“, „Datum: 1569“, „Herkunft: Herrenstubenzunft“, „Frührenaissancesäulen tragen Bogen aus verschiedenem blauen und rotem Rollwerk darunter Frau (sic, A. A.) mit den zwei Wappen (Allianzwappen) des Joerg Schnaitter von Sultz und seiner Frau Marta geb. Sailerin“. Auch eine weitere Kabinettscheibe, die bei Revellio/1964 erwähnt wird und ebenfalls aus der Herrenstube stammen soll, gibt Rätsel auf.

Abb. 4: Wappenscheibe Gebhards und Arbogasts von Schellenberg, datiert 1566.

 

 

Die Wappenscheibe des „Hans Wörner“, Vorfahre „der Uhrenfabrikanten Werner“. Sie ist über einige Unwägbarkeiten inzwischen im Museum in Brixen gelandet (vgl. Huger). „Die Scheibe ist 1576 datiert und zeigte den springenden Löwen als Wappentier und das Motto: Hie gut Österreich. In spanischer Tracht behütet der stattliche Mann eine Landschaft. Der Kopf der Scheibe zeigt ihn noch einmal umgeben von Genien, die ihm mit Pfauenfedern huldigen, rechts von einer Verkündigung Mariae, links von dem hl. Andreas flankiert, dem Namenspatron des Kardinals Andreas von Österreich, des Sohnes des Erzherzogs Ferdinand und der Philippine Welser, der wohl Wörners Gönner war“ (Revellio/1964, S. 236).

Mit dieser Scheibe werden also acht Scheiben der Herrenstube zugeschrieben, die in den „sechs schmalen Kreuzstöcken“ eingebaut gewesen sein sollen. Sechs Scheiben sind in die Zeit 1566 bis 1576 datiert und zwei genau 1538, also kurz nach der „für den heutigen Komplex wohl nachhaltigste(n) Umbaumaßnahme (des Alten Rathauses, A. A.) … um 1536.

 

 

Abb. 5: Wappenscheibe mit dem österreichischen Bindenschild, datiert 1567.

 

 

 

 

Abb. 6: Wappenscheibe des Georg Kechler von Schwandorf, datiert 1567.

 

 

In dieser Zeit wurde in das 1. Obergeschoss des westlichen Lagergebäudes (als welches das Gebäude bis dahin diente, A. A.) der heute vorhandene Ratssaal eingebaut“ (Lohrum, S.11). Die Vertäfelung des Ratsaales kann über den Türsturz (aber auch eine dendrochronologische Untersuchung Lohrums) in das Jahr 1537 datiert werden. In das Fensterband am Ostgiebel wurden sicherlich wie damals üblich Kabinettscheiben eingebaut und zwar solche, die inhaltlich etwas mit dem Ausbau des Ratssaales zu tun hatten. Fragt man nun nach den Gründen dieses Aus- und Umbaus, wo doch der erste Ratssaal im Westen des Gebäudes, direkt nach dem Durchgang von der Herrenstube gelegen, durchaus für die Anzahl der Räte ausgereicht hätte, so findet man sie bei Revellio/1948: „Im Jahre 1534 wurde der gotische Bau von Grund aus umgebaut. Es war eine Zeit gesteigerten Selbstbewusstseins. Die Stadt hatte als eine der wenigen Städte am Oberrhein sich des Bauernsturms erwehrt und hatte darob manche Ehrung von Kaiser und Reich erfahren. So erhielt sie 1530 von Kaiser Ferdinand ein neues gebessertes Wappen mit dem habsburgischen Pfauenschweif als Helmzier …“. Wenn also das gesteigerte Selbstbewusstsein und der Ausbau des Rathauses mit der Wappenverleihung zu tun hatten, warum sollten nicht genau dieses neue Wappen und das Wappen seines Stifters, Karl V., hier in das Fensterband eingebaut gewesen sein? Vielleicht finden sich bis zur Ausstellung noch konkrete Belege für diese These, vorerst macht sie das Thema aus stadthistorischer Sicht auf jeden Fall spannend.

 

 

Abb. 7: Willkommensscheibe des Nicolaus Mutschler und der Elisabeth Helbinn, vermutlich Christoph Maurer I, Reutlingen, datiert 1597.

 

 

Ein Scheibenriss mit dem Wappen der Stadt und der Beschriftung „Villingen …“ von 1581 des Glasmalers Daniel Lindtmayer (abgebildet bei Thöne, S. 53), der im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen aufbewahrt wird (freundlicher Hinweis von Hans-Martin Kaulbach, Staatsgalerie Stuttgart), zeigt nicht nur das „gebesserte Wappen“, sondern im Oberlicht die Szenen „Mucius Scaevola verbrennt seine Hand“ und „Mucius Scaevola ersticht den Schatzmeister des Königs Porsenna“. Bei Gaius Mucius Scaevola handelt es sich um eine Person der römischen Frühgeschichte, welche der Legende nach sich durch besondere Standhaftigkeit auszeichnete, so dass Porsenna die Belagerung abbrach. Da die Darstellungen im Oberlicht meist einen inhaltlichen Bezug zum Besitzer des Wappens aufweisen, wäre dies ein sehr früher Hinweis auf einen stadtgeschichtlichen Topos, der später in den vier Belagerungsbildern (aus der Herrenstube, heute im Franziskanermuseum) zum Ausdruck kommt. Allerdings findet sich auch in den Geschichten um den Stadthelden Romäus bereits das Element der erfolgreichen Verteidigung in aussichtsloser Lage (Küssaburg).

 

 

Abb. 8: Willkommensscheibe des Donny Eichholtz, Ostschweiz, datiert 1565.

 

 

 

Abb. 9: Memento Mori (Kupplerszene), Niederlande, evtl. Antwerpen, um 1550.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 10: Ceres, Herbst aus Jahreszeitenzyklus, Niederlande, um 1550–1560.

Die Kabinettscheibe eines weiteren Ordensvorstandes konnte das Franziskanermuseum voreinigen Jahren aus dem Kunsthandel erwerben, die des Johannes V. Kern aus Ingoldingen (1530–1566), Abt des Benediktinerklosters St. Georgen. Diese Scheibe, die in das Jahr 1544 datiert, war bisher nicht ausgestellt und wird im Rahmen der Ausstellung erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Geplant ist für die Ausstellung die Kabinettscheibe aus Brixen und den Scheibenriss aus Schaffhausen anzufragen und ebenfalls zu zeigen. Die Scheiben, die im Franziskanermuseum in der Dauerausstellung gezeigt werden, können über ein Kombiticket vor oder nach dem Ausstellungsbesuch im Alten Rathaus besichtigt werden.

Unter den originalen Glasscheiben der Zeit um 1600 aus Privatbesitz, die in der Ausstellung zu sehen sind, befinden sich die Willkommensscheibe des Niclaus Mutschler von 1597 (Süddeutschland) (Abb. 7) und die des Donny Eichholtz von 1565 (Ostschweiz) (Abb. 8). Beide Scheiben zeigen jeweils ein Ehepaar in Renaissancekleidung, wobei der Mann seine Waffe präsentiert, die Frau ihm den Willkommenstrunk reicht. Im Oberlicht finden sich Szenen, die auf den Beruf des Stifters anspielen, im ersten Fall einen Gerber bei der Arbeit, im zweiten einen Weintransport (Tiedemann, S. 14–17). Zwei Beispiele der sog. Roundels seien ebenfalls vorgestellt. Es handelt sich dabei um monolithe Rundscheiben, die nur zweifarbig bemalt sind, und aus den Niederlanden stammen. Sie wurden ehemals in bleiverglaste Fenster von Amtsstuben, Rathäusern, Gerichtsstuben, Schlössern und Klöstern eingesetzt. Das Repertoire reicht von biblischen bis mythologischen und symbolischen Darstellungen. So zeigt die erste Scheibe (Abb. 9) eine Kupplerszene. Ein Paar sitzt bei Tisch: die Frau mit tiefem Dekolleté, offensichtlich eine Prostituierte, hält den reich gekleideten Herrn mit dem linken Arm umschlungen, mit der Rechten bietet sie ihm Wein aus einer Prunkschale an. Wie an der Neigung des Kopfes erkennbar, ist der so Ermunterte nicht mehr ganz nüchtern, hält aber noch tapfer seinen auf den Tisch gelegten Geldbeutel verschlossen. Über dem Mann schwebt ein Skelett, das einen Pfeil auf ihn gerichtet hält, der Tod. Der Hund im Vordergrund könnte ein Symbol der (ehelichen) Treue sein, die der Dargestellte gerade im Begriff ist zu missachten.

Die zweite Scheibe (Abb. 10) zeigt Ceres, die Göttin der Fruchtbarkeit und Symbol des Herbstes aus einem Zyklus der Vier Jahreszeiten. Auch die Göttin ist ganz im Stil der Zeit gekleidet, mit einer aufwändigen, seitlich auslandenden Haube, welche die Stirn bedeckt. In der Rechten hält sie ein Füllhorn mit Ähren, in der Linken ein Sensenblatt, Attribute, die sich aus den im Hintergrund dargestellten Ernteszenen herleiten lassen.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass über die Herstellungstechnik, Funktion und das eigentlich auf den Scheiben Dargestellte hinaus sich viele Informationen über den zeitgenössischen Alltag entnehmen lassen: Welcher Art das Ess- und Trinkgeschirr war, wie man sich kleidete, welches Werkzeug und vor allem auch welche Waffen zum Einsatz kamen. Der Prunkharnisch (Abb. 11) kann als Variante der männlichen Bekleidung aufgefasst werden, da die gültige modische Silhouette auch in der Metallausführung gewahrt blieb. Das eng taillierte Korsett, in welches die spanische Mode sowohl die Dame als auch den Herrn zwängte, dürfte sich in dieser Form besonders schmerzhaft bemerkbar gemacht haben. Die Verzierung durch florale Ätzmalerei weist auf einen Gebrauch durch Trabanten oder bei Festlichkeiten hin.

Auf diese Art möchte die Ausstellung ein umfassendes und lebendiges Bild einer weit zurückliegenden Zeit bieten, welches das im Ausstellungszeitraum stattfindende Geschichtsspektakel „Bürgertrutz und Pulverdampf“ des Einzelhandels um einige historische Details und Hintergründe durchaus bereichert. Geschichte für ein breites Publikum erlebbar zu machen, ist die erklärte Intention beider Veranstaltungen, die sich so gegenseitig stützen und bereichern. Außerdem bedeutet die Ausstellung eine Fortsetzung der Bemühungen des Schülerprojektes „Intermezzo“, das Alte Rathaus „aus seinem Dornröschenschlaf“ zu wecken. Dieses Zitat stammt von Bürgermeister Edwin Nägele aus dessen Vorwort zum Führer „Das Alte Rathaus in Villingen im Schwarzwald“: Nach 11/2-jähriger Renovierungsarbeit (der wir unter anderem das Fischgrätparkett unter dem heutigen Teppichboden verdanken) wurde das Alte Rathaus 1948 wiedereröffnet, um es „einer doppelten Zweckbestimmung“ wieder zuzuführen: als Sitzungssaal und Museum. Eine solche mehrfache Nutzung als Trauzimmer, Sitzungssaal und Ausstellungsort wäre auch heute wieder anzustreben. Dann könnte eine „Renaissance“ (Wiedergeburt) in zweifacher Hinsicht im Alten Rathaus stattfinden.

 

Abb. 11: Fußknechtsharnisch, sog. Schwarzweißharnisch, mit offener Sturmhaube, ungemarkt, Süddeutschland, um 1560.

 

Literaturverzeichnis

Anita Auer: Intermezzo – ein Schülerprojekt im Alten Rathaus, in: Villingen im Wandel der Zeit, Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Jahrgang XXIX/2006, S. 103 –105. Ferdinand Förderer: Altertümerrepertorium, unveröffentlichtes Manuskript, um 1876.

Werner Huger: Die Wappentafel der Villinger Familie Werner oder: Die wundersame Reise einer Villinger Glasmalerei vom Museum in Villingen ins Museum nach Brixen (Italien), in: Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Jahrgang VII/1982, S. 26/27. Burghard Lohrum: Altes Rathaus Villingen. Ergebnisse der bauhistorischen Untersuchungen, unveröffentlichtes Manuskript, Ettenheimmünster 1993.

Paul Revellio: Das Alte Rathaus in Villingen im Schwarzwald. Ein Rundgang durch das Heimatmuseum, Villingen 1948.

Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Villingen 1964.

Klaus Tiedemann: Gemälde aus Glas und Licht. Kabinettscheiben der Renaissance, unveröffentlichter Katalog, Heidelberg o. J.

Friedrich Thöne (Bearb.): Die Zeichnungen des 16. und 17. Jahrhunderts. Kat. Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen 1972.

Michael Tocha: Reformation oder katholische Erneuerung. Villingen und Schwenningen im konfessionellen Zeitalter, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur, Villingen-Schwenningen 1998, S. 202–216.

 

Juliana Ernstin:Eine Chronik aus dem 30-jährigen Krieg (Edith Boewe-Koob)

Priorin 1637–1655, Äbtissin 1655–1665 des Klosters St. Clara zu Villingen

In einem unscheinbaren Buch, das in braunem Packpapier eingebunden war, wurde das lang vermisste Original der Chronik über den 30-jährigen Krieg1 im Archiv des Klosters St. Ursula entdeckt. Die Schreiberin war die damalige Priorin der Klarissen und spätere Äbtissin Juliana Ernstin, eine Villinger Bürgerstochter. Sie war Zeitzeugin und konnte deshalb die Schrecken des 30-jährigen Krieges aus eigener Erfahrung schildern. Lange Zeit war diese wichtige Quelle nicht auffindbar.

Nun kann dieser Bericht, der nicht nur für Villingen, sondern für den ganzen südwestdeutschen Raum von großer Bedeutung ist, der Allgemeinheit vorgestellt werden. Die Chronik wurde in lesbares Deutsch übertragen, ohne aber den Satzbau gravierend zu ändern. Die mit „und“ verbundenen langen Sätze wurden öfters geteilt, um die Anhäufung von Haupt- und Nebensätzen zu umgehen. Dadurch wird das Textverständnis erleichtert. Das Tempus wurde, soweit es ging, beibehalten, um die Aussagekraft des Textes aus dem 17. Jahrhundert nicht zu verringern. Durch den häufigen Gebrauch des Präsens, des sogenannten „epischen Präsens“, wird die Schilderung lebhaft und unmittelbar. Die Benutzung des Perfekts, der charakteristischen Erzählform, bringt die Abgeschlossenheit eines Geschehens zum Ausdruck. Um jedoch eine Überhäufung des Perfekts zu umgehen, wurde öfters eine andere Vergangenheitsform eingesetzt.

Die Aufzeichnungen beginnen auf folio 39v. und enden unvollendet auf fol. 49r. Im ersten Teil des Buches wurden tägliche Haushaltsaufzeichnungen des Klosters aufgeschrieben. Das zeigt, dass das Diarium2 bis auf die letzten Seiten für die Chronik aus Sparsamkeit benutzt wurde.

Frauwe Clarissen aus dem Zeichenbuch des Klarissenklosters in Villingen.

 

(Fol. 39v) Item, anno 1631 ist durch den Krieg große Not entstanden, da der König aus Schweden in das deutsche Land eingedrungen ist. Er hat das ganze Frankenland verdorben und eingenommen, auch Speyer und Mainz. Anderen Städten hat er drohend gesagt, er wolle das Fastnachtsküchle3 beim großen Bischof zu Meersburg und Konstanz holen. Auch wolle er Überlingen und Rottweil, auch das Städtchen Villingen, Freiburg und das ganze Elsass einnehmen. Was er sich vorgenommen hat, das wird ihm gewährt durch unsere Schuld und unsere Sünden.

Teilabschnitt der Chronik Handschrift der Priorin Juliana Ernstin.

 

Der Schwede hat unzählig viel Volk. Wenn man ihn erst einmal geschlagen hat, bringt er gleich noch mehr Verbündete. Er und sein Volk haben verbreitet, dass er das Glück von Gott habe, denn was er sich vornimmt, das wird ihm gelingen. Etliche Leute haben ihn für Gott angesehen und ihre Kinder in des Schwedens Namen gesegnet und niedergelegt. Die alten Leute haben sein Zeichen angesteckt, wie wir Ablasszeichen tragen. Sie haben den Namen unsers lieben Herrn in des Schwedens Namen geändert und gesagt: „Der Schwede soll helfen, Gott könne nicht mehr helfen, Gott hat kein Volk mehr“.

Der Schwede nimmt überhand und erobert sodann München und Augsburg. Er verbrennt und verdirbt alle Dörfer und Flecken, dass man etliche Meilen über Leichen, über Ross und Vieh gehen muss. Alles ist durcheinander. Die Felder liegen brach, kein Mensch kann sobald mehr anbauen.

Item, er hat den Fürst aus Kempten vertrieben (fol. 40r), Weingarten und das Schloss Reichholz besetzt und geplündert, den Sitz des Bruders unserer herzgeliebten Frau Mutter Äbtissin, Ursula Cabellissin. Alles was er überfällt, das plündert und verdirbt er. Auch Ochsenhausen und Salmenschweil4 hat er eingenommen. Viele Besitzer wurden etliche mal vertrieben, und die Herren gefangen genommen und eine große Retribution5 von ihnen gefordert.

Item, anno 1631 ist der Württemberger auch schwedisch6 geworden und hat wegen der Klöster viel Unruhe gestiftet. Die Klöster hat unser Kaiser vor vier Jahren, im 28. Jahr, von den Württembergern wieder zurückgewonnen. Der Württemberger und andere lutherische Fürsten haben dem König von Schweden geschrieben und ihn in das Land gelockt, ihm den Grund angegeben und ihn um Hilfe angerufen, damit er (der Württemberger) die Klöster wieder in seinen Besitz bekomme. Daraufhin haben die Verbündeten einander geholfen die Klöster wieder zu überfallen, und die Prälaten erneut zu vertreiben. Durch etliche feindliche Soldaten wurde eine große Heeresmacht ankündigt. Also sind die guten Herren vertrieben worden und es wurde ihnen alles wieder abgenommen. Auch viele Frauenklöster wurden ausgeraubt und die Schwestern verjagt. Der Schwede und der Württemberger haben sich zusammengerottet und sind in das Land eingedrungen. Im Jahr 1632 sind alle Klöster wieder in ihren Besitz gekommen und noch andere Besitztümer dazu.

Item, anno 1632 hat der Schwede dem großen Bischof zu Meersburg im Monat Januar angekündigt, dass er das Fastnachtsküchle holen wolle, es müsse ihm gehören, auch wenn es am Himmel in Ketten hinge. Aber Gott hat das noch nicht zugelassen. Doch im Juli ist ein Kriegshaufen vor (fol. 40v) die Stadt Überlingen gekommen, während die Leute in der heiligen Messe waren. Die Feinde fingen an zu schießen, dass die Priester von den Altären weggegangen sind und den Bürgern der Stadt die Kugeln geweiht haben. Mit Gottes Hilfe sind die Feinde vertrieben worden. Etliche Tage später zogen die Gegner nach Meersburg. Fast hätten die Meersburger die Abwehr versäumt, denn ihr Oberst „jst weins truncken geweßen“. Dadurch sind die Schweden auf den See gekommen, doch mit der Hilfe Gottes wurden sie wieder verjagt und etliche der Schweden in den See gestürzt.

Item, die Württemberger und Schweden7 sind verbündet nach Offenburg gezogen um die Stadt einzunehmen. Dies ist mit dem Willen der Obrigkeit der Stadt geschehen. Die Bürger wollten sich wehren und haben es auch drei Tage heldenhaft getan. Aber die Obrigkeit hat mit den Schweden Kontakt aufgenommen und ihnen viel Kontribution8 versprochen. Dadurch haben die Schweden den Offenburgern alles genommen und die Beute nach Straßburg geführt. Nach ein paar Tagen kamen die Gegner wieder und begehrten etliche tausend Taler von den Offenburgern, weil sie die Stadt verschont und nicht verbrannt hatten. So musste Offenburg auch schwedisch werden.

Item, die Feinde sind bis ins Elsass gezogen und haben Benfelden angestürmt. Doch sie wurden wiederum vertrieben9. Aber sie kamen wieder und haben neun Wochen die Stadt belagert. Durch das dauernde Schießen sind etliche Einwohner von Benfelden um ihr Gehör gekommen und irrsinnig geworden. Die Einwohner haben sich ernstlich und heldenhaft gewehrt …

(Hier wurde der Text durch einen späteren Eintrag der selben Hand unterbrochen) Item, lang bevor wir (Anm. in Villingen) belagert waren, hat man auch in unserer Stadt viele Geschütze am Horizont stehen sehen. Feuer und Rauch sind aus den Geschützen gekommen.

(fol. 41r) und wollten sich noch weiterhin wehren und nicht ergeben. Da hat der Feind einen unterirdischen Gang gegraben und ist so in die Stadt gekommen. Er hat alle Einwohner vertrieben. Dann sind die feindlichen Truppen in das Elsass gezogen und streifen dort hin und her, so dass niemand sicher wandeln kann. Die Gegner haben alles verjagt und verbrannt und auch Ensisheim eingenommen. Die Regierung ist in Breisach. Aus Freiburg wurden zweimal alle Bürger verjagt – auch am 29. Juni.

Item, am 26. Mai 1632 hat sich der Württemberger auch in unserer Stadt und in Rottweil angekündigt. Das erste Mal mit guten und einschmeichelnden Worten, als wolle er ein guter Nachbar sein und uns vor fremden Fürsten und Überfällen beschützen. Er möchte beschützen, so lang bis der Kaiser wieder mächtig sei und allgemeiner Friede herrsche. Dann sollen wir wieder unsere alten Herren und Obrigkeiten erhalten. Daraufhin haben unsere Herren der Stadt und die Bürgerschaft bei unseren wohlehrwürdigen Vätern vom Barfüßerkloster Rat gehalten und sich entschlossen, dies der Regierung mitzuteilen. Erst dann wollten sie Bescheid geben, wie sie sich dem Württemberger gegenüber verhalten würden. Es ist ein solcher Jammer in der Stadt gewesen. Der eine Teil will sich wehren, der andere Teil will sich ergeben, wenn es schon sein müsse schwedisch zu werden, es werde nicht lang dauern. Diese Meinung ist von der Obrigkeit gekommen. Die Bürgerschaft aber ist zu Rat gegangen und hat entschieden, dass neun gewählte Personen zur Regierung geschickt werden. Diese kamen gleich vor den Obristen, dem unsere Stadt empfohlen war. Sie haben ihm unsere Sache vorgebracht und sind auch gleich erhört worden, so dass sie mit einem Obristen, mit Namen Obrist Aescher, einem gewaltigen Kriegsheld, nach Villingen zurückkehren konnten.

(fol. 41v.) Unterdessen verlangt ein Rittmeister Röllinger, der zu den Schweden gehört, von den Herren der Stadt Proviant und Kontribution. Unsere Herren haben ihm mitgeteilt, dass sie keinen Proviant für ihn und sein Volk hätten. Die Stadt will sich zu Wehr stellen, wir bekommen Unterstützung10, Reiter und Fußvolk – es ist aber noch keine Hilfe angekommen –. Deshalb war die Stadt in großen Sorgen, dass „… die beschehene anthrehung mechte vellstreckht werden …“ (der Feind seine angekündigte Drohung ausführen und uns überfallen würde). Durch besondere Fügung Gottes musste der König von Schweden dann all seine Soldaten in Eile nach Nürnberg abrufen, so dass die Schweden (Anm. aus unserem Gebiet) abziehen mussten. So sind wir wieder der Gefahr entkommen.

Es sind etliche Herren von Rottweil hierher gekommen und haben sich aus guter Nachbarschaft angeboten uns Hilfe zu bringen. Sie kamen aber von dem Württemberger und haben schon mit diesem die Vereinbarung11 getroffen, ihm zu huldigen, auch ohne der Bürgerschaft Wollen und Wissen. Die Bürger haben sich auch ein wenig gewehrt, aber als sie den Ernst des Württembergers gesehen haben, gleich aufgegeben und danach gegen uns mit den Feinden gekämpft.

Auch die Tuttlinger erboten sich gute Nachbarschaft mit uns zu halten. Doch ein württembergischer Untervogt, namens Jörg Schmid, begehrt hier den Amtshof des Klosters St. Georgen und das Kloster St. Georg mit ernstlichen Befehlen an unsere Herren. Sonst werde man es in der Hand haben und wissen, wie man die Stadt überfallen könne.

Bald danach, am 12. Oktober, hat sich der Württemberger12 mit Kriegsvolk zu Fuß und zu Pferd, man sagt mit 10 000 Mann, vor Rottweil sehen lassen. Er verlangte den Bescheid, ob die Stadt unter seinen Schutz und Schirm gestellt werden wolle. Bei einer Absage würde die Stadt von den Württembergern überfallen. Jetzt aber seien sie zwar noch nicht als Feinde, sondern als gute Freunde da. Sie wollen die gute Nachbarschaft erhalten, ehe ein anderer Ausländer komme, sich in das Nest setze und die Stadt überwältige. (fol. 42r) Der Württemberger hoffe, dass sich die Stadt Rottweil unter seinen Schutz und Schirm begebe.

So ist es geschehen. Die Rottweiler haben jedoch kein Geld gegeben, sondern ihm nur Huldigung für einige Zeit versprochen. Also ist der Feind von Rottweil abgezogen und hat in den Dörfern um Rottweil ein Nachtquartier errichtet, gerade 1, 2 und 3 Stunden von uns (Anm. Villingen) entfernt.

Darauf ist am folgenden Donnerstag ein württembergischer reitender Kurier um 9 Uhr vormittags vor unsere Stadt gekommen. Er begehrt vor den Bürgermeister und die übrigen Amtsleute geführt zu werden und gab an, dass ein fürstlich württembergischer Generalquartiermeister, ein Herr von Gültlingen, nebst einem Kommissar mit 40 Reitern nicht weit von der Stadt sei. Sie hätten im Namen des Herzogs von Württemberg etwas mündlich dem Magistrat mitzuteilen. Man solle einige Personen zu ihnen herauslassen, oder sie in die Stadt einlassen. Man gibt ihnen zur Antwort:

„Sechs Personen heraus und ebensoviel von ihnen vor eines der Tore.“

Der Gültlinger und der Kommissar kommen mit anderen, wie verabredet, vor das Tor und tragen ihr Anliegen den Herren der Stadt vor. Der König von Schweden habe viele Städte ausländischen Potentaten und fremden Fürsten übergeben, bald diese und bald jene Stadt diesen verehrt und geschenkt. Um zu verhindern, dass unsere Stadt, die an Württemberg grenzt, auch dieses Los treffe, und nicht einem Fremden zum Raub und Anteil würde, und um die gute Nachbarschaft zu erhalten, hätte er eine Armada von 10 000 Mann in dieses Land beordert. Er habe den Befehl, alle Orte in Güte unter seinen fürstlichen Schutz und Schirm zu stellen. Wer sich nicht freiwillig unterwerfen würde, den wolle er mit Gewalt zwingen. Andere Orte hätten sich schon unter seinen Schutz begeben, wie Rottenburg, Horb, Oberndorf, Schömberg und die Stadt Rottweil. Er verspricht den Herren, uns bei unserer lieben Religion und Privilegien, unseren bisherigen Rechten und Gerechtigkeiten zu lassen, und uns nicht im geringsten zu belästigen. Wir sollen auch von allen Heeresdurchzügen, Einquartierungen und Musterungen gesichert und verschont bleiben.

Unsere Herren von der Obrigkeit (fol. 42v) haben zur Antwort gegeben, dass sie einen Waffenstillstand begehren, bis sie Nachricht von unserem Erzherzog Leopold13, unter dessen Schutz und Schirm wir stehen, erhalten. Es würde sich nicht geziemen vorher eine andere Schutzherrschaft anzuerkennen. Der Gültlinger hat aber jeden Termin verweigert und gedroht, uns mit Gewalt zu verderben und ruinieren. Wir sollen ermahnt und gewarnt sein. Unsere Herren haben dann wenigstens so lang um Aufschub gebeten, bis sie sich mit den Bürgern beraten haben. Dieses Angebot wurde vom Gültlinger angenommen. Die Bürgerschaft und der Magistrat der Stadt versammelten sich in der Barfüßerkirche und berieten, welche Antwort dem Gültlinger und dem Kommissar zu überbringen sei. Die Bürger haben einhellig beschlossen, das Problem erst vor seine fürstliche Gnaden und dessen Räte gelangen zu lassen. Während dieser Beratung in der Barfüßerkirche ist die ganze Armada auf dem Bickenberg und droben auf der Wanne gestanden. Wenn wir ins Rondell14 oder an das Türchen gingen, konnten wir sie sehen. Man hat den Bürgern verboten Feuer zu geben und auf die Feinde zu schießen.

 

GLAK H/B – S.I.V: 4 (1685–1695) Ausschnitt: Bickentor, Klarissenkloster mit dem sog. Rondell.

 

Ach, wie sind wir in großer Angst und Not gewesen. Wo wir konnten, haben wir unsere Armut15 versteckt. Unsere Frau Mutter Ursula Cabellissin hat uns geraten die Habite anzulegen. Jede soll ein Bündel mit Hauben, Schleier und was wir nötig haben zusammenpacken. Damit wir im Notfall etwas bei uns haben (fol. 43r). Wir haben geglaubt überfallen zu werden.

Unser wohlehrwürdiger Beichtvater Pater Johannes Kneyer16 und der wohlehrwürdige Pater Ludwig Ungelehrt, der bisherige Guardian in Speyer, der dort von den Schweden vertrieben wurde, sind zu uns an das Tor oder an die Pforte gekommen. Sie haben uns zugeredet, dass wir uns nach einem anderen Haus umsehen sollen, falls die Feinde uns vom Bickenberg her überfallen. Sie haben uns auch geraten, weltliche Kleider anzuschaffen, damit wir nicht gleich als geistliche Frauen erkannt werden, denn die Feinde seien grausam und schändlich mit den geistlichen Personen umgegangen, wenn sie solche angetroffen haben.

Der ganze Konvent ist beisammen an der Pforte gesessen, wir haben nicht gewusst wie es uns gehen wird. Das ist am Vormittag um 9 Uhr gewesen. Gleich nach der heiligen Messe hat man ein großes Lärmen vernommen, keine hat den ganzen Tag etwas gegessen, bis um 2 Uhr nachmittags der Feind abgezogen ist. Er hat sich dann in den Flecken und Dörfern um die Stadt herum ein Nachtquartier gesucht und ist schrecklich mit den Untertanen umgegangen. Er hat alles geplündert, verwüstet, verdorben und vertrieben.

Am 15. Oktober sind die Feinde weiter nach Fürstenberg und Hüfingen gezogen. Die Hüfinger haben sich gewehrt, wurden aber überwunden. Die Gegner drangen in die Stadt ein und haben viele Bürger niedergemetzelt und ein großes Blutvergießen in der Stadt angerichtet. Während der Feind überall umherschweift, haben unsere Herren zwei Gesandte nach Stuttgart geschickt, um beim Herzog um Schonung für unsere Stadt zu bitten, damit wir nicht überfallen würden. Sie sind aber nur bis Rottweil gekommen und mussten dort wieder umkehren.

Unterdessen ist die Abordnung der neun Männer wieder vom Markgraf von Baden und dem Feldobristen zurückgekommen. Sie haben gute Nachricht mitgebracht. In einigen Tagen würde Verstärkung kommen. Die Bürgerschaft und wir waren herzlich erfreut.

Vom 12. Oktober an bis zur richtigen Belagerung hat sich der Feind jeden Tag auf dem Bickenberg, mit 20–50 Reiter sehen lassen. Man ist nirgends sicher gewesen. Der Feind hat Ross und Vieh gestohlen. Es ist Not über Not gewesen. In unserer Scheuer zu Aasen haben wir die Frucht aus dem Jahr 1632 liegen gehabt. Von diesem Zehnten haben wir nicht mehr als 8 Malter bekommen. Alles andere hat uns der lutherische Vogt von Biesingen, ein böser Mann, gestohlen (fol. 43v) und dem Feind zugeführt. Also haben wir bittersten Mangel erleiden müssen. Wir haben keinen Niesbrauch mehr von 1632 bis jetzt in das 38. Jahr. Gott erbarme sich unser.

Jetzt berichte ich wieder von den guten Bürgern, die uns so gute Nachricht gebracht haben. Am 7. November ist der wohledle und gestrenge Herr Johann Wernher Aescher von Bünningen, ein wohl erfahrener Kavalier, mit 520 Mann, mit großem Glück hier eingetroffen. Am nächsten Tag hat er gleich den Rat und die Bürgerschaft in die Barfüßerkirche zu unseren Vätern gerufen. Dort hat er mitgeteilt, dass er jetzt Kommandant der Stadt sei. Obrist Aescher nimmt der ganzen Gemeinde, den Herren und dem Bürgermeister einen Eid ab. Er stellt sie unter die Pflicht zusammenzuhalten und stets mit Gut und Blut füreinander da zu sein. Dazu soll sich jeder gern bereit halten. Er ordnet an, dass ein feierliches Amt zu Ehren der Himmelskönigin in der Barfüßerkirche abgehalten werde, an dem die ganze Gemeinde teilnehmen müsse, um göttliche Gnade und Beistand zu erflehen.

Auf Befehl des Obristen Aescher werden alle Tore und Mauern mit Wächtern besetzt. Auch lässt er unter den Dächern die hohen Balken abheben und große Schanzkörbe flechten, die mit Erde und Steinen gefüllt, auf die Dächer geschafft werden sollen. An einigen Stellen der Stadt sind Schanzen und Batterien errichtet. Die Verteidigungsgeräte und Geschütze lässt Aescher auf die Schanzen führen und eine Pulvermeile bauen, damit ein großer Vorrat an Pulver, Blei, Eisen, Steinen und Bleikugeln untergebracht werden kann. Denn in der Stadt waren nur wenig Vorräte an Verteidigungsmittel vorhanden.

Den Bürgern wäre es ohne die Aktivitäten des Kommandanten sehr übel ergangen. Sie sind so einfältig gewesen zu glauben, dass es bei einer Belagerung genüge, große Geschütze unter die Tore zu stellen und diese gegen den Feind abzufeuern (fol. 44r). Damit wäre unsere Sache „… wol verschinfft vnd verschertz gewessen …“ (ohne Erfolg geblieben). Der Kommandant hat die Tore geschlossen und nur das obere und untere Tor offen gelassen, die Brücken aufgezogen und das Wasser auch in den inneren Graben gelassen. Für die Bauern hat er eine Ordnung aufgestellt, damit sie wussten was sie im Fall eines Überfalls tun sollten. Bürger ließ er Dragoner werden, jung und alt, und hat diese Truppen auf Posten verteilt. Jeder hat gewusst, was er bei Tag und Nacht tun solle.

Unsere ehrwürdige Frau Mutter Äbtissin Ursula Cabellissin und unsere liebe Mutter Priorin Katharina Hillesönin haben unseren ehrwürdigen. Beichtvater gefragt, wo wir die Zinsbrieflein, die sakralen Gegenstände und das wenige Silbergeschirr, das wir noch hatten, verstecken sollen. Der größte Teil des Silbers musste für Nahrungsmittel17 verkauft werden. Der Beichtvater hat geraten, dass wir die wichtigsten Dinge verstecken sollen. Daraufhin ließ unsere Frau Mutter im Krugkeller18 ein Gewölbe ausbauen. Das Wasser ist dazumal noch nicht im Graben auch nicht im Keller19 gewesen. Dort und unter der Stiege im Speisgatter haben wir unsere Sachen versteckt, auch Tröge mit Kutten, Pelze, Leinwand, Bettbezüge20 und die Dinge, die jeder Mutter und Schwester lieb gewesen sind und diese nicht gern verloren hätten. Auch Bilder und Kindle21 aus der Kirche und Sakristei, sowie Tücher, Chorgewänder und Geschirr haben wir einmauern lassen. Wir haben die Dinge etliche Wochen darin gelassen und geglaubt, es richtig gemacht zu haben. Als man aber das Wasser in den inneren Graben lässt, kommt dieses auch in den Keller. Anfangs war das Wasser nicht tief, aber nach und nach wird es immer tiefer und kommt an unsere Pelze und Kutten. Deshalb haben wir den Maurer kommen lassen, der das Gewölbe wieder aufbrechen musste. Das Wasser war überall so tief, dass es den Knechten, die mit Wasserstiefeln hineingewatet waren, bis unter die Arme gegangen ist. Sie haben die Tröge mit den Kutten und Pelzen (fol. 44v) und alles andere wieder herausgezogen und heraufgetragen. Wir haben die Pelze wie Hemden ausgewunden, mit Kleie22 überschüttet und langsam trocknen lassen und brachten sie dann wieder ein wenig in Ordnung. Die Kutten haben wir zum Trocknen in den Garten gehängt und danach in ein anderes Versteck gebracht. Im Nebenhaus haben wir unter Latten und Brettern die Tröge aufgestellt und unsere Sachen, die uns lieb waren, darunter versteckt. Auf die Tröge haben wir Dielen und Bretter und sonstiges Holzwerk gelegt und lange Zeit dort liegen lassen. Weil wir aber geglaubt haben, dass die Kleidungsstücke muffig werden könnten, holten wir alles wieder hervor. Die Fässer, Tröge und Latten ließen wir stehen, damit wir jederzeit die Sachen wieder verstecken konnten. Keller und Graben standen zwei Jahre unter Wasser. Wir haben den großen Psalter gebetet, auch die himmlische Hoff(nung) und etliche Ecce Homo, die 24 Tausend Ave Maria und dem Jesuskind einen Psalter Davids.

In Mönchweiler hat sich ein württembergischer Leutnant eingenistet. Er hat seine Leute ausgeschickt, die Straßen zu besetzen. Sie haben unsere Bürger belästigt und übel geschlagen. Daraufhin ist am 22. November Obrist Aescher mit unseren Bürgern nach Mönchweiler aufgebrochen, hat über 50 Feinde getötet und über 300 Stück Vieh und Pferde hierher gebracht und die Schanzen zerstört. Von unseren Bürgern wurden zwei getötet und drei verwundet.

Item, nun will man unseren Obrist Aescher mit seinen Leuten nach Breisach schicken. Aber unsere Herren und Bürger haben beratschlagt und dann den Dr. Steidele23 dorthin gesandt. Er solle – bitten, dass der Obrist hier bleiben darf. Der Feind ist mächtig (fol. 45r) und bedroht unsere Stadt heftig.

Die Schwenninger Bauern bedrohen uns auch. Sie wollen unser liebes Städtle in Brand stecken, dass sich unser lieber Herr und alle Heiligen im Himmel die Füße daran wärmen können. O, Himmelskönigin Maria, hilf uns, dass sich unsere Feinde nicht über uns erfreuen können. Item, an St. Barbaratag im Jahr 1632 ist Obrist Aescher, auf dringliches Bitten der Bürger mit seinen Leuten und etlichen Wagen in die Flecken und Höfe nach Einstetten (Anm. Nordstetten) und Vockenhausen gezogen, um die Frucht dort abzuholen. Doch wurde er von dem Mayer beobachtet und verraten, der mit seinem Hut den Feinden gewunken hat. Im nahen ald haben sich die Feinde, 1000 Mann zu Pferd und ebenso viel zu Fuß, versteckt und gewartet, bis der Mayer ihnen ein Zeichen gegeben hat. Der gute Herr Aescher hat das nicht gewusst und geglaubt, es sei Verstärkung aus Rottweil gekommen. Es hat sich nämlich nur eine Truppe der Feinde sehen lassen, so dass die Unsrigen nicht angenommen haben, dass dieselben so stark seien. Deshalb sind die Gegner von den Unsrigen angegriffen worden. Sie wurden aber von den Feinden umringt und konnten nicht mehr fliehen. Die Villinger haben sich tapfer gewehrt, dass der Feind vier Wagen mit Toten in Richtung Rottweil hinwegführen musste.

Die Rottweiler haben es uns erzählt, wie brav sich die Villinger gehalten hätten. Von unseren Soldaten und Bürger sind 25 getötet worden und 50 in Gefangenschaft24 geraten. Die Wagen mit der Frucht mussten unsere Leute deshalb stehen lassen. Der Feind hat alles verbrannt und ebenso zwei Höfe mit allem was darinnen war.

Alle Tage haben sich die Feinde trotzig vor der Stadt sehen lassen. Auch kamen dann noch viele Truppen dazu. Aber unser Obrist Aescher ist dem Feind entgegen gekommen und hat (fol. 45v) 20, 30 oder 15 Feinde erschossen und die Übrigen mit Spott verjagt. Item, am Tag der Empfängnis unserer allerheiligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria (8.12.) ist ein württembergischer Hauptmann, Schärttle genannt, stolz und prächtig auf dem Bickenberg hin und her geritten, um dann abwärts in Richtung Stadt zu reiten. Sein Pferd hat unter ihm getanzt und er hat den Turmwächtern Spott- und Schimpfworte zugerufen. Er hat geglaubt alles wagen zu dürfen und in seinem Sinn frei zu sein. Doch Gott ist ein starker und mächtiger Held. Keiner kann sich ungestraft gegen ihn stellen. Die Unsrigen haben vom Oberen Tor aus einen Schuss abgefeuert und den Schärttle gleich in die Seite getroffen. Da er eine Kette mit vielen Talern um sich hängen hatte, wurde ihm ein Taler in die Eingeweiden geschossen. Daran ist er gestorben. Unsere Leute haben noch etliche Taler gefunden und hergebracht.

Rottweil ist belagert und der Feind plündert die Dörfer und Auen. Alles brennt! Gott möge sich erbarmen! Die Rottweiler Bürger wehren sich und wollen auch nicht aufgeben. Doch sie werden vom Feind schrecklich bedrängt, der jedoch noch nicht so stark ist. Es sind etliche Offiziere umgekommen, wie der „Silbertaler Schärttle“. Dadurch hat der Feind große Probleme. Doch am Ende hat sich Rottweil ergeben müssen, aber man hat gleich von Anfang an gesagt, dass es nicht lang sei. Gott helfe uns! Da der Feind so viel mit Rottweil zu schaffen hat, ist unser Obrist Aescher am 17. November mit unserem kleinen Völkle und den Bürgern ausgezogen, um in Schwenningen etliche Gegner umzubringen. Viele wurden gefangen, andere vertrieben und drei Häuser niedergebrannt ohne einen Schaden der Unsrigen. Der Feind hat gedroht, er wolle dies nicht ungerächt lassen. Er ist in unsere Flecken um Villingen eingedrungen und hat auch unsere Dörfer gebrandschatzt und verlangt 800 Reichstaler. Als dies Obrist Aescher erfährt, droht er dem württembergischen Obersten Heinrich von Offenburg, Kommissar General, (fol. 46r), wenn auch nur ein Hof zerstört wird, will er dafür ein Dorf verbrennen lassen. So musste es Heinrich von Offenburg unterlassen, und es wurden von ihm für 10 württembergische Dörfer eine Brandsteuer von 3300 Reichstaler gefordert. Breisach ist blockiert und Freiburg belagert, Gott helfe uns. Der Pass ist überall verlegt, so dass niemand heraus noch hinein kann. Die Boten werden gefangen und aufgehalten. Man sagt, dass mehr Volk zur Verteidigung kommen werde, aber es ist der Feind, der kommt. Obrist Aescher wurde von dem Fürsten zu Preußen abberufen, um dort und in Freiburg zu helfen. Aber es ist Gottes Wille gewesen, dass er nicht fortkommen konnte. Man hat in der Nacht Boten ausgeschickt. Freiburg ist überwältigt worden und in des Feindes Hand. Uns wurde heftig gedroht wie einer fetten Henne. Wir sind in großer Angst und ringsherum belagert. Wir haben wenig Volk. Gott helfe uns gnädig! Wir sind in großer Gefahr und Angst. Man sagt, der Feind gehe schändlich und grausam mit den Leuten um, besonders mit den Geistlichen.

Item, am 29. November 1632 wird unsere Stadt von zwei Trompetern unter Androhung von Pech und Schwefel zur Übergabe aufgefordert. Es ist der Abend vor dem St. Andreastag gewesen. Daraufhin hat man angeordnet, dass sich alle Häuser in der Stadt mit Wasser auf den Dächern versehen müssen. In unserem Kloster haben wir auf alle Speicher und Dächer Zuber und große Waschgelten gestellt. Mit großem Schrecken, unter Weinen und Seufzen, haben wir Wasser hinaufgetragen. Am Andreastag (30. Nov.) haben wir die größten Waschgelten im Garten mit Wasser gefüllt und dort aufgestellt. Es sind keine Kübel und Gelten mehr im Haus gewesen, die nicht mit Wasser gefüllt waren. Wir haben keinen Augenblick gewusst, wann uns der Feind überfällt. Wir haben auch Viehhäute in Gelten gelegt und in Wasser eingeweicht, damit wir das ausbrechende Feuer ersticken können (fol. 46v). Zwei Tage lang haben wir genug Wasser getragen, neben dem Chorgebet und der Hausordnung, denn trotz der Angst und dem Schrecken haben wir unsere Gebete und die Hausordnung eingehalten. Wir haben wenig gegessen und geschlafen und sind alle in der Konventsstube gelegen. Keine von uns hat ruhig schlafen können. Unsere ehrwürdige Frau Mutter Äbtissin hat angeordnet, dass wir alle die Habite tragen sollen, um jeder Zeit für alle Fälle gerüstet zu sein.

Unser ehrwürdiger Beichtvater Pater Johannes Kneyer und unser wohlehrwürdiger Pater Ludwig sind oft zu uns gekommen, um uns zu trösten. Der wohlehrwürdige Pater Ludwig hat auch für die ganze Stadt das heilige Dreikönigswasser geweiht, ganze Zuber und Waschtröge voll, dass man damit die Häuser und Gemächer besprengen kann. Es ist schädlich für das Feuer, das nicht so schnell brennen kann und es wird durch die Besprengung des Weihwassers gelöscht.

Am selben Andreastag haben wir noch unser Armütle und die besten Sachen, so gut wir konnten, versteckt. Im äußeren Haus, das für die Not vorgesehen war, wenn wir nicht mehr durch die Pforte gehen konnten, haben wir an diesem Tag ein Loch gebrochen. Falls der Weg zur Pforte versperrt wäre, könnte man uns hier zu Hilfe kommen, oder der Beichtvater zu Kranken oder zum Versehen. Wir haben eine kranke Mitschwester, Katharina Gintherin, gehabt, die todkrank daniedergelegen ist.

Der Feind ist jeden Tag haufenweise vor die Stadt und auf den Bickenberg gekommen. Unsere Leute haben alle Tage gegen ihn gekämpft25 und viele Gegner getötet, bis diese mit großer Übermacht angekommen sind. Der Feind schreibt dem Obrist Aescher, er solle sich mit ihm verständigen. Gleichzeitig wolle er ihn warnen, denn das ganze Elsass, der ganze Breisgau und auch Preußen seien in seiner Hand. Uns mangle Unterstützung (fol. 47r) und die notwendigen Verteidigungsmittel. Wenn er wolle (Anm. Aescher), könne er sich eine Weile vergeblich wehren. Allerdings müsse er dann erfahren, dass wir großen Schaden erleiden würden. Späte Reue und Leid würden dann nichts mehr nützen. Obrist Aescher versammelt daraufhin die ganze Bürgerschaft und den Bürgermeister wieder in der Barfüßerkirche und trägt der Versammlung dies vor. Jeder erschrickt und hat große Furcht. Die Obrigkeit ist unsicher und schwankt, doch wartet sie auf einen Vorschlag des Obristen Aescher. Dieser sagt, dass er nicht Willens sei, die Stadt zu übergeben. Er wolle dem Fürsten nach Preußen, der ihm unsere Stadt anbefohlen habe, berichten. Bis er den Bescheid desselben habe, würde er einen Waffenstillstand verlangen, wie es ehrlichen Soldaten zustehe. Dem Feind aber ist es dringend und sehr ernst. Er schickt wieder zwei Trompeter und einen Obristen mit Namen Helmstätter. Sie überbringen ein Schreiben, in dem bekannt gegeben wird, dass er sich wohl traue, die Stadt zu erobern, denn es kämen zwei starke Armeen. Obrist Aescher solle sich vorsehen, dass er sich nicht selbst und die Stadt ins Verderben stürzen und zu Grunde richten würde. Dies geschieht, wenn er sich nicht ergeben würde. Im Fall einer Übergabe aber verspreche er (Anm. Helmstätter), dass er (Anm. Aescher) und seine Soldaten auch die Stadt bei ihren Unternehmungen und Freiheiten belassen würde. Es sei doch keine Hilfe zu erwarten. So sitzen wir, wie es heißt, zwischen Tür und Angel und werden bedrückt. Alle Menschen sind in großen Ängsten und Nöten. Die einen wollen sich wehren, die anderen wollen die Stadt übergeben.

Wir im Kloster beten und singen und rufen Gott an, denn etliche Soldaten haben schon gesagt, wie sie mit den Klosterfrauen umgehen wollen. Wir haben den großen Psalter gebetet (Anm., die 150 Psalmen, wie Ursula Haider sie nach der Erscheinung der Muttergottes zu beten anordnete), den Kindlein Jesu Psalter, etliche Ecce Homo (Anm. je 1000 Vater unser) und auch die 800 000 Anrufungen, die 24 000 Ave Maria und andere große Gebete. Wir sind geistlich nach Einsiedeln gereist, haben das goldene Krongebet und den Kreuzweg verrichtet. Wir sind wie die Fliegen (fol. 47v.) an der Wand gewesen, keine hat sich selber mehr gleich gesehen. Die Bedrohung und die Einschließung dauern gar so lang.

Doch unser Obrist hat sich nicht erschrecken lassen, noch Furcht gezeigt. Er ist beständig geblieben. Er hat die Bürger getröstet und sie beherzt gemacht und dem Feind geantwortet und geschrieben, dass es sich für ihn nicht gezieme, seinen Eid zu vergessen. Wenn er schon von siegreichen Feinden umgeben sei und keine Verstärkung komme, so wolle er doch auf die Barmherzigkeit Gottes und die Hilfe der Mutter Gottes hoffen und vertrauen, die ihm in einer Nacht einen größeren Succurs und mächtigere Hilfe schicken können, als je zu erwarten sei. Dadurch hat sich „seine Herrlichkeit“ und die ganze Bürgerschaft zufrieden gestellt und haben den Angriff des Feindes mit Geduld und Schrecken erwartet. Doch Gott hat große Hilfe geschickt. Die eine Armee ist abberufen worden. Sie musste nach Schwaben ziehen, um gegen den Aldringer zu kämpfen und ihn abzuwehren. Also haben wir es jetzt nur noch mit dem Württemberger zu tun, falls kein neuer Verbündeter dazu kommt. Rottweil ist jetzt schwedisch. Der Feind hat dort Geschütz und Munition genug, so wie er meint, gegen Villingen zu gebrauchen. Obrist Michael Rau hat gedroht, Villingen innerhalb 24 Stunden einzunehmen.

GLAK J/E: V:3. Ausschnitt: Belagerung der Stadt Villingen am 11. Januar 1633.

 

Am 11. Januar 1633 zieht Rau mit großer Macht gegen unsere kleine Stadt, die er nur das „Ratzennestle“ nennt, und belagert sie. Den ganzen Tag ist ein so unerhörter und dicker Nebel gewesen, dass man in der Stadt mit allen Glocken, wie bei einem Gewitter, dagegen geläutet hat. Der Feind war gleich vor unserem Tor bei der Bickenkapelle und hat schon vorbereitete Schanzkörbe gebracht. Er hat sich unserer Lieben Frauen Kapelle bemächtigt und darin gehaust. Die Unsrigen strömen unter dem Schutz des Nebels aus, vertreiben den Feind aus unserer Lieben Frauen Kapelle und töten 40 Feinde. In dieser Verwirrung hat der Feind seine eigenen Leute für die Unsrigen gehalten (fol 48r.) und so haben sich die Feinde gegenseitig erschlagen und von der hl. Kapelle vertrieben. Um dem Angreifer zu schaden, haben unsere Leute die heilige Kapelle in Brand stecken müssen. Es ist ein schönes, zierliches Gotteshaus gewesen und erst vor einigen Jahren umgebaut und vergrößert worden26. Durch den Brand wurde der Feind zurückgetrieben und hat auf freiem Feld Schanzen aufgeworfen. Gleich am oberen Hag unseres Gartens, so weit und lang wie unsere Kirche und unser Kloster, ist ein Schanzkorb neben dem anderen gestanden, alle mit Steinen, Sand und Erde gefüllt. Der ganze Tag war mit Gefechte führen und Schießen erfüllt, dass sogar unsere liebe Mitschwester Katharina Gintherin, die in Todesnöten lag, gefragt hat: „Ach, was schießt man da so?“ Wir antworten ihr: „Die Unsrigen sind draußen und kämpfen mit dem Feind.“ Wir haben nicht gewusst, dass der Feind schon mit solcher Gewalt angreift. Unsere liebe Mitschwester stirbt eines seligen Todes. Gott sei ihrer lieben Seele und allen Seelen gnädig und barmherzig. Es war am Morgen zwischen 8 und 9 Uhr. Ein Teil der Schwestern betet bei der Verstorbenen, ein anderer Teil bereitet sich zum Ankleiden vor und der dritte Teil schaut in den Nebel und horcht auf das Schießen. Wir haben wegen des Nebels keinen Menschen sehen können, aber wir hörten nur Schießen und Schreien. Unsere viel geliebte Mutter Äbtissin war über den Nebel, das Geschrei und das Schießen beunruhigt. Man sagte ihr, dass der Feind gegen unseren Obristen Aescher und unsere Leute kämpfen würde.

Unser wohlehrwürdiger Herr Beichtvater empfahl uns bereit zu sein, da er zur Vesperzeit unsere Mitschwester begraben wolle. Am nächsten Morgen solle das Opfer sein. Es ist ein Jammer über Jammer. Man brennt die äußere Mühle bei unserem Garten, die Spitalmühle und das Gutleuthaus, nieder. Es war ein solches Feuerwerk vor unserem Tor, dass es in unserem (fol. 48v.) Kloster ganz hell war, wohin man auch gegangen ist. Kein Mensch hat zu Nacht gegessen oder ist zu Bett gegangen. Es sind alle in der Konventstube gelegen. Ein Teil hat die Mette gebetet, der andere Teil hat etwas ruhen wollen, damit sie um 11 Uhr in die Mette gehen könnten. Wir haben mit großer Furcht um 11 Uhr die Mette gehalten. Es war aber ein solches Geschrei auf dem Feld, dass wir uns sehr gefürchtet haben und wir keine Ruhe finden konnten. Wir haben nicht gewusst, was die Feinde mit uns anfangen würden. Viele kamen an unsere Pforte. Auch unsere ehrwürdigen Väter Pater Ludwig (Ungelehrt) und Pater Jacob Weigle27, der Feldprediger, sind bis abends 8 Uhr bei uns im Kloster gewesen. Wir haben die ganze Nacht an der Pforte gewacht, um Leute zum Löschen hereinzulassen, wenn der Feind Feuer in unser Kloster werfen sollte. In der Nacht des 12. Januar um 2 Uhr haben die Feinde mit dem Angriff begonnen und haben in die Stadtmauer ein großes Loch geschossen. Wir sind alle aus der Kirche gegangen und haben die Mette nicht fertig beten können, da die Kirche an vielen Stellen beschossen wurde. Die Feinde fingen an mit großen Stücken zu 3/4, halben und viertel Kartaunen28 und zwei Feuermörsern die Stadt zu beschießen.

Morgens zwischen 5 und 6 Uhr ist in unserer äußeren Kirche auch schon ein großes Loch gewesen. Wir haben noch die Chorbücher und die Orgel in der Kirche gehabt. Die Kerzen an den Altären brannten noch, wie auch an der Krippe. Wir sind wieder in die Kirche gegangen, um die besten Sachen und die Chorbücher herauszuholen. Es war aber ein solcher Rauch und Staub, dass wir glaubten die Kirche würde brennen. Kaum waren wir aus der Kirche ging das Schießen weiter. Hätten wir nur ein wenig gesäumt, dann wären unsere liebe Mutter Priorin, Katharina Hillesönin, und Schwester Apollonia Waidmännin erschossen worden. Als unsere Schwester Apollonia unter der Tür des kleinen Schlafsaals stand, hat ein Schuss die erste Bettstatt getroffen. Es war der 12. und letzte Schuss vor der neuen Ladung. Dadurch konnte sich unsere Schwester Apollonia retten. Aber sie war so erschrocken, dass sie wie eine (fol. 49r) Leiche ausgesehen hat. Unsere Mutter Priorin ist gerade durch den Kreuzgang in die Stube gegangen, sonst wäre es um sie geschehen gewesen. Wir dachten nicht, dass die Feinde so nahe am Kloster seien, da sie kurz vorher noch auf der anderen Seite des Tores bei St. Johann gekämpft haben. Sie sind aber gleich auf unsere Seite herangerückt. In großem Schrecken sind wir alle durcheinander gelaufen. Jede hat ihre Kleinigkeiten bei der Bettstatt holen und versorgen wollen, damit sie nicht zerstört würden. Unsere Sr. Klärle ist auch an ihre Bettstatt gegangen, um ein kleines Jesuskind29 zu holen. Während sie es nimmt, wird gerade über ihrer Bettstatt ein Loch in die Mauer geschossen, dass ihr die Steine an den Kopf gesprungen sind und die Kugeln über sie herflogen. Gottlob ist ihr nichts geschehen. Sie hatte nicht gemerkt, dass die Feinde so nah am Kloster waren, erst als die Steine ihr um den Kopf flogen. Wir konnten an keinem Ort mehr sein und sind deshalb im Kreuzgang und in der Konventstube geblieben. Es war draußen ein solcher Qualm und Lärm, dass wir nicht mehr wussten wo wir dran sind. Die Prim, Terz und Sext30 konnten wir vor Schrecken nicht beten.

Um 7 Uhr morgens kommt unser wohlehrwürdiger Beichtvater, Herr Johannes Kneyer, in die Konventstube und will uns das letzte Mal vor dem Tod die Beichte hören. Jede geht in ein Winkelchen, wo sie glaubt vor den Kugeln sicher zu sein und bereitet sich vor. Ich, Schwester Juliana Ernstin, bin mit Sr. Brigitta Hanemännin in das Nebenhaus gegangen, um dort unsere arme Habe, so gut wir konnten, hinter den Brettern und Balken zu versorgen. Da kommt unsere Jungfrau (Novizin) Jacoble Aichenlaub und sagt, dass der Herr Beichtvater in der Konventstube zum Beichthören sei, und dass wir auch kommen sollen. Ach, sind wir in Ängsten gewesen, wir haben gemeint, wir müssen in dem Haus unser Leben lassen. So stark war das Schießen auf das Bickentor und das Kloster. Wir schicken die Jungfrau Jacoble Aichenlaub fort und sagen, dass wir bald fertig seien und kämen dann sofort. Sie ging und kam wieder … („sy gatt vnd kombt wider …“).

Hier endet die Chronik der damaligen Priorin Juliana Ernstin.

Um den Bericht der Klarissin Juliana Ernstin zu ergänzen, werden einige Passagen aus der Turmknopfurkunde31 des Jahres 1655 übertragen und angefügt. Die Schreiberin war Schwester Agnes Kaiserin, die Juliana Ernstin 1665 als Äbtissin nachfolgte.

Am 11. Januar des Jahres 1633 hat der Feind – teils der Krone Schwedens, teils Württemberg zugehörig – begonnen, die Stadt tyrannisch zu beschießen. Weil der Beschuss es ausschließlich auf unser Kloster und unsere liebe Kirche abgesehen hatte, haben allmählich die höllischen Granaten die Mauern zerrissen, dass wir nirgends im ganzen Kloster mehr unseres Lebens sicher sein konnten. Der wohlweise Magistrat und eine liebe Bürgerschaft haben verschiedentlich zu uns geschickt, ob man nicht dem Feind die Stadt übergeben solle, oder ob man lieber das Kloster in Grund und Boden schießen lassen wolle. Wir haben jedes Mal geantwortet, dass wir der Bürgerschaft zu Liebe alles verlassen wollten, nur soll die Stadt erhalten bleiben. Sie sollen mit bürgerlicher Treue und mit Waffen streiten, wir aber mit dem heiligen Rosenkranz.

Wegen der unaufhörlichen Beschießung haben wir armen, eingeschlossenen Kinder – die Mauer fing schon an niederzufallen – unser liebes Gotteshaus mit Schmerzen verlassen und uns zu unseren ehrwürdigen Väter Franziskaner, den Konventualen der minderen Brüder, in ihr gut gebautes Kloster begeben müssen. Wir sind von ihnen mit großem Mitleid und väterlicher Treue aufgenommen worden. So haben wir unser liebes Kloster und Kirchlein im Stich gelassen, als Brustschild für die ganze Stadt.

Der Feind hat mit solcher Gewalt diese schrecklichen Granaten herein geschossen, dass wir alle Kirchengüter zurücklassen mussten, ausgenommen das Allerheiligste Sakrament, das ein gottseliger Franziskaner, namens Pater Jacob Weigle, in höchster Eile, er war dazumal Feldprediger unter dem Obristen Aescher, aus der Kirche geholt hatte.

Die Orgel und die Glocke, die unser getreuer Schaffner mit Hilfe lieber Bürger unter Gefahr für Leib und Leben in finsterer Nacht, ohne Licht und Lichtschein, herunterbrachte, mussten wir trotzdem verlassen, denn wir wurden ermahnt, unser Leben zu retten.

Am nächsten Tag, am 12. Januar 1633 war die liebe Kirche in Grund und Boden gelegt worden, wie wenn sie den Stadtgraben hätte ausfüllen sollen. Welchen Schmerz wir deshalb empfanden, möchte ich jedem mitleidigen Herzen zu bedenken geben.

Anmerkungen

1 A.B. BB 8.

2 hier: Tagebuch.

3 Fastnachtsküchle = der zur Zeit der Fastnacht gegessene Krapfen. Bedeutet hier wohl besonders wichtige Städte, die der Schwede unbedingt einnehmen wollte.

4 Salmenschweil = Im Tagebuch des Abts Gaisser: Salmensweiler.

5 Retribution = Erstattung.

6 Württemberg hatte sich mit den Schweden verbündet.

7 „Item, die wirtenbergisch vnd schwedishe jst alles ains…“

8 Kontribution = ein von der Bevölkerung eines besetzten Gebietes erhobener Geldbetrag.

9 „…sind wider komen vnd sind dar vor gelegen vff die 9 wochen…“

10 Im Original: „succurs“.

11 Im Original: „actord = accord.“

12 Im Original: „wirdenbergisch folckh“.

13 Leopold Wilhelm, Regent der Vorlande. Oesterreichischer

Erzherzog und Feldherr, der 1640 die Schweden zurückschlug.

14 Rondell = vorspringender runder Turm des Klosters an der Stadtmauer. Nicht identisch mit der Schanze, die zur Vettersammlung gehörte.

15 hier: Habseligkeiten.

16 Kneyer kam ebenfalls aus Speyer und wurde in Villingen Guardian.

17 Im Original: „leibnarung“.

18 Im Krugkeller wurden die Wein- und Mostkrüge aufbewahrt.

19 Im Original: „ker“.

20 Im Original : für Leinwand „bilachen“, für Bettbezüge „ziechen“.

21 Kindle = Fätschenkind (Fatschenkind) = Wickelkind. Dieses „Kindle“ wurde als Erinnerung an das Jesuskind in Frauenklöstern hergestellt. Dabei wurde Wachs in eine Form gegossen, die Figur getrocknet und in Tücher oder Binden gewickelt. Formen zur Herstellung dieser Fätschenkinder befinden sich noch heute im Kloster St. Ursula.

22 Im Original: „grisch“.

23 Bei Abt Gaisser: Steidelin.

24 Im Original: „gefencklich quattier“.

25 „…die vnßerigen hie jn der statt sind alle tag vßgefallen vnd mit jhnen geschamiziert…“

26 In der Chronik der Klarissin Eufrosina Some steht, dass „am Mentag vor santt Elsbetten tag, do ze mol (1585), ist das gnadrich Bicken cäpele gewicht worden“ (A.B. BB 7) Im Jahr 1624 wurde die Bickenkapelle neu aufgebaut.

27 Bei Abt Gaisser: Pater Jacob Wibelius, der nach den Aufzeichnungen des Abtes Gaisser am 17, März 1633 getötet wurde. „… Niedermachung des Feldpredigers des Obristen Aescher, Pater Jacob Wibelius …“.

28 Geschütz des 15./16. Jahrhunderts.

29 Entweder ein Fätschenkind oder eine Nachbildung des „Prager Jesuskindes“.

30 Teile des Stundengebetes.

31 A.B. BB 23a.

Quellen

A.B. BB 8. A.B. BB 7. A.B. BB 23a.

Tagebuch des Abt Michael Gaisser der Benediktinerabtei St. Georg zu Villingen. Bd. 1.

In maschinenschriftlicher Vervielfältigung, Auszug des Stadtarchivs Villingen.

 

 

 

Bildnachweis:

Kloster St. Ursula, Generallandesarchiv Karlsruhe.

 

Gotthard Glitsch zum Geburtstag (Helmut Kury)

In diesem Jahr wurde Gotthard Glitsch 70 Jahre alt. 23 Jahre bis zum Herbst vergangenen Jahres war er Vorsitzender des Kunstvereins Villingen- Schwenningen. Das ist Grund genug sein druckgrafisches Werk an dieser Stelle vorzustellen. Im Sommer hatte der Kunstverein seinem Ehrenvorsitzenden eine Sonderausstellung im Franziskanermuseum gewidmet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit im Kunstverein fand eine Neuorientierung der früheren Künstlervereinigung statt. Der eingetragene Verein bekam eine Satzung und der Name wurde geändert, dem politischen Zusammenschluss von Villingen und Schwenningen gemäß.

In diesen 23 Jahren fanden auch überregional bedeutende Ausstellungen unter Federführung des Kunstvereins VS statt. Höhepunkte waren während der Landeskunstwochen 1988 die Ausstellung „Imago“ in der Benediktinerkirche und 1993 zum 40-jährigen Bestehen des Kunstvereins die Ausstellung „Werkstoff Papier“. 1999 folgte zum 1000-jährigen Stadtjubiläum „Vergangenheit ist heute“ und schließlich zum 50-jährigen Bestehen des Kunstvereins 2003 „Quintessenz“. Durch seine ausgleichende, unverwechselbare Persönlichkeit hat Gotthard Glitsch eine ganze Generation hindurch dem Kunstverein Profil gegeben. Mit seinen Eröffnungsreden bei den Jahresausstellungen verstand es Gotthard Glitsch, die Besucher in seinen Bann zu ziehen. Denn so wie er als Radierer und Holzschneider seine Stichel und Messer präzise in die Platten eingegraben hat, versteht er es auch mit der Sprache meisterlich umzugehen und seine Reden zu Kunstwerken werden zu lassen.

1937 in Niesky in Schlesien geboren, lebte Gotthard Glitsch seit 1946 in Königsfeld. Nach dem Abitur 1956 machte er zunächst eine Lehre als Glasmaler in Rottweil. Von 1958 bis 1963 studierte er dann in Karlsruhe an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste bei HAP Grieshaber, Emil Wachter, Otto Laible und Walter Herzger. Von 1963 bis 1991 lebt er als Malerradierer in Königsfeld.

Die frühen Arbeiten des Gotthard Glitsch, mit kritzelicher, nervöser Strichführung ausgeführt, zeigen in Themen wie die „Jasager“, „Gigantenleben“, „Gefällter“ und „Angreifer“ umrisshafte Figuren. Die Körper sind verdreht, zeigen Aufruhr, überziehen das Blatt in wilden Bewegungen, zeigen den Künstler der sich widersetzt, der sich befreit, der seinen Weg sucht.

 

 

 

GLAK J/E: V:3. Ausschnitt: Belagerung der Stadt Villingen am 11. Januar 1633.

 

Janus, Radierung 1981.

In späteren Werken werden die menschlichen Figuren, die antikem Gedankengut entstammen, in geometrischen Mustern eingeengt. Sie werden in hell-dunkel ausgearbeitet und werden körperhaft. Es scheint, dass der Künstler durch die strenge rationale Umfriedung der Körper sich vor ausufernder Formfindung Grenzen setzt. Durch die Gegensätzlichkeit von organischer Körperlichkeit und geometrischen Strukturen, wirken die Bilder sehr direkt, provokant und befremdlich. Sie zeigen Einsamkeit und das auf sich Geworfensein des Menschen. Es ist der Balanceakt zwischen Körperlichem und Seelischem. Denkbilder nennt sie Gotthard Glitsch.

Ende der 1970er Jahre ist Glitschs Welt nach Milan Chlumsky eine Welt voller Klagen, voller Zweifel an der Gültigkeit des Wortes und des Symbols. Es entstehen die Radierungen „kleiner Gekreuzigter“, „Klage“, „Dulder“ und andere. Sie sind Ausdruck innerer Not und Fragen nach Sinn oder Nutzlosigkeit des Daseins.

1991 erfolgt der Umzug nach Heidelberg. Vom Schwarzwald mit seinen statischen Tannenwäldern zum Laubwald mit seinen Veränderlichkeiten durch Jahreszeiten, Wind, Wetter und Licht. Die menschliche Figur verschwindet aus seinem Werk, nach einer Phase von Aquarellstudien in der freien Natur entstehen ab 1989 die ersten Landschaftsradierungen und ab 1990 nur noch Landschaften.

Waldtritt, Radierung 1975

 

 

 

Confocale Liegende, Radierung 1976

 

Am Pfahl, Radierung 1980.

 

 

Kristallwuchs, Aquatinta 1997 (Ausschnitt).

 

Draußen in der Natur fand er alles vor, was er später in seinen Landschaftsradierungen bildhaft erfasste: Wolkenbilder, die Landschaftsveränderungen in den verschiedenen Jahreszeiten – Sturm, Regen und hundertfach atmosphärische Stimmungen. In unzähligen Bildern hat er die Dynamik und Dramatik von Wolkenbildern festgehalten. „Die ewige Dramaturgie von Dunkel und Helligkeit und die Kupferplatte ist die Probebühne solcher Licht- und Schattenspiele … Und so gilt die tiefste Neigung des Radierers der unaufhörlichen Wandlung der Platte.“ So schildert Gotthard Glitsch das Entstehen einer Radierung. Und auf eine weitere wichtige Sache weist er immer wieder hin. Der Radierer ist der einzig künstlerisch Tätige, der mit erneuter Ätzung oder Überarbeitung der Platte bis zum Endpunkt einer Reihe Zustandsdrucke entstehen lässt, die die Absicht des Künstlers verfolgen lassen. Gotthard Glitsch versteht es so, ganze Zyklen entstehen zu lassen, indem er mit meisterlicher Technik intuitiv und seiner Phantasie folgend Licht und Schatten verändert. Es gibt in seiner Arbeit ebenso wie in der Natur keinen Stillstand.Zu seinen Arbeiten sagt Gotthard Glitsch: „Nun weißt du es unwiderleglich, dass es Wandlung ist, die aller trägen Verhärtung entgegen, dein Tun fortan bestimmt. In jeder radierten Platte, wie in einem Auffangschirm wirst du sie aufscheinen lassen. Sie führt dich in die Brüderschaft, die Lichtgemeinschaft zu Pflanzen und Tieren und gewiss noch auf den Berg, der eine Wolke war und einen Stern gebiert.“ Wie schwierig die dauernde, ausschließliche Auseinandersetzung mit der Radierung sein kann, zeigt ein Gespräch mit ihm. Er beschreibt einen Zustand, in dem er nur noch schwarz-weiss sehen konnte. Farbe wurde von ihm völlig ausgeschlossen, das ging so weit, dass er nur noch nachts ins Freie gehen wollte. Vielleicht war das mit ein Grund, die Radierungen aufzugeben und sich den Farbholzschnitten und Linolschnitten zuzuwenden.

Es entstehen lichtdurchflutete Blätter, deren Entwicklung man an verschiedenen Zustandsdrucken gut erkennen kann. Er beschreibt diese Technik des Farbholzschnittes so: Der erste Abzug erweist sich als eine Art Grundierung, die durch kontrastierendes Überdrucken mittels einer zweiten oder dritten Platte eine vielfach gestufte Steigerung erfährt. In seinen Linolschnitten, die parallel dazu entstehen, entwickelt er eine Bewegungsdynamik, die in ihren Verdichtungen und Aufhellungen, in großzügigen Linienführungen spannungsreiche Bilderentstehen lassen. Zum Schluss soll der Literat noch zu Worte kommen: Ein Meister rascher Prankenschläge mit der Hand, der schlanken, präge ständig neu gewagte Zeichen, wo andre, leicht Verzagte, weichen. Ist es seiner Sicht gelungen wie empor ins Licht gesungen zeigt sich, was formenlos wild gebannt seit er es ins Bild gewandt.

Wünschen wir unserem Geburtstagskind noch viele Jahre solch schöpferischer Kraft!

Bergwoge, Radierung 1995

 

 

 

Rotunde – Zweiter Zustand von Drei, Radierung 1999

 

 

 

 

 

Stadtschlucht I, Radierung 1996.

 

 

 

 

Stadtschlucht II, Radierung 1996.

 

Stadtschlucht III, Radierung 1996.

 

 

Stadtschlucht IV, Radierung 1996.

 

 

 

 

Knochenleiter, Farbholzschnitt 2003.

 

 

 

Feuerschwingen, Farbholzschnitt 2004.

 

 

 

 

Herzstreben, Farbholzschnitt 2004.

 

 

 

Velum I, Farbholzschnitt 2005.

 

 

 

Hofkapelle am „Schleifehof“ erstrahlt in neuem Glanz (Lambert Hermle)

Glockengeläut hallt wieder durch das Warenbachtal

Abb. 1: „s’Schlifi-Käpelle“ bei der Glockenweihe.

 

 

Unweit vom Zusammenfluss vom Wieselsbach mit einem Bächlein, das vom Neuhäuslewald her seinen Weg findet und dann erst den Namen „Warenbach“ trägt, steht die Schleifekapelle. Die Villinger nennen sie liebevoll „s’Schlifi-Käpelle“. Ihren Namen hat dieses kleine Gotteshaus von dem jenseits des Warenbachs gelegenen „Schleife-Hof“. Heute ist der Hof ein Landwirtschaftsgut, doch zuvor diente er bis zum Jahre 1895 als „Grob- & Feinschleiferei“.

Die Kapelle wurde im Jahre 1848 von dem damaligen Besitzer der Schleife, J. Neininger, in Holz als Andachtskapelle für seine Familie erbaut.

Darin verehrte man ein Kreuz, das seit Beginn des 19. Jahrhundert als „wundertätig“ galt und als Wegkreuz vor dem Hofe stand. Der Volksmund erzählt, dass eine besorgte Mutter mit ihrem vierjährigen blinden Kind aus Pfaffenweiler den Weg zu diesem Wegkreuz gegangen sei um Hilfe zu erbitten. Am selbigen Abend habe ihr Kind das Augenlicht wieder erlangt. Doch soll dieses wundertätige Kruzifix im Jahre 1883, als die Kapelle in Stein neu errichtet wurde, abhanden gekommen sein. Die dem Schutzpatron der Bauern und Hirten, dem heiligen Wendelin, geweihte Kapelle kam im Jahre 1986 in den Besitz der Familie Willi und Gertrud Hirt, die den Schleifehof heute noch bewirtschaftet. Ihr innigster Wunsch war es, die Kapelle wieder so herzurichten wie es einer Hofkapelle gebührt. Und dazu gehörte, ihrer Meinung nach, auch eine Glocke. Mit dem Glockengießermeister Peter Glasbrenner aus Schwäbisch Hall wurde der geeignete Fachmann gefunden und somit konnte im Juni 2006 auf dem Bauernhof der Familie Hirt eine neue Glocke gegossen werden. 20 Kilogramm schwer ist sie, mit einem Durchmesser von 30 Zentimeter. Auf der Wandung ist das Gießdatum mit einem Kreuz zu sehen.

Der dazu gehörige Glockenturm wurde in das neu eingedeckte Dach eingebaut. Die Bänke sind frisch gestrichen, der Boden sauber gefliest, die Außenwände neu verputzt und gestrichen und das Regenwasser findet wieder seinen gewohnten Lauf. Selbst die Bilder, die auf dem Dachboden lagen, wurden restauriert und so zieren sie, die heilige Agnes und die heilige Apollonia darstellend, den schmucken Innenraum der Hof- und einstigen Wallfahrtskapelle. Über dem Altar ist die Kreuzigungsgruppe mit einem mannsgroßen Kruzifix und zwei Bildtafeln mit der Gottesmutter Maria und dem Lieblingsjünger Johannes zu sehen. Dieser Korpus stammt von einem Kreuz, das einst auf dem Villinger Friedhof gestanden haben soll.

Der gelungenen Gesamtrenovierung folgte an einem sonnigen Maitag 2007 die Glockenweihe und Neueröffnung der „Schlifi-Kapell“. Pfarrer Werner Bauer von der benachbarten St. Konradspfarrei weihte die neue Glocke und versetzte die zahlreich anwesenden Gläubigen in die Sphäre einer „Bergpredigt“. Von den Seligpreisungen in der biblischen Bergpredigt (Matthäus 5, 1–12) ging der Seelsorger vor allem auf die siebte ein: „Selig sind die, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden“. So soll die Glocke, die auf den Ton „F“ gestimmt ist, ihren Ruf durch das stille idyllische obere Warenbachtal erschallen lassen, die Menschen zum Frieden ermahnen und zum Friedensgebet aufrufen.

Abb. 2: Links die geschmückte Glocke, rechts bei der Montage im Glockenturm.

 

 

 

Abb. 3: Glockenweihe.

 

Das Kirchlein, das sicher eine Bereicherung des Landschaftsbildes ist, soll aber nicht nur als schmuckes christliches Denkmal am Weg- und Waldrand stehen, sondern Passanten und Besuchern zu einer stillen Besinnung und Andacht einladen. Den Besitzern der Hofkapelle, Willi und Gertrud Hirt, ist es ein Bedürfnis, regelmäßig am Samstagmittag um 12 Uhr das bevorstehende und wohlverdiente Wochenende einzuläuten und die Kapelle für die Gläubigen zu öffnen.

Mit dem renovierten „Schlifikäpple“ ist ein echtes Zeugnis Villinger Volksfrömmigkeit wieder lebendig gemacht und in den Blickpunkt gerückt worden.

 

Abb. 4.

 

 

Abb. 5

 

 

Abb. 6.

 

 

 

Zu einem Festtag für die Villinger Christen wurde die Glockenweihe an der renovierten Kapelle beim Scheifehof im oberen Warenbachtal. Eine beachtliche Zahl Gläubiger aus der ganzen Stadt nahm an der Feier im Mai 2007 teil, freute sich über das wohlgelungene Werk und lobte die Initiative der Familie Willi Hirt, die nicht nur dafür gesorgt hat, dass das kleine Gotteshaus wieder in neuen Glanz erstahlt, sondern auch eine neue Glocke gestiftet hat.

Aus Bronze gegossen ist die neue Glocke der Schleifekapelle. 20 Kilogramm wiegt sie und hat einen Durchmesser von 30 Zentimetern. Für die Weihe am 19. Mai 2007 stand sie schön geschmückt vor dem Kirchlein. Nach der Weihe wurde sie vom Erbauer des neuen Glockentürmchens, Zimmermeister Bernd Bucher (rechts) und Martin Hirt, dem Sohn des „Schlifebauern“ Willi Hirt, auf dem neu eingedeckten Kirchendach montiert und anschließend zum erstem Mal geläutet (Abb. 2).

Abb. 7.

 

Glockenweihe (Abb. 3): Mit Weihwasser und Chrisamöl gaben Pfarrer Werner Bauer (rechts) und Pfarrer Alfons Weißer der Glocke den kirchlichen Segen.

Zahlreiche Christen aus der ganzen Stadt nahmen an der festlichen Maiandacht zur Wiedereröffnung und Glockenweihe der renovierten Schleifekapelle teil (Abb. 4).

Alle Blicke gingen zum Himmel, als zum ersten Mal das Geläut des neuen Glöckchen vom Dachreiter der Kapelle über das idyllische Tal am oberen Warenbach erklang (Abb. 5).

Der Altar der Schleifekapelle (Abb. 6) mit der Kreuzigungsgruppe, dem großen Kruzifix und den Bildern der Gottesmutter und des Apostel Johannes, den Medaillons des heiligen Wendelin, Schutzpatron der Bauern, Hirten und der Tiere (links) und des heiligen Ambrosius, des Patrons der Bienenzüchter, Wachszieher und der Bienen.

Große Bilder der heiligen Märtyrerin Agnes (Patronin der Zahnärzte und Helferin bei Zahnschmerzen) und der heiligen Apollonia (Patronin der Jungfrauen, Verlobten, Kinder und der Gärtner) wurden fachkundig restauriert und schmücken nun die Seitenwände der Schleifekapelle (Abb. 7).