Auch stumme Stadtführer haben viel zu erzählen (Gerhard Hirt)

Informationstafeln an historischen Gebäuden (4. Teil)

Sie sind uns schon recht vertraut geworden, die kleinen blau-weißen Schilder an den historischen Gebäuden der Stadt, die wir im Jahrbuch „Villingen im Wandel der Zeit“ schon seit 2004 vorstellen. Wir haben sie „die kleinen blauen Stadtführer“ getauft und wir wollen hier wieder einige von ihnen ein wenig in den Blickpunkt rükken. Damit soll dann auch diese Serien beendet werden.

Der „Geburt“ der historischen Wegweiser gingen, wie wir es im Heft XXVII beschrieben haben, lange „Wehen“ voraus. Einer der Initiatoren war unser inzwischen verstorbener einstiger Vorsitzender Hubert Waldkircher. Sein Namen hat auch in diesem Jahr wieder einen besonderen Klang. Klang ist hier sogar wörtlich zu verstehen, denn er ist auch der „Vater“ des Glockenspiels im Münster, das auf seine Initiative entstanden ist und am ersten Advent eingeweiht wurde. Dass dieses Projekt auch nach dem Tod von Hubert Waldkircher realisiert werden konnte, ist auch Personen zu verdanken, die damals schon mit ihm zusammen im Arbeitskreis Innenstadt des Geschichts- und Heimatvereins für die Anbringung der Tafeln kämpften.

Das GHV-Projekt „Beschilderung historischer Gebäude“ hatte von der Planung bis zur Realisierung manche Hürden zu überwinden. Die Idee, ein „Historischen Leitsystems in Villingen“ zu schaffen, stammt aus dem Jahr 1994. Zahlreiche Gespräche, Beratungen ausführlicher Schriftverkehr und Diskussionen mit Verwaltung und Baubehörden gingen der Genehmigung, die 1998 erfolgte, voraus. Ein Jahr später wurden anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten zur Verleihung des Markt- Münz und Zollrechtes die ersten Tafeln an historischen Bauten angebracht.

Seitdem sind wohl alle wichtigen Gebäude der Stadt – übrigens auch in Schwenningen – mit einer der 35 x 35 Zentimeter großen Informationstafeln versehen. Sie sollen keinesfalls die Aufgabe der zahlreichen „echten“ Stadtführerinnen und Stadtführer ersetzen, die sich mit großem Engagement und Fachwissen dafür einsetzen, dass Fremde und Einheimische ein lebendiges Geschichtsbild der alten Zähringerstadt vermittelt bekommen. Die kleinen stummen blau-weißen „Kollegen“ dienen als Ergänzung und erzählen dem Betrachter, der auf eigene Faust die Stadt durchstreift, ein wenig von deren Historie.

In dieser Folgen stellen wir 14 Gebäude vor, an denen solche Tafeln – zum Teil erst in den letzter Zeit – angebracht wurden.

Machen wir mal einen Bummel kreuz und quer durch die Stadt und achten auf die geschichtlichen Hinweise. Das Bickenkloster, direkt am Bickentor angebaut, ist einer letzter Zeugen der langjährigen und bedeutenden Klostergeschichte in Villingen. Davon kündet auch die Franziskanerkirche mit dem dazugehörigen Kloster am Ende der Rietstraße, unmittelbar neben dem dortigen Stadttor. Hier befindet sich heute ein vielseitig genutztes Städtisches Kulturzentrum. Ebenfalls in der Rietstraße ist das ehemalige Heilig-Geist-Spital, das später zum Alten Kaufhaus wurde, zu finden. Eines der meist fotografierten Gebäude ist das bunt bemalte Café Raben in der Oberen Straße und nicht weit davon entfernt steht die Rabenscheuer, die zu den ältesten Profanbauten der Stadt zählt. Eine weitere bedeutende Scheuer stand in der Gerberstraße: Die Johanniter-Scheuer die im Spätmittelalter von der Johanniterkommende auch als Pferdestall genutzt wurde. In der Nachbarschaft steht das ehemalige Münch-Haus in dem sich heute eine Metzgerei befindet. Ein Haus mit geschichtlicher Bedeutung ist auch das so genannte Sammlungsgebäude in der Oberen Straße in dem sich einst die Waldhauser Sammlung, eine geistliche Frauengemeinschaft, und nach 1308 die Vettersammlung befand. Kunde von der einstigen großen Bedeutung der Zünfte gibt heute noch die Zunftstube der Schuster in der Bickenstraße. Darin ist heute eine Gaststätte eingerichtet. Auch im so genannten Wehrhaus an der Ecke Bärengasse/ Hafnergasse ist eine Wirtschaft. Mitten im Stadtzentrum am Marktplatz steht das so genannte Steinerne Haus, allgemein als Honold-Haus bezeichnet. Es fällt besonders durch die Wappen am schönen Doppelerker auf. In der Kanzleigasse erinnert ein spätgotischer Massivbau an die Kanzleischeuer – das war die frühere Münze. Ein mächtiges Gebäude am Ende der Färberstraße ist das so genannte Glunkenhaus, das heute als Gaststätte und Geschäftshaus genutzt wird. Mit der Renovierung und Sanierung des Hauses Rathausgasse 2/Ecke Schulgasse wurde die Firmengeschichte der einstigen hoch angesehenen Uhrenfabrik Carl Werner wieder lebendig. Und hier zeigt sich, dass die Schar der „kleinen blauen Stadtführer“ sich auch heute immer noch vermehrt, denn die Tafel an diesem Haus wurde – auch zur Freude des Geschichts- und Heimatvereins – erst in jüngster Zeit angebracht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Münster vor 100 Jahren saniert (Eberhard Stadler)

Nach dem kürzlich im Südturm des Villinger Münsters eines der größten Glockenspiele in ganz Süddeutschland installiert wurde (der SÜDKURIER berichtete), sei an ein Ereignis erinnert, das genau hundert Jahre zurück liegt. Damals, im Jahre 1906, wurde der erwähnte Südturm des Münsters nämlich einer umfassenden und anspruchsvollen Sanierung unterzogen.

Lange hatte es gedauert, bis die Bauarbeiten begonnen werden konnten. Die Gründe lagen vor allem in finanziellen und bautechnischen Schwierigkeiten. Allerdings mussten die Verantwortlichen handeln, da das Münster erheblich baufällig geworden war. Anfang Juli 1906 schließlich wurde die Sanierung des Südturms angepackt. Mit einem Gerüst aus langen Baumstämmen wurde der Turm seinerzeit eingeschalt und von oben bis zum ersten Stock abgerissen. Wobei die Spitze des Turmes, der Turmhelm, erhalten blieb und während der ganzen Bauphase von dem Gerüst unterfangen wurde. Der gesamte mittlere Teil des Turmes wurde abgerissen und erneuert. Im Spätjahr 1907 war der Turm fertig gestellt.

Die Gesamtsanierung des mittelalterlichen Gotteshauses wurde im Jahre 1909 abgeschlossen. Am 29. Juni wurde das in neuem Glanz erstrahlende Münster von der Gemeinde wieder bezogen. Zugleich bekam das Gotteshaus ein neues Geläut spendiert. Es war von der traditionsreichen heimischen Glockengießerei Grüninger hergestellt worden. Die Glocken wurden im Zweiten Weltkrieg 1942 konfisziert und zu Kanonen umgeschmolzen. Allerdings: Eine dieser Grüninger-Glocken von 1909, die kleine Franziskusglocke, hat den Krieg auf verschlungenen Wegen überstanden. Sie wurde erst jetzt Anno 2006 im Fundus des städtischen Archivs wieder entdeckt. Wie berichtet, ist sie in das neue, 51 Glocken umfassende Großgeläut im Südturm integriert worden.

Im Jahre 1906 wurde ein Großteil des Münster-Südturms abgerissen und erneuert. Die Aufnahme zeigt das Gerüst, mit dem die Turmspitze gehalten wurde.

 

 

Glöckenweihe am 13. 6. 1909 am Villinger Münster. Die Glocken wurden der Größe nach aufgehängt. Links die kleine, kürzlich wieder gefundene Franziskusglocke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie sich das Münster vor und nach dem Umbau von 1906 bis 1909 verändert hat, zeigen diese beiden Postkarten des Sammlers Manfred Hildebrandt: Bis 1906 gab es noch große Kastanienbäume am Münster, die dann verschwanden. Signifikant verändert hat sich auch der Südturm . Vor dem Umbau hatte er nur vier Schallfenster, aus denen das Kirchengeläut über die Stadt ertönte, nach dem Turmumbau gab es acht Fenster im Glockenstuhl.

 

 

Der Johanniterorden (Winfried Hecht)

Ehemalige Ordensniederlassungen in Baden-Württemberg Johanniterkommende Villingen

Gründung und Anfänge

Vergleichsweise dicht ist die Überlieferung zur Gründung des Johanniterhauses Villingen. Es lässt sich glaubhaft belegen, dass Graf Heinrich I. von Fürstenberg am 2. September 1253 „das ritterliche Haus zu Villingen“ stiftete. Sicher gingen dem Vorbereitungen voran, die sich über ein gutes Jahrzehnt erstreckt haben können. 1257 befreite die Villinger Bürgerschaft dann im Einverständnis mit Graf Heinrich von Fürstenberg als Stadtherrn das Johanniterhaus von allen Lasten und Dienstbarkeiten sowie von jeglicher Wehr- und Schutzpflicht. Außerdem wollten die Villinger Rechtssachen der Kommende vor ihrem Stadtgericht immer bevorzugt behandeln. Noch im gleichen Jahr gab Graf Heinrich seine Zustimmung, dass jedermann bei den Villinger Johannitern eintreten und ihnen seinen Besitz übereignen könne. Diese Festlegungen lassen auf Auseinandersetzungen zwischen Graf Heinrich und den Villingern über die Errichtung der späteren Kommende Villingen schließen. Offenbar versuchte der Graf, über das Johanniterhaus seine Position in Villingen zu festigen, auf deren Abbau die Bürger der Stadt damals hinarbeiteten. Nur so sind die Vereinbarungen beider Seiten zu verstehen, die teilweise weit unter dem lagen, was dem Johanniterorden reichsrechtlich längst zugestanden war. Offenbar wollte Graf Heinrich ein Johanniterhaus aber auch aus „strukturellen“ Überlegungen gerade in Villingen, der wichtigsten Stadt in seinem Machtbereich, haben.

Dies führte dazu, dass das schon 1212 völlig ausgebaute Johanniterhaus im benachbarten Schwenningen aufgehoben und sein Besitz wohl um 1260 auf die Johanniterhäuser in Rottweil und Villingen aufgeteilt wurde; in Schwenningen gab es später neben einer eigenen Johanniterkapelle nur noch einen besonderen Johanniterhof. Noch vor 1350 wurde auch das Johanniterhaus von Lenzkirch im Hochschwarzwald mit der Kommende Villingen zusammengelegt, das Elisabeth von Bisingen, die Witwe des Konrad von Blumenegg, um 1316 gestiftet hatte.

Die Baulichkeiten

Die Villinger Johanniterkommende lag an der Ringmauer der Zähringerstadt zwischen dem Bicken-Tor und der Gerbergasse. Ihr ehrwürdigster Bestandteil blieb bis heute die im 13. Jahrhundert entstandene Johanniterkirche mit viereckigem Chor und dem südlich angebauten massiven Turm, dessen Helm in der Spätgotik entstanden sein mag. Ein Fenster mit auffallend reichem Maßwerk schmückte die Ostwand des Chores. Beachtlich gestaltet wurde auch das Portal der Kirche. Das Gotteshaus erhielt drei Altäre, welche Johannes dem Täufer, der Gottesmutter und dem Heiligen Kreuz geweiht waren. 1711 erfolgte eine Barockisierung des Kirchenraumes unter weitgehender Schonung der vorhandenen Bausubstanz. Zur Kirche orientiert befanden sich an der Gerbergasse kleinere Häuser für Pfarrer, Kapläne und den Mesner sowie ein Waschhaus. Ans Bicken-Tor schloss sich das Amtshaus der Kommendeverwalter an; das Ritterhaus mit dem Archiv folgte mit einer Längsseite der Stadtmauer. Die exponierte Lage der Kommende führte in Kriegszeiten zu schweren Schäden. 1632 musste Komtur Dietrich Rollmann von Dattenberg mehr als 20000 Gulden zur Wiederherstellung der Villinger Ordensniederlassung stiften. Schon außerhalb des Kommendebezirks lag die alte Schaffnei.

Konvent und Personal

Im Konvent der Villinger Johanniter sind ursprünglich neben Angehörigen der Gründerfamilie Fürstenberg und anderen Angehörigen des Hochadels, die oft neben der Würde des Villinger Komturs auch weitere Ordensämter bekleideten, Vertreter der Ministerialengeschlechter der Umgebung zu finden, zu denen bald Söhne der Villinger Oberschicht treten.

Zu einem verhältnismäßig großen Männerkonvent kamen mindestens bis 1378 aber auch Ordensschwestern, „frouwen ze sant Johan“, was in deutschen Kommenden selten war. An der Spitze der Ordensgeistlichen stand wie überall ein Prior. Bei der Verwaltung des Ordenshauses wurden sie zunächst von Weltgeistlichen und allmählich von bürgerlichen Schaffnern mit Knechten und Mägden abgelöst. Ein paar Namen können dies verdeutlichen:

1451 Fr. Heinrich Grüninger

1475–1483 Fr. Sigmund

1515–1516 Fr. Jakob Jach

1584 Hieronymus Hopp

1597 Daniel Sartorius

1617 Johann Georg Mayenberg

1660 Johann Kaspar Metzger

 

Wappenscheibe des Villinger Komturs Georg Andreas Kechler von Schwandorf (1567). Franziskanermuseum Villingen B.E.

 

 

 

1682–1691     Johann Hieronymus Schöttlin

1697         Joseph Ignaz Rassler

1719–1720     Meinrad Kegel

1747         J. C. Heggemann

1756–1773     Joseph Ignaz Baumgartner

–1805         Johann Baptist Willmann

Eng geknüpft waren die Verbindungen zur Stadt über ältere Villinger Bürger, die als Pfründner ins Johanniterhaus ihrer Stadt aufgenommen waren, und über die Angehörigen der 1464 gestifteten Johanniter-Bruderschaft sowie der Bäcker-, Müller- und Schuhmacher-Bruderschaft. Verschiedene prachtvolle Wappenscheiben     von     Villinger Komturen auf dem Rathaus der Stadt lassen ebenso wie Altar-Stiftungen in Villinger Kirchen auf ein in der Regel herzliches Verhältnis zwischen deren Rat     und     der     Kommende     schließen.     Die Wertschätzung der Villinger Komture in der Stadt ihrer Kommende wird auch in der Leichenpredigt deutlich, die 1601 nach dem Tod von Johann Philipp Lösch von Mülheim gehalten und in Freiburg i. Br. gedruckt wurde.

Die Villinger Komture

Friedrich             1280–1290

Konrad von Egesheim         1297

Konrad von Schelklingen     1302

Heinrich von Horwe         1303

Gottbold von Blumberg     1305–1308

Ulrich Bletz             1310

Rudolf von Laubegg         1315

Egen von Fürstenberg         1317–1326

Gere von Lichtenstein         1334–1336

Walter von Rechberg         1345–1365

Friedrich von Zollern         1371–1395

Hermann von Ow         1399

Johann Sölr von Richtenberg     1417–1419

Hugo von Montfort         1427–1439

Hans Schenk von Staufenberg     1444–1450

Johann Trulleray         1451

Wilhelm Spät             1458–1467

Melchior von Rein         1469–1473

Betz von Lichtenberg         1474–1480

Wilhelm von Remchingen     1485–1513

Gabriel von Breitenlandenberg     1518

Philipp Schilling von Cannstatt     1523

Wolfgang von Masmünster     1523–1536

Rudolf von Rüdigheim         1539–1541

Georg Kechler von Schwandorf     1546–1571

Hans Philipp Lösch von

Mühlheim             1571–1601

Ferdinand Muckenthal

von Hexenacker         1601–1610

Wendelin von Enzberg         1611–1617

Dietrich Rollmann von

Dattenberg             1624–1632

Franz von Sonnenberg         1649–1682

Karl Philipp von Freitag         1682

Johann Dietrich von Schaesberg 1686–1699

Dietrich von Prassberg         1702

Franz Anton von Schönau     1702–1719

Nikolaus Anton von Enzberg     1751

Johann Baptist von

Schauenburg             1753–1769

Johann Joseph Benedikt

von Reinach              1776–1791

Johann Baptist von

Flachslanden             1801–1806

 

Die materiellen Verhältnisse

Unter einer ganzen Reihe von tüchtigen und einflussreichen Komturen, deren Ernennung seit der frühen Neuzeit dem Ordensmeister zustand, und begünstigt vom Wohlwollen des Adels der Umgebung und der Villinger Bürgerschaft entwickelte sich die Kommende Villingen vor allem im 14. Jahrhundert bemerkenswert gut. Die Territorialhoheit konnte immerhin über vier Dörfer erworben werden – über Dürrheim (1300), Weigheim (1315), Obereschach (1390) und Neuhausen (1427). In Dürrheim (1280), Grüningen (1306), Pfohren (1309), Lenzkirch, Neuhausen, Au (1351), Nendingen, Neuenburg, Obereschach, Weigheim und zur Hälfte in Betzingen bei Reutlingen besaßen Villingens Johanniter das Patronatsrecht. Besitzungen unterschiedlichster Natur vom Grundzins bis zu Leibeigenen gehörten ihnen     in     Amoltern,     Betzingen,     Dürrheim, Endingen, Grüningen, Lenzkirch, Neuenburg, Neuhausen, Obereschach, Pfohren, Schelingen und Sommertshausen. Über Weingüter konnte die Kommende in Amoltern, Endingen, Neuenburg und Schelingen verfügen. Dazu kamen in Villingen seit spätestens 1430 eine Badstube und ein Viertel des Kornzehnten in der Stadt sowie drei Mühlen. Trotzdem waren die finanziellen Verhältnisse des Villinger Johanniterhauses oft angespannt. Schon um 1430 war man bei der Stadt Rottweil verschuldet. 1495 schloss die Bilanz der Kommendeverwaltung mit einem Plus von 378 Gulden, um nach dem Verlust von Rhodos und dem Bauernkrieg 1540 auf einen Fehlbetrag von 79 Gulden abzufallen. Es gab damals Überlegungen, die Kommende vom benachbarten Ordenshaus Rottweil aus mitzuverwalten.

Das Asylrecht der Villinger Johanniter

Auch das Asylrecht der Villinger Johanniter gründete sich auf die bekannten päpstlichen und kaiserlichen Privilegien wie jenes von Friedrich Barbarossa aus dem Jahr 1158, wonach keine kirchliche oder weltliche Macht des Reiches gegenüber den Johanniterhäusern und deren Güter irgendwelche Gerechtsame ausüben sollte. Allerdings tendierte die Entwicklung in Villingen dazu, dieses Privileg soweit wie möglich einzuschränken. 1371 legte das Villinger Stadtrecht fest, niemand, der „belúttet oder rehtlos“ sei, dürfe von den Ordensrittern „gehuset noch gehoffet“ werden. Villinger Bürgern selbst drohte das Stadtrecht 1398 mit einer Strafe von 5 Pfund Haller und einem Jahr Stadtverbot für den Fall, dass sie den Asylbereich der Johanniter aufsuchten, was Romäus Mans, den „Riesen“ Romaeas, 1497 nicht aufhalten konnte, bei den Ordensrittern Zuflucht zu suchen. 1531 nahmen die Villinger sogar trotz der vom Kaiser angedrohten Pön von 100 Mark Gold einen Delinquenten in der Kommende fest. Seit 1720 war das Villinger Johanniterasyl aber praktisch außer Kraft, 1787 beseitigte es der Josefinische Strafkodex auch der Form nach in aller Stille.

Das Ende der Villinger Johanniterkommende Ende 1805 wurde die Johanniterkommende Villingen zunächst von französischen Truppen besetzt und dann unter württembergische Souveränität gestellt. Nach dem Übergang Villingens an das Großherzogtum Baden kam jedoch 1806 das Ende für die Ordensniederlasung. Der letzte Kommende-Amtmann Johann Baptist Willmann wurde in die badische Domänen-Verwaltung übernommen. 1811 wurde das Ritterhaus am Platz des 1957 errichteten Landratsamtes abgebrochen. In der Johanniterkirche fand 1807 letztmals katholischer Gottesdienst statt. 1814 wurde die Kirche Militärmagazin, 1822 Gefängnis. Im gleichen Jahr wurde ihr Inventar versteigert, ihr Turm sollte 1841 abgerissen werden, was aber am Widerspruch der Villinger scheiterte. Nachdem der badische Staat das Pfarr- und das Kaplaneihaus seit 1815 verkauft hatte, konnte die evangelische Kirchengemeinde Villingen die Johanniterkirche 1859 mit dem Mesnerhaus von ihm erwerben. Die Kirche wurde 1924 umgebaut und in den Jahren vor 1990 glücklich restauriert.

In der Kirche erhalten und teilweise erst vor einigen Jahren wiedergefunden wurden eine Reihe von Epitaphien von Villinger Komturen. Zu ihnen ist auch das prachtvolle Terrakotta-Relief zu zählen, das der Villinger Künstler Hans Kraut für den Grabstein von Komtur Wolfgang von Masmünster 1574 schuf; es zeigt die Seeschlacht von Rhodos im Jahre 1522 und befindet sich heute im Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen. In die Villinger Benediktinerkirche gelangt ist das Chorgestühl aus der Johanniterkirche. In ihr gefunden wurde auch das Brustkreuz des Komturs Rollmann von Dattenberg.

Quellen und Literatur

Umfangreiches, teilweise schon 1857 ediertes Material (Mone) über die Johannitorkommende Villingen befindet sich im General-landesarchiv Karlsruhe (z.B. Abtl. 67/1403). Im Stadtarchiv Villingen sind Urkunden, Güterbeschriebe oder die Ratsprotokolle heranzuziehen. Zu berücksichtigen sind ferner die aus den Nachbarkommenden von Villingen stammenden Bestände im Karlsruher Generallandesarchiv sowie im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (B 352–B 358). In der Public Library of Malta in Valletta finden sich die Visitationsberichte von 1495 und 1541 (AOM 45 f.60″–64′ bzw. AOM 6340 f.67’–69v); spätere Visitationsberichte liegen Im Doppel auch in Karlsruhe oder im Villinger Stadtarchiv. Prosopographisch bedeutsam für einzelne Angehörige des Villinger Ordenshauses sind weitere in Malta aufbewahrte Archivalien wie die ab 1347 erhaltenen Libri Bullarum oder der Index Bullarum, Dignitatum et Commendarum 1670–1752 (AOM 1180 f. 133–139). Auch im Staatsarchiv Luzern sind Archivalien der Villinger Johanniter zu vermuten, die dorthin mit Beständen aus der Kommende Hohenrain gelangt sein könnten. Die Ordenskalender des 18. Jahrhunderts enthalten wertvolle Angaben vor allem zur Laufbahn der einzelnen Komture.

 

Sakristeischrank der Johanniterkommende Villingen, Franziskanermuseum Villingen, Magazin B.E.

 

 

Mit der Kommende Villingen ausführlich beschäftigt hat sich zuerst P. Revellio Im Aufsatz „Die Kirche der Johanniterkommende“ in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 110– S. 124. Wesentlich darüber hinaus führten W. G. Rodel, Das Großpriorat Deutschland des Johanniterordens im Übergang vom Mittelalter zur Reformation. Diss. phil. Mainz. Köln 1966, S. 119– S. 123, und W. Hecht, Zur Geschichte der Johanniterkommende Villingen in: Villingen und die Westbaar, hrsg. von W. Müller, Bühl 1972, S. 141–S. 147. Über einzelne Komture heranzuziehen sind beispielsweise F. Peter, Franz von Sonnenberg, Ritter, Komtur, Reichsfürst und Großprior von Deutschland im Malteserorden 1608–1682. Diss. phil. Freiburg i. Ü. Freiburg i. Ü. 1981, sowie W. Hecht, Der Villinger Johanniterkomtur Wolfgang von Maasmünster. Rundschreiben der Württbg.-Bad. Genossenschaft des Johanniterordens Nr. 42 (1970), S. 24.

 

West-Bahnhof – ein Begriff im Villinger Volksmund (Lambert Hermle)

Viele Zeitgenossen haben dieses Wort im Villinger Volksmund schon gehört! Aber sie wissen oft nicht, woher der Begriff kommt.

Der Bahnhof liegt doch auf der östlichen Seite der Stadt und nicht auf der Riettorseite. Richtig! Und doch hat das eine mit dem anderen etwas zu tun. Nachdem in Deutschland im Jahre 1835 die erste Eisenbahnlinie eröffnet wurde, setzte man sich auch in unserer Heimat mit dem Gedanken einer Bahnlinie vom Rheintal über Offenburg und Villingen an den Bodensee auseinander. Über 30

Jahre sandte man Eingaben und Deputationen an die zuständigen Ministerien in Karlsruhe, setzte den Landtag über diese für die Stadt so lebenswich- tige Entwicklung in Kenntnis und sprach auch per- sönlich beim Großherzog vor. In dem Apotheker und Landtagsabgeordneten Ludwig Kirsner aus Donaueschingen hatte man einen unermüdlichen Befürworter, der sich für diese Verkehrserschlie- ßung im Schwarzwald und auf der Baar einsetzte. Im Jänner 1860 reichte die Stadt Villingen in einer Petition (Bittschrift) diesen Plan ein, auf dem der Verlauf der Bahnlinie auf der Westseite der Stadt eingezeichnet ist:

Zur Eisenbahnpetition der Stadt Villingen vom Jänner 1860. Original siehe: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, Bestand 2.2 XVII. 7,3.

 

 

Blick in die Schillerstraße, links ehem. Gasthaus „Engel“, späteres Hollerith-Gebäude, heute Dresdner Bank, rechts ehem. Sägewerk Storz, heute Villinger Volksbank.

 

 

Blick in die Vöhrenbacher Straße, links ehem. Wohnhaus u. Fahrradhandlung Antritter, später Fahrradgeschäft Villing.

 

Der Villinger Gewerbeverein, der sich sehr stark für den Bau der Bahnlinie einsetzte, war willens, wie es in dem Ratsprotokoll von 3. Januar 1861 zu lesen ist:

Dem Herrn Abgeordneten Kirsner auf sein Schreiben hin zu erwidern, dass man damit einverstanden sei, dass der Bahnhof an dem von Grh.technischen Behörde projektierten Platz vor dem Riettor in der Nähe des Engel – Wirtshauses erbaut werden. Dennoch nahm die Bahnlinie einen anderen Verlauf, als am 31. Oktober 1873 der erste Eisen- bahnzug den Schwarzwald herauf dampfte und in Villingen einlief. Man legte die Bahnlinie auf Villinger Gemarkung linksseitig parallel der Brigach so wie sie heute noch ihren Verlauf nimmt. Hier sollte die Bahnlinie verlaufen und der Bahnhof Villingen erbaut werden. So waren einst die Vorstellungen.

Obwohl der Bahnhof vor dem Riettor nie gebaut wurde, hatte sich der Begriff „West-Bahnhof“ Jahrzehnte lang gehalten und seit den 30er Jahren im letzten Jahrhundert sogar verstärkt. So nannte man das Wohnviertel, das in dieser Zeit erbaut wurde „West-Bahnhof“. Es umfasste das Gebiet innerhalb der Schillerstraße, Scheffelstraße, zum Jahnplatz, Jahnstraße und Vöhrenbacher-Straße, wie es deutlich auf dem Stadtplan der Kreishaupt- stadt Villingen vom Januar 1930 zu ersehen ist. Als zentrale Stelle das Gasthaus „Zum Waldhorn“, das für seine gut besuchten Stammtische bekannt war (heute indische Gaststätte „Taj Mahal“).

Bei dem Begriff „West-Bahnhof“ sollte man nicht die großartig gestalteten Wagengruppen, die die Umzüge der Villinger Fasnet jahrelang bereicher- ten, vergessen. Zimmermeister Rudolf Flöß war schon in den 30er Jahren maßgebend bei derer Gestaltung mit den Themen „Eröffnung der Fluglinie Konstanz – Villingen – Mannheim“ 1930, „Oktoberfest am Westbahnhof“ 1934 beteiligt.

 

 

 

Ausschnitt aus der Karte „Kreishauptstadt Villingen“ Schwarzwald, Stand vom Januar 1930, Zeichnung und Bearbeitung Städt. Vermessungsamt.

 

 

Weitere Bewohner dieses Wohnviertels, wie die stadtbekannten Bürger Gipsermeister Richard und Franzpeter Bregenzer, Schneidermeister Walter Burgbacher, Malermeister Otto Faller, Glaser- meister Joseph (Glasersepp) Kornwachs und Archi- tekt Kurt Maier engagierten sich und nahmen an den Umzügen rege teil. Aktuelle Themen der Nachkriegsjahre, wie „Das Villinger Moorbad“, „Das Hallenbad“, „Die Sesselbahn zum Hubenloch“, „Der Zug vom West-Bahnhof“ oder „Villinger Fasnetfiguren in Puppenschachteln“ wurden treffend glossiert. So ist der Begriff „West-Bahnhof“ doch ein fester Bestandteil im heimischen Volksmund. Möge er im Gedächtnis der Villinger Bevölkerung weiterleben.

 

 

 

 

Lokomotive mit Wagen, 1951.

 

 

 

 

 

 

 

 

Narre-Some in Schachteln, 1950.

 

 

Abschied von Josef Oswald Predigt im Festgottesdienst in der Benediktinerkirche am 26. Juli 2006 (Kurt Müller)

Verehrte Festgemeinde.

Es gibt im Messbuch kein Formular „zum Schuljahresende“, obwohl der Gebetsanliegen genug wären: etwa Prüfungsangst oder Zeugnispanik aber auch Vorfreude auf die langen Sommerferien, die durchaus mit der Vorfreude auf Weihnachten konkurrieren kann.

Wir feiern auch keinen Gottesdienst zum Schuljahresende, es geht um das Ende einer Ära in St. Ursula. Der Schulleiter wird pensioniert, Herr Oswald räumt das Rektorat. Der Nachfolger Herr Johannes Kaiser wird in den Ferien ein wenig öffnen und etwas frischen Wind hereinlassen, wenn er dann im September sein anspruchvolles Amt antritt.

Die beiden Herren haben mich ausdrücklich gebeten, sie nicht zum Gegenstand meiner Predigt zu machen, erst recht nicht sie als Adressanten einer Exhorte zu verwenden. Es soll hauptsächlich um die Schule gehen.

Die wenigen historischen Reminiszenzen, die ich in der kurzen Zeit aufzählen kann, werden ihnen offenbaren, dass eine erlebnisreiche, interessante und leidvolle Geschichte zu dem geführt hat, was heute in der Bickenstraße steht und einen bedeutsamen Faktor im Bildungswesen unserer Stadt darstellt.

Im Frankreich des 16ten und 17ten Jahrhunderts lebte Anne de Xainctonge aus Dijon. Sie gründete 1606 in Dole aus Fürsorge für die von allen Bildungschancen ausgeschlossenen Mädchen niederen Standes eine Gemeinschaft, die sich mit neuen, von Vertrauen und Zuneigung geprägten pädagogischen Mitteln diesen Mädchen annahm. Damit war die Gemeinschaft der Ursulinen ins Leben gerufen. Schnell breitete sich die Gemeinschaft in Europa aus. 1696 begannen die ersten Ursulinen in Freiburg mit ihrer Arbeit.

Kloster St. Ursula Villingen. Gemälde der hl. Ursula mit Gefährten, gemalt 1897 vom Villinger Künstler Albert Säger.

 

Wie kamen die Ursulinen nach Villingen? Der Schlüssel für die Antwort auf diese Frage liegt im fernen Kaiserlichen Wien. Der Sohn Maria Theresias Joseph der 2., mit dessen Name der schillernde Begriff „Josphinismus“ für immer verbunden ist, hat im Geist der zeitgenössischen Aufklärung sehr starken Einfluss genommen auf das Bildungswesen und vor allem auf viele Erscheinungsformen des kirchlichen Lebens. Er hat das Wallfahrtswesen stark eingeschränkt und die Schließung oder den Abbruch vieler Wallfahrtskirchen und Kapellen verfügt. Er hat die kontemplativen Männer und Frauenklöster aufheben lassen, weil sie in den Wertvorstellungen der Zeit keinen Nutzwert mehr hatten.

Diese Umwälzungen erreichten auch die vorderösterreichischen Lande und damit Villingen. Der starke Widerstand der Villinger Bürgerschaft konnte den geplanten Abbruch der Bicken und der Lorettokapelle verhindern. Gegen die Aufhebung der beschaulichen Klöster der Klarissen und der Dominikanerinnen regte sich aus zwei Gründen kein Widerstand der Bevölkerung. Zum einen wurde nicht absolut die Auflösung verfügt, sondern eine Alternative angeboten.

Wenn die beiden Konvente sich vereinen und mit der Lebensordnung der Ursulinen sich um die Erziehung der weiblichen Jugend kümmern würden, dann würden sie dem Untergang entgehen. Der Magistrat der Stadt war an so einer Lösung interessiert, weil mit dem damit frei werdenden Gebäude der Dominikanerinnen preisgünstig Schulraum für die Mädchen geschaffen werden konnte.

Die Bürgerschaft war mit dieser Lösung einverstanden weil die bessere Schulbildung der Mädchen damit zu Stande kam. Für die Buben gab es ja wenigstens bis 1806 das Gymnasium der Benediktiner. Der Not gehorchend wurden somit aus Klarissen und Dominikanerinnen 1782 die Villinger Ursulinen. Die anfangs friedliche Entwicklung wurde nach 24 Jahren empfindlich gestört.

1806 kam Villingen bedingt durch die napoleonschen Veränderungen in Europa zum Großherzogtum Baden. Massiver als Österreich griff die badische Administration reglementierend in das schulische und kirchliche leben ein. Im so genannten „Regulativ“ von 1811 wurden alle Schulen mit kirchlichen Wurzeln über einen Leisten gespannt. Alle traditionellen Klösterlichen Elemente wurden verbannt z. B. die Klausur, die Gelübde, die Profeßfeier und andere religiösen Übungen. Im liberalen Geist sollte die Jugend erzogen werden, und so entstand unter strenger staatlicher Aufsicht das Lehrinstitut St. Ursula und hatte über hundert Jahre Bestand bis 1918.

Die Großherzogliche Familie selber war weniger Klosterfeindlich eingestellt als der Karlsruher Beamtenapparat. Davon zeugen aus Sympathie überreichte Gastgeschenke der Großherzogin, die noch heute in St. Ursula aufbewahrt werden.

Trotz der kirchenkritischen Bevormundung konnte sich eine tiefe spirituelle Lebendigkeit in St. Ursula erhalten, so dass nach 1918 mit dem Ende der Monarchie, ein starker Konvent mit pädagogischer und religiöser Strahlkraft in allen angebotenen Schularten und dem Internat neu beginnen konnten. Wie ist diese hundertjährige Kirchentreue zu erklären.

 

Ein Klassenzimmer im Lehr- und Erziehungs-Institut St. Ursula Villingen (Schwarzwald).

 

Ein Schlafsaal im Lehr- und Erziehungs-Institut St. Ursula Villingen (Schwarzwald).

 

Die heilige Klara, nach der die Klarissen benannt sind. Tafelbild in St. Ursula.

 

Ich möchte einen Vergleich anstellen. Bei der Wiedereröffnung dieser Kirche 1999 sagte ich: „die Psalmodie des Stundengebets der Mönche und die Weisen des gregorianischen Chorals wohnen noch in dem Gewölbe.“ Ich habe Recht behalten, wir hören den Schulchor und das Orchester in der wunderbaren Akustik dieses Raumes.

In Parallele dazu möchte ich von St. Ursula sagen: Etwas von der mystischen Frömmigkeit der Klarissen, die in Ursula Haider ihre Wurzel hat und die geistliche Mitverantwortung für das Wohl der Stadt, die den Klarissen immer eigen war, haften noch im Gemäuer des alten Klosters. Davon berichten die Ablasstafeln, die sich in Gängen und Klassenräumen erhalten haben. Dafür bürgt das Grab von Ursula Haider an der Südwand des Chores der Klosterkirche.

Damit erklärt sich bis zum heutigen Tage die eigene und unverwechselbare Atmosphäre in Kloster und Schule. Der erfreuliche Aufschwung nach dem 1.Weltkrieg dauerte nicht lange. Die Machthaber im nationalsozialistischen Deutschland verboten alle Kirchlichen Schulen. Der Konvent konnte bis 1945 seines eigenen Auftrages und seiner Existenz nicht sicher sein. Es gelang aber durch Übernahme kirchlicher Aufgaben in den Villinger Pfarreien und anderen Tätigkeiten den Konvent beieinander zu halten, obwohl mancherlei Einquartierungen zu ertragen waren.

Nach dem 2.Weltkrieg begann der Wiederaufbau der Schulen zügig und die Frauen von St. Ursula waren wieder überall willkommen und wurden gebraucht.

Ich selber habe in der Bubenschule als Klassenlehrerin Frau Augustine erlebt, weil großer Lehrermangel herrschte.

Es ist kein Versagen der Frauen von St. Ursula, es liegt am Geist der Zeit, es liegt an den atmosphärischen Veränderungen in den Lebensumstellungen nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, dass der Beruf einer Lehrfrau im Ordensstand seine Attraktivität einbüßte. Die Reihen im Konvent lichteten sich und in den achtziger Jahren musste das Kloster die Schulen in die Verantwortung der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg übergeben. Der Zugang zu Ordensberufen hat stark nachgelassen. Ungebrochen ist die Wertschätzung der katholischen Schulen. Viele Eltern wünschen, dass ihre Kinder in der oben geschilderten Atmosphäre lernen und erzogen werden. Sie suchen weniger ausgefallene Leistungskurse in der gymnasialen Oberstufe als vielmehr ein breites und gediegenes, tragendes Wertefundament.

Wir stehen feiernd an einer Cäsur der Schulgeschichte: Rektoratswechsel Das Blühen der St. Ursula Schulen in der Zukunft hängt ab von drei Personengruppen. Da sind die Eltern, die hoffentlich nicht nur bis zur Aufnahme ihres Kindes die Wertschätzung des christlichen Glaubens artikulieren, sondern die auch während des Schuljahres die religiösen Lebens – und Erziehungsziele positiv mittragen. Da sind die Schülerinnen und Schüler, die vorurteilsfrei, bildungshungrig und gemeinschaftsfähig die Räume bevölkern werden.

Ganz wichtig natürlich das Kollegium der Lehrerinnen und Lehrer. In der Festschrift zum 200 jährigen Jubiläum von St. Ursula 1982 habe ich einen Wunschkatalog gefunden wie gute Lehrer sein sollten. Der etwas antiquierte Text stammt von Altbürgermeister Wittum, der 1876 als großherzoglicher Kommissar das Kollegium zu beurteilen hatte. Wenn sie statt Lehrfrauen Lehrerinnen als Lehrer hören und statt Vorsteherin Direktor, dann haben die Bemerkungen auch heute einen guten Klang:

„Das hiesige weibliche Lehr und Erziehungsinstitut, in welchem sich zur Zeit 17 Lehrfrauen unter einer sehr gebildeten, humanen und intelligenten und wahrhaft religiösen Vorsteherin befinden, hat sich von jeher durch eine freiere Richtung, sowie durch wissenschaftliches Streben ausgezeichnet.

Die in demselben befindlichen Frauen sind keine lichtscheuen, mürrischen, zelotischen, der Welt und ihren edleren Bestrebungen abgestorbenen Menschen, sondern durchgehend helle, kenntnisreiche Köpfe, die von wahrer Religiosität beseelt heiter in das Leben blicken, an allem, was gebildete Frauen berührt, regen Anteil nehmen und durch Studium und Lektüre sowie durch Umgang mit gebildeten Männern und Frauen ihre Kenntnisse stets zu erweitern suchen. Ihre Lebensweise ist einfach und geregelt und dies setzt sie, ungeachtet ihres sehr bescheidenen Einkommens in den Stand, auch Notleidenden, Armen und Kranken Unterstützung und Hilfe zufließen lassen zu können, welche christliche Pflicht sie auch bei jeder Gelegenheit in richtigem Maße üben.!!

Wenn in Zukunft in St. Ursula solch ein Direktor und ein durch gesteiltes Kollegium walten werden, können Eltern und Schüler unbesorgt sein.

Zum Schluss möchte ich mich aus der oben genannten Festschrift selber zitieren. Hören sie statt Kloster: St. Ursula Schulen, dann ist mein Glückwunsch formuliert: „Wir brauchen das Bickenkloster und das vertraute Kirchlein am Tor.“ Amen.

Schülerinnen von St. Ursula heute.

 

 

 

Wir erinnern uns … (Werner Huger)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herr, du gabst uns die Liebe – nimm uns in Liebe auf

Während des Zweiten Weltkriegs, März 1942, wurde im Villinger Gewann Tannhörnle der polnische Zwangsarbeiter Marian Lewicki, der in Villingen beschäftigt war, wegen der Liebesbeziehung zur damals achtzehnjährigen „L. Sp.“ aus der Bärengasse 8 in Villingen gehängt.

Der Geschichts- und Heimatverein hat seinem Gedenken an Ort und Stelle ein sogenanntes Sühnekreuz gesetzt und die Geschichte zweier Menschen in seiner Jahresbroschüre XIII, 1988/89, Seite 72 ff. geschildert.

Um die in der Stadt wohnende, mit dem Schicksal Marian Lewickis verbundene Frau, die durch die erlittenen Demütigungen scheu geworden war, vor neugierigen Fragern zu schützen, hat der Verein deren Name stets verheimlicht, obwohl er dem Berichterstatter über die persönliche Befragung der Betroffenen bekannt war.

Jetzt ist die Frau, deren seelische Verletzung sie 64 Jahre, also ein Leben lang, beschwerte, am 16. Juni 2006 gestorben. Sie war 82 Jahre alt geworden. Der Geschichtsverein wird auch weiterhin die Anonymität des Namens schützen. So bleibt nur der Blick auf die Urnenwand im Villinger Friedhof in deren Mitte ihre Asche ruht.

Der Verstorbenen ebenfalls zu gedenken bedeutet die Erinnerung an eine schreckliche Zeit zu bewahren.

 

Die Altstadtkirche auf dem Friedhof: Der Turm, der um 1100 entstanden ist, gilt als das älteste Bauwerk der Zähringerstadt.

 

 

 

Wolfgang Kleiser verkündet die christliche Botschaft in Holz, Ton und Bronze (Hermann Colli)

Ohne ihn wäre die Kunstszene in Villingen- Schwenningen, ja im ganzen Schwarzwald und über die Grenzen hinaus, sicherlich sehr viel ärmer. Seine Werke gehören seit mehr als fünf Jahrzehnten zu den eindrucksvollsten, die in diesem Raum entstanden sind und den Weg zu zahlreichen Kunstfreunden im deutschen Sprachraum gefunden haben. Aber viele seinen Arbeiten sind auch Gott sei Dank „vor Ort“ geblieben und geben Zeugnis vom vielseitigen Schaffen und Können eines in seiner Heimat verwurzelten äußerst fleißigen Künstlers. Die Rede ist von Wolfgang Kleiser, freischaffender Bildhauer aus Hammereisenbach im Schwarzwald. Dort, genauer gesagt in Urach, kam er vor 70 Jahren zur Welt. Dort wuchs er auf und lebt und arbeitet seither in Hammereisenbach. Dort mitten im Schwarzwald, ist er zu Hause. Aber er fühlt sich im so genannten ländlichen Raum durchaus nicht eingeengt.

Wolfgang Kleiser mit einem seiner jüngsten Werke, der Zweiteiligen Skulptur „In Verhandlung“, die er 2005 schuf und im Mai 2006 in Löffingen bei einer Ausstellung des dortigen Kunstvereins zeigte.

 

Heiliger Josef auf dem rechten Seitenaltar in St. Fidelis in Villingen. Lindenholz (1963).

 

Schutzmantelmadonna auf dem linken Seitenaltar in St. Fidelis in Villingen. Lindenholz (1963).

 

Er ist sicher kein Stadtmensch, aber er ist doch gern in der Stadt und – wenn man da Villingen meint, dann ist das vielleicht „seine“ Stadt. Jedenfalls sieht man den liebeswerten Mann mit den lebhaften Augen dort, wo er viele Freunde und Bekannte hat, sehr oft. So ein bisschen ist Wolfgang Kleiser deshalb wohl auch Villinger. Hier ist er mit seinem Werk an vielen Stellen präsent. Hier ist er vor allem mit seiner ausdrucksstarken sakralen Kunst vertreten. Sein Talent, seine Vielseitigkeit und seinen Ideenreichtum hat er mit Arbeiten aus Holz, Ton und Bronze bei zahlreichen Ausstellungen des Kunstvereins Villingen-Schwenningen, dem er seit 1972 angehört, unter Beweis gestellt. „Der Schwerpunkt meines Schaffens war und ist die sakrale Kunst,“ sagte Kleiser über sich selbst, „die stete Auseinandersetzung mit den Evangelien, von der Geburt Christi bis zum Tod und der Auferstehung. Vor allem das Thema Weihnachten hat mich immer wieder aufs Neue beschäftigt.“ Das kommt auch in seinen Werken, die in Villinger Kirchen zu finden sind, zum Ausdruck. So schuf er die bisher größte Darstellung des Weihnachtsgeheimnisses für die Kirche Heilig Kreuz; massive Skulpturen aus Eichenholz, 80 Zentimeter groß. Ebenso entstand für Heilig Kreuz einige Jahre später ein heiliger Josef, auch in Eiche, rund zwei Meter groß. In St. Fidelis ziehren Statuen einer Schutzmantelmadonna und des heiligen Josef die Seitenaltäre. Es sind frühe Werke des Künstlers, die er 1963, kurz nach dem er sich selbstständig gemacht hatte, geschaffen hat. In dieser Zeit war Max Hettler Pfarrer von St. Fidelis.

Diese beide Skulpturen haben für so etwas wie ein „internationales Nachspiel“ gesorgt. Hettlers Nachfolger, Fidelispfarrer Karl Johannes Heypeter, der 1975 in Italien den Bruder des Papstes Johannes XXIII., Severio Roncalli, kennen gelernt hatte, erfuhr von diesem, dass die kleine Gemeinde Gratosoglio, in einer Mailänder Vorstadt, in großer Not war. Ihre Kirche war total ausgeraubt worden. St. Fidelis knüpfte Kontakte zu den Katholiken in Gratosoglio, aus denen eine echte Freundschaft wurde.

 

Die Mutter, Maria Kleiser. Bronze (1978).

 

 

Josef Teufel. Gips für Bronze (1985).

 

 

Julie Teufel. Gips für Bronze (1985).

 

 

Bundesminister Dr. Heinrich Krone. Gips für Bronze (1985).

 

Zur Einweihung einer neuen Kirche übergab die Villinger Südstadtpfarrei 1977 eine von Wolfgang Kleiser geschaffene lebensgroße, aus Eichenholz gehauene, Schutzmantelmadonna als Gastgeschenk.

Kleisers Engagement für christliche Kunst würdigte der langjährige Vorsitzende des Kunstvereins Villingen-Schwenningen, Gotthard Glitsch, im Vorwort zum Katalog des Künstlers, der zu dessen 60. Geburtstag entstanden ist: „Wolfgang Kleiser leiht seine Werkkraft dem Erfüllen sakralen Auftrags. Sein Tun ist die tätige Andacht der formenden Hand. Der Taktschlag von Hohleisen und Schlegel skandiert sein Schaffen wie der Pulsschlag das Gebet des Herzens. Des Schnitzmessers zeichensetzende Spuren, Rillen, Kerben, Kehlen, Kanten reihen sich wie Furchen zum Acker, wie Strophen zum Psalm.“

Sakrale Kunst von Wolfgang Kleiser ist in zahlreichen Gotteshäusern der Region zu finden. Und überall ist spürbar, dass sein Schaffen ganz seiner christlichen Grundüberzeugung entspricht. Seine Werke, ob Einzelfiguren, Altarraumgestaltungen, Kreuzwege oder Weihnachtsdarstellungen sind immer Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi. Kleiser verleugnet nie seine eigenständige Handschrift. Sie hat sich aber im Laufe der fünf Jahrzehnte – ohne dem jeweiligen Zeitgeist zu huldigen – immer wieder gewandelt. Sie kommt, wie es Stefan Simon bei einer Kleiser-Ausstellung im Stadtmuseum Hüfingen beschrieb, immer wieder zum Ausdruck, egal ob er sakral oder profan, auftragsbezogen oder völlig frei, figürlich oder abstrakt arbeitet. Künstlerische Qualität und handwerkliche Solidität werden von den Kunstfreunden besonders geschätzt. Und das nicht nur im kirchlichen Raum.

 

Der Künstler und sein Werk: Wolfgang Kleiser, wie er sich bei der Arbeit sieht, mit Schlegel und Hohleisen. „Ich überlege“ hat er das Eichenholzwerk aus dem Jahre 1996 genannt.

 

1978 erhielt der Hammereisenbacher vom Landkreis den Auftrag, für die künstlerische Gestaltung des Pausenhofes der Hotelfachschule in Villingen zu sorgen. Er wurde diesem Auftrag mit Skulpturen aus Eichenholz gerecht. Der Arbeitskreis Stadtgeschichte und die Heimatgilde Vöhrenbach gaben 1978 aus Anlass der 750-Jahr-Feier eine Jubiläumsstele in Auftrag. Das in Bronze gegossene Kunstwerk steht heute mitten in der Stadt, in der Kleiser zu Hause ist. Sie zeigt Themen der Vöhrenbacher Stadtgeschichte. An der Kirche St. Martin hängt dort als Bronzerelief eine eindrucksvolle Gedenktafel des Kirchenpatrons. Kleiser ist längst auch über die Grenzen des heimischen Raums gefragt. Das zeigte sich sehr deutlich 1998. Damals machte ihn ein Lehrer der Hotelfachschule in Villingen-Schwenningen auf ein Ereignis in Herzegowina aufmerksam, wo in den damaligen Kriegswirren eine Kirche bei Mosta völlig ausgeplündert worden war. Ob er ein Kreuz für diese Kirche machen könnte, wurde Kleiser gefragt. „Für mich war es eine Selbstverständlichkeit dieses Anliegen aufzunehmen. So führte ich das Kreuz aus und stiftete es der Gemeinde,“ sagte der Schwarzwälder in seiner bescheidenen, freundlichen und sachlichen Art. Als das zwei Meter große Kruzifix in dem 1200-Seelen-Ort geweiht wurde, nahmen über 2000 begeisterte und dankbare Menschen an der Feier teil.

Formstele für Krankenhaus Lichtenstein bei Chemnitz. Lindenholz, sechst Meter hoch (2000). 1. Preis im Wettbewerb für die Gestaltung des Foyers.

 

Große Anerkennung fand Kleiser auch im Jahre 2000 in Sachsen bei einem bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerb für die künstlerische Gestaltung des Eingangsbereiches eines neuen Krankenhauses in Lichtenstein bei Chemnitz. Seine sechs Meter hohe Stele und ein Relief, 2×1,4 Meter groß, beides in Lindenholz gefertigt, wurden mit einem 1. Preis belohnt. Eine Kleiser-Stele stand übrigens auch im Stuttgarter Büro von Erwin Teufel. Der ehemalige Ministerpräsident schätzte den Hammereisenbacher Künstler sehr. Seine frühen und sehr persönlichen Beziehungen zu ihm kamen besonders deutlich im Jahre 1985 zum Ausdruck, als er den Auftrag bekam, seine Eltern, Julie und Josef Teufel, zu porträtieren. Bei mehreren Sitzungen wurden sie in Ton modelliert, in Gips abgeformt und danach in einer Gießerei in Bronze gegossen. Auf diese Weise entstanden     noch     zahlreiche     andere Porträtsbüsten in seiner Werkstatt. Nicht nur seine Mutter, Maria Kleiser, hat der Künstler in Bronze verewigt, sondern auch berühmte Persönlichkeiten.

Da ist zum Beispiel der frühere Bundesminister Dr. Heinrich Krone, den Kleiser 1975 kennen lernte. Der unter Konrad Adenauer sehr aktive Politiker erwarb nicht nur eine ganze Anzahl Kleiser-Werke in Holz, Ton und Bronze, sondern er saß auch selbst Modell für eine Büste. Der Schwarzwälder nennt seine Bekanntschaft mit Krone „einen besonderen Glücksfall.“ Er habe in ihm einen Menschen kennen gelernt, „der sich sehr mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzte, Kritik übte, aber auch vielen Richtungen gegenüber offen war.“ In Villingen bringen viele Bürger den Namen Kleiser auch mit der hier so geliebten fünften Jahreszeit, der Fasnet, in Verbindung. Wer eine Kleiser-Scheme sein Eigen nennt, schätzt sich in Narrokreisen heute glücklich. Der Hammereisenbacher, der sich heute ganz dem weiten Feld der klassischen Bildhauerkunst verschrieben hat, ließ sich schon vor Jahren aus der Liste der Schemenschnitzer der Villinger Narrozunft streichen. Gefragt ist er aber immer noch. „Und,“ so verriet er augenzwinkernd, „so ab und zu mache ich doch mal eine.“

 

Eichenholz-Medaillons „Stufen des Lebens“ (2001), beidseitig gehauen „Verliebtheit“,

 

 

„Familie“.

 

„Isch was?“ Bronze (1991).

 

 

 

„Wir gehören zusammen“. Ton/Acryl (2003).

 

 

 

 

 

Einen sehr eindrucksvollen Kreuzweg hat Wolfgang Kleiser 2003 für den Stationenweg in St. Ottilien, Freiburg, geschaffen. Die Bilder der Passion, aus Eichenholz gehauen, 1,45 x 1,15 Meter groß, sind in einzelnen kleinen „Kapellen“ zu betrachten. Es ist der Weg von Getsemani nach Golgota.

 

 

 

 

 

Verurteilung und Kreuzaufnahme – Gebunden und bereit – ist diese Station überschrieben. In der Mitte steht Jesus, viel größer als sein Richter, gefesselt, mit offenen Händen. Auf ihm liegt das Kreuz. Pilatus sitzt breit und feist auf dem Richterstuhl. Oben schaut Barabas durchs Gitterfenster.

 

 

 

Maria und Simon von Cyrene – Getröstet und unterstützt! Zwei Stationen, die IV. und die V. hat der Künstler hier zu einer vereinigt. Jesus begegnet seiner Mutter und Simon hilft Jesus das Kreuz tragen. Es ist ein Ausschnitt des Bildes vom Stationshäuschen auf dem Bild oben links.

 

Zahlen – Daten – Zeiten

Wolfgang Kleiser wurde am 23. März 1936 in Urach im Schwarzwald geboren. 1950 bis 1953 Lehre als Holzbildhauer bei Vater Augustin Kleiser, anschließend dort Gesellenjahre 1956 bis 1958 Zeichenkurse Fernakademie Karlsruhe 1958 bis 1960 Schüler beim akademischen Bildhauer Franz Spiegelhalter in Freiburg 1960 Meisterprüfung als Holzbildhauer 1961 Selbständigkeit im Elternhaus 1965 bis 1968 Zeichenkurse an der Fernakademie Famous Artists School in Amsterdam 1971 Umzug nach Hammereisenbach 1972 Anerkennung als freischaffender Bildhauer Kleiser ist Mitglied verschiedener Künstlervereinigungen: Bundesverband Bildender Künstler Südbaden, Gemeinschaft christlicher Künstler der Erzdiözese Freiburg, Kunstverein Villingen-Schwenningen.

Kleiser-Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Einzelausstellungen gab es zum Beispiel im Hans-Thoma-Museum Bernau (1996/2005 und 2006). In der Stiftskirche im Bad Wimpfen im Tal (2004), im Stadtmuseum Hüfingen (2004/2005), in der Stiftskirche in Moosbach (2005). Zudem war Kleiser mit Arbeiten bei den Jahresausstellungen des Kunstvereins Villingen- Schwenningen vertreten. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen seit 1972 im In- und Ausland.

Kunst am Bau: Hotelfachschule Villingen-Schwenningen; Sitzungssaal im Rathaus Spaichingen; Jubiläumsstele in Bronze zur 750-Jahr-Feier der Stadt Vöhrenbach.

Mehr als ein Dutzend Altarraumgestaltungen führte Kleiser aus: Oberbränd, Döggingen, Altglashütten, Schollach, Schallstadt und Mistelbrunn. Viele Kreuzwege schuf er zwischen 1959 und 2005. Unter anderem in Bremerhaven, Bremen, Urach, Sulzburg, Schutterwald, Häusern, Bad Dürrheim, Spaichingen, Böblingen, Schwetzingen, Heilbronn Kirchhausen und zuletzt die Stationen (145 x 115 Zentimeter groß) für den Stationenweg in St. Ottilien in Freiburg. Auftraggeber war das Dompfarramt.

Weihnachtsdarstellungen von Wolfgang Kleiser stehen unter anderem in Stockach (Stadtkirche), Mannheim (Zwölfapostelkirche), Villingen (Heilig Kreuz), Villingen (Altenheim St. Lioba), Schwet– zingen (St. Marien), Mainz-Lerchenberg (Pfarrkirche), VS-Rietheim (St. Konrad) und in der Katholischen Pfarrkirche in Königsfeld.

St. Agatha von Villingen (Werner Huger)

Es ist das heutige Haus der Familie des Elektromeisters Hubert Dörflinger und seiner Frau Luzia in der Brunnenstraße 21. An der Giebelseite zur Zinsergasse befindet sich eine in die Wand eingelassene vergitterte Nische. In ihr steht eine sorgfältig geschnitzte und farblich gefasste Frauenskulptur mit ihrer bis zu den Füßen wallenden Kleidung: die heilige Agathe.

Von dieser Frauenfigur berichtet die Legende: Die heilige Agatha wurde früher in der Stadt als Schützerin vor Feuersbrunst verehrt. Man weiß von einem Brand, der Villingen um die 150 Jahre nach der Stadtgründung heimsuchte. Die Flammen, die durch das Niedere Tor hereingeschlagen haben, sollen bis an dieses Haus vorgedrungen sein. Dort erloschen sie wunderbarerweise. Man sah hierin eine Wirkung der Fürbitte der heiligen Agatha und errichtete aus Dankbarkeit an der Hauswand in der Zinsergasse ein Bildstöckchen der Heiligen. Mit der Zeit bildete sich der Brauch, dass die Hausbewohner an jedem Agathentag (Red. Anm.: 5. Februar) vor dem Heiligenbild für 24 Stunden eine Laterne brennen hatten. Zugleich wurde in dem Hause fleißig gebetet. Die einen beteten auf dem Speicher, die anderen in der Stube, wieder andere im Keller; die Magd betete im Stall.

Die Heiligenfigur in ihrem ungeschützten Wandbehältnis sei um das Jahr 1942, also mitten im Zweiten Weltkrieg, gestohlen worden, berichtet Hubert Dörflinger. Ein inzwischen längst verstorbener ehemaliger Nachbar soll gesehen haben, wie vom Ladedeck eines Autos aus, das in die damals noch verkehrsdurchgängige Zinsergasse eingefahren war, die Diebe die Figur aus der Nische stahlen und davonfuhren. Der Zeuge habe die Personen bzw. den Dieb sogar erkannt, aber, aus welchen Gründen auch immer, stets geschwiegen. „Er hat“, so Hubert Dörflinger, „sein Wissen mit ins Grab genommen“.

Nach dem Erwerb des mittelalterlichen Hauses und dessen Umbau 1979 ließen Hubert und Luzia Dörflinger in den 1990er-Jahren aufwendig eine neue antikgerechte Heiligenfigur schnitzen sowie fassen und stellten die Vollplastik in ihr altes, inzwischen leicht vergittertes, Gehäuse zurück.

„’s Agathle“, wie man in Villingen zu sagen pflegte, hatte heimgefunden.

Wer war nun diese Agathe? Sie erlitt, so die Legende, als Tochter vornehmer Eltern in Catania, einer Stadt in Sizilien am Ostfuß des Vulkans Ätna, unter dem römischen Kaiser Decius (249–251 n. Chr.), der eine erste sich auf das ganze Reich erstreckende Christenverfolgung angeordnet habe, das Martyrium. Zuvor soll sie die Werbung des Statthalters Quintian zurückgewiesen haben, da sie Christin sei. Die modifizierten Details der Legende berichten, man habe sie mit den Händen an einen Balken gehängt, die Brüste mit einer Zange zerrissen, mit einer Fackel gebrannt und schließlich abgeschnitten. Ein Greis – Petrus – sei ihr im Kerker mit heilendem Balsam erschienen, aber sie habe die Erquickung zurückgewiesen. Tags darauf habe man sie auf spitze Scherben und glühende Kohlen gelegt, bis sie starb.

Während Christen sie bestatteten, erschien ein lichtstrahlender Jüngling und legte eine Tafel in den Sarkophag. Am Jahrestag ihres Todes, 252 n. Chr., wurde durch die sich aus dem Grabe erhebende Tafel der die Stadt Catania bedrohende Lavastrom des Ätna abgelenkt. Auf der Tafel aber erschien eine Inschrift „Sie erreicht augenblickliche Heiligung ihres Geistes, Ehre von Gott und des Landes Rettung“.

 

 

Von hier mag die Legende von der Beschützerin bzw. Patronin in Feuersgefahr ihren Anfang genommen haben: Die Fürbitte der Heiligen schützt vor zeitlichem und ewigem Feuer.

 

In der Wiedergabe späterer Darstellungen finden wir sie mit Palmzweig, Fackel oder Kerze, gekrönt und auf einer Platte die abgeschnittenen Brüste tragend. Zumindest das letztere Attribut findet sich erkennbar als Schale auf der Handfläche des angewinkelten linken Armes ruhend in der Skulptur des Dörflingerschen Hauses (s. obenstehendes Foto). Die heilige Agathe wird in Deutschland namentlich im schwäbisch-alemannischen Gebiet über vielfältige Zeichen und Symbole verehrt, wobei ihr Schleier nicht nur vor Feuer und Flammen sondern auch vor Pest und Hungersnot schützen sowie Kranke und Besessene heilen soll.

Anmerkungen:

Text und Fotos: Werner Huger

Die textliche Wiedergabe der Legende „St. Agatha von Villingen“ wurde entnommen bei Hans Brüstle, Herausgeber, Das wilde Heer/Die Sagen Baden-Württembergs, Rombach Verlag Freiburg, 1977, vergriffen.

Literatur und zitierte Quellen:

Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten, Philipp

Reclam jun. Stuttgart, 5. ergänzte Auflage, 1984, Stichwort Agatha, S. 29 f. sowie Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Verlag Walter Gruyter Berlin, 1987, Bd. T, S. 208 ff. Agathe hl.

 

Zum Beispiel Glocken. Schätze aus den Museen (Michael Hütt)

 

Alphabetglocke, um 1400, Franziskanermuseum Villingen- Schwenningen, Inv.Nr. 12274 (Foto: Fred Hugel).

 

Unter den Schätzen des Franziskanermuseums befinden – besser gesagt: befanden – sich auch vier Glocken. In Villingen als einer Stadt mit reicher Glockengießertradition ist das keine Überraschung. Die Älteste, die so genannte Alphabetglocke von um 1400, ist unbestrittene Attraktion der Dauerausstellung, weil sie dort geläutet werden kann und mit ihrem reinen Klang beeindruckt. Die anderen drei wurden 2006 – teils als Leih-, teils als Rückgaben – an die Münsterpfarrei für die Initiative ‚Glockenspiel für Villingen‘ abgegeben. Die Verhandlungen dazu brachten eine Reihe überraschender Rechercheergebnisse zu Tage, die einige in jüngerer Zeit entstandene Verwirrungen in der einschlägigen Fachliteratur zu korrigieren vermögen. Die älteste zuverlässige Beschreibung der Glocken im Villinger Münster stammt aus dem Jahr 1890. Unter den neun vorhandenen Glocken wird „im südlichen Thurm“ auch eine so genannte Alphabetglocke beschrieben: „4) Das Vesper- oder Vigilglöckchen, 3 Ctr. schwer: Inschrift in Fracturminuskeln an der Haube: abcdefgmnopqrsxvvz“1. Weitere Schriftstücke in der Münsterpfarrei2 erwähnen diese heute einhellig auf um 1400 datierte Glocke im Zuge der Bemühungen um das 1906-1909 entstandene neue Geläut im Münster: Eine Kostenberechnung der Glockengießerei Benjamin Grüninger Söhne für den Umguss vom 14. August 1888 hat den Zusatz: „Von dieser Summe kommen in Abrechnung für die alten Glocken … 7. VesperGlocke ca. 250 Pfund.“ In einem Schreiben des erzbischöflichen Bauamts Freiburg vom 1. August 1898 heißt es: „Nach der Erklärung des Herrn Bürgermeister in der Stiftungsratssitzung v. 30.v.M. ist die Stadtgemeinde V. in dankenswerter Weise bereit: …7) das kleine Vesperglöckchen für die städt. Alterthümersammlung zu übernehmen und hierfür zu erwerben.“3 Zu dieser Ankaufsabsicht passt der Eintrag im Inventarbuch der Alter- tümersammlung, Inv. Nr. 2308: „Alte Glocke vom Jahre 1380 ehem. im Besitze des Münsters“, unter „Erwerb / woher“ wird vermerkt „Grüninger“, weiterhin „Kauf am 23. 6. 1910“.

Die Vorgänge um das neue Geläut des Münsters sind recht gut erforscht. Sieben Glocken wurden neu gegossen, dafür wurden acht der neun alten Glocken eingeschmolzen.4 1908 war „vom katholischen Oberstiftungsrat in Karlsruhe die Anschaffung eines neuen Geläutes mit sieben Glocken auf dem Fundament einer sogenannten Brummglocke zur Münsterrenovation genehmigt und die Erlaubnis erteilt, die alten Glocken mit Ausnahme der Totenglocke, die wieder in die Friedhofskapelle soll, umzugießen. Letztere hatte einen Sprung.“5

Das 1909 gegossene Geläut für das Villinger Münster, links außen als kleinste die Franziskusglocke.

 

Nach dieser Quelle dürfte es die Alphabetglocke also eigentlich nicht mehr geben. Man hat jedoch offenbar statt der oder zusätzlich zur schwereren Totenglocke die Alphabetglocke vor dem Einschmelzen bewahrt und sie tatsächlich so wie 1898 geplant an die Altertümersammlung verkauft.

Der weitere Weg dürfte wie folgt gelaufen sein:6 Abgabe der Glocke an die Altstadtkirche durch Bürgermeister Edwin Nägele 1947 (Vermerk im Inventarbuch des Museums), Austausch durch die letzte erhaltene Glocke aus dem Geläut von 1909 (s. unten) 1954, Abstellen und „Vergessen“ im Turm der Altstadtkirche, Wiederauffindung und Rückgabe ans Museum. 1966 ist sie tatsächlich neu inventarisiert worden.7 Der Nachfolger von Paul Revellio als Stadtarchivar, Hans-Josef Wollasch, wusste aber um die Identität der Glocke mit dem alten Inventarbucheintrag.8

Angesichts dieses recht lückenlos dokumentierten Weges der Alphabetglocke aus dem Münsterturm ins Museum ist die Angabe im Deutschen Glockenatlas, eine „Vesper- oder Vigilglocke, unbez., um 1400“ hinge noch immer „auf dem unzugänglichen Dachreiter des Südturms“9 überraschend. Erstmals erwähnt wird die Existenz von zwei Alphabetglocken 1979 in einem Brief des ehemaligen Stadtarchivars Josef Fuchs.10 Die 1890 überlieferte Lesart der charakteristisch unvollständigen Alphabetreihe der Glocke im Münster kann aber an der Glocke im Museum durchaus bestätigt werden. Zwar ist nach dem „g“ auch noch „h“ und „i“ erkennbar, das aber so schwach, dass man das gut überlesen kann. Die beiden folgenden fehlenden Buchstaben „k“ und „l“ sind auf der Glocke allenfalls durch Erhöhungen angedeutet, aber ganz sicher nicht als Buchstaben vorhanden. Der etwas abrupte Schluss mit „sxvvz“ ist genauso auf der Glocke im Museum vorhanden, allenfalls kann man aus dem zweiten „v“ auch ein „y“ herauslesen. Somit wären also nicht nur zwei Alphabetglocken vorhanden, sondern sogar zwei mit identischen Schreibfehlern! Merkwürdigerweise steht im Glockenatlas jedoch ausdrücklich: „Die Existenz und Ø der Glocke wurden von Kurt Kramer festgestellt.“ Der Durchmesser wird mit 43 cm (gegenüber 53 cm für die „Museumsglocke“) angegeben. Eine nochmalige Autopsie vor Ort ergab jedoch tatsächlich, dass die Glocke des Museums dort oben eine „Schwester“ hat, die im Verborgenen alle vorangegangenen Um- und Einschmelzaktionen schadlos überstanden hat.10a

1966 wurde eine Glocke aus der berühmten Villinger Glockengießerdynastie Grüninger vom Museum angekauft. Die Glocke hat an der Schulter zwischen zwei Stegen die Inschrift: „IOACHIM GRIENINGER ZVO VILLINGEN GOS MICH 1660“ und ist damit als ein Werk des ersten Villinger Glockengießers mit dem Namen Grüninger gesichert. Joachim Grüninger (1624–1674) übernahm die Gießerei seines Schwiegervaters Christof Reble (1591–1649).

Offenbar hat man im Zuge des Ankaufs nicht recherchiert, woher die Glocke ursprünglich stammte. Als Verkäufer wird im Inventarbuch „J. Metzger“ genannt. Josef Metzger (1907–1974) war Vertreter der Firma W. Schilling, Glockengießerei Heidelberg. Als solcher hat er sich um die Wiederbeschaffung von Glocken für die Villinger Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg verdient gemacht.11 Dem Fachmann hätten eigentlich die beiden innen und außen deutlich mit schwarzer Ölfarbe aufgetragenen Zeichen „C 17/27/134“ auffallen müssen. Als die Glocke im Zuge der Planungen für das neue Münsterglockenspiel begutachtet wurde, erkannte Rudolf Perner, Inhaber der Glockengießerei Perner in Passau, sogleich, dass es sich dabei um eine Inventarnummer handelt, die im Zuge der Beschlagnahmung während des 2. Weltkriegs aufgebracht wurde.

Glocke Joachim Grüninger 1660, Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen, Inv. Nr. 13713 (Foto: Fred Hugel).

 

Mit dieser Nummer war es kein Problem, durch eine Anfrage beim Deutschen Glockenarchiv, in dem die Karteikarten zu ca. 16.000 in den Jahren 1940–1943 beschlagnahmten Glocken aufbewahrt werden und das dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg angegliedert ist, die Herkunft der Glocke zu ermitteln. Sie stammt eindeutig aus der Katholischen Filialkirche St. Cyriakus in Fischbach (Schluchsee). Die Inventarkarte des Glockenarchivs vermerkt auch klar und deutlich, die Glocke sei „in Zahlung gegeben an Schilling, Heidelberg“. Wenn es damit auch umso rätselhafter ist, warum der Angestellte der Firma Schilling beim Verkauf ans Museum die Herkunft der Glocke verschwieg, so können nun die falschen Angaben im Deutschen Glockenatlas12 und bei Kurt Kramer13, die Glocke stamme aus dem Villinger Münster, berichtigt werden. Kurioserweise hat der Glockenatlas unsere Glocke zweimal verzeichnet, einmal unter Fischbach14 und einmal unter Villingen.

Die Glocke hat leider einen fast über die gesamte Länge gehenden Riss. Deshalb konnte sie nicht in das Glockenspiel im Münsterturm integriert werden. Zwar hätte man den Sprung schweißen können, doch wären damit irreversible Verluste eingetreten: Die Konturen der Reliefs wären verschwommen, die Patina und die Ölfarbennummern wären verloren gegangen. Vor allem letztere belegen aber einen wichtigen Teil der Objektgeschichte und sollten deshalb erhalten bleiben.

Im Depot des Museums befand sich noch eine weitere Grüninger-Glocke. Sie hat eine Höhe von 79 cm und einen Durchmesser von 73 cm und wiegt 257 kg. Ein Relief mit der Stigmatisation des Heiligen Franziskus ziert ihre Flanke, darunter folgt ein Bibelzitat: „Mihi autem absit gloriari nisi in / cruce Domini nostri Iesu Christi. Gal. 6.“ („Ich jedoch will mich nicht rühmen, es sei denn im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus“, Gal. 6,14.) Am unteren Rand befindet sich zwischen zwei Stegen die Inschrift: „Gegossen von Benjamin Grüninger Söhne in Villingen MCMIX“. Anhand eines historischen Fotos des 1909 fertig gestellten Geläutes für das Villinger Münsters war sie eindeutig als dessen letzter noch vorhandener Überrest identifizierbar. Die Glocke war die kleinste des Geläutes und entging so den Beschlagnahmungs- und Einschmelzaktionen im Zweiten Weltkrieg, galt doch hier die Regel, dass jede Gemeinde die jeweils leichteste Glocke als Läuteglocke behalten dürfte.

Aufgrund fehlender schriftlicher Unterlagen war den heutigen Verantwortlichen ihr Weg ins Museumsdepot zunächst unklar, kann jedoch wie folgt rekonstruiert werden15: 1954 ist sie in die Altstadtkirche gebracht worden.16 Für den Turm der Altstadtkirche war sie zu schwer, deshalb hat man sie Anfang der 1970er Jahre wieder heruntergeholt und gegen eine 1623 datierte Glocke von Christof Reble, die auf dem Dachstuhl des Chores der Franziskanerkirche war, also aus dem Besitz des Heilig-Geist-Spitals stammt, ausgetauscht.17

Seither stand sie im Kreuzgang des ehemaligen Franziskanerklosters, wurde später unter dem „Wehrgang“ im sog. Komödiengarten abgestellt und gelangte dann ins Museumsdepot.18 Auch zu dieser Glocke ist eine falsche Angabe in der Literatur richtig zu stellen: Der Glockensachverständige der Erzdiözese Freiburg, Kurt Kramer, beschrieb die Glocke 1993 als „Franziskusglöckchen aus Unterkirnach von Josef Benjamin Grüninger 1908 gegossen.“19 Als Ergebnis der Recherchen war es eine Selbstverständlichkeit, die Glocke an das Münster zurückzugeben, von wo sie sicher stammt und wo sie bis 1954 gewesen ist. Nur die kleinste Glocke hat bisher noch nicht für Verwirrung gesorgt. Von der Kapelle des Schleifehofs stammt ein 1857 datiertes Schlagglöckchen mit der Aufschrift:

„B: GRÜNINGER GOS MICH IN VILLINGEN“, dem Relief einer Maria und der Bezeichnung „H: MARIA MUTTER GOTTES BITTE FÜR UNS“. Auch sie wird künftig im neuen Glockenspiel des Münsters erklingen.

Anmerkungen

1 Die Kunstdenkmäler des Großherzogthums Baden, Band 2: Die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen, bearbeitet von Franz Xaver Kraus, Freiburg 1890, S. 127.

2 Vgl. Manuskript im Franziskanermuseum aus der Hand von Hermann Preiser im Ordner 229 „Glockengeschichte / Grüninger“.

3 Weiterhin heißt es zur Provenienz der Glocke: „Von diesen Glocken stammen die ältesten und zwar Nr. 3, 5 u. 7 aus dem Thurm der Altstadtkirche, von wo sie im Jahre 1846 nach der Münsterkirche transferiert wurden.“

4 Preisser, Hermann: „gloggen slahen und sturm lüten…“. Villinger Glockengeschichte von den Anfängen bis heute, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 9(1984/85), S. 54.

5 Preiser 1984/85 (wie Anm. 4), S. 53. Auch diese Totenglocke wurde von Kraus 1890 (wie Anm. 1), S. 126, eindeutig beschrieben. Ebd., S. 107, wird in der Altstadtkirche eine weitere alte Glocke erwähnt. Beide Glocken sind heute nicht mehr vorhanden. Nach Preiser 1984/85 (wie Anm. 4), S. 41, war „durch die Ablieferung der meisten Glocken im Zweiten Weltkrieg auch der Turm der Friedhofskapelle leer“.

6 Vgl. Preiser 1984/85 (wie Anm. 4), S. 41.

7 Inv.Nr. 120/66 „Bronzeglocke ca 1400 – 1450 (alphab. Legende) aus der Altstadtkirche, Gartenbauamt“.

8 Das geht aus zwei Briefen zur Ermittlung der Datierung eindeutig hervor (Ordner 229 im Franziskanermuseum).

9 Deutscher Glockenatlas, bearb. von Sigrid Thurm, begr. Von Günther Grundmann., fortgef. von Franz Dambeck. Hrsg. Von Bernhard Bischoff u. Tilmann Breuer, Band: 4 Baden, unter Mitw. von Frank T. Leusch, München 1985, S. 604, Nr. 2019a.

10 Brief an Kurt Köster im Zuge von dessen Recherchen zu seiner Studie über Alphabet-Inschriften auf Glocken, was dann dort auch übernommen wird, vgl. Köster, Kurt: Alphabet-Inschriften auf Glocken. Mit einem Katalog europäischer ABC-Glocken vom 12. – 18. Jahrhundert, in: Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters, hrsg. von Schützeichel, Rudolf in Verbindung mit Ulrich Fellmann, Bonn 1979, S. 371 – 422.

10a Dem Erzbischöflichen Orgelinspektor Kurt Kramer möchte ich für sein Engagement in dieser Sache sehr herzlich danken!

11 Artikel zum Tod im Südkurier vom 4.6.1974.

12 Glockenatlas 4 1985 (wie Anm. 9), S.607, Nr.2035.

13 Kramer, Kurt: Die Glockenlandschaft der Baar. Die Glockengießerdynastie Grüninger, in: Almanach 93. Heimatbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 17 (1993), S.244.

14 Glockenatlas 4 1985 (wie Anm. 9), S. 224f., Nr. [414].

15 Für mündliche Informationen danke ich Dr. Josef Fuchs, Gerhard Wigant und Hans-Jörg Fehrenbach.

16 Preisser 1984/85 (wie Anm. 4), S. 41. Diese Angabe deckt sich mit der in einem Brief von J. Metzger an das Stadtarchiv Villingen vom 25. Juli 1968: „Im Turm der Friedhofskirche befindet sich eine Grüninger-Glocke mit 72 cm Ø welche das Gußjahr MDMIX (fälschlich für MCMIX – M.H.) trägt.“

17 Die Glocke in ihrer jetzigen Aufhängung ist beschrieben in: Kirchner, Thomas; Spira, Eva; Spira, Stefanie; Schenkel, Bernd; Weber, Marc: Die Altstadtkirche. Ein Beitrag zum Tag des offenen Denkmals am 10. September 2000, präsentiert von der AG Geschichte des Gymnasiums am Romäusring, vervielfältigtes Manuskript 2000, S. 18f.

18 Quellen dafür: Zeitungsartikel Südkurier 29.6.1974, Nr. 147, S. 12.

19 Kramer 1993 (wie Anm. 13), S. 249, Abbildung r.u.

Ein Villinger Franziskanermönch wird Buchbinder in Zürich (Christian Sieber)

Balthasar Maler (um 1485–1585) und seine Familie

Einleitung

Migration ist kein auf die Moderne beschränktes Phänomen. Gerade die spätmittelalterliche Gesellschaft war – gemessen an ihrer Verkehrs- und Transportinfrastruktur – außerordentlich mobil. Und heutigen Verhältnissen ganz ähnlich folgten die Wanderungsbewegungen primär wirtschaftlichen Überlegungen. Namentlich Handwerker und Gesellen waren in großer Zahl zwischen den Städten des Reichs unterwegs und dank ihrem Spezialwissen begehrte Fachkräfte und gleichzeitig aus demographischen sowie militärischen und fiskalischen Gründen willkommen. Während große Reichsstädte entsprechend ihren weit gespannten Beziehungen über ein ausgedehntes Einzugsgebiet von Zuwanderern verfügten, beschränkte sich dieses im Fall einer vorderösterreichischen Landstadt wie Villingen auf einen Umkreis von 30 bis 40 Kilometer. Konkret zogen also Leute beispielsweise von Schwenningen, Kirnach oder Hüfingen nach Villingen,1 während Leute von Villingen beispielsweise nach Straßburg, Basel oder Zürich auswanderten. Eine vollständige Statistik dieser Migrationsströme lässt sich nicht erstellen, immerhin finden sich in den Bürgerbüchern der Zielorte jeweils jene verzeichnet, die am neuen Wohnort auch das Bürgerrecht erwarben, so in Straßburg im Zeitraum 1440–1530 sechs, in Basel im Zeitraum 1358–1527 fünfundzwanzig, in Luzern im Zeitraum 1357–1479 fünf und in Zürich im Zeitraum 1351–1545 sieben Zuwanderer aus Villingen.2 Im Fall der Stadt Zürich, die im Spätmittelalter bei rund 5000 Einwohnern jährlich durchschnittlich rund 50 Zuwanderer (einschließlich Familienangehörige) ins Bürgerrecht aufnahm, ist in der Person von Balthasar Maler dank guter Quellenlage ein konkretes Beispiel eines Zuwanderers aus Villingen bis in die Einzelheiten dokumentiert, das es lohnt, hier nachgezeichnet zu werden.Die Familie Göderscher/Maler in Villingen Balthasar Maler3 war der jüngere Sohn von Balthasar Göderscher, der sich ab 1452 als Bürger in Villingen nachweisen lässt und hier rund 50 Jahre als Kunstmaler tätig war. Zugeschrieben werden ihm qualitätsvolle Malereien im Franziskanerkloster Villingen sowie Altarbilder in der Pfarrkirche Bräunungen4. In politischen Ämtern brachte es der Vater 1486 bis zum obersten Zunftmeister der Stadt, in militärischer Funktion war er 1476 Hauptmann in den Burgunderkriegen. Während „Maler“ bei Göderscher noch eine dem Familiennamen nachgestellte Berufsbezeichnung war („Balthasar Göderscher der Maler“), wurde sie bei seinen zwei Söhnen und seiner Tochter zum alleinigen Familiennamen ohne entsprechende Berufstätigkeit. – Balthasar Göderscher dürfte seinerseits der Sohn von Wilhelm Göderscher sein, einem Schneider, der 1434/35 noch als Hintersasse, 1437/39 aber als Bürger von Villingen bezeugt ist. Balthasar Göderscher muss um 1432 geboren worden sein, denn 1497 sagt er von sich, er sei 65-jährig.5 Aus erster Ehe hatte er einen Sohn namens Bernhard, der mit zwei Söhnen den Familienstamm in Villingen fortführte; allerdings blieb die Ehe des einen, Michael, ohne männliche Nachkommen, während der andere, Georg, nach dem Studium in Freiburg als städtischer Lateinschulmeister und dann vor allem als Arzt und Sanitätsbeamter des vorderösterreichischen Regiments in Ensisheim sowie unter dem latinisierten Namen „Pictorius“ als Verfasser naturwissenschaftlicher Schriften Karriere machen sollte. – Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte Göderscher in fortgeschrittenem Alter nochmals geheiratet; aus der zweiten Ehe stammte neben Balthasar auch Ottilia Maler, die sich mit Johannes Pedius in Freiburg verheiratete. Im Herbst 1510 muss Göderscher, mittlerweile 78-jährig, gestorben sein, denn bei einem Besuch Kaiser Maximilians in Villingen Ende Oktober dieses Jahres war er noch am Leben, im Dezember aber hatte sich seine Witwe bereits mit Remigius Mans verheiratet.6

Dieser war also kurzzeitig Stiefvater von Balthasar Maler, bevor er im Juni 1513 in der Schlacht von Novara das Leben verlor.

Eine Jugend im Kloster

Balthasar Maler7 wurde um 1485 geboren, denn bei seinem Tod 1585 soll er 100 Jahre alt gewesen sein. Diese Altersangabe ist insofern glaubhaft, als er zu Lebzeiten jeweils „laut seiner eigenen Abrechnung“ über sein Alter Auskunft geben konnte. Der Vater ließ den spätgeborenen Sohn, „obwohl noch sehr jung“, ins Franziskanerkloster Villingen eintreten, wo der Knabe nicht nur seine religiöse Prägung, sondern zweifellos auch seine schulische Grundausbildung erhielt.8 Nach einiger Zeit wechselte Maler, wie bei den Franziskanern nicht unüblich, die Ordensniederlassung und trat ins Kloster Königsfelden im Aargau ein. Dieser auf den ersten Blick überraschende Wechsel in ein Kloster unter Herrschaft der Schweizer Eidgenossen wird bei näherer Betrachtung durchaus nachvollziehbar: Als habsburgische Gründung und bis 1770 Grablege mehrerer Herzöge, darunter des 1386 bei Sempach gefallenen Leopold III., war das Doppelkloster mit Franziskanermönchen und Klarissen noch immer in vielfältiger Weise mit der Herrschaft Österreich verbunden. Für das Jahr 1491 ist beispielsweise ein Besuch des Königsfelder Guardians Ulrich Schoch in Villingen bezeugt.9 Dem Konvent der Klarissen gehörten Frauen aus dem Niederadel der Nordschweiz und Süddeutschlands an.10 Maler blieb „viel Jahre“ in Königsfelden, wobei nähere Angaben über sein Klosterleben fehlen. Bekannt ist lediglich, dass ihm das Amt des Kustos übertragen wurde und dass er ein seinem Vater gegenüber gemachtes Wallfahrts versprechen in ein Geldopfer umwandelte.

Neuer Glaube, neuer Wohnort und neuer Beruf Mit Beginn der Reformation hören wir plötzlich mehr von Maler: Nach ersten neugläubigen Strömungen Ende 1523 und Auflösungserscheinungen im Konvent der Klarissen legte vermutlich im Jahr 1524 auch Maler die Mönchskutte ab und übersiedelte unter Verzicht auf seine materielle Lebensgrundlage „der Religion und dem heiligen Evangelium zuliebe“ nach Zürich. Vorbereitet wurde der radikale Einschnitt im Leben Malers durch die Lektüre der Schriften von Martin Luther und Huldrych Zwingli sowie des Neuen Testaments in deutscher Sprache. Die Stadt Zürich als Ziel Malers ergab sich neben der allgemeinen Ausstrahlung als Zentrum der Schweizer Reformation namentlich durch frühere Kontakte zu Mönchen im dortigen Franziskanerkloster, das dann Ende 1524 aufgehoben wurde. Auf der Suche nach einem neuen Lebenserwerb machte Maler seine Liebe zu den Büchern zum Beruf und erlernte das Handwerk des Buchbinders, und zwar in der berühmten Druckerei von Christoph Froschauer dem Älteren, der seinerseits einige Jahre früher aus Bayern zugewandert war. Dessen Betrieb erlebte in der Reformationszeit dank den Schriften Zwinglis und den Bibelausgaben seine goldene Zeit.11 1528 erhielt Maler für seine Arbeit an der Drucklegung der Akten der Berner Disputation eine Empfehlung von Zwingli höchstpersönlich, 1531 diente er Froschauer als Buchführer und überbrachte dem Berner Reformator Berchtold Haller den zweiten Band von Konrad Pellikans Kommentar zum Alten Testament.12 Später verrechnete er Zinszahlungen an das städtische Spital verschiedentlich mit Buchbinderarbeiten und Papierlieferungen.13

In der Zentralbibliothek und im Staatsarchiv Zürich konnten bis heute über 100 Bücher identifiziert werden, die Maler teils als Mitarbeiter von Froschauer, teils auf eigene Rechnung in Leder gebunden hat und bei denen er anschliessend das noch weiche Leder mittels Rollen und Stempeln kunstvoll bearbeitet hat. Das besondere Markenzeichen von Maler ist dabei ein in Zürich einzigartiger Stempel, der eine Tulpe in einer Vase zeigt. Nachweisen lässt er sich bis ins Jahr 1569, Maler war also noch im hohen Alter berufstätig.14 Neben vielen anderen gehörten auch Gelehrte wie Heinrich Bullinger oder Johannes Fries zu den Kunden von Maler.15

Heirat und Hauskauf

Einige Zeit nach seiner Niederlassung in Zürich verheiratete sich Maler mit Küngold von Grafeneck, einer ehemaligen Nonne von Königsfelden, die 1525 aus dem Kloster ausgetreten war. Küngolds Schwester Margareta verließ Königsfelden ein Jahr später und heiratete den Zürcher Pfarrer Johannes Seebach.16 Um zu verhindern, dass die beiden Frauen bei ihrer in Magolsheim bei Blaubeuren ansässigen Verwandtschaft in Ungnade fielen, richtete Zürich ein offizielles Schreiben an ihren Bruder Niklaus von Grafeneck und die übrigen Verwandten, worin die Entscheidung der beiden Frauen gerechtfertigt und den frisch Verheirateten ein einwandfreier Lebenswandel am neuen Wohnort bescheinigt wurde.17

Die Pfarrkirche St. Peter in Zürich mit der Schlaguhr von Josua Malers Taufpate Hans Luterer von 1538. Hinter dem Kirchturm (hier versteckt) liegt das Wohnhaus der Familie Maler (Stadtansicht von Jos Murer, 156).

 

Ungefähr zeitgleich mit seiner Heirat erwarb Maler 1527/28 das unmittelbar hinter der Pfarrkirche St. Peter gelegene Haus „Zum Hinteren Rechberg“ (heute Schlüsselgasse 12), wo er bis zu seinem Tod wohnhaft bleiben sollte.18 Die mit dem Hauskauf und der Haushaltsgründung verbundenen Kosten bedeuteten für Maler, der ohne eigentliche Abfindung aus dem Kloster Königsfelden ausgetreten war, eine große finanzielle Belastung, zumal auch die seiner Frau zugesprochene Abfindung von 150 Gulden für das beim Klostereintritt eingebrachte Vermögen mangels liquider Mittel offenbar nie ausbezahlt wurde.19 Noch im November 1530 wandten sich deswegen gleich zehn ehemalige Nonnen, darunter auch Küngold und Margareta von Grafeneck, mit einer Klage aus Zürich an die Stadt Bern, die Eigentümerin des säkularisierten Klosters Königsfelden. Das einzige, was das Ehepaar Maler aus der Liquidationsmasse schließlich erhielt, waren eine Entschädigung von 6 Gulden für Balthasar und die Rückzahlung von 30 Gulden aus einer früheren Jahrzeitstiftung von Küngold und ihrer Schwester.20″

Der Erwerb des Zürcher Bürgerrechts

In den Jahren 1529 und 1531 nahm Maler als Hintersasse freiwillig am Ersten und Zweiten Kappelerkrieg teil, dem Schweizer Glaubenskrieg, der zuungunsten Zürichs ausging, und in dem der Reformator Zwingli im Oktober 1531 auf dem Schlachtfeld den Tod fand. Maler hingegen überlebte den Krieg und erhielt für seinen Einsatz zugunsten Zürichs und des reformierten Glaubens das Bürgerrecht geschenkt. Am 23. Mai 1532 trat er zusammen mit zwei anderen Kriegsteilnehmern vor die Stadtbehörden und legte den Bürgereid ab.21 Freiwilliger Kriegsdienst war in Zürich seit längerem ein beliebter Weg, um das Bürgerrecht ohne die im ordentlichen Verfahren erhobene Gebühr von 20 Gulden zu erlangen. Entsprechende Namenslisten von Bürgerrechtskandidaten haben sich beispielsweise für den Schweizerkrieg von 1499 erhalten, als Zuwanderer aus habsburgischen Gebieten sogar bereit waren, gegen ehemalige Landsleute zu kämpfen.22 Für die Kappelerkriege fehlt eine solche Kandidatenliste, dafür liegt ein Ratsbeschluss vor, wonach jeder, der auf eigene Kosten am Krieg teilgenommen hatte, auf Antrag hin das Bürgerrecht erhalten sollte.23 In der Folge erhöhte sich 1532/33 die Zahl der Einbürgerungen gegenüber den Vorjahren um das Dreifache.24 Mit dem Erwerb des Bürgerrechts sowie 1534 mit dem Eintritt in die Zunft zur Saffran, in der die meisten Buchdrucker organisiert waren,25 hatte Maler acht Jahre nach seiner Ankunft in Zürich nach Berufswechsel, Heirat und Hauskauf den letzten und rechtlich entscheidenden Schritt zur Integration am neuen Wohnort gemacht. Noch vor der Einbürgerung war am 25. Juni 1529 sein Sohn Josua und zuvor noch die Tochter Salome geboren worden, im März 1534 folgte die Tochter Anna. Seine Frau aber starb an den Folgen der dritten Geburt.

Dieser Schicksalsschlag musste Maler schwer treffen, zumal sich die Lebensbedingungen der Familie kaum verbessert hatten. Dies zeigt ein Unterstützungsgesuch für Malers Frau von Bürgermeister und Rat von Zürich zuhanden ihrer Berner Amtskollegen vom Januar 1533.26 Maler blieb einige Jahre Witwer, bis er 1547 eine zweite und 1553 eine dritte Ehe einging, letztere mit der Witwe des Buchdruckers Eustachius Froschauer, eines Bruders von Christoph. Er widmete sich nun neben seiner beruflichen Tätigkeit vorrangig der Erziehung seiner Kinder, namentlich der Ausbildung von Josua, der nach dem Willen seiner verstorbenen Mutter Pfarrer werden sollte.

Schwaben in Zürich

Auf dem Papier war Maler mit den drei an seiner Seite „im Buchladen“ aufgewachsenen Kindern seit 1532 ein Zürcher. Wie aber sah die Realität für den Neubürger aus Villingen aus? Zürich, von Otto von Freising im 12. Jahrhundert als die „edelste Stadt Schwabens“ („nobilissimum Suevie oppidum“) bezeichnet, richtete sich sowohl wirtschaftlich als auch geistig-kulturell noch immer stark auf den süddeutschen Raum aus. Von hier stammte auch die überwiegende Mehrheit seiner nichtschweizerischen Neubürger.27 Anderseits verstanden sich die Zürcher längst nicht mehr als „Schwaben“. Dieser Begriff war im Gegenteil innerhalb der Schweizer Eidgenossenschaft spätestens in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zur tendenziell negativ gefärbten Pauschalbezeichnung für alle Bewohner der Gebiete nördlich des Rheins, gelegentlich sogar für alle Fremden insgesamt, geworden.28 Die damaligen politischen und militärischen Auseinandersetzungen hatten, kulminierend im „Schwabenkrieg“ von 1499, wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen29 und die Herkunftsbezeichnung „Schwabe“ zum ideologischen Kampfbegriff gemacht. Auch wenn längst nicht jeder „Schwabe“ ein Angehöriger der Herrschaft Österreich war, kam es nach 1500 zu entsprechenden Gleichsetzungen.

Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal war zweifellos die Sprache. Zwar gab es – so wenig wie heute – eigentliche Verständigungsschwierigkeiten zwischen Süddeutschen und Schweizer Eidgenossen. Am Sprechen aber war schon damals für jeden hörbar, wer woher stammte. Der Schweizer Gelehrte Aegidius Tschudi, ein Zeitgenosse Malers, beschreibt die Situation sehr prägnant: „Man kennt noch Schwaben und Switzer an der Sprach wol voreinandern, das si nit einer Nation noch Landtsart sind, wiewol sie nechste Nachburn sind. Man spricht ‚Der ist ein Schwitzer an der Red‘, ‚Der ist ein Swab über Rhin an der Sprach‘, dennocht redend si beidenthalb tütsch und verstand einandern gar wol.“ Den Rhein versteht Tschudi dabei als Sprachgrenze.30 Kaum zufällig taucht im Schweizerkrieg von 1499 erstmals der Begriff der „Aidgenossen Sprach“ auf, deren Eigenarten dann die Schweizer Gelehrten im 16. Jahrhundert näher zu erforschen begannen.31

Die eidgenössische „Schweitz“ mit Zürich und der vorderösterreichische „Swartzwald“ mit Villingen, getrennt durch den Rhein (Sebastian Münster, Cosmographia, Erstausgabe Basel 1544; ZBZ, Kartensammlung).

 

Vor diesem Hintergrund hatten Zuwanderer aus Süddeutschland in Zürich durchaus damit zu rechnen, im Alltag gelegentlich mit ihrer Herkunft konfrontiert zu werden, auch wenn sie – wie Balthasar Maler- das Bürgerrecht vielleicht schon erworben hatten. Zum einen konnte die fremde Herkunft beim Einzelnen einen willkommenen Anknüpfungspunkt für eine Beschimpfung in einer Auseinandersetzung abgeben, die ganz andere Gründe haben mochte, zum anderen hatte eine Gruppe von Fremden gleicher Herkunft mit negativen Äußerungen zu rechnen, sobald sie die städtische Gesellschaft und das Berufsleben sichtbar mitprägte, wie dies bei den Süddeutschen in Zürich der Fall war. So taucht um 1490 der Vorwurf auf, Zürich sei „wohl halb voll Schwaben“, und mehrfach heißt es sogar, die „Schwaben“ seien gegenüber den Einheimischen im Vorteil und gelangten als Neubürger einfacher in politische Ämter. Das Schimpfwort „Sauschwabe“ erscheint in Zürich erstmals 1468. Für den Vorgang der Beschimpfung eines anderen als „Schwabe“ kannte der Sprachgebrauch sogar die feste Wendung „jemanden Schwaben“.32

Zürcher auf dem Papier, Villinger im Herzen

Wie weit Balthasar Maler, der immerhin das Leben für seine neue Heimat eingesetzt hatte, oder seine Kinder von solchen Äußerungen betroffen waren, ist nicht bekannt. Deutlich erkennbar ist aber, dass Maler in Zürich anfänglich Beziehungen vor allem zu Leuten pflegte, die ebenfalls aus Gebieten nördlich des Rheins zugewandert waren. Seine erste Ehefrau stammte aus einem niederadligen Geschlecht in Württemberg, sein Arbeitgeber stammte aus Bayern, und als Taufpate für Josua wählte Maler einen Neubürger aus Waldshut, Hans Luterer, der als Uhrmacher in Zürich tätig war und 1538 die neue Schlaguhr mit astronomischem Werk für die Pfarrkirche St. Peter schuf.33 Josuas Jugendfreund wiederum war Johann Rudolf Stumpf (1530–1592), Sohn des aus Bruchsal gebürtigen Pfarrers und Geschichtsschreibers Johannes Stumpf, die beide 1548 eingebürgert wurden.

Vor allem aber legte Balthasar Maler Wert darauf, bei seinen Kindern die Erinnerung an die Familiengeschichte und an die Herkunft hochzuhalten. Zahlreiche Villinger Begebenheiten fanden auf diesem Weg Eingang in die 1593/96 verfasste und hier bereits mehrfach angeführte Familiengeschichte und Autobiographie von Josua Maler.34

Es fällt schwer zu entscheiden, was bei Maler letztlich überwog, seine Villinger Wurzeln oder sein Zürcher Bürgerrecht und damit verbunden das Bekenntnis zum neuen Glauben, der ja in Villingen keinen Eingang gefunden hatte. Am sinnvollsten dürfte es sein, von einer doppelten Identität zu sprechen. Zeitgenössisch wurden Leute wie Maler als „Zürichschwaben“ bezeichnet.35

Josua Maler, ein stolzer Zürcher

Bei Malers Sohn Josua lagen die Verhältnisse bereits anders. Zunächst bemühte sich sein Vater 1537 unter Hinweis auf die ausstehende Abfindung für seine verstorbene Frau bei der Stadt Bern um einen Platz in der Lateinschule von Brugg bei Königsfelden, trotz Unterstützung durch Heinrich Bullinger, den Vorsteher der Zürcher Kirche, aber erfolglos.36 Dafür fand Josua an der Zürcher Großmünsterstiftschule Aufnahme, und nach Abschluss der mehrjährigen Grundausbildung finanzierte die Stadt seine Ausbildung zum reformierten Pfarrer ab Dezember 1543 mit Stipendien von insgesamt 410 Pfund.37 Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Lausanne 1549–1551 und einer Bildungsreise durch Frankreich und England kehrte der 22-Jährige 1551 nach Zürich zurück, heiratete eine Einheimische und bekleidete anschließend bis zu seinem Tod am 5. Juni 1599 verschiedene Pfarrerstellen in der Zürcher Landschaft sowie im Thurgau.38

Titelblatt von Josua Malers deutsch-lateinischem Wörterbuch von 1561, auf dem der Verfasser sein über den Vater erworbene Züricher Bürgerrecht in den Vordergrund stellt.

 

In gelehrten Kreisen machte er sich 1561 einen Namen durch die Publikation des ersten umfassenden deutsch-lateinischen Wörterbuchs, das nicht vom Lateinischen, sondern vom Deutschen ausging.39 Dass das Werk in der Offizin Froschauer erschien, musste den Vater, der die Karriere seines Sohnes bis ins hohe Alter mitverfolgen konnte, mit großer Genugtuung erfüllen.

Auf dem Titelblatt seines Wörterbuchs bezeichnet sich Josua Maler nicht ohne Stolz als „Burger zu Zürich“ (im lateinischen Text „Tigurinus“). In der Limmatstadt aufgewachsen, hier mit staatlicher Unterstützung ausgebildet und von den Stadtbehörden zum Pfarrer gewählt, gab es für ihn damals keine Zweifel mehr an seiner Zugehörigkeit. Seine Integration war längst abgeschlossen. Anderseits kannte er die Heimat seines Vaters nicht nur vom Hörensagen. Auf der Rückreise von England stattete er Ende Oktober 1551 Villingen einen Besuch ab, „dem geliebten Vaterland meiner lieben Vorfahren“, für das er „von Blut und Name“ eine grosse Zuneigung empfand. Sein ausführlicher Bericht über den Besuch hat dank Christian Roder schon früh die Aufmerksamkeit der Villinger Geschichtsschreibung gefunden.40

Besuch in Villingen

Nach begeisterten Worten für das Villinger Stadtbild („… mit hübschen weiten Gassen und lustigen Bächen, kreuzweise dermaßen ordentlich erbaut, dass man mitten auf dem Markt zu allen Toren der Stadt sehen kann“), berichtet Josua Maler vor allem über Begegnungen mit seinen Verwandten, namentlich seinem älteren Cousin Michael Maler, von Beruf Metzger und früher als Landsknecht auf zahlreichen Schlachtfeldern Europas anzutreffen. Er hatte Josuas Vater noch in bester Erinnerung, weil er ihn Ende der 1520er Jahre nach einer Erkrankung auf dem Rückweg von einem Kriegszug nach Italien zu sich nach Zürich holen und durch den Arzt Arnold Debrunner versorgen ließ.41 Außerdem hatte Michael Maler von seinem Stiefonkel eine Bibel aus der Druckerei Froschauer geschenkt erhalten, die er als Familienstück verehrte und erfolgreich vor der Konfiszierung durch die altgläubigen Stadtbehörden Villingens bewahrte.

Leider scheint diese Bibel heute verloren zu sein, dafür besitzt die Stadtbibliothek Villingen zwei andere Froschauer-Drucke, beides Werke des Geschichtsschreibers Johannes Stumpf, die vielleicht aus einer weiteren Schenkung von Balthasar oder Josua Maler stammen. Josua kam jedenfalls 1551 direkt von der Buchmesse in Frankfurt, wo er für Christoph Froschauer tätig gewesen war, nach Villingen. Die beiden Bände tragen allerdings keine Hinweise auf die Provenienz, die über die Gründungszeit der Stadtbibliothek 1877 zurückreichen, ebenso wenig Spuren früherer Benutzer. Auch der heutige Einband stammt erst aus dem 19. Jahrhundert.42

Alte Familiengeschichten

Die Erzählungen von Michael Maler aus der Familiengeschichte bis zurück zum gemeinsamen Großvater Balthasar Göderscher vermittelten Josua wertvolle Ergänzungen zu früheren Berichten seines Vaters. Im Mittelpunkt steht dabei eine Kette von Anekdoten, die einzelne Ereignisse der letzten Jahrzehnte aus der Malerschen Familienoptik Revue passieren lässt. Als Balthasar Maler 1524 nach Zürich kam, benötigte er für die Niederlassung einen „Mannrechtsbrief“ seiner Heimatstadt Villingen, das heißt eine Bescheinigung über Herkunft, eheliche Geburt und guten Leumund.

Die Villinger Behörden verweigerten Maler das Papier zunächst, weil gemäß einem Mandat von Erzherzog Ferdinand der Wegzug in neugläubige Gebiete verboten war. Da begegnete Maler eines Tages in Zürich im Gasthaus zum Storchen einer Gruppe von Villingern auf ihrer Wallfahrt nach Einsiedeln, trug den Landsleuten sein Problem vor und erinnerte sie namentlich an die früheren Verdienste seiner Familie um die Stadt, die sogar im Stadtbuch aufgezeichnet seien. Der Vorstoß hatte Erfolg und nach kurzer Zeit traf der Mannrechtsbrief in Zürich ein. Dass ihn der Villinger Schultheiß persönlich überbracht haben soll, dürfte eine Ausschmückung sein.43 Der Eintrag im Villinger Stadtbuch bezog sich auf eine Episode aus den Burgunderkriegen, die das besondere Interesse von Josua Maler finden musste, stellte sie doch lange vor der Einbürgerung seines Vaters eine Verbindung zwischen seiner Familie und der Schweizer Eidgenossenschaft her. 1476 hatte Balthasar Göderscher als Hauptmann der Fußtruppen von Waldshut, Villingen, Säckingen und Laufenburg zusammen mit eidgenössischen Truppen an der Schlacht von Murten teilgenommen. Als ihn die Eidgenossen für seinen Anteil am Sieg über den Burgunderherzog angeblich mit 1000 Goldstücken belohnen wollten, erklärte er ihnen, es wäre ihm lieber, sie würden sich bei Rottweil, das seit 1463 eidgenössischer Bundesgenosse war, für die Rückgabe einer einst erbeuteten Fahne Villingens verwenden. Die Eidgenossen kamen der Bitte nach, und die Fahne fand den Weg zurück nach Villingen, wo sie zumindest Josua Malers Onkel Johannes Pedius in der Ratsstube noch gesehen hatte. Gleichzeitig wurde im Stadtbuch festgehalten, dass alle Angehörigen der Familie Göderscher/Maler in Zukunft Schutz vor Armengenößigkeit genießen sollten. Selbst Kaiser Maximilian beehrte den mittlerweile greisen Göderscher mit einem Besuch, als er im Oktober 1510 nach Villingen kam.44

… aber im Glauben getrennt

Bei aller verwandtschaftlicher Vertrautheit und Zuneigung zwischen Josua und Michael Maler blieb der konfessionelle Gegensatz als unüberwindbarer Graben bestehen, blieben für Josua seine Villinger Verwandten „Papisten“, die noch nicht zum „wahren Licht“ und zur „Sonne der Wahrheit“ gelangt waren. Auf Glaubensdiskussionen ließ sich Josua allerdings trotz seiner theologischen Ausbildung nicht ein, ebenso wenig auf Gespräche über politische Fragen. Die Zugehörigkeit Villingens zu Vorderösterreich vermerkt er nur knapp und völlig neutral. Erst anlässlich eines zweiten Besuchs in Villingen im Jahr 1569 kam es zu einem kleinen Zwischenfall, als Josua zusammen mit den beiden Schwiegersöhnen seines mittlerweile verstorbenen Cousins Michael auch das Franziskanerkloster besichtigte, in das sein Vater einst eingetreten war, und nach der Besichtigung der Bibliothek sich der Lesemeister nach dem Schicksal der Ordensniederlassung in Zürich erkundigte:

„Haben sie ein Schulhaus daraus gemacht?“. Josua musste gestehen, dass das Gebäude momentan als Getreidespeicher diente, und sich zeitweise auch eine Buchdruckerei darin befunden hatte, nämlich von 1528 bis 1551 ausgerechnet jene von Christoph Froschauer.

Schluss

Auf der zweiten Besuchsreise, die Josua 1569 auch zu Niklaus von Grafeneck in Urach, seinem Onkel mütterlicherseits, und zu seinem Cousin Christoph Pedius in Rottenmünster bei Rottweil führte, begleitete ihn sein ältester, 1552 geborener Sohn. Diesen hatte er nach seinem Vater bereits auf den Namen Balthasar getauft, nun wollte er ihm das Wissen um die Herkunft seiner Familie weitergeben. 1573 schließlich verkaufte der greise Großvater seinem gleichnamigen Enkel seine Buchbinderwerkstatt samt Werkzeug, Papier und Büchern für 446 Pfund.45

Auf diese Weise trugen Taufname, Verwandtschaftsbesuche und Nachfolge im Beruf die Erinnerung an die Villinger Wurzeln der Familie und an das wechselvolle Schicksal von Balthasar Maler in eindrücklicher Weise an die nächste Generation weiter. Demselben Zweck diente nach dem Tod Balthasars 1585 und Josuas 1599 dessen Familiengeschichte und Autobiographie, in der Josua ausdrücklich festgehalten hatte: „Dies alles, was ich verzeichnet habe, hat mir mein lieber Vater oft und viel in meiner Jugend und während meinem Kirchendienst berichtet – meinen geliebten Nachkommen zu nützlicher Erinnerung“.46

Anmerkungen

1 Vgl. Die Bürgerbücher der Stadt Villingen (1336–1593, mit Nachträgen bis 1791), bearbeitet von Andreas Nutz und Gustav Walzer, Villingen-Schwenningen 2001, S. 578–580.

2 Claude Wittmer und J. Charles Meyer, Le Livre de Bourgeoisie de la Ville de Strasbourg 1440–1530, 3 Bde., Straßburg/Zürich 1948–1961, Nr. 2696, 3089, 3772, 4059, 4971, 6133, 8124; Rolf E. Portmann, Basler Einbürgerungspolitik 1358–1798, Basel 1979, S. 121; Peter Xaver Weber, Das älteste Luzerner Bürgerbuch (1357–1479), Luzern 1921, S. 239, 271, 276, 283, 294; Bürgerbücher der Stadt Zürich (Transkription, vorhanden im Stadtarchiv Zürich und im Staatsarchiv des Kantons Zürich), Nr. 347, 556, 1783, 2137, 3579, 4777.

3 Vgl. die Belege in: Bürgerbücher Villingen (wie Anm. 1); Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, bearb. von Hans-Josef Wollasch, 2 Bde., Villingen 1970–1971; Ute Schulz, Repertorium Spitalarchiv, Villingen-Schwenningen 2001 (vorhanden im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen); Pfründ-Archiv Villingen, hg. von Josef Fuchs, Villingen-Schwenningen 1982; Hans Rott, Quellen und Forschungen zur südwestdeutschen und schweizerischen Kunstgeschichte im XV. und XVI. Jahrhundert, Bd. 2, Stuttgart 1934, S. LXXIIf., 327; Werner Besch, Das Villinger Spitalurbar von 1379 f. als sprachliches Zeugnis, in: Vorarbeiten und Studien zur Vertiefung der südwestdeutschen Sprachgeschichte, hg. von Friedrich Maurer, Freiburg 1965, S. 261f., 264; Artikel „Georg Maler, dit Pictorius“, in: Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne, Fasz. 30, Straßburg 1997, S. 3015f.; Artikel „Klaus von Grafeneck“, in: Mennonitisches Lexikon, Bd. 2, Frankfurt a.M./Weiherhof 1937, S. 154f.; Hans Schultheß und Hans Ulrich Pfister, Ehen im Kanton Zürich 1525–1700, Zürich 2000 (vorhanden im Staatsarchiv des Kantons Zürich); Wilhelm Hofmeister, Genealogische Tabellen der Stadtbürgerschaft von Zürich (vorhanden in der ZentralbibliothekZürich), Bd. 16, S. 6; Zentralbibliothek Zürich (zit. ZBZ), Ms. E 48, f. 201r.

4 Rott, Quellen (wie Anm. 3) S. LXXIIf., 327.

5 Inventar (wie Anm. 3), Bd. 1, Nr. 760.

6 Vgl. Werner Huger, Der „Riese“ Romäus – Wirklichkeit, Legende und Deutung, in: Geschichts und Heimatverein Villingen, Jahresheft 22, 1997/98, S. 45, 52.

7 Alle im Folgenden nicht anderweitig nachgewiesenen Angaben und Zitate stammen aus der 1593/96 verfassten Familiengeschichte und Autobiographie von Josua Maler, vgl. Anm. 34.

8 Vgl. Paul Revellio, Artikel „Villingen“, in: Alemania Franciscana Antiqua, Bd. 3, Ulm 1957, S. 19–44; Christian Roder, Das Schulwesen im alten Villingen, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 70, 1916, S. 243.

9 Chronik des Bickenklosters zu Villingen 1288 bis 1614, hg. Von Karl Jordan Glatz, Tübingen 1881, S. 83.

10 Vgl. Helvetia Sacra, Bd. 5/1, Bern 1978, S. 206–211 und 561–576; Max Heinrichsperger, Artikel „Königsfelden“, in: Alemania Franciscana Antiqua, Bd. 17, Landshut 1972, S. 5–53.

11 Vgl. Paul Leemann-van Elck, Die Offizin Froschauer, Zürichs berühmteste Druckerei im 16. Jahrhundert, Zürich 1940, S. 55–90.

12 Huldreich Zwinglis Sämtliche Werke, Bd. 9 = Zwinglis Briefwechsel, bearb. von Emil Egli, Bd. 3, Leipzig 1925, Nr. 703 S. 403 („Virum istum mire candidum et pium tibi commendo, Balthazari nomen est; fideliter servivit in excudenda disputatio ne“); Heinrich Bullinger, Briefwechsel, Bd. 3, bearb. von Endre Zsindely und Matthias Senn, Zürich 1983, Nr. 183 S. 55.

13 Staatsarchiv des Kantons Zürich (zit. StAZH), H l 629 (Spitalrechnungen 1534, 1538, 1540, 1541).

14 Judith Steinmann, Züricher Einbände aus dem 16. Jahrhundert, in: Einband Forschung, Heft 6, April 2000, S. 11, 17f. (mit Abb.); StAZH, G l 153.

15 Heinrich Bullingers Privatbibliothek, bearb. von Urs B. Leu und Sandra Weidmann, Zürich 2004, S. 31 und Nr. 58–59, 61, 95, 181 sowie Abb. 5 (Tulpenstempel); Urs B. Leu, Die Privatbibliothek von Johannes Fries (1505–1565), in: Strenarum lanx. Beiträge zur Philologie und Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, hg. von Martin H. Graf und Christian Moser, Zug 2003, S. 311–329 Nr. 4, 24–25, 28–29, 32,41.

16 StAZH, B IV 3, f. 89r; Zwingli, Werke (wie Anm. 12) Nr. 703 S. 403; Staatsarchiv des Kantons Aargau (zit. StAAG), U.17/0937e; Zürcher Pfarrerbuch 1519–1952, hg. von Emanuel Dejung und Willy Wuhrmann, Zürich 1953, S. 529. – Heinrichsperger, Königsfelden (wie Anm. 10) S. 37, 46f., 50 verwechselt die beiden Eheschließungen.

17 StAZH, B IV 3, f. 89r–90r = Actensammlung zur Geschichte der Zürcher Reformation in den Jahren 1519–1533, hg. von Emil Egli, Zürich 1879, Nr. 1100.

18 StAZH, W l 22.5 (Häuserregesten, Vers.-Nr. 157) nach: StAZH, H l 23c, S. 53; H l 584, f. 327r; H l 629 (1527–1545); H l 605, f. 5v (mit Berufsbezeichnung „buchbinder“).

19 StAAG, U.17/0927b–c (Austrittserklärung von Margareta von Grafeneck und Zahlungsversprechen der Äbtissin; das Formular beider Urkunden in: Aktensammlung zur Geschichte der Berner Reformation 1521–1532, hg. von Rudolf Steck und Gustav Tobler, Bd. 1, Bern 1923, Nr. 427 und 424; vgl. zu den Austrittsmodalitäten auch a.a.O. Nr. 414 und 426). Eine Zusammenstellung aller Abfindungen bei Theodor von Liebenau, Geschichte des Klosters Königsfelden, Luzern 1868, S. 115–123. Balthasar Maler beziffert 1537 die von seinem Schwiegervater der Tochter beim Klostereintritt mitgegebene Summe Bargeld auf 100 Pfund, d.h. 50 Gulden (StAZH, B IV 8, f. 116r).

20 Aktensammlung Berner Reformation (wie Anm. 19), Bd. 2, Nr. 1585, 1727, 2901; StAAG, U.17/0937e.

21 Bürgerbücher Zürich (wie Anm. 2) Nr. 347 („Baltassar Gederscher genannt Moler, von Filingen vor dem Schwartzwald“, erhält das Bürgerrecht „gratis von syner diennsten wegen, so er unns erwißen hat inn beyden Capler zügenn“) sowie a.a.O. f. 78r Nr. 948 und f. 370r Nr. 5231 (Einbürgerungen vom selben Tag). 22 StAZH, A 71.1 Nr. 9–11 (Liste „umb burgrecht“ mit gegen 200 Namen des Ersten Hegauerzugs vom Februar 1499, darunter auch der Metzger Michel Hösli von Todtnau, eingebürgert am 21. März 1500, vgl. Bürgerbücher Zürich (wie Anm. 2) Nr. 3939). Die älteste Liste stammt aus dem Jahr 1490 (StAZH, A 30.1 Nr. 18); vgl. Christian Sieber, Eidleistungen und Schwörtage im spätmittelalterlichen Zürich, in: Zürich 650 Jahre eidgenössisch, Zürich 2001, S. 26–28 und Bruno Koch, Neubürger in Zürich, Migration und Integration im Spätmittelalter, Weimar 2002, bes. S. 132f., 156, 190f.

23 StAZH, A 71.1 Nr. 21; vgl. auch Adrian Corrodi-Sulzer, Die Schlacht bei Kappel und das Näfengeschlecht, in: Zwingliana 4, 1925, S. 277.24 Vgl. Koch, Neubürger (wie Anm. 22) S. 300.

25 StAZH, W l 6.16.

26 StAZH, B IV 5, f. 19r–v = Actensammlung Zürcher Reformation (wie Anm. 17) Nr. 1921.

27 Vgl. Koch, Neubürger (wie Anm. 22) S. 139f., 143–147, 152f., 156, 304.

28 Vgl. Schweizerisches Idiotikon, Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, Bd. 9, Frauenfeld 1929, Sp. 1707–1716. – Zum Schwabenbegriff in Schwaben selber vgl. Klaus Graf, Die „Schwäbische Nation“ in der frühen Neuzeit, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 59, 2000, S. 57–69.

29 Vgl. Christian Sieber, Zwischen Konfronation und Begegnung. Die vorderösterreichische Stadt Villingen und die schweizerische Eidgenossenschaft im 15. und 16. Jahrhundert, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen. Villingen im Wandel der Zeit 27, 2004, S. 56–63.

30 ZBZ, Ms. A 105, f. 20r (Schreiben Tschudis vom 19. März 1566).

31 Helmut Maurer, Schweizer und Schwaben, Ihre Begegnung und ihr Auseinanderleben am Bodensee im Spätmittelalter, 2. Aufl., Konstanz 1991, S. 67; Hans Trümpy, Schweizerdeutsche Sprache und Literatur im 17. und 18. Jahrhundert, Basel 1955, S. 14–17, 23f.

32 Idiotikon (wie Anm. 28) Sp. 1708, 1710f., 1715f.; Dokumente zur Geschichte des Bürgermeisters Hans Waldmann, hg. Von Ernst Gagliardi, Bd. 2, Basel 1913, S. 366, 428, 467 Anm. 1.

33 Bürgerbücher Zürich (wie Anm. 2) Nr. 3219; Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Neue Ausgabe, Die Stadt Zürich, Bd. 2/1, Bern 2002, S. 152.

34 Original verloren, Abschrift des 18. Jahrhunderts in ZBZ, Ms. E 48, f. 199r–310v sowie f. 310v–314r (Fortsetzung der Nachkommen Malers). Die massgebliche Teiledition (in: Zürcher Taschenbuch 8, 1885, S. 123–214 und 9, 1886, S. 125–203) beruht auf der Abschrift in ZBZ, Ms. S 200. Die Villingen betreffenden Passagen sind abgedruckt bei Christian Roder, Die Familie „Maler“ von Villingen, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar 5, 1885, S. 80–95.

35 Idiotikon (wie Anm. 28) Sp. 1715.

36 Vgl. StAZH, B l V 8, f. 116r–117v (vermutlich Autograph Malers); Bullinger, Briefwechsel (wie Anm. 12), Bd. 7, bearb. Von Hans Ulrich Bächtold und Rainer Henrich, Zürich 1998, Nr. 1027.

37 StAZH, G II 39.2–3; StAZH, X 4, f. hhhSv Nr. 34 (Stiftsgeschichte von Heinrich Bullinger).

38 Pfarrerbuch (wie Anm. 16) S. 416f. (mit unrichtigem Todesjahr 1598).

39 Josua Maler, Die Teütsch spraach, Alle Wörter, namen und arten zuo reden in hochteütscher spraach … unnd mit guotem latein gantz fleissig unnd eigentlich vertolmetscht, Zürich Christoph Froschauer d.Ä. 1561, auch als Reprint, mit einer Einführung von Gilbert de Smet, Hildesheim/New York 1971.

40 Vgl. Anm. 34 und zuletzt: Casimir Bumiller, Villingen im Spätmittelalter, Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, in: Villingen und Schwenningen, Geschichte und Kultur, Villingen-Schwenningen 1998, S. 143, 146.

41 Debrunner war ebenfalls „uß synem vaterlandt von deß evangeliums wegen“ nach Zürich gekommen (Bürgerbücher Zürich (wie Anm. 2) Nr. 5629); sein Sohn Ulrich studierte später zusammenmit Josua Maler und wurde 1550 ebenfalls Pfarrer (StAZH, G II 39.2–3; Pfarrerbuch (wie Anm. 16) S. 574).

42 Johannes Stumpf, Des großenn, gemeinen conciliums zuo Costentz beschreybung, Zürich 1541 bzw. Johannes Stumpf, Keyser Heinrychs des vierdten historia, Zürich 1556; Stadtbibliothek Villingen, B b 13 und B b 12, gemäss Altkatalog aus Vorbesitz des Bibliothekgründers Ferdinand Förderer (Inventar- Nr. 700 und 699); vgl. auch Babette Stadie und Heinz Holeczek, Abschnitt „Villingen-Schwenningen“, in: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Bd. 9, Hildesheim u.a. 1994, S. 166, 168.

43 Der „mit der Stadt Villingen Siegel bewarte“ Mannrechtsbrief hat sich weder im Original noch abschriftlich erhalten (ein Beispiel eines Mannrechtsbriefs bei: Hans Ulrich Pfister, Fremdes Brot in deutschen Landen, Wanderungsbeziehungen zwischen dem Kanton Zürich und Deutschland 1648–1800, Begleitpublikation zu einer Ausstellung des Staatsarchivs des Kantons Zürich, Zürich 2001, S. 9).

44 Vgl. Christian Roder, Die Juden in Villingen, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 57, 1903, S. 41–43.

45 Steinmann, Züricher Einbände (wie Anm. 14) S. 11, 17.

46 Vgl. grundsätzlich Simon Teuscher, Familienerinnerungen, Beziehungsmanagment und politische Sprache in spätmittelalterlichen Städten, in: Traverse, Zeitschrift für Geschichte 9, 2002, Heft 2, S. 53–64.