Stadtfarben und Wappen (Gerhard Graf)

Grundsätze am Beispiel von Villingen

Im Jahresheft XXIV wurde ab Seite 108 der Gemeinschaftsbeitrag von K. Haas und S. Rösch „Die Stadtfarben der Stadt Villingen“ abgedruckt. Dazu bemerkt Gerhard Graf:

Die Anordnung Farben und Figuren in den Stadtfarben und Wappen setzt die Kenntnis von Regeln voraus, ohne die eine heraldisch korrekte Darstellungsweise nicht möglich ist.

Was sind Stadtfarben?

Seit jeher wurden von Einzelpersonen und Menschengruppen Farben eingesetzt um sich bereits von weitem durch ein unverwechselbares Unterscheidungsmerkmal als Freund oder Feind zu erkennen zu geben. Für die Stadt sind dies die Stadtfarben.

Stadtfarben sind von links nach rechts oder von oben nach unten angeordnete Farben – ausgehend von der Halterung (Mast, Stange oder dgl.).1

Die Stadtfarben werden auf das Schild = Wappen

(-Schild) spiegelbildlich übertragen.

 

 

 

So würden die Stadtfarben auf einem Wappen aussehen.

Ein Wappen aus jener Zeit ist nicht belegt.

So sahen die Villinger 1388 ihre Stadtfarben noch in der Schlacht bei Näfels in der Schweiz.

 

 

 

 

 

 

Die Stadtfarben auf einer Fahne aus der Zeit zwischen 1388/ 1415 und 1530 sind in der rechten Abbildung auf ein Wappen übertragen.

Was ist ein Wappen? Als heraldisch richtig anzusprechen ist ein Wappen erst dann, wenn es in einem Schild geführt wird. Das Wort „Wappen“ wurde im Mittelalter aus dem Niederländischen ins Deutsche entlehnt und ist stammverwandt mit „Waffe“. Hier wird deutlich, dass das „Wappen“ seinen Ursprung in der Bewaffnung, genauer gesagt, in der Welt des mittelalter lichen Rittertums hat. Für den in seiner Rüstung steckenden Ritter war es unabdingbar, sich bereits von weitem durch ein unverwechselbares Unterscheidungsmerkmal als Freund oder Feind zu erkennen zu geben. Hierbei bot sich das Schild als geeignetste Fläche an ein solches Zeichen anzubringen.

Die Bildmotive (z. B. Blickrichtung des Adlers) und die farbliche Reihenfolge auf dem Schild werden grundsätzlich vom Schildhalter aus betrachtet bzw. erklärt – dies ist eine heraldische Grundregel.2

Die Wappenmotive sind vom Wappenträger abgewandt und werden dem Gegenüber entgegen gehalten. Daher ist aus der Sicht des Wappenträgers beim Villinger Wappen, vorne silber (weiß)

– hinten blau.

 

 

 

Für den Wappenträger ist die Farbe Silber vorne.

Aus der Sicht seines Gegenübers befinden sich die Farben Blau auf der rechten und Silber auf der linken Seite. Auch die „Blickrichtung“ des Adlers ist dieser Betrachtungsweise unterworfen.

 

Heraldische Beschreibung (Blasonieren)3 gespalten:

Farbanordnung im obigen Beispiel: Silber (Weiß) – Blau

 

 

 

 

 

Kopie der Villinger Wappentafel (um 1800)

Dem Künstler ging es vermutlich nicht um eine heraldisch korrekte Wiedergabe, oder, er hat die ihm genannte Farbanordnung falsch interpretiert.

geteilt:

 

 

 

 

 

 

Farbanordnung im obigen Beispiel: Blau – Silber (Weiß)

Im Wappenbuch des Landkreises Villingen wird das Wappen vor 1530 so beschrieben: Das vor 1530 nachgewiesene Wappen zeigte einen von Silber und Blau gespaltenen Schild, in dessen hinterem Feld einen silbernen Balken.4

Nach dieser Beschreibung muss das Wappen so ausgesehen haben: Mit diesem Wappen ritt Junker Betz nach Augsburg und kam mit dem neuen Wappen zurück.

 

 

 

 

 

Das alte Wappen war mit dem Empfang des neuen Wappens erloschen.

Es erfolgte also keine Änderung der Farbanordnung.

Die Villinger erhielten mit der Verleihungsurkunde vom 10. 08.1530 ein herrliches neues Wappen: Mit Brief, Siegel und eigenhändiger Unterschrift verlieh Ferdinand seiner „stat Villingen und alle ir nachkommen in ewig zeit“ ein „verendert, gezirt und gepessert“ Wappen.

Gegenüber dem älteren, einem weiß-blau gespaltenen Schild, das blaue Feld geteilt durch einen weißen Balken, enthielt es ein …nemlich das hinder plab (Blau) oder lasurfarb und vordertheil weis oder silberfarb …5 gespaltenes Schild, darauf ein nach rechts gewendeter roter Adler mit goldenen Fängen.

Die Autoren in Heft XXIV glauben, dass der Heraldiker von König Ferdinand einen Darstellungsfehler beging. Dieser aber hat die Stadtfarben korrekt übernommen und heraldisch richtig umgesetzt.

Wie man aus den nächsten beiden Abbildungen erkennen kann, wurde das Romäusbild (1981) erneuert.

 

 

Das linke Bild zeigt die alte Darstellung. Im Bildhintergrund ist eine Farbgebung zu erkennen – rechts die blaue (dunkle) links die silberne (weiße) Farbe. Da sich diese Farbanordnung auf einer normalen Fläche und nicht auf einem Schild befindet unterlag der damalige Künstler einem Betrachtungsirrtum – sie wurde seitenverkehrt dargestellt. Anders auf dem rechten Bild: die Stadtfarben von 1415 wurden vom Villinger Künstler Manfred Hettich auf ein Schild übertragen. Es ist somit ein Wappen und heraldisch korrekt wiedergegeben.

Wappen am Haus Färberstraße 44.

 

Die Behauptung der beiden Autoren Haas und Rösch auf Seite 108, Herr Hettich hätte das alte Wappen falsch dargestellt, entbehren aus obigen Gründen jeder Grundlage.

 

Wappen an einem Erker in der Oberen Straße.

Hier, wie am Haus Färberstraße 44, unterlag der Künstler bei der Wiedergabe des alten Wappens einem Wahrnehmungs bzw. Betrachtungsirrtum.

Die Herren Haas und Rösch meinen auf Seite 108, es sei im Prinzip egal, ob man die Farbanordnung mit blau-weiß oder weiß-blau anspricht.

Das ist ein Irrtum.Wie man aus den vorstehenden Ausführungen ersehen kann, ist die Betrachtungsweise der Farbanordnung heraldischen Regeln unterworfen die nicht frei ausgelegt werden dürfen.

Die Darstellung der Farbanordnung durch Rösch/Haas auf Seite 108, Jahresheft XXIV, als Ableitung aus der Fahne in Näfels, entspricht nicht den Regeln. Die Fahne hat eine geteilte Farbanordnung (s. oben), die Darstellung von Haas/ Rösch ist dagegen heraldisch gespalten.

In der Regel beruht der Irrtum der Wappenwiedergabe in der Vergangenheit und der Gegenwart auf einer falschen Betrachtungsweise bezüglich der Seitenzuweisung dieser heraldischen Farben.

Dies gilt auch bei der Darstellung von Fahnen, Flaggen und sonstigen bildlichen Wiedergaben.

Quellen:

1 Diesen Hinweis erhielt ich von Herrn Archivdirektor Dr. Herwig John, Generallandesarchiv Karlsruhe.

2 Dr. Herwig John in: Wappenbuch Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, 1994, Seite 15; ders. In Wappenbuch des Landkreises Karlsruhe, 1986, Seite 13.

3 Leonhard, Walter in: Das große Buch der Wappenkunst, Welt bildverlag Augsburg, 2000, S. 348.

4 Dr. Zier in: Wappenbuch des Landkreises Villingen, Hg. Lkr. Villingen im Auftrag des GLA Karlsruhe, Kohlhammer-Verlag Stuttgart, 1965, Seite 115.

5 wie 4., Seite 120.

 

Roter Adler – Schwarzer Adler (Gerhard Graf)

Wie kommt der Adler auf das Villinger Wappen?

1520 hatte Papst Leo X. der Annahme des Titels „Erwählter Römischer Kaiser“ durch den Habsburger Karl V. (*1500 †1558) zugestimmt. Dieser regierte von Spanien aus, wo er 1516 als Karl I. den Thron bestiegen hatte. Sein Bruder Ferdinand, Erzherzog von Österreich (*1503 †1564), erhielt von ihm vertraglich am 28. 04.1521 einen Teil seiner Herrschaft in den österreichischen Ländern. Im Vertrag von Brüssel am 07. 02.1522 wurde Ferdinand außerdem die Herrschaft über Oberitalien, Tirol und die Vorlande zugeschlagen.

In den Vorlanden (= Vorderösterreich) lag die Stadt Villingen. Somit war Ferdinand ihr Landesherr und die Villinger Bürger seine Untertanen geworden. Mit den Verträgen von 1521 und 1522 wurde praktisch die Teilung des habsburgischen Besitzes in eine spanische und eine österreichische Linie vollzogen. Der Machtwechsel erfolgte nicht ohne Reibungsverluste.

Erzherzog Ferdinand sah sich bei seinem Regierungsantritt in den österreichischen Ländern großen Schwierigkeiten gegenüber. Die Stände und politische Gegenspieler rebellierten.

Ferdinand griff hart durch. Aufständische Anführer wurden hingerichtet. Wechselseitiges Treueverhältnis, begründet auf der Huldigung der Untertanen und den Zusagen des Stadtherrn, bedurfte neben der Gewährung von Rechten und Erfüllung von Pflichten gelegentlich eines sichtbaren Zeichens der Huld des Landesherrn. Anlässlich des Reichstages in Regensburg kam es in einer Urkunde vom 10. August 1530 dazu.

Mit Brief, Siegel und eigenhändiger Unterschrift gewährte Ferdinand seiner „stat Vilingen und alle ir nachkommen in ewige zeit“ ein „verendert, gezirt und gepessert“ Wappen. Als Grund erfahren wir, dass „…zeither unsrer regirung, als nemlich in der gemainen aufruer und emperung im nächstverschinen fünfundzwaintzigsten jar (Anmerkung:

Bauernkrieg 1525) vergangen und dann seidther im zwispalt und missverstandt unsers hailigen, cristenlichen glaubens…“ die Stadt sich glaubensgetreu, beständig, untertänig, gehorsam und vorbildlich erwiesen habe.

Als äußeres Zeichen wurde nun vom Landesherrn dem bisherigen blau-silbernen Wappen neben Helmzier und „aufrecht am volkomner phawenswantz“ (Anmerkung: ein Wulst aufrecht stehender Pfauenfedern in natürlichen Farben) ein roter Adler, nach rechts gewendet mit goldenen Fängen, als Gunst hinzugefügt.

Es ist also der rote Adler einer Zuwendung des Landes- und Stadtherren für Verdienste und Solidarität der Bürger zu verdanken.

Die neue Wappenkombination wird als sogenanntes Gnadenwappen angesprochen. Ferdinand war zum Zeitpunkt seiner Wappenverleihung am 10. August 1530 noch Herzog von Österreich. Erst am 05. Januar 1531 wurde er in Köln zum römisch-deutschen König gewählt und sechs Tage später als Ferdinand I. in Aachen gekrönt. (1556 wurde er nach Abdankung seines Bruders Karl V. auch „Römischer Kaiser“.) Anfangs des 15. Jahrhunderts wurde der Doppeladler (zwei Köpfe) zum Wappentier des Kaisers und versinnbildlichte die übernationale Reichsidee. Der einköpfige Adler dagegen galt als Symbol des deutschen Königtums. Es war die von Kaiser Sigismund aus dem Hause Luxemburg (*1368 †1437) sanktionierte Auffassung, dass der Adler des Kaisers zwei Köpfe habe, der des künftigen Kaisers (König) dagegen sich mit einem Kopf zu begnügen habe. (Der römisch- deutsche Kaiser, der Habsburger Franz II., hat den Doppeladler in seiner Eigenschaft als zweifacher Kaiser, nämlich zusätzlich als Franz I. von Österreich, als Symbol der Kaiserwürde aus den Ruinen des verfallenden Reiches ins heutige Wappen der Republik Österreich, 1804/1806, hinübergerettet.) Die Adlersymbole des Königs und des Kaisers sind in der heraldischen Farbe Schwarz ausgeführt.

Wir finden den schwarzen Adler immer wieder in den heutigen Wappen einstiger reichsunmittelbarer Städte (Reichsstädte). Diese leisteten ihren Huldigungseid nur dem König bzw. Kaiser und zahlten ihm eine Reichssteuer. – Da Ferdinand zur Zeit der Wappenverleihung an seine Stadt Villingen weder König noch Kaiser war konnte er also nur ein Wappen seiner Herrschaft verleihen.

Es war aber nicht das österreichische Gesamtwappen der habsburgischen Gebiete: rot/weiß (silber)/rot sondern am Ort seines Regierungssitzes Innsbruck der mit dem Kopf nach rechts gewendete rote Adler der tiroler Linie des Hauses Habsburg.

So führen noch heute die Tiroler und, inzwischen als Nostalgie, die Villinger das ehemalige landesherrliche Wappen den roten Adler im Schilde.

Zusätzliche Literatur:

R. Reifenscheid, Die Habsburger in Lebensbildern, Verlag Styria

1982; einigkeit und recht und freiheit, nationale Symbole …‚ Herausgeber Bundeszentrale f. pol. Bildung, 1985.

Werner Huger, Erläuterungen zum Titelbild des Jahresheftes XII,

1987/88, Geschichtsund Heimatverein Villingen, Seite 1.

 

Eisenbahnromantik einmal anders (Gerhard Graf)

am Beispiel der Elektrifizierung der Schwarzwaldbahn

Als begeisterter Eisenbahner erhielt ich im Frühjahr 1974 den Auftrag bei der bereits in vollem Gange befindlichen Elektrifizierung verantwortlich mitzuwirken. Was konnte mir als altem Villinger schöneres passieren, als vor der Haustüre meiner alten Heimatstadt an der Elektrifizierung der Schwarzwaldbahn mitzuarbeiten.

Im Mai 1974 übernahm ich die Aufgabe, die Tunnel im Streckenabschnitt von Triberg bis Sommerau zu sanieren. Einige Tunnel waren bereits fertiggestellt bzw. sollten erst nach meinem geplanten Einsatz von 4-5 Monaten begonnen werden.

Die Gesamtverantwortung für die bautechnischen Arbeiten der Elektrifizierung lag bei einem Projektleiter, in Personalunion Dezernent 43 der damaligen Bundesbahn-Direktion (BD) Karlsruhe, vertreten vor Ort im Baubüro Triberg durch Herrn Mattmüller. Das Baubüro lag im 2. Stock des alten Bahnhofs (Bf ) Triberg.

Bevor ich jedoch meine Arbeit aufnehmen konnte musste ich mir, fernab meiner neuen Heimat Karlsruhe, ein Quartier für die „Nacht“ suchen. Diese Unterkunft fand ich in Hornberg, einer DB-eigenen Immobilie, geeignet zum Schlafen, direkt hinter dem pulsierenden Bahnhof. Der Zimmer- und Frühstücksservice war preisangemessen und lag somit in (m)einer Hand. Wie Sie später noch sehen werden, hätte ich einen verbesserten Service gar nicht genießen können.

Am Morgen des ersten Tages meines Dienstantritts stellte ich mich bei meinen Kollegen im Büro Triberg vor und ließ mich über die Art und den Umfang meiner Arbeit informieren.

Bepackt mit vielen technischen Unterlagen und der Vorfreude auf meine Arbeit verließ ich Triberg und machte mich auf den Weg zu meinem eigenen Baubüro oberhalb von Nussbach.

Das Büro, war schon von meinem Vorgänger eingerichtet und herrlich gelegen. Ringsum Wald und nach Westen ein schöner Blick auf Nussbach.

 

Abb. 1 Streckenführung zwischen Niederwasser und Nussbach (Sommerautunnel). Ausschnitt aus meiner Höhenkarte „Schwarzwald-Baar“ 1 Bahnhof, 2 Großer Triberger, 3 Gremmelsbach-Tunnel, 4 Farrenhalde, 5 Sommerau-Tunnel

 

Es war später Nachmittag als ich meine Unterlagen gesichtet und für den ersten Arbeitstag vorbereitet hatte, als gegen 19 Uhr meine Kollegen von den beteiligten Baufirmen durch die Türe kamen. Nach einer kurzen Vorstellung besprachen wir die Maßnahmen des kommenden Arbeitseinsatzes. Einer der Bauführer kam sogleich mit einem Problem, dessen Tragweite für mich zunächst nicht zu übersehen war: der Baubetrieb wird in Königsfeld massiv behindert – darüber weiter hinten.

Als Robert Gerwig am 23.12.1865 die Trassierung der Schwarzwaldbahn endgültig festlegte, musste er, zur Überwindung von 471 m Höhenunterschied zwischen Hornberg und Sommerau, 37 Tunnels anlegen (insges. 39). Die Tunnels wurden seit der Inbetriebnahme der Schwarzwaldbahn am 10.11.1873 mit Dampfab den späten 1950er Jahren auch mit Dieselloks befahren. Die zukünftig in Einsatz kommenden E-Loks benötigten gegenüber den Dampf-Loks mehr „lichten Raum“ d. h. mehr Platz in der Höhe. Die Fahrdrahtkonstruktion musste in diesem lichten Raum berücksichtigt werden (s. Abb. 2).

Damit dieser Mehrbedarf an Raumhöhe erreicht werden konnte, musste entweder das Gleis abgesenkt oder das Tunnelgewölbe höher gesetzt werden. Bis auf den „Kleinen Triberger“, direkt hinter dem damals schienengleichen Bahnübergang in Triberg und der Straßenbrücke (heute B 33) gelegen, wurden alle Gleise in den Tunnel tiefer gelegt.

 

Abb. 2 Regellichtraumprofil

Der Zugbetrieb musste grundsätzlich aufrecht erhalten werden, dadurch konnte jeweils nur ein Gleis abgebaut werden. Dies geschah in aller Regel mit einem Kran der die auf 15 m geschnittenen Gleisabschnitte (Joche) von dem Betriebsgleis aufnahm und es entweder auf einen mitgeführten Rungenwagen auflud oder in einiger Entfernung seitlich zwischenlagerte.

Bei der Tunnelsanierung ging es u. a. darum, das vorhandene Tunnelgewölbe zu sichern bzw. neu zu erstellen. Gleichzeitig musste die durch das Abtiefen der Gleise freigelegte tiefere Tunnelwandung gesichert werden (s. Abb. 3).

Die Tunnelwände wurden zum großen Teil mit dem aus dem anstehenden örtlichen Fels herausgebrochenen und behauenen Triberger Granit vermauert. Hierbei entstanden hinter dem Mauerwerk Hohlräume in denen sich Wasser sammeln konnte.

Damit das Mauerwerk und der dahinter anstehende Fels dauerhaft stabilisiert werden konnte, mussten die Hohlräume, Mauerungen und Fels mittels hochfestem Beton gesichert werden.

Die Hohlräume hinter dem Mauerwerk wurden mit Beton verpresst. Beginnend von unten nach oben wurden im Abstand von jeweils 2 m Löcher in die Mauerwerksfugen gebohrt und durch Luftdruck mittels einer Lanze der Beton eingebracht. Der Beton wurde solange in das Loch hineingepresst, bis es aus den anderen Öffnungen wieder austrat. Diese Bohrlöcher wurden sofort mit Stöpseln provisorisch verschlossen.

 

Abb. 3 „Verbautes“ Gleis in ursprünglicher Höhe, rechts im Bild ist die nach unten verlängerte Tunnelwand mit Felsanker zu sehen, die Tunnelsohle ist hier um 50 cm gegenüber dem noch vorhandenen Gleis abgesenkt.

 

Nach dem Aushärten des Betons wurden die Provisorien entfernt und die Mauerfugen ausgebessert. Die Tunnelabschnitte die nicht vermauert waren erhielten zur Stabilität des Felses einen Spritzbeton-Mantel. In dem Felsgewölbe wurden Stahlmatten verankert und mittels Druckluft mit Beton bespritzt (Spritzbeton).

Damit Sie eine Vorstellung vom Umfang der Bohrarbeiten bekommen darf ich Ihnen ein kleines Rechenbeispiel geben: Ein 100 m langes Tunnel hat eine ca. 2300 m2 große Wandfläche, d. h. bei durchgehender Vermauerung mussten 575 Bohrlöcher gebohrt werden.

Die Gesamtlänge aller Schwarzwaldbahntunnel beträgt 10687,22 m, das sind 245800 m2 Wandfläche in die 61450 Bohrlöcher gebohrt warden mussten – davon im Abschnitt Hornberg-Sommerau 55200. Da nicht alle Tunnel auf voller

Länge vermauert waren dürfen wir ca. 10 % der eben errechneten Bohrlöcher abziehen.

Wie Sie sehen, allein diese Arbeiten erforderten einen hohen Aufwand an Material und Zeit.

Es war ein schöner, sonniger Tag an dem ich meine Arbeit an der Schwarzwaldbahn aufnahm. Ich wusste, dass auf mich ein sicherlich strapaziöser Arbeitseinsatz im Schwarzwald wartet. Meiner guten Laune tat dies absolut keinen Abbruch – ich war im Schwarzwald, dazu noch vor den Toren meiner alten Heimatstadt Villingen – ich war einfach zufrieden.

Um die Bauarbeiten durchführen zu können, mussten die Baugeräte und -Stoffe mit einem Arbeitszug zur Baustelle gebracht werden. Ein Arbeitszug (Az) bestand aus der Zuglok und mehreren Niederflurwagen auf denen die Arbeitsgerüste, alle Baugeräte und -stoffe mitgeführt wurden.

Da der Zugverkehr am Tag eine zu hohe Frequenz aufwies, wurden die Bauarbeiten in die Nachtstunden verlegt: das noch vorhandene Gleis wurde ab 20 Uhr bis 6 Uhr für alle Züge gesperrt – es wurde somit zum Baugleis erklärt. Keine Regel ohne Ausnahme: gegen 2 Uhr musste der Postzug durchgelassen werden.

Die Arbeitszüge wurden für meinen Abschnitt nach den Arbeitseinsätzen auf den (östlichen) Rampengleisen in Peterzell-Königsfeld abgestellt und ab 14 Uhr mit Sand, Zement und Wasser beladen kamen von dort wieder in Einsatz. Sand und Zement wurden in geschlossenen Wagen zum Bahnhof Peterzell-Königsfeld gebracht und auf den (westlichen) Abstellgleisen bereitgestellt. Zwischen den östlichen und westlichen Abstellgleisen waren die Betriebsgleise auf denen tagsüber die Züge verkehrten.

Kurz nach 19 Uhr, ich hatte mich zuvor bei Frau Allgeier in der benachbarten Gaststätte „Himmelspforte“ gestärkt, machte ich mich auf den Weg zum Farrenhalde-Tunnel oberhalb von Nussbach. Nach einer viertel Stunde Fußmarsch war ich am Tunnel und erkundete vor Ort den erforderlichen Arbeitsumfang und deren Bedingungen.

Es war 20 Uhr. Das Gleis sollte jetzt für die Bauarbeiten gesperrt sein – ich ging zum Streckenfernsprecher (ein Handy oder Funk hatten wir damals nicht) und vergewisserte mich, dass dies auch geschehen ist. Ich erhielt vom zuständigen Fahrdienstleiter des Bf Peterzell-Königsfeld die verbindliche Bestätigung der Gleissperrung.

 

Abb. 4 Abdichtungsarbeiten an den Tunnelgewölben.

 

Nach dieser Meldung konnte ich die am Tunnelportal wartenden Arbeitskräfte der bauausführenden Firmen in den Gleisbereich treten lassen. Sicherungsposten, wie bei einem zweigleisigen Betrieb benötigt, waren in unserem Falle nicht vorhanden, somit lag die Sicherung der Arbeiten bei mir.

Nun kann der Arbeitszug von Königsfeld kommen. Sein Weg bis zur Baustelle beträgt ca. 10 Km, bei der in diesem Streckenabschnitt mit einer Steigung/Gefälle von 1:54 (1,84 %), für Arbeitszüge zulässigen Geschwindigkeit von 30 Km/h, müsste der Az spätestens um 20:30 Uhr hier eintreffen. Um 20:45 Uhr lief ich zum Fernsprecher und erkundigte mich beim Fahrdienstleiter (Fdl) nach dem Verbleib des Arbeitszuges. Ja, bekam ich zur Antwort, der hat Verspätung, weil der Sand und der Zement noch nicht ganz aufgeladen ist.

Ich befragte ihn nach den Gründen und musste feststellen, dass aus betrieblichen Gründen der Arbeitszug statt geplant um 14 Uhr erst gegen 16:30 Uhr aufgerüstet werden konnte. Er erklärte mir auch, dass er bei Tag alle Hände voll zu tun hätte. Die Strecke zwischen Hornberg und Sommerau ist zur Zeit weitgehend eingleisig.

Nur an geeigneten Streckenabschnitten zwischen den Tunnel wurden signalisierte Ausweichstellen eingerichtet um die Züge, nicht nur in den Bahnhöfen, sondern auch auf der freien Strecke aneinander vorbeileiten zu können. Als Fahrdienstleiter darf er wegen einer Rangierfahrt kein Verspätungsrisiko für Planzüge eingehen.

Das geplante Arbeitspensum lässt sich bei diesen Bedingungen nicht durchführen, das war mir sofort klar. Hier war sofortiger Handlungsbedarf angesagt. Gleich nach Arbeitsende (6 Uhr) werde ich mich darum kümmern müssen.

Um 22 Uhr traf der Az auf der Baustelle ein, jetzt endlich konnte mit der Arbeit begonnen werden. Da die Bohrlöcher bereits vorhanden waren ging es heute an das Verpressen. War es bis dahin noch ein ruhiger, angenehm warmer Maiabend so änderte sich dies schlagartig bei der Einfahrt der Diesellok in den Tunnel. Eine dichte, bläuliche Fahne durchschnitt die klare Luft und verdichtete sich im Tunnel zu einer fast undurchdringlichen Wolke. Ich begleitete ab dem Tunnelportal den Zug zu Fuß auf der bereits abgesenkten Tunnelsohle, so konnte ich wenigstens den unteren Teil des Zuges in diesem Nebel klar erkennen. Die auf den Wagen montierten Strahler tauchten die Arbeitsfläche in gleißend helles Licht, jedoch 50 m davon entfernt konnte man die Hand vor seinen Augen nicht mehr erkennen.

Kurz nach seiner Einfahrt war der Zug in dem 313,32 m langen Farrenhalde-Tunnel an seinem Arbeitsabschnitt angekommen. Die Mischmaschine für den Beton wurde angelassen, Sand, Zement und Wasser wurden zugeführt. Es staubte, lärmte und stank in diesem Tunnelloch als wollte es mit der Unterwelt konkurrieren.

Abb. 5 Mischmaschine für die Zementinjektionen.

 

Um auf die Arbeitsplattform zu gelangen, musste ich zunächst im Halbdunkel des Zuges von der Tunnelsohle auf das ca. 80 cm höher gelegene Baugleis klettern und von dort über Steighilfen am Wagen an mein Ziel zu gelangen.

Ich überprüfte vor der Einpressung des Betons die erforderliche 50 cm Bohrtiefe und ließ danach mit den Verpressarbeiten beginnen. Die Betongüte konnte ich vor Ort nicht überprüfen. Für diese Prüfung wurden ohne Vorankündigung von mir Proben des Betons entnommen und an die Baustoffprüfstelle in Karlsruhe geschickt. Die Firmen (in der Regel in einer Arbeitsgemeinschaft (ArGe) zusammengeschlossen) hielten sich, schon wegen drohenden Regressstrafen, peinlichst an die vorgeschriebene Betongüte.

In meine Arbeit vertieft, vergaß ich fast auf meine Uhr zu schauen – sollte doch laut Fahrplan um 2 Uhr der Postzug von Offenburg nach Konstanz durchgelassen werden. Es war kurz vor 1 Uhr, also noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Unterbrechung der Arbeiten. Um 1:20 Uhr verständigte ich den anwesenden Bauführer von der geplanten Abfahrt des Az und gab 5 Minuten später dem Arbeitszugführer den Abfahrauftrag der ihn an den Lokführer weitergab. Der Arbeitszug setzte sich daraufhin Richtung Peterzell-Königsfeld in Bewegung.

Der beißende Gestank der Abgase im Tunnel verflüchtigte sich nur langsam. Es war kein Lüftchen zu spüren der diese hinterlassene Wolke im Tunnel vertreiben konnte. Ich ging mit raschen Schritten aus dem Tunnel zum Fernsprecher um dem Fahrdienstleiter in Peterzell die Abfahrt des Az zu melden. Mit Beruhigung vernahm ich zunächst, dass der Postzug pünktlich ist und daher mein Arbeitszug um 2:05 Uhr in Königsfeld abfahren und gegen 2:35 Uhr wieder im Farrenhalde-Tunnel eintreffen könnte.

Der Nachsatz des Fahrdienstleiters brachte mich fast aus der Fassung: um 2: 45 Uhr ab Peterzell- Königsfeld ist ein außerplanmäßiger Militärzug von Singen nach Straßburg eingelegt, d. h. früheste Ankunft meines Az um 3:15 Uhr. Mit Verzögerung zu Arbeitsbeginn vermindert sich die Arbeitszeit jetzt bereits um 21/2 Stunden – von einer geplanten Arbeitszeit von effektiv 8 Stunden verbleiben nur noch 51/2 Stunden. Diese verlorene Zeit kann ich selbst in den nächsten Tagen nicht aufholen.

Auf meinem Weg zu meinem Baubüro genoss ich den sternklaren Nachthimmel und die herrlich saubere Luft. Aus der Ferne, unten bei Triberg vernahm ich das Geräusch eines ebenfalls abfahrenden Arbeitszuges aus einem anderen Tunnel Richtung Triberg.

Die Zeit zwischen Abfahrt und Ankunft des Arbeitszuges nutzte ich um meine umfangreichen Aufschreibungen zu erledigen: Notierungen in mein Dienstbuch, vorbereitende Eintragungen im Bautagebuch, Bautagesberichte, Firmen-Stundenzettel, Baupläne fortschreiben, technische Berechnungen, Prüfung der Materiallieferungen, Dienstreisetagebuch und persönliche Stundennachweise vorbereiten usw.. Zur Zeit meiner Tätigkeit war die DB noch eine Behörde. Daraus folgerte zwangsläufig ein anderer Formularaufwand gegenüber einem Privatbetrieb.

Als wollte sich der Betriebsdienst, vertreten durch den Fahrdienstleiter (Fdl) in Peterzell-Königsfeld, wieder mit mir versöhnen – der Militärzug war pünktlich und so konnte ich um 3:20 Uhr meinen Az wieder in Empfang nehmen.

Mit vereinten Kräften ging jetzt die unterbrochene Arbeit weiter. Jeder wusste um die verlorene Zeit und so versuchten wir wenigstens einen Teil der unfreiwilligen Verzögerungen mit unserem Arbeitstempo zu kompensieren.Nach 2 Stunden intensiven Arbeitseinsatzes lief die Zeit der Gleissperrung für uns ab. Der Arbeitszug wurde um 5:30 Uhr wieder nach Peterzell verabschiedet.

Als ich nach meiner ersten Arbeitsnacht aus dem Tunnel in den Maimorgen hinaustrat, empfing mich eine klare Luft und ein ungetrübter Blick über das obere Tal bei Nussbach. Ich atmete tief durch.

Bei meinem kurzen Verweilen vor dem Tunnelportal blickte ich hinüber auf die andere Talseite, dahinter wusste ich meine geliebten Wanderwege Triberg-Geutsche-Stöcklewald.

 

Abb. 6 Blick über das Nussbachtal.

 

Weit entfernt hörte ich noch den Arbeitszug dem Bf Königsfeld entgegenfahren. In einer halben Stunde spätestens muss er dort eintreffen um das Gleis für den Tagesverkehr freizumachen. Kurz vor 6 Uhr erkundigte ich mich am Fernsprecher beim Fahrdienstleiter in Peterzell nach der Ankunftszeit – Az eingetroffen um 5:52 Uhr. Gegenfrage des Fahrdienstleiters: ist das Gleis frei und befahrbar? Meine Antwort: Gleis frei und befahrbar. Der Fahrdienstleiter wiederholte meine Worte und notierte sie in seinem Zugmeldebuch. Damit wurde die Gleissperrung aufgehoben und aus dem Baugleis wurde wieder ein Betriebsgleis. Dieses Frageund Antwortritual wiederholte sich jeden Tag, es ist seit Jahrzehnten in den Fahrdienstvorschriften vorgeschrieben.

Auf meinem Weg zurück zu meinem Büro in Nussbach ließ ich die Nacht nochmals Revue passieren. Ich war natürlich einerseits froh, dass die Arbeiten ohne Unfälle beendet werden konnten, aber andererseits konnte durch den enormen Zeitverlust mein geplantes Arbeitspensum nicht erreicht werden. Den außerplanmäßigen Militärzug musste ich hinnehmen, die Verspätung zu Beginn der Arbeiten durften sich auf keinen Fall wiederholen.

Befreit von der nächtlichen Anstrengung und der im Tunnel herrschenden Luftbedingung erreichte ich gegen 6 Uhr mein Büro. Erst jetzt merkte ich, dass meine Bewegungen doch etwas langsamer geworden sind, war ich doch bereits 24 Stunden seit meiner Abfahrt in Karlsruhe auf den Beinen. Dies konnte mich damals als 32-jährigen nicht davon abhalten, nach Beendigung meiner Schreibarbeiten gegen 7: 30 Uhr zunächst nach Hornberg zu fahren um mich dort einer gründlichen Waschung zu unterziehen. Anschließend fuhr ich zum Baubüro in Triberg.

Angesprochen auf die betrieblichen Widrigkeiten zu Beginn der Arbeiten gaben mir die Kollegen zu verstehen, dass der Betrieb grundsätzlich Vorrang vor dem Baudienst, also unserer Arbeiten habe. Ein DB-Mitarbeiter kann zur Koordinierung der betriebs- und baudienstlichen Erfordernisse nicht abgestellt werden.

Wie aber sollten die im Bauzeitenplan festgelegten Arbeiten bei diesen Bedingungen rechtzeitig fertig werden?

Ich musste mir wohl oder übel selbst die Antwort darauf geben: Die Rangierarbeiten beginnen um 14 Uhr, somit muss ich eben kurz vor dieser Zeit im Bf Peterzell- Königsfeld sein. Jetzt ist es 10:30 Uhr, Fahrdauer mit meinem Pkw Triberg-Hornberg-Peterzell- Königsfeld 3/4 Stunden, bleiben mir noch 23/4 Stunden zum Schlafen.

Zurück in meinem Hornberger Quartier stellte ich mir meinen Wecker und versuchte zu schlafen. Der Versuch scheiterte nicht nur an den mich bewegenden Gedanken sondern auch am Lärmpegel vom gegenüberliegenden Bahnhof. Züge fuhren in den Bahnhof ein und kamen mit quietschenden Bremsen zum Stillstand. Der Bahnsteiglautsprecher, die Reisenden und die zuschlagenden Türen ließen für mich keine Ruhe aufkommen.

Ich stand deshalb auf und fuhr zum Essen nach Triberg, genauer gesagt zur Alten Geutsche. Gestärkt und wieder frohen Mutes machte ich den kleinen Abstecher zur Nußhurtkapelle. Nach kurzer Einkehr ließ ich mich zwischen den Bäumen nieder und war, trotz allem, mit Gott und der Welt im Einklang.

Drüben, auf der anderen Seite des Tales hörte ich die Pfeifsignale der Züge vor der Einfahrt in die Tunnels und erinnerte mich so an meine Arbeit. Der mir wohlbekannte Duft der Umgebung und der beschauliche Blick auf die Schwarzwaldhöhen machte es mir schwer, diesen Platz aufzugeben. Kurz vor 14 Uhr traf ich beim Fahrdienstleiter in Peterzell ein. Der Beamte war entgegen meiner Befürchtung sehr froh über mein Kommen und zeigte sich kooperativ. Die Verzögerungen im Rangierablauf resultieren aus seinen Erfahrungen mit den Firmen-Mitarbeitern, die die vereinbarten Überführungs bzw. Sperrzeiten nicht einhalten würden. Dies bedeutet, dass er als Fahrdienstleiter (Fdl) die regulären Züge vorrangig behandeln muss und somit dem Risiko einer Zugverspätung durch Nichtverkehrenlassen der Rangiereinheit zuvorkommen muss.

Ich garantierte ihm die künftige Einhaltung aller betrieblichen Absprachen.

Nun musste ich meinen Worten auch Taten folgen lassen: Der Arbeitszugführer wurde über meine Anwesenheit im Fahrdienststellwerk (im Bf ) informiert und angewiesen, keine Verzögerungen der Fahrten zuzulassen.

Sonderwünsche der Firmen die den Betriebsablauf beeinflussen, dürfen nur mit meiner Zustimmung erfüllt werden.

Die wechselnden Rangierbewegungen von den westlichen zu den östlichen Abstellgleisen und umgekehrt dauerten, mit großen zeitlichen Abständen, bis ca. 19 Uhr.

19 Uhr?!. Zeit zum Aufbruch in Peterzell, zurück in mein Büro. Um 20 Uhr beginnt die Sperrpause. Hoffentlich können wir heute um 20:30 Uhr mit unserer Arbeit anfangen – die Aussichten hierfür stehen gut.

Damit ich für die Nacht auch körperlich gerüstet war, erlaubte ich mir einen kurzen Abstecher zum gegenüberliegenden Gasthaus „Rössle“.

Mein erster „Arbeitstag“ war nach 37 Stunden zu Ende – aber nun schloss sich der 2. Tag bereits nahtlos an.

Mit kleineren Abweichungen im Arbeitsablauf während der Nacht konnte ich mein geplantes Arbeitspensum durchführen.

Betriebliche Schwierigkeiten, wie in der vorherigen Nacht, traten Gott sei Dank nicht auf.

Nachdem ich meinen „Papierkrieg“ erledigt hatte überlegte ich mir ernsthaft, nach 49 Stunden Einsatz, eine Ruhepause einzulegen.

Diese Überlegungen wurden sogleich durch ein Telefonat aus den Baubüro Triberg unterbrochen. In Triberg angekommen, saßen bereits eine Menge Leute um ausgebreitete Pläne herum. Dringende Lagebesprechung. Der Bauzeitenplan, als zentraler Mittelpunkt, hing an der Wand. Dieser Plan beinhaltet u. a. alle Arbeitsgänge eines Bau-Projektes die in zeitlicher Folge begonnen und beendet werden müssen – er regelt somit alle Arbeitsphasen des Baubetriebes.

Die Arbeiten meines Arbeitsabschnittes lagen nach Zugrundelegung dieses Planes um ca. 3 Tage = 24 Stunden zurück. Sollte ich mit meiner Arbeit nicht bis zum geplanten Zeitpunkt fertig werden, sind alle folgenden Bauarbeiten, auch fachübergreifend, gefährdet. Es tröstete mich ein wenig, dass ich nicht alleine eine Verspätung aufzuholen hatte und ich nicht alleine Mittelpunkt der Diskussion war.

Unsere Besprechung dauerte bis 12 Uhr und wurde für mich mit dem Ergebnis abgeschlossen, dass ich die bislang erheblichen, durch den Betrieb (Rangierarbeiten in Peterzell) in den Griff zu bekommen habe.

Etwas müde machte ich mich auf den Weg nach Hornberg um endlich den Staub, der mir immer noch im Gesicht stand, abzuwischen. Nach einem Zwischenstopp in einer Gaststätte fuhr ich nach Peterzell.

Meine Anwesenheit im Fahrdienst wurde, wie sich bald herausstellte, dringend erforderlich. Die vorgesehene Arbeitszug-Lok war im Bahnbetriebswerk (Bw) wegen eines Schadens am Fahrwerk zur Reparatur. Damit der Arbeitszug für die Nacht rechtzeitig aufgerüstet werden konnte musste so schnell als möglich ein Ersatz organisiert werden. Nach langen Telefonaten mit dem Bw Villingen konnte, zunächst für die Rangierarbeiten, eine Ersatzlok besorgt werden. Da diese Maschine nur ausgeliehen war, musste sie zur Erledigung ihrer eigentlichen Aufgaben öfter nach Villingen.

Für den Nachteinsatz, so wurde mir versichert, ist die Plan-Lok repariert.

Trotz dieser Schwierigkeiten konnte unser Az rechtzeitig vor der geplanten Sperrpause zusammengestellt und um 20 Uhr in das Baugleis einfahren.

Bereits eine Stunde vor der geplanten Gleissperrung fuhr ich in mein Nussbacher Büro und bereitete mich auf die nächste Nacht vor.

Obwohl sich zu dieser Stunde über dem Nussbachtal ein herrlicher Abendhimmel zeigte, hatte ich nicht die nötige Stimmung diesen auch zu genießen. So saß ich am Schreibtisch, brachte meine schriftlichen Arbeiten zu Ende die ich am Nachmittag in Peterzell vorbereitet hatte. Rund um mein Baubüro war es ruhig.

Kein noch so leises Geräusch das mich stören und daran hindern könnte mich im Nachbarraum auf dem Feldbett auszuruhen.

Mein Kopf und meine Augenlieder wurden immer schwerer.

Die hart ins Schloss fallende Eingangstüre ließ mich aufschrecken. Den mit einem Pkw angekommenen Bauführer einer Firma hatte ich zuvor nicht gehört.

Nach der 5. oder 6. Tasse Kaffee gingen wir zusammen zur Baustelle. Ich empfand meinen bestimmt

15 Jahre älteren Begleiter etwas zu schnell auf den Beinen und nötigte ihn sich meinem Tempo anzupassen.

Am Streckenfernsprecher angekommen, wiederholten sich meine Fragen und meine Antworten vom Vortag.

Das Bw Villingen hat Wort gehalten.

Der Arbeitszug erschien wie geplant gegen 20:30 Uhr. Wir konnten die ganze Nacht hindurch ohne Zeitverzögerungen arbeiten, ja sogar das Pensum von 11/2 Stunden aufholen. Meine sogleich angestellte Hochrechnung bis zu welchem Zeitpunkt ich die Arbeiten im Farrenhalde-Tunnel abschließen und im Steinbis-Tunnel weiterarbeiten könnte, musste nach den geplanten 14 Arbeitstagen, wenn auch nur geringfügig, um einen Tag nach hinten korrigiert werden.

Nach der Abmeldung der Baustelle beim Fahrdienstleiter in Peterzell begab ich mich zu meinem Büro, erledigte meine Schreibarbeiten, telefonierte nochmals mit dem Tages-Fahrdienstleiter in Peterzell um ihm nochmals die Dringlichkeit eines planmäßigen Baustelleneinsatzes zu vermitteln, zog den Telefonstecker aus der Steckdose und – endlich – nach 73 Stunden auf den Beinen – ließ ich mich auf das Feldbett im Nachbarraum nieder. Erst das laute Signal eines Zuges vor dem nahen Steinbis-Tunnel holte mich kurz vor 18 Uhr aus dem Schlaf. Ich wäre ohnehin kurz darauf von meinem Wecker wieder zu meinen Pflichten gerufen worden.

Heute war Donnerstag. Donnerstagabend. Ich musste mich im Kalender des Wochentages vergewissern. Mein umtriebiger Lebenswandel der letzten Tage machte mich, wenn auch nur kurz, unsicher.

Nach meinen Vorbereitungen für die kommende Nacht konnte ich mit neuem Schwung und Elan den neuen Arbeitstag angehen.

Das obligatorische Telefonat mit dem Fahrdienstleiter gab mir die große Hoffnung, dass auch heute alles zu meiner Zufriedenheit ablaufen würde.

Die Hoffnungen wurden erfüllt. So hatte ich doch die Möglichkeit mir die eine oder andere Pause außerhalb des Tunnels zu genehmigen, etwas in Ruhe zu essen oder einfach die Stille der Nacht im Schwarzwald zu genießen. Ich stellte mir vor, wie eine schwere Dampflok fauchend die Kehren durchstampft, an mir vorbeizieht, eine riesige

Rauchwolke hinterlässt und sich im nächsten Tunnel mit einer sonorigen Pfeifserenade meinen Blicken entzieht.

Auf meinem Weg durch die Nacht zu meinem Büro tauchten in mir immer wieder EisenbahnBilder und – Erlebnisse aus meiner Jugend in Villingen auf – Bilder vom Bahnbetrieswerk unterhalb des Friedhofes, das Treiben im Bahnhof und die vorbeiziehenden Dampfzüge im Groppertal während ich mit meiner Mutter der „Forelle“ entgegen eilte.

Am Morgen konnte ich mit Erleichterung feststellen, dass wir eine weitere Stunde unserer Verspätung aufholen konnten.

Das freundschaftlich kollegiale Zusammenspiel aller Beteiligten hat in der folgenden Nacht zu einem weiteren Abbau des Rückstandes um 2 Stunden beigetragen.

Am Samstagmorgen waren alle mit dem in dieser Woche Erreichten zufrieden und wir konnten uns mit einem freundlichen Händedruck in das Wochenende verabschieden.

Am Montagabend haben wir uns wieder zur gewohnten Zeit für fünf Nächte zusammengefunden um das begonnene Werk dem geplanten Abschluss näher zu bringen.

Die letzten Wochen im Mai bis Ende August vergingen für mich wie im Flug und, Gott sei Dank, ohne ernsthafte Unfälle.

Von einigen Ausnahmen abgesehen, in denen ich doch wieder mehrere Tage am Stück gefordert war, konnte ich mich an meinem Schwarzwald, an meiner Eisenbahn und der Arbeit erfreuen.

Bildnachweise: Die Abbildungen 3 bis 5 entnahm ich der Jubiläumsbroschüre „Die Schwarzwaldbahn“, herausgegeben von der Bundesbahndirektion Karlsruhe, 1975.

Erinnerungen an die Schulzeit geweckt

Ausstellung: Schiefertafel, Griffel, Federkasten . . .

Eine überaus positive Resonanz fand die Ausstellung „Schiefertafel, Griffel, Federkasten“, die GHV-Mitglied Wilfried Steinhart im Frühjahr 2001 im Heimatmuseum Brigachtal-Überauchen veranstaltete. Die Besucher kamen in Scharen, um sich in die eigene Schulzeit zurück versetzen zu lassen. Der Geruch von Schieferstaub und Kreide und der Anblick alter Schulbänke und Wandtafeln, Schrifttafeln mit dem Sütterlin-ABC, Griffelkästen und Federmäpple, alter Schulbücher und Hefte erfreute nicht nur die reiferen Jahrgänge, sondern auch Kinder und jugendliche Besucher, die hier erfahren konnten, wie es war, als Mama und Papa, Oma und Opa, Gotti und Getti die Schulbank drücken mussten.

Ein dickes Lob hat sich Wilfried Steinhart verdient, der mit dieser Ausstellung, deren Besuch auch im Programm des Geschichts- und Heimatvereins stand, vielen Menschen eine Freude machte. Er hat eine ganz besondere Beziehung zum Thema Schiefertafel, denn er ist praktisch mit diesem wichtigen Utensil früherer Schüler- Generationen aufgewachsen. Sein Vater, Anton Steinhart, war Mitinhaber der renommierten Schiefertafelfabrik Gebrüder Steinhart in Dettingen bei Horb am Neckar, die ihre Produkte in Süddeutschland verkaufte und auch in zahlreiche Länder exportierte. Bis zu 60 Mitarbeiter wurden in dem Betrieb, der auch große Schultafeln für Klassenzimmer, Federkästen, Rechenmaschinen und andere Artikel für den Schulbetrieb herstellte, beschäftigt.

Wilfried Steinhart (rechts) erwies sich als fachund sachkundiger Führer durch die Ausstellung in Überauchen. Er konnte zahlreiche, auch prominente Gäste – wie hier den Bundestagsabgeordneten Meinrad Belle mit Frau Evelyn – begrüßen.

 

Wilfried Steinhart, Jahrgang 1940, schaffte nach seiner Lehre als Werkzeugmacher bis 1960 im elterlichen Unternehmen, das fünf Jahre später die gesamte Fertigung einstellte. Er hat – im wahrsten Sinne des Wortes – das Erbe seiner Väter gut verwaltet und die Restbestände der Firma Gebrüder Steinhart, sowie wichtige Akten und Dokumente, vor der drohenden Vernichtung bewahrt. Als Rentner hat er daraus eine Sammlung zusammengestellt, die er in Form einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich machte. Nachdem diese Dokumentation schon 1999 zur 1000-Jahrfeier in Villingen zu sehen war, wurde sie im Frühjahr 2001 in einer Sonderschau des Heimatmuseums Brigachtal-Überauchen erneut der Nachwelt präsentiert. Die Medien berichteten ausführlich. Das Fernsehen machte die Ausstellung landesweit bekannt und auch viele prominente Gäste ließen sich den Ausflug in die längst vergangene Schulzeit nicht entgehen.

Die Tageszeitungen lobten die Initiative des geschichtsbewussten Rentners Wilfried Steinhart und lockten viele Besucher in die Ausstellung, die wegen des großen Interesses, sogar verlängert werden musste.

Im Schwarzwälder Boten war unter der Überschrift: „Griffel kratzen wieder über Schiefertafeln“ unter anderem zu lesen:

„Mit dieser Sammlung wurde ein Stück Schulgeschichte bewahrt“ so die Worte von Schulleiter Kurt Ohmann, als er im Überauchener Museum die Ausstellung „Schiefertafel, Griffel, Federkasten“ eröffnete.

Rund um die Gebrauchsgegenstände aus längst vergangenen Schultagen dreht sich die Ausstellung, zu der Raimund Kammerer, Vorsitzender der Gesellschaft für Altertums- und Brauchtumspflege eine stattliche Besucherzahl begrüßen konnte.

„Dies hier ist viel mehr als eine Ausstellung“ fuhr Kurt Ohmann bei der Eröffnung fort, „hier steckt viel Liebe und die ganze Seele drin.“ Nichts sei so sicher, wie der Wandel, die Schiefertafel habe ihn erlebt, fügte Ohmann hinzu. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Schiefertafel. Alles was damit zusammenhängt, wurde von Wilfried Steinhart, dem Urenkel des Firmengründers der Schiefertafelfabrik aus Horb-Dettingen, sorgsam vor dem Verschrotten bewahrt. Bei einem Bummel durch das Museum können sich die Besucher beim Betrachten der Tafeln, Griffel, Federkästen und alten Lesebücher in die eigene Schulzeit zurückversetzen. Alte Schulbänke laden ein, Platz zu nehmen und mit dem Griffel etwas auf die Tafeln zu schreiben. „Man muss sich ganz schön anstrengen, um schön in die Linien zu schreiben“, meinte Bundestagsabgeordneter Meinrad Belle.

 

 

Groß und Klein drückten bei der Ausstellung „Schiefertafel, Griffel, Federkasten“ die Schulbank. Die Kinder erfuhren so etwas vom Schulalltag ihrer Eltern und Großeltern.

 

Wilfried Steinhart, der selbst noch in der Fabrik seines Vaters gearbeitet hat, zeigte den Besuchern einige der vielen Handgriffe, die zur Herstellung einer Schiefertafel nötig waren. Er gewährte auch einen Einblick in die alten Geschäftsbücher der Firma und zeigte schmunzelnd die Betriebsverordnungen, die aus dem Jahre 1881 stammen. Bei 25 Pfennig Strafe war den männlichen und weiblichen Arbeitern der Kontakt untereinander verboten. Wer sich nicht daran hielt, dem drohte sogar die Entlassung.

Der Südkurier wusste „Wie die Karos auf die Tafel kamen“. Hier ein Auszug aus einem umfassenden Bericht: Fein säuberlich pinselte Rektor Kurt Ohmann einen Satz auf seine kleine Schiefertafel. Zusammen mit Evelyn Belle, der Gattin des Bundestagsabgeordneten, drückte der Brigachtaler Schulleiter wieder einmal die Schulbank. Wie die vielen anderen Besucher erinnerten sich die beiden bei der Ausstellungseröffnung an ihre eigene Schulzeit.

Der Altertums- und Brauchtumsverein Brigachtal hätte kaum einen besseren Ort finden können. Das heutige Museum nämlich war in früheren Jahren das Schulgebäude von Überauchen, viele Generationen von Schülern haben hier auf Schiefertafeln das ABC gelernt. Kaum vorzustellen war für die heutige Schülergeneration, dass ihre Großmütter und Großväter auf den kleinen Tafeln rechnen und schreiben gelernt hatten.

Rektor Kurt Ohmann dankte Wilfried Steinhart, der seine Sammlung von altem Schulinventar und Materialien zur Verfügung gestellt hatte. Mit interessanten Details ließ er die Entwicklung der Schiefertafeln aus historischer Sicht Revue passieren. Schmunzelnd wies er etwa darauf hin dass zum Beispiel in Preußen die Karos auf der Tafel viel größer sein mussten als die badischen Karos.

In Baden-Württemberg wurden Schiefertafeln ausschließlich in der Schiefertafelfabrik der Gebrüder Steinhart in Horb-Dettingen produziert. Damit schließt sich der Kreis zum leidenschaftlichen Sammler Wilfried Steinhart aus Villingen, der als Urenkel des Firmengründers von Jugend an einen Bezug zu den dunklen Schultafeln hat.

 

Villinger Wasser stärkt müde Glieder (Andreas Wende)

Wie der Villinger Doktor Georgius Pictorius um 1557 für seine Heimatstadt warb

Reisen bildet – dieser Spruch hatte zu allen Zeiten seine Gültigkeit. Selbst der eilige Pauschaltourist unserer Tage nimmt die eine oder andere bleibende Erinnerung von seinen Abstechern mit nach Hause, als Souvenir oder im Dia. Viel gründlicher reiste man in früheren Jahrhunderten. Nicht nur an Fürstenhöfen war es üblich, die jungen Prinzen auf Bildungsfahrt zu schicken, auch Künstler und Wissenschaftler suchten in der Ferne nach unbekannten Anregungen für ihr Metier.

Die Ergebnisse dieser Reisen wurden publiziert, sicherten dem Verfasser den Lebensunterhalt und verbreiteten Erkenntnisse von unerhörten Begebenheiten, exotischen Ländern und Menschen. Gleichzeitig erweiterten die Daheimgebliebenen ihren Horizont.

Neben spannender Unterhaltung finden sich in den Beschreibungen auch sehr praktische Hinweise. Als Beispiel sind die sogenannten „Badenfahrtbücher“ zu nennen. Hier hat sich unter anderen besonders Georg Maler, latinisiert „Pictorius“, als Arzt und Schriftsteller einen Namen gemacht.

 

Recht lockere Sitten herrschten um 1500 in den Bädern, wie diesem Holzschnitt von Gallus Etschenreutter von einem Mineralbad jener Zeit zu entnehmen ist.

 

Er wurde um 1500 in Villingen geboren, immatrikulierte sich 1519 als „Jeorius Pictor“ an der Universität Freiburg und bereitete sich, neben seiner Tätigkeit als Lateinlehrer, im Medizinstudium auf den Arztberuf vor. 1540 ernannte ihn die vorderösterreichische Regierung zum „Archiater“, zum obersten Sanitätsbeamten.

Im Freiburger Herder-Verlag wurde 1980 ein Nachdruck von Pictorius‘ Badenfahrtbüchlein aus dem Jahr 1560 aufgelegt, der heute leider vergriffen ist. Angereichert mit zeitgenössischen Bildern bietet diese Ausgabe gründlichen Einblick in die Kultur- und Medizingeschichte im 16. Jahrhundert. Der Autor, umfassender Kenner der einschlägigen antiken und mittelalterlichen Fachlektüre, veröffentlichte zu seinen Lebzeiten rund 50 Schriften, die sich unter anderem mit Hygiene, bestimmten Krankheiten, Botanik, Zoologie, aber auch Magie und Mythologie befassten. Neben seinem „Reissbüchlein, kurtzer bericht für die so da reisen wöllen in frömbde unbekannte land“ hat ihn das Badenfahrtbüchlein besonders bekannt gemacht.

Natürlich hat Pictorius Vorbilder, und denen folgt der Mediziner im Aufbau seines Büchleins. Er nennt zunächst die drei Arten von Bädern – Heißluftbad, der heutigen Sauna vergleichbar, – Dampfbad nach antikem Vorbild und Wasserbäder aller Art und beschreibt ihre Wirkungen. Über Mineralrespektive Wildbäder gelangt Pictorius dann zur Beschreibung von 38 Bädern im Badischen, der Schweiz und dem heutigen Österreich. Auch seine Heimat findet dabei Erwähnung. „Von dem Bad Schwenningen“ heißt es bei Pictorius (zitiert nach der Übertragung von Udo Becker):

„Es ist ein nützliches Bad, eine Meile Weg von der Stadt Villingen über den Schwarzwald in dem württembergischen Dorf Schwenningen, welches viel gebraucht wird von dem Landvolk der Baar gegen Räude, müde Glieder, Magenschmerzen, es hilft bei verkrampften Gliedern, wie sie sich nach der Gicht einstellen, bei Grien und vielen anderen Krankheiten; auch da mag man gute Verpflegung bekommen, doch wer gut schlafen will, muss sein Bett mitbringen“.



Lustig ging es auch oft in den Bädern, die Doktor Pictorius in seinem Badenfahrtbüchlein beschreibt, zu. Der Villinger Arzt verurteilte aber solche Sitten, wie sie auf dem Holzschnitt von 1519 gezeigt werden: Zechen, üppige Mahlzeiten, Würfelspiel und laute Unterhaltung durch Spielleute haben im Bad nichts zu suchen.

Deutlich besser hinsichtlich der Verpflegung ist es laut Pictorius in Villingen bestellt, über das der reisende Mediziner im Kapitel „Von dem Neuenbad“ berichtet: „Es quillt bei der Stadt Villingen ein recht nützlicher Brunnen mit Namen Neubad; obwohl das Wasser Schwefel mit Alaun enthält, ist es doch nicht warm, sondern man muss es anwärmen; die Ursache dafür ist, dass die Minera, über die das Wasser fließt, so weit von seiner Quelle entfernt sind; es fließt nämlich unter dem Erdreich eines Berges, der hier Haubenloch heißt, hindurch. Das Wasser mit seinem Schwefel hilft, wie der (antike Arzt) Galen lehrt, die müden Glieder zu stärken; dann trocknet es die Feuchte der Nerven, nützt der Leber, der Milz und dem Magen, beseitigt alle Unreinheiten der Haut, vertreibt den Krampf, macht recht durstig, aber gute Gesellen helfen dagegen. Diesem Bad zuliebe sollte mancher weit herkommen, zudem die Verpflegung so überreich ist, dass einem die Wahl plagt, ob man Fisch, Fleisch oder Wildbret essen soll.

Und obwohl hier kein Wein wächst, so trinkt man doch den besten und es bleibt nicht bei einem. Das Wirtshaus, das dem Bad am nächsten liegt, heißt ,Zu der Mohrin‘. Mit diesen Worten ruft der Wirt seinen Gast: Komm‘ besser hier herein, Gast, etwas anderes zu suchen bringt nichts, hier schläft man gut, isst gut und trinkt gut.“

In ähnlicher Weise äußert sich Pictorius über andere Ziele seiner Fahrten. Dabei streut er nach heutigem Verständnis Kurioses ein. So sei in jenen Jahren schlecht zu baden, denen zwei Jahre zuvor Mond oder Sonnenfinsternisse vorausgegangen sind. Essen im Bad, bei mehrstündigen Aufenthalten nicht unüblich, sei schädlich, da die genossene Speise gären und die Wirkung des Bades behindern könne.

Seiner Vaterstadt Ehre gemacht! 

Im Jahre 1959 nahm sich Ernst Scheffelt aus Badenweiler des Villinger Arztes an und würdigte in „Badische Heimat“ – Mein Heimatland – Zeitschrift für Heimatkunde und Heimatpflege (39. Jahrgang), dessen Leben und Werk. Unter der Überschrift „Der Arzt Georgius Pictorius (1500 bis 1569) aus Villingen“ ist in einem mehrseitigen Artikel viel Interessantes und Kurioses zu lesen. Da heißt es unter anderem:

Im Mineralbad: Männlein und Weiblein sind durch eine einfache Unterteilung getrennt. Die Stange am Haus zeigt eine Badestube an: Der Ring mit dem Kreuz galt als glückbringendes und Unheil abwendendes Zeichen.

 

Im Jahr 1500 wurde zu Villingen ein Knabe geboren namens Georg Maler, der heute noch seiner Vaterstadt Ehre macht. Der begabte Junge wurde von seinem Vater, dem Metzgermeister Michel Maler, in die Klosterschule der Franziskaner geschickt und bezog dann im Alter von 19 Jahren die Universität Freiburg. Dort widmete er sich dem Studium der Philosophie und der freien Künste und latinisierte, dem Brauch jener Zeit folgend, seinen Namen: er nannte sich Georgius Pictorius (pictor = Maler).

Der Verfasser seiner Lebensgeschichte, der Arzt Dr. G. Kürz, auch ein Villinger, meint, dass unser Georgius ein fröhlicher Student gewesen sei; im Jahre 1529 ist er Lehrer an der Freiburger Lateinschule und bald darauf Vorstand derselben. Doch die Schulmeisterei befriedigte den vielseitigen Mann nicht. Angeregt durch die Schriften griechischer und römischer Ärzte studierte er noch Medizin und erwarb sich 1535 den Doktortitel. Dann ließ er sich nieder in der vorderösterreichischen Hauptstadt Ensisheim (Elsass), offenbar nicht als praktischer Arzt im heutigen Sinne, sondern als Sanitätsbeamter und Gerichtsarzt.

Schon in Freiburg hatte Pictorius einige Werke philosophischen Inhaltes geschrieben, in Ensisheim war er ganz besonders fleißig und erstaunlich vielseitig. Er schrieb 1560 das „Badenfahrtbüchlein“ gedruckt in Freiburg bei Peter Schmid. Darin beschreibt Pictorius 37 deutsche und ein französisches Bad. 18 seiner Badeorte liegen in Baden. Viele davon sind längst eingegangen. Das „Badenfahrtbüchlein“ enthält interessante Hinweise auf Sitten und Bräuche jener Zeit. Die Angehörigen der wohlhabenden Stände pflegten mindestens einmal im Jahr eine Badefahrt zu machen, auch wenn es ihre Gesundheit nicht unbedingt erforderte. Dabei wurde während des Aufenthaltes im Kurort das B a d e n sehr intensiv betrieben. Da pflegten Männlein und Weiblein mehrere Stunden, ja fast den ganzen Tag, im Bad zu sitzen, während man heute den Kranken nicht rät, lange zu baden. Nun, viele „Badegäste“ der damaligen Zeit waren gar nicht krank, sondern sie suchten Kurzweil und wollten gut leben. Das Wort „Fressbädle“ hat sich bis in unsere Tage erhalten und sagt genug.

Die Leute, die vor 450 Jahren eine „Badfahrt ausrichteten“, suchten meist auch Zerstreuung, das zeigen die Bilder, die uns vom Badeleben der damaligen Zeit überliefert sind. Da sitzen in einem nicht sehr großen Becken Männlein und Weiblein zusammen oder sie lehnen sich an die Wand. Auf der Brüstung stehen Platten mit Fleisch und Fisch, dazu Weinkrüge von ansehnlicher Dimension. In der Nähe sitzt ein Fidelmann und geigt.

Die Ärzte der damaligen Zeit waren gegen das unmäßige Essen und Trinken im Bad, sie bekämpften die Sittenlosigkeit, die sich allenthalben breit machte und glaubten auch, dass Haut- und Geschlechtskrankheiten durch das gemeinsame Baden verbreitet würden.

Schmausen und Zechen von Mann und Frau im Wasserbad gemäß dem alten Spruch: „Aussig Wasser, inne Wein, lasst uns alle fröhlich sein.“ Holzschnitt von 1481 aus Augsburg.

 

Pictorius gibt etwa folgende Anweisungen: nach der Ankunft im Badeort soll man einige Tage von der Reise ausruhen, vor dem Beginn der Kur vorsichtig purgieren ( = abführen), sich überhaupt in jeder Hinsicht genau vorbereiten. Anfänglich möge man nicht zu tief und nicht zu lang „einsitzen“. Die Hauptbadezeit sei morgens, da die Luft rein und kühl (er sagt: „der Lufft“). Nach dem Essen soll man 4 1/2 Stunden Pause machen, weil sonst die Leber verstopft werde. Etwas Bewegung wird empfohlen, auch Reibungen, also Massagen. Im Bad selbst soll man nicht schlafen und höchstens etwas leichten Wein mit Brot und Marzipan oder ein Ei genießen. Dieses Zugeständnis ist begreiflich, da ja stundenlang gebadet wird. Über die Bestandteile der Badwässer wissen die Ärzte des 16. Jahrhunderts nichts Genaues. Sie reden von Schwefel, Kupfer und Salz, wo diese Stoffe gar nicht vorhanden sind, und diese fehlerhaften Analysen werden wiedergegeben bis nach dem Jahr 1700. Unserem G. Pictorius haben sicherlich die Doctores Etschenreutter (1571) und Ruland (1600) manches abgeschrieben.

Nach einem überaus tätigen und erfolgreichen Leben starb Georgius Pictorius im Jahr 1569; von seinem Sohn wissen wir nur, dass er die Klosterschule in St. Blasien besucht hat.

 

 

Als bedeutender Sohn Villingens wurde Georgius Pictorius schon in Sebastian Münsters Kosmographie beschrieben. 1588 wurde im ältesten Stadtporträt die Fantasieansicht einer Stadt, die hier für Villingen stand, durch ein „Bildnuß“ von Pictorius ausgetauscht. Aber auch bei diesem Holzschnitt – der in der Basler Ausgabe der Cosmographia von 1628 erschienen ist – handelt es sich wohl um ein Fantasiebild, das keine individuellen Züge aufweist und mehrfach als Porträt für Gelehrte seiner Zeit verwendet wurde.

 

Sifflet 1’ (Thomas Herzog-Singer)

Johann Andreas Silbermann und die Orgel der Benediktiner in Villingen

Als ich im Sommer 2000 vom Arbeitskreis Silbermann im Förderverein Benediktinerkirche gebeten wurde ein paar Fotos für eine geplante Dokumentation zur Rekonstruktion der historischen Villinger Silbermann-Orgel von 1752 zu machen, war für mich die mechanische Orgel ein recht unbekanntes Instrument. Auch muss ich zugeben, dass ich bis dahin dem Klang einer Rockgitarre den Vorzug gegeben habe; Kirchenmusik und Klassik war eigentlich nie meine Welt. Und ausgerechnet ich soll ein paar Fotos über die Arbeiten an der Orgel machen?

 

Gaston Kern bei der Überprüfung der Klaviaturen.

 

Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich bekam ein Buch über den Orgelbau in die Hand, und bereits nach den ersten Seiten war ich fasziniert von der Welt der Orgel. Für mich war klar, wenn die Rekonstruktion der Silbermann-Orgel so etwas einmaliges und großartiges ist, dann sollte die Dokumentation auch etwas Besonderes sein. Ich entschloss mich also für eine Dia-AV-Produktion, ähnlich wie die Show „Civitas Villingen“ die anlässlich der 1000 Jahr Feier in Villingen aufgeführt wurde. Solch ein Projekt kann ich jedoch nur durchführen, wenn ich mich mit dem Thema identifiziere. Dabei ist es nicht nur wichtig sich mit der Technik der Orgel vertraut zu machen, sondern auch mit der Musik, die auf solch einem Instrument gespielt wird. Und das war nicht einfach. Aber je mehr ich mich in die Beschreibung der „Register und die Verschiedenartigkeit ihrer Klangfarben“ vertiefte, umsomehr war bei mir der Wunsch da, die Orgel auch immer wieder zu hören. Beste Voraussetzungen also für die geplante Dia-AV-Show.

Die ersten Fotoaufnahmen begannen im Oktober 2000 in der Werkstatt des Orgelbauers Gaston Kern in Hattmatt im Elsass. Gaston Kern erhielt zwei Jahre zuvor den Auftrag zur Rekonstruktion der Silbermann-Orgel, ein Vorhaben, dessen Realisierung von der internationalen Fachwelt mit Spannung erwartet wird. Schließlich soll erstmals eine Orgel von Johann Andreas Silbermann, von Grund auf rekonstruiert werden. Und dabei handelt es sich nicht um irgendeine; die 1752 in der Benediktinerkirche aufgestellte Orgel ist garantiert eine der bedeutendsten Arbeiten Silbermanns.

Die Orgel, 1812 auf Befehl des damaligen Großherzog von Baden in die Residenz nach Karlsruhe gebracht, existiert heute nicht mehr. Sie wurde während einer Bombennacht 1944 zerstört. Für Gaston Kern und seine Mitarbeiter bleiben für eine detailgenaue Rekonstruktion lediglich Tagebuchaufzeichnungen Silbermanns. Darin ist zwar der Aufbau der Orgel beschrieben, aber nicht wie sie gebaut wird. Wahrlich eine Herausforderung für einen guten Orgelbauer, und für Gaston Kern eine Krönung seines Lebenswerks.

 

Der Pfeifenmacher lötet die aufgerollten Pfeifenkörper zusammen.

Der Orgelbau umfasst ein weites Feld handwerklicher Tätigkeiten, von der Holzund Metallverarbeitung bis zur Feinmechanik. Alle Mitarbeiter Kerns müssen alles können. Und nicht nur das; ein Orgelbauer sollte das Instrument auch spielen können. Es ist nicht nur die ganze Atmosphäre in der Werkstatt die mich seit den ersten Aufnahmen begeistert, auch sind es die Arbeiter die mit ihrem einzigartigen Fachwissen mir geduldig die Arbeitsschritte erklärten.

 


 

Viele Aufnahmen, wie hier bei der Herstellung der Holzpfeifen, werden vom Stativ gemacht. Das ermöglicht ein passgenaues Aneinanderreihen einzelner Standbilder.

 

 


 



Herstellung der Zink-Bleiplatten wie zu Silbermanns Zeiten. Das Material wird auf 350 Grad Celsius erhitzt und abgeschöpft. Ab einer exakten Temperatur wird die Flüssigkeit über eine Bahn gepresst und es entsteht eine Platte, die in kürzester Zeit abkühlt. Die unterschiedlichen Pfeifen haben auch unterschiedliche Materialstärken. Diese werden vor jeder Pressung berücksichtigt. Bevor die Platten letztendlich zu Pfeifen verarbeitet werden, müssen diese noch mit der Hand abgehobelt werden.

 


Eine Windlade wird geschliffen.

  

Die Fotografie

Zur Fotografie der Arbeiten an der Orgel werden ausschließlich Schwarzweiß-Dia-Filme eingesetzt. Die Orgel in der Benediktinerkirche wird mit Farbmaterial aufgenommen. Es wird nicht nur für die Show fotografiert, ein Teil der Aufnahmen wird in dem Buch über die Rekonstruktion der Silbermannorgel zu finden sein. Gleichzeitig mit der Buchvorstellung und der Präsentation der Show wird auch eine Fotoausstellung in der Benediktinerkirche gezeigt. Geplant ist, dass die Show auf einer kleinen Projektionswand innerhalb der Fotoausstellung in einer Kurzversion mehrmals täglich präsentiert wird.

 

Die Show

Im Vordergrund steht die Rekonstruktion der Silbermann-Orgel. Dabei ist die Show in drei Abschnitte aufgeteilt:

1. Historie

Silbermann und die Benediktinerkirche in Villingen Bau der Silbermann-Orgel Geschichte der Silbermannorgel nach 1752

2. Dokumentation

Arbeiten in der Orgelwerkstatt Montage und Intonation in der Benediktinerkirche

3. Impressionen

Die rekonstruierte Silbermann-Orgel

 

Die Technik

Die Show läuft mit maximal 4 lichtstarken professionellen Diaprojektoren. Programmiert und produziert wird so eine Show am Computer; die Abmischung der Musik und Zuordnung bzw. Überblendung der Dias wird mit spezieller Software realisiert. Das AV in einer Dia-AV-Show steht für Audio und Vision; das bedeutet natürlich auch, dass der Bereich Audio den gleichen Anteil an der Show hat, wie der Bildteil. Die hierfür eingesetzte Musik wird mit dem ehemaligen Münsterkantor Stefan Rommelspacher sowie Münsterkantor Christian Schmitt abgestimmt und direkt auf der rekonstruierten Silbermannorgel eingespielt.

Die Präsentation

Voraussichtlich soll die Show einen Tag vor der Orgelweihe am Freitagabend, 20. September 2002 um 20.00 Uhr im Franziskanermuseum zeitgleich mit der Vorstellung der Buchdokumentation, und der Eröffnung einer Silbermannausstellung gezeigt werden. Da der zeitliche Ablauf der Festwoche jedoch noch nicht genau steht, ist dieser Termin auch noch nicht endgültig. Die Show wird in der Benediktinerkirche auf einer 6 x 9 Meter großen Lichtbildwand präsentiert und dauert voraussichtlich 30 Minuten. Der Eintritt ist wie bei „Civitas Villingen“ wieder frei, falls der Zuschauerandrang zu groß ist, wird die Show noch am gleichen Abend wiederholt.

 

Die Orgel wird in der Werkstatt erstmals montiert.

 

 

„Einzigartiger“ Silbermann (Gerhard Hauser)

Gaston Kern rekonstruiert in Hattmatt eine Orgellegende für die Villinger Benediktinerkirche

Im Herbst 2001 tauschte erneut ein Orgelbauer das milde Elsass mit dem rauen Schwarzwald ein, so wie Mitte 18. Jahrhunderts schon Johann Andreas Silbermann: Beide Biographien verweben sich in der Zähringerstadt Villingen zu einem außergewöhnlichen Projekt, vielleicht einem der bedeutendsten der jüngeren Orgelbaugeschichte überhaupt, denn der Hattmatter Gaston Kern rekonstruiert zur Zeit die legendäre Silbermann- Orgel der Villinger Benediktinerkirche – in wenigen Monaten wird sich zeigen, ob sein Werk von Erfolg gekrönt war, 250 Jahre nach der Fertigstellung des Originals.

Als 1752 Johann Andreas Silbermann, einer der bekannten Vertreter der ursprünglich aus dem Erzgebirge stammenden Orgel- und Klavierbauerfamilie, das Instrument – übrigens sein erster Auftrag in Baden – in der Benediktinerkirche eingebaut hatte, waren sich die Mönche in Villingen durchaus bewusst, welch ein „Juwel“ man sich erwarb. Denn Silbermann galt schon damals als ein teurer Mann, der auch einiges zu bieten hatte. Der Straßburger verband die sehr ausdruckstarke französische Orgelbaukunst mit der eher weichen mitteldeutschen zu einem ganz neuen Klangerlebnis. Das Ergebnis musste auch dem badischen Großherzog Karl Friedrich gefallen haben, denn er ließ die Orgel 1812 nach der Auflösung des Benediktinerklosters in Villingen ausbauen und in der Residenzstadt Karlsruhe aufstellen, wo sie nach mehreren Umbauten 1944 bei einem alliierten Bombenangriff völlig zerstört wurde.

 

Zaungäste aus Villingen stellten sich in der Werkstatt von Gaston Kern recht zahlreich ein. Alle wollten dem Orgelbauer bei seinem Werk – wie hier beim Einbau des Spieltisches – einmal über die Schulter schauen.

Im Zuge der Renovation der Benediktinerkirche liebäugelte die Münstergemeinde zum ersten Mal damit, die Orgel zu rekonstruieren, allerdings schreckten zunächst die Kosten von 1,5 Millionen Mark. Dann, abgekoppelt von der eigentlichen Kirchensanierung, wurde das Projekt unter dem Dreigespann – gebildet von Münsterpfarrer Dekan Kurt Müller, dem damaligen und inzwischen nach Trier abgewanderten Münsterorganisten und Bezirkskantor Stephan Rommelspacher sowie dem Sprecher des Arbeitskreises Silbermann-Orgel, dem engagierten Spendensammler Ulrich Kolberg – in Angriff genommen. Um die bundesweit erste Vollrekonstruktion des verlorengegangenen Meisterstückes zu ermöglichen, wurde eine Fachkommission eingesetzt, die unter dem renommierten Orgelfachmann, dem Straßburger Professor Marc Schaefer, den Orgelbauer Gaston Kern aus dem elsässischen Dörfchen Hattmatt berief.

Wer Gaston Kern in seiner inzwischen weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannten Orgelbau- Manufaktur besucht, wird stutzen: Von der verspielten Postkarten-Idylle der elsässischen Weinstraße ist nichts zu spüren, stattdessen dominiert ein rustikaler Charme. In dem früheren Bahnhof des Örtchens, unweit Saverne, hat sich der Orgelbauer mit seiner Mannschaft angesiedelt. Die weiten Hallen sind für den 61-Jährigen ideal, hat er doch die Möglichkeit, die restaurierten oder wie im Falle Villingens rekonstruierten Instrumente auch aufzubauen.

Wer einen Blick in die Manufaktur wirft, der realisiert schnell, dass sich der Orgelbauer Kern mit mit Leib und Seele dem Projekt verschrieben hat, die Orgel authentisch zu rekonstruieren. Er versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, die handwerkliche Vollkommenheit von Johann Andreas Silbermann zu erreichen – und das heißt nichts Anderes als dass er ein Instrument zu bauen versucht, wie es sein Vorbild im Barock getan hätte. Manchmal hat der Besucher sogar das Gefühl, er möchte es besser machen.

 


 

Millimeterarbeit ist bei der Herstellung der Metallpfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung gefragt. Die auf gewünschte Größe zugeschnittenen Platten werden aufgerollt und an Schnittstellen und Kern zuglötet.

 

Moderne Maschinen sind, wen wundert’s, so gut wie keine zu sehen, die Handarbeit dominiert „zu 99 Prozent“ nicht zum Selbstzweck, sondern im Dienste einer originalgetreuen Kopie. Ein kleines, aber bezeichnendes Beispiel: Gaston Kern wurden vorgefertigte Holznägel angeboten, die ihm die Arbeit wesentlich erleichtert hätten. Ein „klares Nein“ zu deren Verwendung kam aber von Marc Schaefer, dem Straßburger Professor, der als „spiritus rector“ weiterhin im Hintergrund agiert: Die Nägel müssen wie zu Silbermanns Zeiten handgeschnitzt werden.

Sinn dieser oft teuren und langwierigen Einzelanfertigungen: Der vollkommene Klang des Silbermann-Instrumentes soll wiederauferstehen. Dieses Projekt ist aber, wie Kern selbst zugibt, von Unwägbarkeiten geprägt, von welchen einige durch die Forschung inzwischen ausgeräumt sind. So bestand das Instrument nicht wie vermutet aus massivem Eichenholz, sondern nur aus einer vier Millimeter dünnen Platte, die mit Tanne verleimt war. Warum Silbermann diesen Kunstgriff anwandte, darüber kann man heute nur spekulieren, betont Ulrich Kolberg. Es könnten durchaus wirtschaftliche Gründe gewesen sein, aber es mag auch die Stabilität insgesamt verbessert haben. Doch trotz dieser Erkenntnisse bleiben noch ausreichend Rätsel: Ausgiebig kann man darüber philosophieren, von welchem Alter die Stämme waren, die seinerzeit aus den Wäldern rund um Villingen angeliefern wurden. Damals sei es sicherlich einfacher gewesen, an „hundertjährige Exemplare“ zu gelangen, vermutet der Orgelbauer. In seiner Manufaktur hat er sich eine ganze Menge solchen Holzes gesichert und er ist auch davon überzeugt, dass es ausreicht.

Oder das Holz für einen Teil der rund 1000 Pfeifen. Kein Astloch darf das Klangerlebnis eintrüben und selbst Experten staunen darüber, dass Kern dafür einen Lieferanten fand. Eine Firma aus dem französischen Jura sorgt für Nachschub – „gut, aber leider nicht ganz billig“, wie Gaston Kern schmunzelnd einräumt. Das trifft allerdings auch für manches Werkzeug zu, das Mitarbeiter der Manufaktur für die Herstellung der Metallpfeifen benötigen. Einzelstücke zu einem nicht geringen Teil, wofür Kern dann schnell einen vierstelligen Betrag hinblättern muss. Die Unikate, die zum Teil auf Silbermannsche Pläne zurückgehen, werden benötigt, um Metallpfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung herzustellen. Zunächst werden die Platten gehobelt und – welch „eine Plage“ stöhnt Kern –, dann zugeschnitten, später aufgerollt. Dann werden die Wände zu und der Kern aufgelötet. Absolute Präzisionsarbeit ist nötig, um den Spalt, durch den die Luft in die Pfeifen geblasen wird, genau in der richtigen Größe zu halten. Der Rückgriff auf vergangene Produktionsweisen findet erst dann seine Grenzen, wenn er auch nach Kerns und Schaefers Ansicht nichts mehr bringt. Die Lötkolben wurden früher mit Holzkohle erhitzt, doch in Kerns Werkstatt werden natürlich die modernen Nachfolger genutzt.

Doch so sorgfältig die Einzelteile auch produziert sind, letztendlich müssen sie zusammenpassen.Glücklicherweise hat Silbermann ausführliche handschriftliche Aufzeichnungen hinterlassen, die, inzwischen editiert, in vielen, mit Bemerkungen versehenen Kopien in Kerns Werkstatt liegen. Akribisch stellte Silbermann fest, was er jeden Tag arbeitete. So beschrieb er, dass „Schienen geflochten, die Schienen ins Welbredt angehenckt und auch am Clavir und die Mütterlein eingeschraubt“ wurden. Silbermann bemerkte auch, wenn’s mit der Arbeit nicht so vorwärtsging, wie gewünscht:

„Wegen der Fürstin zu Fürstenberg ein wenig gehintert worden.“ In seinen Aufzeichnungen steht jedoch nicht, wie er vorging, als er die Orgel- Legende schuf. „Heute rätseln wir manchmal darüber“, sagt Kern in seinem durch den elsässischen Dialekt gefärbten Deutsch. Dabei ist der Mythos, den Silbermann zu verbreiten scheint, keineswegs übermächtig. Immerhin produzierte er im Laufe seines Lebens über 60 Orgeln. Um diesen fulminanten Ausstoß zu erreichen, nutzte Silbermann eine Arbeitsweise, die man modern mit Serienfertigung umschreiben könnte. „Silbermann hat nach einem Schema gearbeit, das er nur auf die jeweiligen Orgelgrößen abgeändert hat“, erläutert Gaston Kern die Arbeitsweise des Straßburgers. Doch hier wiederum zeigt sich die Genialität des Künstlers und Handwerkers, schaffte er es doch, auf eine geradezu vorbildliche Weise, den Klang des Instrumentes mit dem jeweiligen Kirchenraum zu versöhnen.

Diesen Beweis muss Gaston Kern noch antreten. Seine Mannschaft baute das sieben Meter hohe, 4,45 Meter breite und rund 3,5 Tonnen schwere Meisterstück in Hattmatt auf, dann wird es wieder zerlegt und in einem Dreiachser nach Villingen gebracht. Über den Winter wird das Instrument in der Benediktinerkirche aufgebaut. Am Samstag, 21. September, soll die Silbermann-Orgel dann zum ersten Mal durch Stephan Rommelspacher, einer der Initiatoren der ersten Stunde, erklingen. In Hattmatt in der Werkstätte arbeitet Gaston Kern auf diesen Tag hin, manchmal wirkt der Schöpfer etwas erschöpft, wenn er daran denkt, wie viel Energie ihm sein „Meisterstück“, wie er es selbst nennt, schon gekostet hat. Dann sagt er, dass man so etwas nur einmal im Leben mache.

Ein altes Hauserstrahlt in neuem Glanz (Konrad Flöß)

Den älteren Villinger Bürgern ist die Wöhrle Theres mit ihrem Gemischtwarenladen in der Gerberstraße 5 sicher noch in guter Erinnerung. Es gab fast nichts, was sie nicht in ihren Regalen verstaut hatte, und vor allem wusste sie über das Bescheid, was im Städtle vor sich ging.

Bis in die 60-er Jahre wurde der Gemischtwarenladen betrieben. Von der Stadt wurde das Gebäude erworben. In den nachfolgenden Jahren erlebte das Haus eine wechselvolle Nutzung. Im EG war zeitweise ein 3.-Welt-Laden, in den oberen Geschossen bewohnten Wohngemeinschaften die Räume. Später waren Asylbewerber untergebracht.

Viele Jahre stand das Gebäude leer. Durch geborstene Fensterscheiben flogen Tauben. Kot und Unrat lagerte knöcheltief in allen Räumen. Durch schadhafte Ziegel drang Wasser und zerstörte dabei wertvolle Bausubstanz. Nach weiteren wechselvollen Jahren gelangte das Haus ins Eigentum der Familie Klaus Richter.

Frühzeitig war bekannt, dass es sich bei dem Gebäude um ein Kulturdenkmal handelt. Diesen Umstand betrachte ich nicht als hinderlich, sondern sehe hierin eine Bereicherung, zumal Bauherrschaft und Architekt einer Sanierung im Sinne des Denkmalschutzes positiv gegenüber stehen. Von Anfang an war eine enge Abstimmung mit dem Denkmalamt und den damals für Villingen zuständigen Referenten Dr. Jacobs, sowie Frau Schubart unumgänglich.

Auszug aus der Stellungnahme des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, Außenstelle Freiburg: Bei dem Gebäude Gerberstraße 5 handelt es sich um ein Kulturdenkmal im Sinne des § 2 DSchG. Es ist in der Liste der Kulturdenkmale aufgeführt. Es handelt sich dabei um ein dreigeschossiges Gebäude mit drei Fensterachsen, die linken näher

Mutter von Theresia Wöhrle – ca.1929.

 

zusammen gedrückt, über der rechten eine Aufzugsgaube. Mächtiges Kastengesims als Abschluss des traufständigen steilen Satteldachs; wegen des in Villingen hoch anstehenden Grundwasserspiegels kein eingetiefter Keller.

Im Inneren alte Decken des vermutlich 18. Jahrhunderts, der Dachstuhl wohl aus eben dieser Zeit. Als gut erhaltenes Villinger Wohnhaus der Mittelschicht kommt dem Haus als Dokument sowohl architektonischer Formen, wie auch für die städtebauliche Entwicklungsgeschichte Bedeutung zu. Das Gebäude ist deshalb aus wissenschaftlichen, vor allem bau- und stadtbaugeschichtlichen Gründen ein Kulturdenkmal; seine Erhaltung liegt insbesondere wegen seines dokumentarischen Wertes im Interesse der Öffentlichkeit.

Nach den Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes für Baden-Württemberg bedürfen Veränderungen an denkmalgeschützten Gebäuden der Genehmigung durch die hierfür zuständige Untere Denkmalschutzbehörde.

Soweit die Stellungnahme der Denkmalbehörde. Einer Gebäudesanierung geht eine umfassende und gründliche Bestandsaufnahme (Ausführlichkeitsstufe II) und Dokumentation aller Geschossebenen, sowie Querschnitte im Maßstab 1:100 voraus, gleichzeitig sind Detail-Zeichnungen von besonderen Bauteilen mit Schlüsselfunktionen zu erstellen.

Gebäudeteile und tragende Konstruktionspunkte der Wände, Böden, Decken und Dach müssen freigelegt und zugänglich gemacht werden. Gravierende Absenkungen, Verformungen und Winkelabweichungen werden erfasst. Schon bei der Gebäudeaufnahme und Begehung werden Schwachstellen und Gebäudeschäden sichtbar. Diese Analysen fließen ins Sanierungskonzept ein.

Eine Besonderheit und von der vorherrschenden Dachform in Villingen abweichend, ist die asymmetrische Dachneigung des Dachstuhls. An der Straßenfront zur Gerberstraße beträgt die DN ca. 40°, auf der eckwärtigen Hofseite ca. 60°. Es ist zu vermuten, dass ursprünglich ein Pultdach mit dem Firstpunkt an der Hofseite das Dach bildete. Durch einen späteren Eingriff wurde aus dem aufragenden Giebel ein Satteldach mit unterschiedlichen Dachneigungen. In der Vergangenheit wurde durch Umbauten und Nutzungsänderungen stark in die Gebäudestruktur eingegriffen. In Anbetracht der zahlreichen Entdeckungen von historischen Bauelementen und Details liegt es nahe, noch mehr über die Baugeschichte und die einzelnen Bauphasen des Hauses zu erfahren. Das in Villingen schon mehrfach tätige Ingenieurbüro für Bauforschung Burghard Lohrum, wurde beauftragt eine Bauuntersuchung mit Analyse sowie eine dendrochronologische Datierung der verbauten Hölzer festzustellen. Wie sich am Ergebnis zeigte, kamen höchst interessante Ergebnisse hinsichtlich Ersterbauung und Folgebauten zu Tage. Nachfolgend hier einige Auszüge und Skizzen der Untersuchung durch Burghard Lohrum.

 

 

Asymmetrische Neigung des Dachstuhls.

 

 

 

 

 

 

 

Soweit die Untersuchung von Burghard Lohrum.

 

Im Zuge der Freilegung von Bauteilen wurden zahlreich historische Elemente zu Tage gefördert, welche gerade den besonderen Reiz bei einer Gebäudesanierung ausmachen.

Im EG befand sich hinter einer „neuzeitlich“ vorgemauerten Vollziegelwand, eine Bruchsteinwand mit wohlproportioniertem Sandstein und einer vermauerten Wandnische, möglicherweise für eine Kienspanbeleuchtung. In seinem Buch „Das alte malerische Schwarzwaldhaus“ von 1915 zitiert R. Schilling Heinrich Hansjakob zur Bedeutung des Kienspans und beschreibt seine Bedeutung (S. Seite 66 oben links). An der östlichen Außenwand zum ehemaligen nicht überbauten Innenhof, fand sich nach Wegnahme des Putzes, eine ebenfalls nachträglich vermauerte hochliegende Fensteröffnung mit einer geschmiedeten Vergitterung. Der Fußboden gab unter der jüngeren Betonplatte, Reste von Sandsteinbodenplatten preis.

Im 1. OG wurden hinter einem neuzeitlichen Wandtäfer 2 Rundhölzer im Durchmesser von ca. 10 cm freigelegt. Die Lage und der Abstand lassen darauf schließen, dass es sich hierbei um Reste ehemaliger Gerüsthölzer aus einer Umbauphase handelt. Nach dem Entfernen von „modernen“ Fußbodenbrettern wurde der alte Fußbodenbelag sichtbar. Im Eckbereich wurden die Bretter als Randfriese mit Gehrungsschnitt bearbeitet und weisen auf den Standort einer ehemaligen Ofenstelle hin. Versteckt hinter Deckenverkleidungen war im Balkenfach der Decke ein Holzschieber angebracht, der die warme Luft über der Ofenstelle in die oberen Räume leiten konnte. Das Gebälk über der „Guten Stube“ im 1. OG ist sehr fein profiliert und bearbeitet. Ebenso die Türverkleidungen und gestemmten Türblätter mit den abgeplatteten Füllungen weisen außergewöhnlich feinen Zierart auf.

Ansicht Gerberstraße

 

Diese anspruchsvollere Ausstat tung hebt diesen Raum gegenüber den anderen hervor. Erst nach mühevollem Farbschichtenabtrag schälte sich die ganze Schönheit dieser Holzteile zu Tage. Nach Entfernen des mehrfach gerissenen und grobflächig vom Untergrund abgelösten Außenwandputzes an der Gerberstraße traten Reste eines ehemaligen Sandstein-Fenstergewandes im 2. OG zum Vorschein. Die derzeitige symmetrische Anordnung mit Holz- Fenstergewänden, lässt auf die Mitte des 19. Jahrhunderts schließen.

Nutzungskonzept

Mittelalterliche Gebäude eignen sich meist nicht als Renditeobjekte. Durch eine überstarke Ausnutzung und Überfrachtung des Gebäudes durch ein zu umfangreiches Raumprogramm werden oft wertvolle Bauteile zerstört. Der Entscheidungsprozess für eine sinnvolle und ausgewogene Nutzung nimmt in der Planungsphase einen breiten Raum ein. Es galt mehrere Nutzungsvarianten zu erarbeiten und zu prüfen. Vor der Sanierung befand sich im EG ein Ladengeschäft. Im 1. und 2. OG waren die Wohnräume der Ladeninhaberin. Im Dachraum war bisher ein Brennholzlager und Ort für allerlei Gerätschaften. Geplant und realisiert wurde schließlich im EG ein Ladengeschäft für moderne Beleuchtungskörper mit Büronische und Nasszelle.

Im 1. und 2. Obergeschoss sowie im Dachgeschoss wurde eine großzügige Wohnung über 3 Geschosse mit klarer Gliederung ausgewiesen. Eine besondere Herausforderung und reizvolle Aufgabe war es, das nur 49 m2 große Grundstück so zu überplanen, damit ein funktionales und harmonisches Nutzen möglich ist.

Im 1. OG befindet sich die Wohnebene mit der „Guten Stube“, der daneben liegenden Kammer und der funktionell eingerichteten Küche. Diese wurde wieder dorthin versetzt, wo sie vermutlich über Jahrhunderte bereits untergebracht war. In der „Guten Stube“ mit der barocken Stubendecke befindet sich der wiederentdeckte Deckenschieber, der darauf hindeutet, dass schon früher eine Wärmequelle an dieser Stelle stand.

 

Das Haus Gerberstraße 5 vor . ..


… und nach der Sanierung.

An gleicher Stelle wurde ein Kachelgrundofen aufgemauert der genauso funktionsfähig ist wie der Deckenschieber, der geöffnet die Wärme ins obere Geschoss leitet. Die Schlafbereichsebene mit Bad befindet sich im 2. OG. Der Raum im Dachspitz ist multifunktional nutzbar und bietet ein kontrastierendes Wohnraumerlebnis. Hier ist auch die Gasheizzentrale untergebracht. Die Wohnqualität wurde wesentlich verbessert und den heutigen Bedürfnissen angepasst. In einem denkmalgeschützten Haus wohnen heißt nicht, auf neuzeitlichen Komfort verzichten zu müssen.

Sanierungsmaßnahmen

In der Vergangenheit wurde durch Umbauten und Nutzungsänderung stark in die Gebäudestruktur eingegriffen. Verformungen, Setzungen und Verschiebungen traten im Laufe der Jahrzehnte ein.Einfluss aufs Gebäude nahm auch der schwankende Grundwasserspiegel. Die zunehmenden Erschütterungen durch Fahrzeuge, die diese Engstelle in der Gerberstraße passieren, setzten dem Gebäude ebenfalls mächtig zu. Die Standfestigkeit war erheblich gefährdet.

Die erforderlichen und durchgeführten Sanierungsmaßnahmen:

Fundamente mussten unterfangen und verstärkt werden. In allen Geschossebenen wurden durchlaufende Stahlzuganker eingebaut. Durch den geschickt angeordneten Deckenaufbau bleibt die Hilfskonstruktion weitgehend unsichtbar.

Die stark gestörte Mischkonstruktion des Dachstuhls wurde behutsam verstärkt. Fehlende Streben wurden ergänzt und eine zusätzliche Dachgaube ins Sparrenfeld eingesetzt.

 

Die Dachflächen wurden verschalt und mit einer Übersparren-Dämmung ausgestattet, damit die Dachkonstruktion vollständig im Rauminnern wahrgenommen werden kann.

Gedeckt wurden die Dachflächen mit teilweise vorhandenen noch brauchbaren, teilweise erworbenen alten handgestrichenen Biberschwanzziegeln in einfacher Deckungsart.

Rückbau der großen Schaufensterfront und Schaffung von 2 kleinen wohlproportionierten Fenstern für Auslagen und Dekoration.

Besonderer Augenmerk wurde auf die Installation der haustechnischen Anlagen gelegt.

Die Leitungsführungen für Sanitär, Elektro und Heizung wurden unter dem Aspekt gewählt, die wertvolle Bausubstanz vollständig zu erhalten.

Die Fenster zur Straßenseite wurden nach historischen Vorbildern als Einfachfenster mit filigranen Fenstersprossen und Vorfenstern in Eichenholz gefertigt. Fensterklappläden mit abgeplatteten Füllungen schützen vor den Unbilden der Witterung. An der rückwärtigen Fassade wurden die vorhandenen barocken bzw. neuzeitlichen Sprossenfenster mit Vorfenstern von ca. 1910 repariert.

Vorhandene, aber bisher überbaute Bretterbeläge mit Stufenfalz wurden freigelegt und ergänzt.

Holzblockwände mit profilierten Deckleisten waren mehrfach überstrichen. Die Anstriche wurden abgewaschen und abgelaugt, fehlende Holzteile ergänzt und die Oberfläche gewachst und geölt. Die reich profilierten und genuteten Deckenbalken wurden freigelegt, die schadhaften Teile und die Einschubbretter ergänzt. Die Oberfläche, wie oben behandelt.

Die teilweise vorhandene barocken Zimmertüren mit abgeplatteten Füllungen, historischen Belägen und den aufwendig profilierten Türverkleidungen wurden repariert und wieder gangbar gemacht.

Fehlende Geländer an der Geschosstreppe zum Dachspitz wurde mit einem Stahlgeländer dem derzeitigen Zeitgeschmack entsprechend ausgestattet.

Die Wandflächen wurden nach umfangreichen Bestandsanalysen mit Lehmputz versehen und mit Kalkkaseinfarbe gestrichen. Historische Putzreste wurden gesichert und sichtbar gelassen.

In einer 18-monatigen Bauzeit mit einem hohen persönlichen Einsatz in Form von Eigenarbeit durch die Bauherrschaft Richter ist es gelungen, ein tristes, dem Verfall preisgegebenes Bürgerhaus vor dem Abbruch zu bewahren.

Nach Abschluss der Sanierung ist dieses Objekt innerhalb des historischen Stadtkerns von Villingen ein gelungenes Beispiel einer erfolgreichen Sanierung und ein Mosaikstein für eine gute Stadtgestaltung.

Am „Tag der offenen Tür“ überzeugten sich über 500 Villinger Bürger von der erfolgreichen Erhaltung des historisch gewachsenen Gebäudes. Appellieren möchte ich bei dieser Gelegenheit an alle Bauwilligen, die sich mit dem Gedanken einer Sanierung eines Kulturdenkmals beschäftigen. Gehen Sie Ihr Projekt mutig an, eine spannende Aufgabe erwartet Sie, manchmal ist sie voller Überraschungen.

 

Über das Entstehen von Architektur – Der Bahnhof in Villingen (Joachim Müller)

Sanierung / Umbau des Bahnhofsgebäudes

Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes

Erstellung des neuen Zentralen Omnibus-Bahnhofs 

Bauliche Maßnahmen, seien es Hochbauten oder stadträumliche Entwicklungen sind immer „Äußere Zeichen“ und somit das Ergebnis von Entscheidungsprozessen mit, in der Regel, genau definierten Zielen. Diese „Äußeren Zeichen“ sind aufgrund des erheblichen logistischen und finanziellen Aufwandes Ausdruck der Ernsthaftigkeit mit der sie von den unterschiedlichsten Auftraggebern angegangen werden. Bei den hier zu beschreibenden Beispielen, dem Bahnhofsgebäude der Deutschen Bahn AG, dem städtischen Bahnhofsvorplatz und dem Zentralen Omnibus-Bahnhof waren jeweils eigenständige Ziele zu formulieren. War es damals mit der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes der Startschuss zur Reaktivierung öffentlichen Raums, der Erhöhung der Aufenthaltsqualität und daraus das Entstehen einer weiteren Visitenkarte für unsere Stadt an diesem wichtigen, Fremde begrüßenden Stadteingang, anlässlich der 1000 Jahr Feierlichkeiten, so war es beim Umbau und der teilweisen Sanierung des Bahnhofsgebäudes ein Zeichen von Seiten der Deutschen Bahn AG, die Attraktivität des eigenen Produktes nach außen durch eben solche baulichen Maßnahmen zu dokumentieren. Wirtschaftlicher Hintergrund natürlich auch die Erkenntnis, dass Immobilienflächen innerhalb des Gebäudes nicht oder zumindest nicht in der vorhandenen Wertigkeit genutzt wurden.

 

Die Erstellung des Neuen Zentralen Omnibus-Bahnhofes war die konsequente, bauliche Weiterentwicklung des auf den Weg gebrachten ÖPNV-Konzeptes. Diesen funktional beschriebenen Zielen ihre räumliche und konstruktive Form zu geben ist die Aufgabe des Architekten.

Der Prozess der „Formfindung“ ist vielschichtig und lässt sich am besten dadurch eingrenzen indem man sich die funktionalen Anforderungen und die eigenen, gestalterischen Ansätze bewusst macht. Alle formalen Elemente und architektonischen Formen entstehen nicht zufällig, sind nicht Produkt einer im vorhinein erdachten Gestaltungsidee, sondern Ergebnis der Beurteilung des Vorhandenen, dem Erfassen des „Genus Loci“, der Formulierung eines hieraus entstehenden Gestaltungsprinzips in Verbindung mit den funktionalen Zielen. Die architektonische Form entsteht folglich nicht willkürlich, sie entsteht aus der Summe der zu berücksichtigenden Einzelaspekte. Ich möchte hiermit den Versuch machen durch die Darstellung einiger am Projekt entstandenen Elemente das theoretisch formulierte zu erläutern:

 

 

 

 

 

 

Durch die Bombardierung im zweiten Weltkrieg und in der Folge durch mehrere Umbauten, zuletzt in den 70er Jahren hat der, 1860 im Auftrag der Großherzoglichen Badischen Bezirksbaudirektion errichtete Bahnhof sein Gesicht sehr stark verloren. Der ursprüngliche Mittelbau und der Hauptzugang waren, zumindest in ihrer Bedeutung, optisch nicht mehr vorhanden. Das neu entstandene, weit ausladende Vordach dokumentiert im Zusammenspiel mit den beiden stark vertikal ausgerichteten Pylonen als Mittel zur Wiederherstellung die verloren gegangene „Mitte“ des Bahnhofsgebäudes. Die in den Vorplatz hinausragende Form des Vordachs bietet nicht nur den darunter sich orientierenden Schutz sondern versteht sich auch als begrüßende Geste.

Die entlang des Mittelbaus ausgebildete „Belvedere-Fläche“ ermöglicht nun, auch für größere Gruppen eine früher nicht mögliche Orientierung über den Vorplatz hinaus. Die drei bestimmenden Hauptachsen zu den jeweiligen Schwerpunkten Stadteingang/ Zentraler Omnibus-Bahnhof / Taxi und Park & Ride-Plätze) sind in erhöhter Position zu erfahren. Die Lichtsäulen, entstanden im Zusammenspiel mit dem Villinger Leuchten-Hersteller Hess, als raumbildende Elemente und in deren formaler Ausbildung an die Pylone angeglichen, definieren sowohl in ihrer Tag- als auch in ihrer Nachtwirkung genau den Umfang des neuen Platzes. Die halbkreisförmige Grundstruktur lässt mit ihrem Radiuspunkt im Hauptzugang des Bahnhofsgebäudes die „Neue Mitte“ entstehen. Die in ihrem Volumen eher zarten Elemente trennen den Vorplatz sehr transparent von seinen Umfeld. Gestaltungabsicht war ein Höchstmaß an Orientierung bei dennoch klarer Abgrenzung zu erzielen; wichtig hierbei die Ausstrahlung der Brigach-Grünachse für den Vorplatz zu erhalten.

 

Die geschwungenen und geneigten Wände dienen einerseits als Schutz und Abgrenzung der Außenbewirtungsfläche, bilden aber andererseits auch die Hinführung zu den Taxi-Ständen und werden als Rollstuhlrampe benötigt. Als Abfallprodukt entsteht ein sehr eleganter Vermittler zwischen den beiden Höhenniveaus des Vorplatzes.

Die dynamisch angelegten Stufen zwischen „Belvedere“ und Hauptplatz sind nicht nur Treppe sondern auch Sitzfläche und Verbindungselement einzelner weiterer Elemente.

Die schrägen Wandscheiben mit den Außen-Kanapees sind optische Haltepunkte und ebenfalls funktionale, bestimmbare Sammelpunkte für Wandergruppen, Schulklassen und dergleichen.Die Wiederherstellung der inneren räumlichen und baukonstruktiven Ordnung des Bahnhofsgebäudes im Zusammenspiel mit den hochwertigen, aber formal zurückhaltend eingesetzten, Materialien ermöglichen eine früher nicht gekannte Aufenthaltsqualität. Unterstützt wird diese neue Aufenthaltsqualität durch ein attraktives Nutzungskonzept mit einem passenden Mix aus unterschiedlichen Shops und Gastronomie-Angeboten. Die großzügige, über den Hausgrund hinausgezogene, Verglasung erhöht sowohl den Innen-AußenBezug als auch die bessere Orientierung zu den Funktionen außerhalb des Bahnhofsgebäudes. Als integrieter Part wird die Bahnhofshalle somit zum Wartebereich für den gesamten ÖPNV-Bereich.

Die Überdachungen des Zentralen Omnibusbahnhofes folgen in ihren formalen Ausformungen den ihnen zugrunde liegenden funktionalen Anforderungen. Die niedrigen Dächer mit den ihnen zugeordneten, gefassten Sitzflächen dienen dem Schutz der dort Wartenden. Die hohen, sehr dynamisch aufragenden Dächer dienen als Schutz während des Zustiegs in die zum Teil sehr hohen Busse. Der Abstand zwischen den beiden unterschiedlich hohen Dächern dient hierzu, die Sogwirkung des Windes und den entstehenden Staudruck zu verringern.

 

Eine Gesamtüberdachung, wie ursprünglich von mir geplant und favorisiert, durfte aus Gründen der Bezuschussung nicht realisiert werden. Die beiden parallel aufgestellten Wandscheiben beschreiben eine Portalsituation und dokumentieren dem Wartenden den Zustieg und dem Busfahrer seinen Haltepunkt. Das Bullauge in der senkrecht aufgestellten Wandscheibe dient dem Sicherheitsaspekt und verhindert das Übersehen evtl. dahinter spielender Kinder oder der aus der entgegengesetzten Sichtrichtung heranfahrenden Busse.

All diese beispielhaft genannten Bauelemente sind entstanden aus zwei Gestaltungsprinzipien die meist Grundlage der Arbeiten meines Büros sind: der Darstellung von Kontrasten und der Ablesbarkeit von Funktionen.

Gestaltungsprinzip – Kontraste

Masse – Leichtigkeit

Die Gegenüberstellung von schweren Materialien wie Beton und den sandsteinartigen Betonwerkstein zu leichteren Konstruktionen aus Stahl und transparentem Glas.

Strenge / Ordnung – Formfreiheit

Der Kontrast aus den geschwungenen Wandscheiben des Vorplatzes zur symmetrischen, strengen Ordnung des Bahnhofsgebäudes oder dem Kontrast aus den harten, tragenden Wandscheiben des Busbahnhofes zu dessen beschwingter Dachkonstruktion.

Materialhaftigkeit – Farbigkeit

Die Darstellung von Material in seiner Grundsubstanz im Gegensatz zur Überhöhung einzelner Elemente durch farbliche Akzentuierung.

Gestaltungsprinzip – Ablesbarkeit von Funktionen

– Leuchte: Lichtkonzept und Raumdefinition

– Belvedere: Orientierung und Wertigkeit

– Eingangsdach: Zugangsdefinition und Schutz

– Niedrige Dächer ZOB: Schutz für Wartende

– Hohe Dächer ZOB: Schutz für den Buszustieg

– Portalwandscheiben ZOB: Zustiegsdefinition

Die Umsetzung dieser Gestaltungsprinzipien führt bei diesem Projekt zu einem abgestimmten Formenkanon anhand dessen man die unterschiedlichen architektonischen Elemente zu einer Gestaltungsfamilie verbinden kann. Alle gestalteten Teile aus Bahnhofsgebäude, Vorplatz und zentralem Omnibus-Bahnhof sind formal eigenständige Lösungen und dennoch offensichtlich und nachvollziehbar in ein Gesamt-Gestaltungskonzept integriert. Das Zusammenspiel aus maschinenhafter Ästhetik und zum Teil übertragegenen, archaischen Ordnungen lassen, entsprechend der Zielvorgabe, eine neue Identität für den gesamten Planungsbereich entstehen.

Die Kutmühle ( Werner Huger)

Zeugnis eines alten Gewerbes gestern und heute

Von mehr als dreißig „Mühlen“ im unmittelbaren Einflussbereich der mittelalterlichen Stadt Villingen ist die Kut(h)mühle der einzige Gewerbebetrieb der mit Standort und Funktion in der Gegenwart angekommen ist. Darin liegt auch ein Teil ihrer wirtschaftsgeschichtlichen Bedeutung. „Mühlen“ ist ein Oberbegriff. Getreidemühlen, Ölmühlen, Schleifmühlen, Sägewerke, Tuchwalken und Hammerwerke mit ihren mechanischen Triebwerken fallen darunter. Alle diese handwerklichen Produktionsstätten waren einst entlang der Fließwässer, besonders der Brigach, aufgereiht worden für die sie ein Wassernutzungsrecht besaßen. Diese hatte man dann meist kanalisiert oder gelegentlich, des unterschiedlichen Wasseranfalls wegen, als Weiher gestaut. Die Arbeitsfunktionen wurden vom Kraftüberträger Wasserrad, von dem sich die Bezeichnung Mühlrad erhalten hat, über mechanische Verzweigungen von Rädern, Achswellen sowie Getrieben gesteuert. Zur Mehlherstellung bedurfte es unter anderem noch des Boden- und des daraufsitzenden Läufersteins aus hartem quarzreichen Mühlsandstein, wie er z. B. in einem Steinbruch im Wieselsbachtal (Stadtwald) vorkommt. Nach ihrer Lage besaßen die „Mühlen“ demnach einen sogenannten energieorientierten Standort.


Von mehr als 30 Mühlen im Einflussbereich der mittelalterlichen Stadt Villingen ist die Kutmühle noch die einzige die ihre Funktion am alten Standort ausübt.

Wie sehr verbindet man bis heute mit der Vorstellung von einer Mühle das heimelige „Klappern am rauschenden Bach“, jene liedhafte Idylle.

Als sich am Ende der feudalistischen Grundherrschaften anfangs des 19. Jahrhunderts der hörige Bauer, der Lehensnehmer, vom Mühlenbann zu lösen vermochte, d. h. von der Pflicht nur in der Mühle des Grundherrn (Bannmühle) das geerntete Brotgetreide mahlen zu lassen, kam es zu den zahlreichen Hausmühlen. Sie wurden zum romantischen Synonym Schwarzwälder Siedlungsgeschichte. Unbeschadet der damaligen Rechtsverhältnisse galt das so nicht für die Kutmühle.

Aber hatte sie nicht auch ein Wasserrad und wo ist es geblieben? Es gibt es noch. Die Gründe? Ein immer noch bestehendes abgabenpflichtiges Wasserrecht und die Energiekostenminimierung durch Koppelung mit dem Stromverbrauch mögen als Entscheidungsgrundlage des Müllers gedient und zu seiner Erhaltung beigetragen haben. Es taucht seine breiten Schaufeln als sogenanntes unter schlächtiges Mühlrad in die über den Mühlenkanal ankommende große Wassermenge bei der schon ein geringer Druck für die Drehbewegung ausreicht.

Das alte Mühlrad hat nicht ausgedient. Mit seinen breiten Schaufeln wird es vom Wasser eines Seitenkanals der Brigach angetrieben und ist mit der Stromversorgung der Mühle gekoppelt.

– In den Hausmühlen des Schwarzwaldes gab es meist das schmalere „oberschlächtige“ Wasserrad das, über eine Wasserrinne gespeist, vom bergabwärts fließenden Wasser mit stärkerem Druck angetrieben wurde. Kam zuviel Wasser an oder wurde es gerade nicht gebraucht konnte der Müller über ein ausschwenkbares Teilstück der hölzernen Rinne das Wasser bergabwärts leiten. In den Jahrhunderten einer noch nicht begradigten sondern in einem vielfach gewundenen Bett vagabundierenden Brigach sowie ohne die Querschnittsvertiefung seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts bestand für die stadtnahen Mühlen allgemein und hier für die Kutmühle im Besondern unzählige Male durch Stauungen und Überschwemmungen große Gefahr. Damit mussten Generationen von Müllern leben. Besonders bedrohlich wurde es, wenn zur winterlichen Schneeschmelze und dem stauenden Eisgang noch starke Regenfälle kamen. Es berichtet am 17. September 1817 der Geometer Bischof an den Stadtrath, dass der Mühlenbereich „durch das Wasser in Grund und Boden weggerissen worden ist“. In einer Postkarten-Fotografie vom Hochwasser am 19. 01.1910 steht die Kutmühle einsam und verlassen in einen See von Überschwemmungswasser getaucht, das offensichtlich zur Haustür hineinlief.

„Seit 1895 ist kein so Wasser mehr in Villingen gewesen“ schreibt, verbunden mit einem Kartengruß, Luise Riegger von der Kutmühle. Und in einem Gespräch mit dem jetzigen Müller, Berthold Riegger, für diesen Beitrag erzählte dieser dem Verfasser von einer hohen alten Türschwelle für deren Existenz er keine Erklärung gehabt habe. Das Rätsel habe sich aber dann im Jahr 1990 aufgelöst als in Folge der Schneeschmelze und des Regens so viel Wasser angekommen sei, dass diese scheinbar hinderliche Schwelle sogar mit Sandsäcken bedeckt werden musste. Das Wasser wäre sonst in die Mühle eingedrungen. Wiesen und Felder rings um die Mühle und im Brigachtal seien ohnehin überschwemmt gewesen.

Das alte Mühlrad hat nicht ausgedient. Mit seinen breiten Schaufeln wird es vom Wasser eines Seitenkanals der Brigach angetrieben und ist mit der Stromversorgung der Mühle gekoppelt.


Die Kutmühle liegt mit ihrem jahrhundertealten Standort zwischen der Mühlenstraße und einem östlichen Seitenkanal der Brigach, im Süden, Richtung Marbach, 1500 Meter Luftlinie vom Straßenkreuz der Hauptachsen Alt-Villingens entfernt.

1368 soll die Mühle erstmals in einem Güterverzeichnis des Klosters Tennenbach, das zu den Villinger Aus- oder Pfahlbürgern gehörte, das heißt als Auswärtiger ins Bürgerrecht aufgenommen war, erwähnt worden sein. Spätere Hinweise auf den Niederadel von Donaueschingen und Tannheim sowie auf St. Clara, das Villinger Frauenkloster, belegen, dass diese Grundherren die ihnen gehörige Mühle als Lehen (der Pacht verwandt), und zwar als Erblehen, das vererbt werden konnte, an einen Müller gegen Abgaben in Geld und Naturalien verliehen hatten. Darauf werden wir im Zusammenhang mit dem Inhaber Kuth zurückkommen. Ab 1324 bis 1791 gibt es im Villinger Stadtarchiv eine ganze Reihe von Urkunden die sich mit den Personen und dem Gewerbe der Müller befassen. 1324 treffen die Grafen von Fürstenberg als Stadtherren mit den Bürgervertretern Vereinbarungen u.a. über die Wahl der Zunftmeister. Sowohl im Stadtrecht von 1371 als auch von 1592, in der Zunftordnung von 1433 und im Eidbuch der Stadt von 1573 finden sich Rechtsregelungen über die Müller und die Mühlen. In einer Urkunde von 1470 ist – stellvertretend für andere – die Rede vom „zunfftmaister und gemein brotbecken und mullerzunfft der baider hantwerck ze Vilingen“. Bäcker und Müller waren also Mitglieder einer gemeinsamen Zunft. Erst 1665 bzw. 1791 erfolgte die Trennung von Müllerund Bäkkerzunft. Es war ohnehin schon das Ende des mittelalterlich bestimmten Zunftwesens.

Von Interesse ist der personenrechtliche Status der Müller(-meister) wie er sich aus dem Stadtrecht von 1371 ableiten lässt. Beschränkungen (Minderberechtigungen) wie man sie für die städtischen Hintersassen (= Halbbürger) oder ländlich-bäuerliche Untertanen kannte galten für die Müller, die in ihren landwirtschaftlich geprägten Mühlen außerhalb der Stadtmauern lebten aber zur Stadt gehörten, nicht. Selbst dort wo die Müller die Mühle als Leibgeding oder als (Erb-)Lehensnehmer einer klösterlichen oder niederadligen Grundherrschaft in Besitz hatten standen ihnen alle Rechte eines Vollbürgers zu. Gleichzeitig teilten sie auch dessen Pflichten. Unter anderem wurden sie im Zuge der Wehrgerechtigkeit zum Wachdienst herangezogen. Das Stadtrecht von 1592 verfügte: „Item es sollen auch die müller und bader zwüschen den thoren und die, so vor der statt sitzen, mit gwehr und harnasch uf die Fillinnen (= Fülle = Umgang des äußeren Befestigungsringes) und zue den thoren laufen, deren zum besten acht haben, biß mehr leüt zu ihnen verordnet werden, und was ihnen begegnet, den hauptleüthen und räthen an dem Marckt zue wüssen mache“. So trugen die Müller zum Schutz der Stadt bei, den sie für ihre Mühle im Außenbereich nicht gewährleisten konnten. 1569 brannte die heutige Kutmühle ab und im Dreißigjährigen Krieg, anlässlich der Belagerung Villingens, 1634, wurde sie noch einmal von württembergischen Soldaten eingeäschert.

Ab 14. Oktober 1760 ist der Müller Anton Kuth, von dem sich der heutige Name ableitet, Erblehennehmer des Villinger Clarissenklosters. Es ist noch die Zeit des Feudalismus, d. h. die Zeit des Lehenwesens das mit der Säkularisation und Mediatisierung nach 1800 endet. An seine Stelle trat der badische Staat mit seiner Beamtenverwaltung. Mit Datum des 11. März 1811 begegnen wir einer für uns Heutige merkwürdigen produktionstechnischen Ergänzung der Mühle. Es ist „Das Gesuch des Anton Kuth, Müller dahier, um Bewilligung zur Errichtung einer Gypsmühle“. Es soll, so die Begründung, neben den Fruchtmahlgängen aus gesundheitlichen Gründen getrennt davon „in einem besonderen Gebäude allein zum Gypsmahlen ein Gypsgang verwendet werden“. Dafür erhält Kuth die Zustimmung. 1843 erfahren wir dann, dass der Müller Josef Juth im Dürrheimer „bahn“ (= Bann = Dürrheimer Gemeindegebiet) „zu brechende Gipssteine“ besitzt. Geologisch liegt Dürrheim über dem Gipskeuper. 1806 wurde dort beim heutigen Kurheim – Sanatorium, wir wissen nicht von wem, der Ortsbach, die Stille Musel, zum Mühlenteich aufgestaut und eine Gipsmühle mit kleiner Wasserkraftanlage betrieben.

 

 

Über 90 Mitarbeiter sind für die Mühle tätig. Da darf auch die Frau an der Mehlabfüll-Einrichtung nicht fehlen.

Noch im selben Jahr 1843 geht eine folgenschwere Nachricht des Großherzoglichen Badischen Bezirksamts Villingen an das Bürgermeisteramt Villingen „in Sachen mehrer Gläubiger gegen den Adlerwirth Joseph Kuth“: „gegen Joseph Kuth, Adlerwirth von Altenburg (Anmerkung: an der Straße zum nahen Kloster Rheinau in der Schweiz, damals „Bezirksamt Jestetten“ heute Kreis Waldshut) wird Gant erkannt“. Mit dem Versuch einer Verpachtung hatte sich Kuth schon 1841 davongemacht. Jetzt wurde er, wie man zu sagen pflegte, „vergantet“. Die Herkunft „Gant“ ist nicht eindeutig geklärt. Im technisch-juristischen Sinne ist es die eingeleitete Maßnahme der Zwangsvollstreckung durch die Obrigkeit zu Gunsten der Gläubiger in der Absicht aus dem Zwangsversteigerungserlös der verbliebenen Vermögensmasse diese zu befriedigen, was damals, wie im späteren Konkursverfahren für das Unternehmen des Betroffenen den Tod bedeutete. Mit anderen Worten: Joseph Kuth war überschuldet und zahlungsunfähig geworden. Zweifellos ist er deshalb nach Altenburg ausgewichen. Über die Gründe der Insolvenz kann man nur spekulieren aber sie sind naheliegend. Nach den „Enteignungsverfahren“ gegen die Feudal-und Grundherren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden deren Güter den Lehensnehmern zum Kauf angeboten. Wer auf der Scholle saß wollte sie auch behalten. Dabei haben sich viele übernommen. Vielleicht haben dieser volks- aber auch betriebswirtschaftliche Wandel und nach den Indizien die mangelnden Voraussetzungen in der Person des Joseph Kuth den Müller in die Gant getrieben. Aus der Gantmasse erwarb am 21. März 1844 der Ochsenwirt Xaver Riegger die Mühle für seinen auswärts weilenden Bruder Karl zum Preis von 11165 Gulden. Sie wird wie folgt beschrieben: Eine Mühle am unteren Wasser (Kuthmühle) mit drei Mahlgängen, einem Gerbgang, einer Grießmühle mit einem Stall und einer Waschküche vornen am Haus, einem Schopf hinterm Haus und einer Gipsstampfe und Hanfreibe. – Eine für einen Familienbetrieb ungewöhnliche, bis heute über fünf Generationen fast 160 Jahre reichende von Erfolg gekrönte Gewerbe- und Firmengeschichte begann. Inzwischen ist der Name Kutmühle über den Schwarzwald-Baar-Kreis hinaus bis in den Hegau und den Bodenseeraum bekannt und geschätzt.

Seit 1884 ist die Mühle im Besitz der Familie Riegger. Der Erste aus bisher fünf Generationen war der aus der Breiten Mühle stammende Karl Riegger. Er übergab sie dann 1871 seinem Sohn Peregrin.

Mit der Übernahme der Mühle durch Karl Riegger, der aus der Breiten Mühle stammte, und der sie bis Juni 1861 betrieb ehe er sie an seinen Sohn Peregrin weitergab, blieb der Name „Kuthmühle“ – heute ohne „h“. Noch dauerte das Verfahren gegen Joseph Kuth. In einem Erlass des Großherzoglichen Bezirksamts Villingen an das Bürgermeisteramt Villingen heißt es unter dem 13. April 1852: Die Gant des Müllers Joseph Kuth in Altenburg, betr. Beschluß: Das Bürgermeisteramt dahier wird veranlaßt die Zwangsversteigerungsakten des Müllers Joseph Kuth, früher in Altenburg, Amtes Jestetten, an hier mitzutheilen. – Abkömmlinge des Müllers Kuth leben heute noch im Raum München.

In einer Akte von 1852 begegnen wir auch beim Kuthmüller Karl Riegger dem Wunsch nach einem Neubau für eine Gips- und Stampfmühle. Mühlwerke waren oft mit Stampfen gekoppelt. „Diese Stampfen zerstossen Gerste zu Graupen und Knochen zu Hundefutter. Früher dienten sie des Weiteren zum Stampfen von Hirse, Dinkel, Heublumen und Hanf“. Die Gipssteine dagegen wurden gemahlen um als Naturdünger verwendet zu werden. Das war allgemein üblich im Bereich der Gipsvorkommen. Wir kennen das Verfahren auch für Mergelsteine. Im Gegensatz zum Mergel, der sehr kalkhaltig und gut löslich ist (ihn verbrachte man auf die Buntsandstein- und sauern Böden), muss die Spontanwirkung beim Gips aufgrund seiner Schwerlöslichkeit bezweifelt werden. Im Stoffwechsel der Pflanzen bei der Bildung von Nährstoffen über die Aufnahme der Nährsalze aus dem Boden spielt das Calciumsulfat (= Gips) eine zu vernachlässigende Rolle. Er findet in erster Linie seine Verwendung als Stuck-, Putz- und Estrichgips, die durch Brennen bei unterschiedlichen Temperaturen gewonnen werden. Es stellt sich die Frage nach dem eigentlichen Mahlgut einer alten und einer heutigen Mühle. Die erste archäologisch fassbare Bauernkultur ist bei uns die sogenannte Linearbandkeramik vor rd. 7000 Jahren. Den sesshaften Bandkeramikern lieferten auf Freiflächen, noch nicht auf Feldern, die Ähren der drei wichtigsten Getreidesorten: Das Einkorn, der Emmer (eine Weizenart) und die mehrzeilige Gerste neben den übrigen Nutzpflanzen einen kärglichen Ertrag. Diesen Sorten folgte, wie es scheint erst im 2. Jahrtausend vor Christus, der Anbau des Dinkels (auch: Vesen, Spelz, Spelt, Schwabenkorn), wiederum eine Weizenart, damals wohl für die „Herstellung von Mehlspeisen, Brot, Brei und sogar beim Brauen“. Die Kulturpflanzen Dinkel, Weizen und Roggen, durch Züchtung über Selektion optimiert, sind das Brotgetreide im engeren Sinne, einst und heute. vom Mittelalter bis in die Neuzeit dominierte in Südwestdeutschland und der Nordschweiz der Dinkel. Im übrigen Deutschland wurde das Brot vor allem aus Roggenmehl hergestellt, was das Vorhandensein des Roggenbrots bei uns nicht ausschließt. (Frankreich und England bevorzugten den Weizen.) Während in der neueren Zeit sowohl Weizenmehl als auch Roggenmehl und beide vermengt in einem Mischbrot („Halbweißes“) verarbeitet wurden, erlebt seit etwa fünf Jahren der Dinkel und das daraus gewonnene Mehl bzw. Brot eine Renaissance. Er erlangt in Zeiten gewandelten Umwelt- und Gesundheitsbewusstseins im Vergleich mit dem Weizen geradezu Kultstatus: hochwertiger, ökologisch unbedenklich, vitamin-, mineralstoff- und nährstoffreicher, bekömmlicher; zudem seien Dinkelsuppen magen-, darm- und gallefreundlich. Man bedient sich in der Argumentation als Beweis des Inhalts der naturwissenschaftlichen Schriften einer heiligen Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert. – Vergleicht man die auf Versuchsfeldern der Landwirtschaftsämter Stockach und Markdorf erzielten Ertragsmengen von Ökoweizen und Ökodinkel dann ist das Verhältnis 57,5 % zu 42,5 % beim Dinkel. Kaufmännisch ist das nicht zuletzt ein Kostenfaktor der auf den Dinkelbrot-Preis durchschlägt. Auch die Wettergefährdung ist beim Weizen sicherer, er ist standfester. Im Übrigen ist die Einschätzung des Weizens durch die Fachleute wohlwollender, auch wenn behauptet wird zahlreiche Menschen litten unter Weizenallergie.

Das gute Brot ist und bleibt letztlich Ausfluss der Kunst des Müllers, die er, unter Berücksichtigung verschiedener Eiweißstrukturen und Stärkeanteilen des Mehls, durch Mischen verschiedener Weizensorten als optimales Ergebnis erlangt. Heute werden die in der Kutmühle von den Bauern des Schwarzwald-Baar-Kreises angelieferten Jahresernten produktionstechnisch nicht mehr von Mahlsteinen zerrieben. Nach der Lagerung bei 8°C in den Arten- und Sortendepots der rund 4500 Kubikmeter fassenden Silos werden die gereinigten Körner in den Walzenstühlen „franktioniert“. Die Walzen sind geriffelt. D. h. sie besitzen an der Oberfläche halbschräg verlaufende Eintiefungen, die im „Nacheinander“ der Walzen immer feiner werden. Die zu mahlenden Körner werden in einem Prozess viele Male über die Walzen geschickt und die jeweiligen Zwischenmahlprodukte immer wieder über Siebe (Müllergaze) voneinander getrennt. So entstehen – ohne auf weitere Zwischenstufen einzugehen – in der Reihenfolge des Mahlens Schrot, Grieß (ein feiner Schrot oder grobes Mehl), Dunst (ein Zwischenprodukt Grieß/Mehl) und schließlich nach noch feinerem Mahlen das Mehl. Die zahlreichen Mehltypen, z.B. Type 405 oder 1050, werden über dieses Verfahren gewonnen. Je höher die Type- Zahl desto größer die Schalenanteile.

 

Eine von vielen: Die Verkaufsstelle am Münsterplatz in Villingen.

 

Ein Kuppelprodukt der Kutmühle ist das Brot, das mit Sorgfalt in der hauseigenen Backstube gebacken wird. Es findet seinen Weg über zahlreiche Verkaufsstellen zum Kunden bis hinunter an die Ufer des Bodensees. Daneben bietet die Kutmühle dem Verbraucher eine Palette an Getreidesorten und -produkten, die erwähnten Mehle, Grieß, Dunst (auch Spätzlemehl genannt), Vollkornschrote und -mehle, zusätzlich ein eigenes Hausmüsli und ein Sortiment Kleingebäck sowie verschiedene Kuchen. Es versteht sich von selbst, dass es hier mit dem Meister und den einstigen Müllerknechten allein nicht mehr getan ist. Über neunzig Mitarbeiter in der Mühle, der Bäckerei, in der Logistik, den Verkaufsstellen und nicht zuletzt in der Verwaltung, sind beteiligt wenn sich ein zeitnaher moderner Unternehmergeist verwirklicht.

Bei den Recherchen über die Kutmühle stieß der Autor auf eine interessante Tatsache: Auf Antrag gestattete die Stadt Villingen 1811 dem Müller Anton Kuth, „in einem besonderen Gebäude allein zum Gypsmahlen ein(en) Gypsgang“ einzurichten. In einer solchen Mühle als „Beimühle“ zur Fruchtmühle, wurden Gipssteine zunächst in der „Gipspoche“ zerkleinert und anschließend im Mahlwerk zu mehligem Naturdünger gemahlen. Die nicht mehr vorhandene Gipsmühle des Kuth-Müllers besitzt ein in Süddeutschland einmaliges Gegenstück: In Blumeck-Weiler, das zur Stadt Stühlingen gehört, wurde 1991 die technische Einrichtung einer Gipsmühle rekonstruiert. Im dortigen Mühlenmuseum können die Besucher nachvollziehen, wie Kalkstein gestampft und zu Düngegips – siehe Bilder unten – verarbeitet wird. Das Museum ist von Mai bis Oktober geöffnet. Auskunft unter Telefon 0 77 09 / 254 oder 0 77 09 /10 73.