„Aus der Mitte heraus zum Leben“ (Hermann Colli)

Willi Dorn – Ein vielseitiger Künstler der in Villingen Spuren hinterlassen hat.

Zu den Aufgaben des Geschichts- und Heimatvereins Villingen gehört neben der Bewahrung des historischen Erbes der Stadt und ihrer Bürger auch, Menschen die hier lebten und wirkten vor dem Vergessen zu bewahren und ihr Bild der Nachwelt zu erhalten. Günter Rath, der Vorsitzende des GHV, will im Jahrbuch des Vereins diesem Gedanken verstärkt Raum geben. „Villingen im Wandel der Zeit“ – wie der neue Titel der Jahrgangsbücher lautet – soll auch an Zeitgenossen erinnern, die ein Stück Kulturgeschichte dieser Stadt mitgeschrieben haben, aber dann etwas aus dem Blickfeld entschwunden sind. Hier soll des Künstlers und Bildhauers Willi Dorn gedacht werden.

Willi Dorn in seinem St. Georgener Atelier beim Druck eines Linolschnittes.


Eines der ersten Denkmäler, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Villingen – das bis heute nicht gerade mit Monumenten und Kunstwerken im öffentlichen Raum gesegnet ist – entstanden, ist der so genannte Schillerstein vor dem Riettor. Fast unbemerkt steht der schlichte rund zweieinhalb Meter hohe Kalksteinblock etwas abseits im Schatten der Bäume in den Ringanlagen am Rande des Riettorvorplatzes, dessen nüchterne Gestaltung im Geschichts- und Heimatverein lebhafte Debatten ausgelöst hat. Doch inzwischen – oder vielleicht weil an diesem markanten Platz nicht gerade viel Sehenswertes aus unserer Zeit zu präsentieren ist? – haben die Stadtführer den Schillerstein wiederentdeckt und so fällt beim Stadtbummel dann auch der Name seines Schöpfers: Willi Dorn.

 

Was ist auch das für ein Stein? – da hat das kleine Mädchen aber Glück, dass gerade ein Stadtführer vorbeikommt der ihm genau erklären kann, was es mit dem Schillerstein auf sich hat.

 

Der 1916 in Pfronten in Allgäu geborene und 1995 in St. Georgen im Schwarzwald gestorbene Künstler, der in seinem bewegten Leben in Villingen, im wahrsten Sinne des Wortes, Zeichen gesetzt hat, verdient es, aus der Vergessenheit herausgeholt zu werden. Darum bemühte sich vor fünf Jahren auch die Stadt St. Georgen, die ihm im Rathaus eine vielbeachtete Gedächtnisausstellung widmete.

Er stand nicht gern im Mittelpunkt
Die vielen Lobeshymnen, die ihm dabei gesungen wurden, hat er nicht mehr hören können. Vielleicht wären sie ihm sogar etwas peinlich gewesen, denn der stille Mann, der in den letzten Jahren sehr zurückgezogen lebte, liebte es nicht, im Blickpunkt zu stehen. Aber gefreut hätte er sich sicher. Und verdient hat Willi Dorn, der den Schwarzwald zu seiner Wahlheimat gemacht hatte, hier fast 42 Jahre seines Künstlerlebens verbrachte und am 27. März 1995 79-jährig starb, die Ehrung, die seinem Werk zuteil wurde, allemal.

Die Schwarzwaldstadt hatte ihm ihre gute Stube, den Großen Sitzungssaal, zur Verfügung gestellt. Hier, mitten in St. Georgen, im Zentrum der über 900-jährigen Klostergründung St.Georgen fanden rund 90 Exponate, Plastiken und Holzdrucke, die zum großen Teil aus der letzten Schaffensperiode des fast vergessenen Bildhauers stammen, einen Platz mit persönlichem Bezug. Denn es gilt als charakteristisches Merkmal von Dorns Werken, dass sie in ihrer Aussage zur zentralen Mitte führen.

„Aus der Mitte heraus zum Leben“ war sein künstlerisches Credo.

Künstler der ersten Garnitur

In dieser Ausstellung wurde nicht nur sein vielfältiges avantgardistisches Werk, das ihn über ein halbes Jahrhundert hinweg zu einem Künstler der ersten Garnitur im Südwesten Deutschlands gemacht hat, gewürdigt, sondern auch der Mensch Willi Dorn, um den es in letzter Zeit sehr ruhig geworden war. Viele Freunde und Wegbegleiter erinnern sich an Begegnungen mit diesem wachen, kritischen und wenn er sich falsch oder schlecht behandelt fühlte sehr streitbaren Mann, der ein äußerst scharfer Beobachter seiner Zeit war und der die Kunst als „eine Begegnung mit dem Urbildhaften“ verstanden hat.

Wichtigster Wegbegleiter war sicherlich seine Frau Elsefriede, die fast 50 Jahre an seiner Seite lebte und bis zu ihren Tode vor zwei Jahren treue Hüterin des künstlerischen Erbes von Willi Dorn war. Er selbst sagte von dieser Beziehung: „Unser beider Denken war wie eine Weltbetrachtung aus zwei verschiedenen Spiegeln, die in fruchtbarer Weise eine Synthese eingegangen sind.“ Bei einem Besuch im Atelier ihres Mannes, kurz vor ihrem Tod, sprach die vitale Achtzigjährige, die eine Ausstellung mit Arbeiten aus fast allen Perioden seines künstlerischen Schaffens eingerichtet hatte, von einer „unsichtbaren Teilnahme“ an seiner Arbeit.

 

Treue Hüterin des künstlerischen Erbes von Willi Dorn war seine Frau Elsefriede, die, bis zu ihren Tode vor zwei Jahren, im gemeinsamen Heim eine Ausstellung mit Werken ihres 1995 verstorbenen Mannes betreute.

 

Sich gegenseitig durchstrahlt

Die ehemalige Lehrerin, die drei Generationen heranwachsender St. Georgener unter ihren Fittichen hatte, ist dankbar für die Zeit, die sie gemeinsam mit Willi Dorn verbracht hat. „Man hat sich gegenseitig durchstrahlt“, freute sich die liebenswürdige alte Dame, die in Offenburg geboren wurde, aber in der „Stadt auf dem Wald“ immer das Gefühl des Daheimseins hatte.

Kennen gelernt hatte sie 1936 in der Jugendherberge in Speyer „einen jungen Mann, der soviel über Kunst wusste“, dass er ihr gleich sympathisch war. Dieser junge Bildhauer aus Pfronten-Ried im Allgäu wurde Weihnachten 1945 ihr Mann. Dazwischen lagen Studienjahre in München und vier Jahre Kriegsdienst, denen der sich in seiner Freiheit sehr stark eingeengt fühlende Soldat Dorn dennoch etwas Positives abgewinnen konnte: „Die kulturellen und landschaftlichen Besonderheiten Südfrankreichs und Italiens haben mich immer wieder beeindruckt“ bekannte er an seinen 75. Geburtstag.

 

Als Freischaffender in Villingen

1945 kehrte Willi Dorn aus Gefangenschaft in ein Deutschland voller Ruinen und Schutthalden zurück. An eine Fortsetzung des Studiums war nicht zu denken. Freunde aus dem Schwarzwald lockten ihn nach Villingen, wo er 1946 in einer alten Schreinerwerkstatt seine Arbeit als freischaffender Bildhauer aufnahm. Es war ein hartes Brot, das die frisch verheirateten Dorns in den ersten Jahren aßen; eine Zeit des Aufbruchs in der mehrere junge Künstler in der Zähringerstadt einen Neuanfang suchten. Er gehörten zu den Mitbegründern des 1953 ins Leben gerufenen Villinger Kunstvereins und war sogar einige Jahre dessen nicht immer unumstrittener Vorsitzender.

In seinem Atelier entstanden Plastiken in Holz, Keramik, Metall. Plastische Bildwerke geschweißt und gelötet aus Eisenblech, Draht, Messing, Holz und Polyesterharz in Form von Scheiben, Kugeln und Gondeln, zum Teil durch Schnüre verspannt. Und immer wieder Skulpturen in Bronze. Er fand, wenn auch mühsam, seinen Kundenkreis und Anerkennung im heimischen Raum und im Ausland. Ausstellungen in Baden-Baden, im Elsass, in Monte Carlo, der Schweiz, in Berlin, Nürnberg, Heidelberg, Stuttgart aber auch in Villingen, Offenburg, Radolfzell, Bad Rippoldsau und Gaggenau machten das Werk Dorns bekannt.

 

Pyramiden auf Wanderschaft hat Willi Dorn diese 1979 geschaffene Bronzearbeit genannt.


Schon früh bahnte der vielseitig begabte und ideenreiche Künstler, der seine berufliche Karriere mit einer schlichten Schreinerlehre begonnen hatte, Beziehungen zu Architekten und Bauämtern an, die ihm Aufträge privater Bauherren und der öffentlichen Hand einbrachten. Es hat ihm unheimlich viel Spaß gemacht, im öffentlichen Raum zu arbeiten.

Dorns Brunnen, Wasserspiele und Gedenkstätten findet man unter anderem auch in Gaggenau, Offenburg, Heidelberg, Gosheim, Emmendingen und in seiner Wahlheimat St. Georgen, wo vor allem der mächtige, an eine Schwarzwaldtanne erinnernde Rathausbrunnen zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden ist.

 

Der 5,60 Meter hohe Rathausbrunnen in St. Georgen, 1970 von Willi Dorn geschaffen, wurde zu einem Wahrzeichen der Stadt, in der er über 40 Jahre, bis zu seinem Tode 1995, lebte und arbeitete.

 


 

 


 

 

 

„Aus der Mitte heraus zum Leben“ war ein Motto der Dorn’schen Kunst. Die zentrierenden Jahresringe einer Baumscheibe (oben links) haben den Künstler zu immer neuen Bildvorstellungen geführt. So entstanden farbige Holzschnitte wie „Sonne und Schlange“ (1972 / zweite links), „Engel“ (1978 / dritte links) und „Zwei Augen“ (1981/ unten links).

 

Das Herz verlangt nach Farbe
Anfang der 70er Jahre, so nannte er es, „verlangtemein Herz nach Farbe“ und er begann farbige Holzdrucke zu schaffen. Mit einer eigenen Technik behandelte er Sperrholzplatten und entwickelte durch Farbaufhebung eine Aufhellung des bestehenden Untergrundes, was dem Objekt einen ganz besonderen Reiz verleiht. Dabei, so fand er, wurden plastisches und graphisches Gestalten zu einem anregenden und sich ergänzenden Zusammenspiel von Form und Farbe. Auslöser dieser neuen Seite seines künstlerischen Schaffens war der Anblick einer Baumscheibe, mit dem Bild ihrer zentrierenden Jahresringe gewesen. Hier führte ihm die Natur das plastisch vor Augen, was schon immer sein Motto war: „Aus der Mitte heraus zum Leben“.

Inspiration durch eine Baumscheibe
Dorn selbst beschreibt das so: „Der Anblick vom Querschnitt eines Baumes, einer Baumscheibe, mit dem Bild ihrer zentrierenden Jahresringe hat mich nachhaltig beeindruckt und zu immer neuen Bildvorstellungen geführt. In dieser von der Natur gegebenen radialen Form liegt die Besonderheit, dass sie, geradezu zu einem Schlüssel werdend, selbstständig sich erneuernd, meine Arbeit immer wieder inspiriert hat. Aus den Versuchen und Erfahrungen ist letztlich nicht nur der Druck einer Baumscheibe hervorgegangen, sondern es hat sich mir eine völlig neue Seite der Holzdrucktechnik eröffnet, die mich während der 70er bis in die 80er Jahre beschäftigt hat. Im ständigen sich gegenseitigen Beleuchten, Befruchten sind nicht selten die beiden Arbeitsweisen – das plastische und das grafische Gestalten – zu einem anregenden, sich ergänzenden Zusammenspiel geworden. Die Konzentration auf eine Mitte hat zu einem imaginierenden Denken und Sichtbarmachen im Bildwerk geführt“.

 

Willi Dorns Villinger Arbeiten in den Jahren von 1950 bis 1968

Zwischen 1949 und 1950 trat Dorn mit Keramik und Holzarbeiten für Familien-Grabstätten bekannter Villinger Industrieller an die Öffentlichkeit. 1952 schuf er ein keramisches Wandmosaik mit dem Bild des heiligen Christophorus für die Kinderschule Villingen und ein Jahr später ein 150 x 600 Zentimeter großes Sgraffito für die „Neue Heimat“-Siedlung in der Südstadt. 1954 entstand für die Villinger Sparkasse ein Figurenpaar aus Kalkstein. Aus dem gleichen Material arbeitete Dorn 1955 den Schillerstein vor dem Riettor Anlass war der 150. Todestag des Dichters Friedrich Schiller dessen Lied von der Glocke im Flachrelief in den Block gehauen ist und auch Erinnerungen an die lange Villinger Glockengießer-Tradition wach halten soll. Im Eingangsbereich des damaligen Landratsamtes kündeten 1957 die Keramikwappen der Kreisgemeinden von Dorns vielseitigem künstlerischen Talent. Im gleichen Jahr sorgte er auch mit einem Mosaik für die Wandgestaltung in der Handelsschule. Aus farbigen Keramikund Glas-Mosaiksteinen fertigte Dorn 1958 ein Wandbild, das noch heute die Außenfront des Villinger Krankenhauses ziert.

 

Mosaik am Villinger Krankenhaus aus farbigen Keramik- und Glas-Mosaiksteinen – 1958 von Willi Dorn geschaffen.

 

Zur gleichen Zeit entstand im Gebäude der Landeszentralbank ein Wandbrunnen aus farbiger Keramik. Seit 1966 steht an der Ecke Kaiserring/Paradiesgasse die Gedenkstätte der Heimatvertriebenen. Die mächtige Dornenkrone aus geschweißten Messingblechplatten mit einem Durchmesser von 2,70 Meter auf schweren Steinblöcken, mit dem Wasserspiel in der Mitte, ist eines der Werke Dorns, die sein Wirken in dieser Stadt vielen vorbei eilenden Menschen immer wieder sichtbar machen. Kaum Beachtung findet dagegen eines der Werke, die der Künstler selbst zu seinen wichtigsten zählt: Die Wandgestaltung mit einem poligonen Netz aus Messingdraht im Staatlichen Vermessungsamt in Villingen, das er 1968 als eine seiner letzten Arbeiten in der Zähringerstadt erstellte.

 

Eine monumentale Dornenkrone aus zusammengeschweißten Messingplatten, die über drei mächtigen Steinplatten „schwebt“, erinnert seit 1968 an die Vertreibung der Menschen aus Ostpreussen, Westpreussen, Pommern, Schlesien, dem Sudetenland und den Donaugebieten.

Im Staatlichen Vermessungsamt in Villingen gestaltete Willi Dorn 1968 eine Wand im Eingangsbereich mit einer Plastik aus Messingstäben. Es war eine seiner letzten Arbeiten in der Zähringerstadt.


Willi Dorn
Geboren am 22. April 1916 in Pfronten-Ried (Allgäu); 1932 bis 1937 Schreiner- und Bildhauerlehre; 1938 bis 1941 Studium an der Akademie München – Bildhauerei und Architektur; 1941 bis 1945 Kriegsdienst; 1946 bis 1954 freischaffender Bildhauer in Villingen; Mitgründer und Vorsitzender des Villinger Kunstvereins; 1954 bis zu seinem Tode am 27. März 1995 freischaffender Künstler in St. Georgen im Schwarzwald.

1954 Teilnahme an der Ausstellung „Kunstpreis der Jugend“ in Baden-Baden. 1960 bis 1977 Ausstellungen im Elsass, Monte Carlo, Berlin, Nürnberg, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Offenburg, Villingen-Schwenningen und Bad Krozingen. Arbeiten im kirchlichen und öffentlichen Raum außerhalb Villingens: 1951 St. Josefs-Altar in Gaggenau, 1952 Altarstein in St. Georgen, 1954 Gedenkstätte für Opfer des Luftangriffes auf Gaggenau, 1956 Kriegsopfer-Gedenkstätte und Brunnen vor der Sparkasse in St. Georgen, 1959 Portal der Meinradskirche in Radolfzell und Seitenaltäre in Fischbach, 1960 Wasserspiele beim Wasserwirtschaftsamt Offenburg, Mosaik und astronomische Uhr in St. Georgen, 1964 Fastnachtsbrunnen „Hexen und Hansele“ in Offenburg, 1968 Gedenkstätte der Heimatvertriebenen in Villingen, 1970 Rathausbrunnen in St. Georgen, 1971 Brunnen bei Landeszentralbank Heidelberg und 1984 Sparkassenbrunnen in Gosheim.

 

Historie im Roman erfahrbar gemacht ( Wolfgang Bräun, Hermann Colli)

 

 

Hermann Alexander Neugart, vielseitiger Autor

Tochter Elisabeth eifert dem Vater nach

„Langsam nur und bedächtig ist der Frühling auf den Schwarzwald gekommen, als hätte er sich seinen Einzug auf den Bergen als ein letztes ergötzliches Schauspiel aufbewahrt“. Mit seinem Heimatroman „Das Ratzennest“ machte Hermann Alexander Neugart (1893 bis 1974) eine „Zeit schwerster Heimsuchungen für die Stadt Villingen“ unvergesslich. Und wer das Mittelalter in der Zähringerstadt noch legendärer will, erfasst in einer Zeit des Rittertums, fehde- und raublustig als eine Periode der Landsknechte, der Sündenangst und der existenziellen Nöte, dem kann auch „Der unsterbliche Rebell“ gefallen. Jene eigenartige Geschichte des Villinger Riesen Romeius († 1513), der selbst bis heute alle bedeutenden Männer einer bewegten Stadtgeschichte zu überragen scheint . . . Ein Gespräch mit Neugarts Tochter Elisabeth, geboren 1921, macht dem neugierigen Fragesteller möglich, den Lebensweg eines Vaters zu skizzieren, der seine geschichtlichen Kenntnisse nicht der „Alma mater“, sondern einer populär-wissenschaftlichen Gründlichkeit in Archiven verdankt, die zwei Romane, unzählige Zeitungsberichte und eine Broschüre hervorbrachte (Villinger Originale).

Ein strenger Schwager Hermann Alexander Neugart wird als elftes und letztes Kind seiner Familie in Pfaffenweiler geboren; zu einer Zeit, da seine älteste Schwester schon verheiratet ist und dort die Wirtschaft zur „Post“ führt. Als Neugart wenig später Halbwaise wird, kann Mutter Emma zwar als Wirtin des „kleinen Storchen“ („Rebstock“) in Villingen für den Unterhalt sorgen, doch Hermann Alexander soll in der Familie der ältesten Schwester und bei einem gestrengen Schwager aufwachsen. Doch der kleine Hermann Alexander ist unruhig, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und marschiert nach Villingen zur Mutter, noch bevor er Schulerbue wurde.

Hermann Alexander Neugart

 

Von der Gerberstraße aus geht er zur Volksschule, und die Mutter sichert die Existenz als Wirtin: „Ällerhand für die damalig Ziet“, wie die Enkelin Elisabeth heute feststellt. Es war wohl die örtliche Nähe zum Verlag und zur Buchdruckerei Müller, dass Hermann Alexander die „schwarze Kunst“ des Buchdruckens erlernte. Später, als Kriegsheimkehrer, hatte er an diesem Beruf Zweifel. Lehrer wäre er gern geworden. Doch ein aufbauender Bildungsgang wurde ihm verwehrt. Eine Kriegsverletzung an der linken Hand, die ihm die Fingerstellung verkrampfte, galt als zu deutlicher körperlicher Mangel, was sich Schulkinder als „Spott“ hätten erwählen können … Hermann Alexander Neugart heiratet wenig später die Villingerin Hedwig Schober und wird hier heimisch. Als Buchdrucker-Geselle führten ihn nämlich seine Wanderjahre „auf der Walz“ bis nach Italien. Während Neugart mit dem Rucksack und meist zu Fuß unterwegs war, Mitfahrgelegenheiten waren selten, pendelte ein Koffer postalisch hin und her: mal gefüllt mit frischer Wäsche und haltbaren Lebensmitteln von Villingen aus nach einer von Hermann per Brief mitgeteilten Stadt, mal retour mit ausgebrauchten Klamotten und Reiseandenken.

Auch an figürliche Darstellungen wagte sich Hermann Alexander Neugart heran. Hier ein Bildnis seiner Mutter.

Neugart kam in jenen Jahren auch nach Berlin, wo er wohl mit Journalisten zusammentraf und an deren Arbeitsergebnis Gefallen fand. Wie sich Tochter Elisabeth erinnert, avancierte ihr Vater irgendwann zum „Hilfsreporter“ für das Villinger Volksblatt, das vom Verlag seines Arbeitgebers Müller in der Gerberstraße herausgebracht wurde.

Kurze Liebschaft zur Muse

Kam der freie Journalist Neugart von einem ereignisreichen Zeitungstermin zurück, setzte er sich immer gleich an die berichtende Arbeit, oder er legte sich nach den jeweiligen Abendveranstaltungen ins Bett und schrieb auf einem kleinen Pult die Texte von Hand – Manuskripte eben. Nach wenigen Ehejahren war die Leidenschaft zum Verlagswesen nicht mehr sonderlich ausgeprägt. Neugart entdeckte gestalterisches Talent in der figurativen Kunst. Er verdiente sein Arbeitsein kommen in der Werkstatt des Holzbildhauers Keck in Villingen und schuf heitere, lebensfrohe Motive als Modelleur in der Keramischen Anstalt von Huber-Röthe, die in Villingens Wehrstraße in den 20er Jahren als Betrieb firmierte.

Aus beiden Epochen sind Unikate verblieben, die den Künstler Neugart beweisen: zwei Madonnen, Vasen, Fayencen mit Deckel, geziert durch püppchengroße Figuren aus der Welt des Rokoko und der Musik …

Doch die erwerbswirtschaftliche Seite einer Arbeit mit der Kunst schien der Ehefrau Hedwig zu unsicher. Neugart wechselte wieder in seinen erlernten Beruf und setzte die alltägliche Leistung als Buchdrucker fort; wieder beim Verlag Müller. Und so entstand wohl auch die endgültige Passion für die heimatbezogene Schriftstellerei. Neugart, der immer viel für die Lokalausgaben der Villinger Zeitungen verfasst hatte, konnte sich „drin ni steigere“ in die Lektüre lokalhistorischer Werke. Hauptsache, es ging um die Geschichte Villingens, die den 62jährigen Rentner brennend interessierte. Der Amateur-Historiker Neugart war wegen einer schweren Lungenkrankheit früh in den Ruhestand gezwungen worden.

 

Arbeiten aus Holz, die Hermann Alexander in den 20er-Jahren schuf: Ein Schnitzband für eine Büchervitrine (Ausschnitt) und eine Madonna.

 

Die sieben Schwaben modellierte H. A. N. als Mitarbeiter der Keramischen Anstalt von Huber-Röthe und bewies damit sein vielfältiges Talent.

 

Energisch, bisweilen streng, diszipliniert und häuslich, jovial bei offenem Humor – so kannte man den später als Heimatdichter benannten Neugart, wenn er Besorgungen für den Haushalt und die Küche auf dem Wochenmarkt erledigte und er dabei „ko G’schwätz“ ausließ: „Bisch wieder vu om Arm in andere kait?“, war an solchen Tagen die konstatierende Frage von Ehefrau Hedwig. Neugart war sich schließlich sicher, dass er seine Leidenschaft für Villingen mit anderen teilen könnte: „Wemer en Roman macht, fresset d’Liet au des Historische.“ Unterstützt wurde Neugart durch die persönlichen Beziehungen zu Professor Paul Revellio, dem Gymnasiallehrer und nebenberuflichen Hüter der Altertümersammlung, und zum Verleger Hermann Müller sen.

H. A. N., so zeichnete Neugart später all seine Zeitungsartikel, hat viele Textseiten seines Romanes nachts geschrieben, im Bett liegend, weil ihm dies die Atmung erleichterte, bis das Manuskript für „Das Ratzennest“ schließlich gesetzt werden konnte.

Damals war den französischen Besatzern im einstigen Baden ein Roman über den 30jährigen Krieg jedoch „verdächtig“: eine Kopie musste an die Haupt-Kommandantur der Standortstreitkräfte geschickt werden. Retour kam die Freigabe und ein zerfleddertes Päckchen mit den Textseiten, das ein Bahnbediensteter irgendwo in Bahnhofsnähe gefunden (!) hatte. Einen „Krattel“ als Autor hatte er nie, stolz jedoch war er. Auch auf die Stadt, die mit einer Subskription von mehreren hundert Exemplaren den Druck möglich machte.

Irgendwann wurde H. A. N. auch Sippenältester im Kreise all der Namens-Vettern, die sich jährlich und regelmäßig um Villingen herum zum Sippentag trafen. Er erledigte den Schriftverkehr und übernahm die obligate Begrüßung von Vettern und Basen.

Glih noch em Herrgott
Vielleicht auch beflügelt von der städtischen Auszeichnung mit dem großen Stadtsiegel von 1530 setzte sich der Autor Neugart ein weiteres Ziel: die Zeit des Romeius (um 1500) vom „Flugsand der Sage und Fabulistik“ zu befreien und wieder ursprünglicher zu machen. So entstand „Der unsterbliche Rebell“, 1970, illustriert durch eine Bilderfolge des Richard Ackermann (1892 1968). Maximilian I. kam als Herrscher jener Zeit um 1500 in vorderösterreichischen Landen „glih noch em Herrgott“ – wenigstens für H. A. N. Tochter Elisabeth begleitete den Vater einst nach Innsbruck, wo Hermann Alexander alle Möglichkeiten der Informationen über den kaiserlichen Herrn ausschöpfte …

Fasnet im „Ott“
Seine starke Beziehung zu Villingen lässt vermuten, dass H. A. N. auch der Villinger Fasnet sehr verbunden war. Doch dies stimmt nur zum Teil, denn ins Häs ging er nicht. Was ihm aber auch Anerkennung für die „fünfte Jahreszeit“ brachte, waren zwei Schemen, die an Neugarts Werkbank entstanden waren. Beim Bäcker Haas in der Färberstraße gehörte auch „d Sahli“ zur Kundschaft. Eine Weibsperson, die dem Bäckermeister wegen ihrer Physiognomie wert erschien, dass man danach eine Morbili-Scheme schnitze. Und der Hermann Alexander schaffte auch dies zur Perfektion. Ein Surhebel machte das Pärchen perfekt, und „d Sahli“ musste an der nächsten Fasnet feststellen: „Des bin jo ich!“ Ein wenig närrsch soll sie daraufhin schon gewesen sein …

Doch H. A. N. nahm’s gelassen. Denn auch auf seine Artikel in der Zeitung – der erste einer ganzen Serie datiert vom Samstag, den 22. Oktober 1949: Villingen, die älteste Stadt Badens konnte er immer wieder erfahren: „D’Liet schwätzet wieder!“ Eine Feststellung, die er von den Stammtischsitzungen im Ott nach Hause mitbrachte, wo vor allem an den „Hohen Tagen“ dem Neugart kräftig gestrählt wurde.

Elisabeth Neugart

Auch Tochter Elisabeth bestieg den Pegasus
Hermann Alexander Neugart hat seiner Tochter Elisabeth sicherlich eine gehörige Portion „Dichterblut“ vererbt. Doch der Vater des Ratzennestes hat seine Gedanken und Ideen in der Regel in Prosa verfasst. Die Tochter bestieg irgendwann einmal den Pegasus und setzte das, was sie zu sagen hatte, in wohlgesetzte Verse. Natürlich in ihrer Sprache: In waschechtem Villingerisch!

Doch sie kletterte recht spät auf das Dichterross. Ihre Kinder- und Jugendzeit verlief in ganz normalen Bahnen. In der Schwedendammstraße brachte ihre Mutter Hedwig Neugart, eine geborene Schober, die kleine Lisbeth zur Welt. Dort wuchs sie auch auf und besuchte, wie das alle Mädchen in Villingen so taten, die Maidleschuel beim Bickenkloster. Sie sei, so behauptet sie heute freimütig, ein „Spätzünder“ gewesen. Eine ihrer Lehrerinnen, die Klosterfrau Rita, habe sie immer mit den Worten getröstet: „Besser eine gute schlechte, als eine schlechte gute Schülerin.“ Nun, sie zählte, wie ihr Abschlusszeugnis eindrucksvoll belegt, dann doch zu den Guten.

Als Stabshelferin nach Russland

Die erste Arbeitsstelle besorgte Vater Hermann Alexander Neugart ihr bei seinem eigenen Brötchengeber: der Buchdruckerei Müller. Später war sie bei der Firma Kienzle beschäftigt. Im Zweiten Weltkrieg ließ sie sich zur Stabshelferin ausbilden und bekam ihren ersten Einsatz in einen deutschen Lazarett in Russland.

Als der Rückzug der Wehrmacht begann, landete sie wieder in der Heimat und war dann in gleicher Funktion in einem Lazarett in Königsfeld tätig. Ihr oblag es unter anderem, den wieder genesenen oder besser gesagt: gesund geschriebenen Soldaten die Entlassungspapiere auszuhändigen. „Da hat mir mancher Landser schöne Augen gemacht und gebeten, den Marschbefehl in Richtung Heimat auszustellen,“ erinnert sie sich an diese schicksalhafte Zeit. Doch da konnte die Stabshelferin kein Auge zudrücken. Sie musste sich streng an die Anweisungen ihrer Dienststelle halten.

Nach dem Krieg fand sie zunächst in der Saba eine Anstellung. Sie arbeitete im Magazin und später in der Fertigung. Zehn Saba-Jahre brachte sie so zusammen. Ein knappes Vierteljahrhundert schaffte sie dann, bis zu ihrer Pensionierung, im Neckarverlag.

Inzwischen waren die Neugarts einige Male umgezogen. Von der Schwedendammstraße in die Roderstraße und von dort in die Kalkofenstraße.

1974 landete sie dann dort, wo, nach dem beide Eltern gestorben waren, Elisabeth heute noch wohnt, in der Langstraße 4.

 

Fasnet weckte poetisches Talent

Wie kam sie nun zur Dichterei? Wie bei vielen Villingern, bei denen an der Fasnet das Blut in Wallung gerät, entdeckte auch die Neugart-Lisbeth ihre poetische Ader in der fünften Jahreszeit. Sie hatte an den hohen Tagen ihren Stammplatz auf dem Morbiliwagen. Wenn der Umzug vorbei war, durchstreiften die liebenswürdigen, aber auch manchmal allefänzig und kowäsen Mäschgerle die Lokale der Stadt und fanden manches Opfer zu Strählen. Dabei hielt sich die Neugart-Tochter wahrlich nicht zurück.

Eines Tages sprach sie Anna Broghammer, seit Jahren eine feste Größe der Altjungfere, an und ermunterte sie, bei den närrischen älteren Damen mitzumachen. Die Bedenken der Angesprochenen wischte die Anna mit der Feststellung vom Tisch:

„Wer strählen kann, kann auch dichten!“

So setzte sich die damals Fünfzigjährige hin und ließ sich von der Muse küssen. Das geschah wohl recht heftig, denn das, was sie jeweils beim Altjungfereobed bot, fand immer großen Beifall. 20 Jahre lang stand sie auf de kleinen Bühne im Nebenzimmer des Hotel Ketterer und erfreute das Publikum mit immer neuen, in Verse gekleideten, närrischen Geschichten. Sie verstand es, ihren lieben Mitmenschen den Spiegel vorzuhalten und menschliche Schwächen auf liebenswürdige Art, aber durchaus deutlich, aufzudecken. Kurz gesagt: zünftig zu Strählen!

Als der Schwarzwald-Baar-Kreis seinen Almanach ins Leben rief, gewann Paula Straub, (manchem Villinger vielleicht besser „Straula“ bekannt) Elisabeth Neugart als Gedichteschreiberin. Und so konnten sich die Leser des Heimatjahrbuches des öfteren über einen ihrer gereimten Beiträge freuen.

 

Neugart-Gedicht zur Adventfeier

Da sie seit vielen Jahren aktives Mitglied im Geschichts- und Heimatverein Villingen ist, wollte auch dessen Vorsitzender, Günter Rath, nicht auf ein Neugart-Werk im Jahresheft des GHV verzichten. Sie ließ sich auch nicht lange bitten und greift immer wieder für diesen Verein zur Feder und hält ein kleines Stück Stadtgeschichte in lustiger Versform fest. Bei den Jahresabschlussfeiern im Advent gehört ein Gedicht von ihr zum geschätzten Festprogramm.

In diesem Jahr hat Elisabeth Neugart die Villinger Glocken in den Blickwinkel ihrer Betrachtung gerückt. Und damit die Leser von „Villingen im Wandel der Zeit“ auch etwas davon haben, ist das Gedicht hier abgedruckt.

 

Wenn z’Villinge Glöckle liite…

 

Höret d’Villinger ihri Glocke liite,

wisset älli, wa des soll bediite.

Der altvertraute Klang der Glocke

duet jeden i sii Kirch nii locke.

 

Jedoch i de Niedere-Stroß am Eck

liitet no onner, so räecht keck!

Sogar äll Schtund, so luuts nu maa;

d’Passante schmunzle vor sich naa.

 

Es bimmlet dert bim Niedere Door

miseel es ganze Glöcklichor

»Komm lieber Mai und mache … «

und sunscht halt so profani Sache.

 

Wer kennt nit vu der Kindheit her des

Lied »Wenn ich ein Vöglein wär«?

kaa au »Ein Männlein steht im Walde« liide,

sogar de »Seppili mit de Giige«.

 

Schtoht onner vor dem schtrenge Richter

und kriegt weg sellem faschtgar Gichter,

no isch die Sach nu halb so wild,

tönts »Bei einem Wirte wundermild …«.

 

Nu selle, wo im Kittchen sitze,

zu de Gitter nuus uf Maidle schbitze,

hond d’Glöckli fescht is Gwisse gsait:

»Üb immer Treu und Redlichkeit«.

 

Hät on bim Wii en guete Wille,

spillts »Guter Mond, Du gehst so stille« und »

Das Lieben bringt groß Freud«,

hond ihn die Vierteli nit greut.

 

Gohsch Du i Abbedeeg mit Schmerz,

hörsch »Ännchen von Tharau hät wieder ihr Herz …«,

und »Sah ein Knab ein Röslein stehn«,

wirds Lebe wider wunderschön.

Doch wer noh bi de Glöckli lebe mueß,

fer sellen ischs als weng e Bueß,

weil er halt a so manche Dage

die Bimmlerei kaa schläecht vetrage.

 

Doch nun leb wohl, du kleine Gasse

– Ich reise übers grüne Land –

Hoch auf dem gelben Wagen –

Drum grüß ich Dich, mein Badnerland!

 

Lisbeth Neugart

 

Das Glockenspiel in der Niederen Straße hat Lisbeth Neugart 2001 im Gedicht für den Geschichts- und Heimatverein ins Visier genommen.

 

 

 

Schmiedemeister mit vielen Begabungen (Hermann Colli)

Hans Stern blickt auf drei Generationen erlebter Villinger Handwerksgeschichte zurück

Als vor dreizehn Jahren die Esse in der Werkstatt an der Voltastraße erlosch und der Hans Stern seinen Lederschurz an den berühmten Nagel hängte, ging ein gutes Stück Villinger Handwerkstradition zu Ende: Die Ära der bekannten und geschätzten Hufund Wagenschmiede Stern! Der Schritt in den Ruhestand ist dem stets umtriebigen  Handwerksmeister, der mit großer Liebe an seinen Beruf hing, nicht leicht gefallen. Aber er ließ sich nicht vermeiden, denn die Baupläne des Arbeitsamtes an der Landwattenstraße vereinnahmten 1988 auch das Grundstück des ehemaligen Villinger Gaswerkes, in dessen Übergabestation Hans Stern, nach zwei Umzügen, seine letzte Schmiedewerkstatt betrieb.
Wenn es so etwas wie Schmiedeblut gibt, dann hatte Hans Stern eine Menge davon in den Adern. Geerbt von den Vorfahren. In der Rietstraße 23, einem rund 400 Jahre alten Bürgerhaus, das heute mit seinem bunten blumengeschmückten Erker zu den schönsten in der Fußgängerzone gehört, hatte im Januar 1888 der Großvater, Johann Stern, die Hufund Wagenschmiede gegründet. Er und seine Frau Agnes hatten sicher keinen leichten Stand, denn in Villingen gab es auf diesem Gebiet jede Menge Konkurrenz.
Der Enkel Hans, kann heute noch aus dem Stand heraus vier Betriebe aufzählen, die sich in seiner Jugendzeit allein innerhalb der Stadtmauern befanden. In der Oberen Straße 19 betrieb Eugen Kress eine Hufund Wagenschmiede und in der Gerberstraße 34 „residierte“ Schmiedemeister Hofsäß; Richard Fleig hatte seine Werkstatt in der Bickenstraße 14 und dann loderte in der Rietstraße 23 ja die Esse von Hans’ Großvater Johann. Dieser war übrigens nicht nur ein tüchtiger Handwerksmeister sondern auch ein weitsichtiger Mann, der frühzeitig die Weichen für eine Berufsvereinigung stellte.

Gründer der Schmiedeinnung
Das ist einem Schreiben zu entnehmen, das Hans
Stern bei seinen zahlreichen gesammelten Dokumenten aus der Familienhistorie fand. Darin wendet sich der „provisorische Vorstand“ Johann Stern am 24. Mai 1910 mit „kollegialem Gruße“ an seine Kollegen und lädt auf Sonntag, den 29. Mai, zur Gründung einer Schmiede-Innung ins Gasthaus Löwen ein. In dem Brief heißt es unter anderem: „Nachdem sich unsere Kollegen im Oberland, sowie im Nachbarbezirk Donaueschingen aufgerafft haben, Schmiede-Innungen zu gründen, haben sich einige Kollegen  unseres Bezirks entschlossen, die Gründung einer Schmiede-Innung für unseren Bezirk zu beraten.“ Damit werden die Schmiede aus Villingen und Umgebung zur Gründungsversammlung eingeladen. Johann Stern, der

sich zum Wortführer der Kollegen machte und somit wohl als einer der Gründerväter der Innung bezeichnet werden kann, war diese Sache eine Herzensangelegenheit. Das geht aus seinem mahnenden Aufruf hervor: „Ich richte hiermit an die verehrten Herren Kollegen, in Anbetracht der Notwenigkeit einer Schmiede-Vereinigung und in Anbetracht der Lage unseres Handwerkes, das dringende Ersuchen, bestimmt zu erscheinen…“ Das Schreiben ist in gestochener Sütterlinschrift verfasst und man kann sich nur wundern, wie eine Hand, die schwere glühende Eisenstücke mit dem Schmiedehammer auf dem Amboss in die gewünschte Form bringt, solche filigrane Buchstaben auf das Papier malen kann. Oder hat am Ende seine Frau Agnes – die Maidle waren in der Schule bekanntlich im Schönschreiben den Buben immer etwas überlegen – den Brief geschrieben und der Meister hat nur seine Unterschrift darunter gesetzt? Spekuliert werden darf jedenfalls. Und die Historie wird dadurch sicher nicht verfälscht. Dieser Brief ist jedenfalls ein wertvolles Dokument für die Handwerksgeschichte in Villingen. Wie aus späteren Schriften, die Hans Stern gesammelt hat, hervorgeht, entstand eine lebendige und schlagkräftige Schmiedevereinigung, der sich alle Betriebe im Kreis – und damals gab es in jedem noch so kleinen Dorf einen Schmied! – anschlossen um gemeinsam ihre beruflichen Interessen durchsetzen zu können.

Auf Johann folgte Fritz Stern
Johann Stern übergab 1927 die Schmiede in der
Rietstraße seinem Sohn Fritz, der den inzwischen renommierten Betrieb im Sinne des Firmengründers weiterführte und ausbaute. So wurde er Vertragspartner der Landmaschinenfabrik Fahr in Gottmadingen. Die Mechanisierung der bäuerlichen Betriebe bescherte den Schmieden eine neues Aufgabengebiet. Die Landwirte kamen zu ihnen, wenn an der Mähmaschine oder dem Getreidebinder etwas kaputt war. Und das war damals, als die Landwirtschaft hier noch eine bedeutende Rolle spielte, recht oft der Fall. Der Spruch: „Geh’ zum Schmied und nicht zum Schmiedle“ wurde von den Bauern recht oft beherzigt.

Die Huf- und Wagenschmiede Stern in der Rietstraße 23 im Jahre 1923. Der 2. von links auf dem Bild ist Firmengründer Johann Stern, rechts und links neben ihm zwei stämmige Schmiedegesellen und ganz rechts Fritz Stern, der Vater von Hans Stern. Aus dem Fenster des Erkers, der mit dem Zeichen der Schmiedezunft geziert ist, blickt die Großmutter des letzten Schmiedemeisters, Agnes Stern.
Die Huf- und Wagenschmiede Stern in der Rietstraße 23 im Jahre 1923. Der 2. von links auf dem Bild ist Firmengründer Johann Stern, rechts und links neben ihm zwei stämmige Schmiedegesellen und ganz rechts Fritz Stern, der Vater von Hans Stern. Aus dem Fenster des Erkers, der mit dem Zeichen der Schmiedezunft geziert ist, blickt die Großmutter des letzten Schmiedemeisters, Agnes Stern.

Leider verstarb Fritz Stern, der einige Jahre Obermeister der Schmiedeinnung war, schon mit 44 Jahren. Das war 1939. Sein Sohn Hans, 1925 geboren, ging noch zur Schule. Die Mutter, Emma Stern, geborene Distel, führte den Betrieb, in dem Hans 1940 seine Lehre begann, weiter. Als der ausbildende Geselle den Soldatenrock anziehen musste, konnte der „Schmiede-Stift“ seine Lehre bei Matthias Müller in Mönchweiler beenden. 1942 machte er die Gesellenprüfung, zu der er – kriegsbedingt – früher zugelassen wurde.
Mit der weiteren beruflichen Karriere war es aber zunächst vorbei. Er musste zum Arbeitsdienst und danach zur Wehrmacht. Auch hier kamen ihm seine beruflichen Kenntnisse zugute, denn er kam zur Bespannten Artillerie, bei der ein Geschütz noch von sechs Pferden gezogen wurde. Da war man froh, wenn man einen Fachmann dabei hatte, der mit Rössern umgehen konnte. Als Soldat wurde er bei der Invasion der Alliierten in der Normandie verletzt, kam in ein Lazarett der Amerikaner und landete schließlich als Gefangener in den USA. Nach seinem eineinhalbjährigen unfreiwilligen Besuch in den Staaten kehrte er 1946 nach Hause zurück.

Neuaufbau und Weiterbildung
Jetzt erst begann praktisch seine berufliche Lauf-
bahn. Mit einer Sondergenehmigung durfte er den elterlichen Betrieb weiterführen. Neben dem Neuaufbau, der auf Grund des völligen Zusammenbruchs der deutschen Wirtschaft äußerst schwierig war und viel Kraft, persönliche Initiative und Mut zum Risiko erforderte, kam jetzt die Weiterbildung. Kurse, Lehrgänge und Schulungen vervollständigten das Berufsbild. Am 31. Mai 1949 machte er in Konstanz seine Meisterprüfung. Danach gingen zwölf Lehrlinge durch seine Schule. Einige von ihnen haben sich inzwischen schon einen eigenen Betrieb aufgebaut. 1989 wurde er mit dem Goldenen Meisterbrief ausgezeichnet.
Blicken wir noch einmal zurück auf die Ausbildungszeit. Da ist zum Beispiel ein Lehrgang an der Hufbeschlagschule in Emmendingen Dort lernen die Absolventen nicht nur wie man Pferden, Ochsen und Kühen fachgerecht neue Hufeisen verpasst, sondern sie müssen eine ganze Menge über die Anatomie der Tiere wissen. Da heißt es neben der praktischen Arbeit, die Nase in die Fachbücher zu stecken und ganz schön büffeln.

Hans Stern schnupperte schon früh Schmiedeluft. Hier stellt er sich als Zweijähriger mit zwei strammen Gesellen und einem, auf neuen Hufbeschlag wartenden Ross vor.
Hans Stern schnupperte schon früh Schmiedeluft. Hier stellt er sich als Zweijähriger mit zwei strammen Gesellen und einem, auf neuen Hufbeschlag wartenden Ross vor.

Offensichtlich hat das der Sterne-Hans, wie ihn seine vielen Freunde nennen, auch getan und es hat sich herumgesprochen. Als in den 60er Jahren einmal ein Zirkus in Villingen gastierte und eine Elefantendame Probleme mit ihren Hufen bekam, wurde der Villinger Handwerksmeister zur Behandlung ins Elefantenzelt geholt. Und da war keine Manioder Pediküre gefragt, sondern fachliches Wissen und Können.
Ein einschneidendes Ereignis vollzog sich 1974, als er wegen der Einrichtung der Fußgängerzone seinen Betrieb aus der Rietstraße verlegen musste. In der Kanzleigasse, im Gebäude in dem sich früher die Villinger Milchzentrale befand und wo zuvor Hermann Ummenhofer seine Kupferschmiede betrieb, richtete er sich neu ein. Doch als der Umbau der Karl-Brachat-Realschule begann, musste er auch hier seine Zelte wieder abbrechen. In Nachbarschaft des Schlachthofes ging dann – wie anfangs berichtet – das letzte Kapitel der Ära Schmied Stern über die Bühne. Nach genau hundert wechselvollen Jahren – von 1888 bis 1988 – verschwand der Name des angesehenen  Handwerksbetriebes  aus der Villinger Unternehmenskartei.

Rentner mit vielfältigen Interessen
Doch Hans Stern ist kein Mensch, der als Rentner
die Hände in den Schoß legt. Seine vielen Interessen sorgen schon dafür, dass es ihm im Ruhestand nicht langweilig wird. Er hat sich immer Aufgaben der Gesellschaft gestellt. Als Schriftführer führte er elf Jahre lang die Bücher der Schmiedeinnung. Bei der Feuerwehr ist er seit 1948 aktiv. Wenn heute auch nicht mehr als Oberbrandmeister und Zugführer des ersten Löschzuges, so doch als Leiter der Altersabteilung, der dafür sorgt, dass die FloriansSenioren die Verbindung zur aktiven Truppe nicht verlieren.
Ein ganzes Kapitel wäre auch über den Narro Hans Stern zu schreiben, der schon 1947 in den Rat der Villinger Narrozunft berufen wurde und seit 1990 deren Ehrenmitglied ist. Im gleichen Jahr wurden seine Verdienste um das heimische Brauchtum auch mit der Verleihung  des Narrenbechers gewürdigt.

Es wären noch einige andere Vereine anzuführen, in denen der jetzt 76jährige Schmiedemeister aktiv war und ist. Dazu zählt auch der Geschichtsund Heimatverein Villingen. Er gehört zu den fleißigsten Versammlungsbesuchern, nimmt, so weit es ihm möglich ist, an den geschichtlichen Exkursionen teil und hat sich besonders als Austräger der Vereinspost über viele Jahre hinweg  große Verdienste erworben. Durch seine „Botengänge“ hat er – wie auch viele andere Mitglieder dieses Kreises – dem GHV eine Menge Portogeld gespart.

Auch als Modellbauer ein Meister
Auch als Modellbauer ein Meister

Zum Schluss sei noch eine andere Leidenschaft
von Hans Stern angesprochen: Der Modellbau. Was in vielen Jahren in der Freizeit unter seinen geschickten Händen an maßstabgerechten Nachbauten von Oldtimern und anderen interessanten Dingen entstanden ist, könnte ein kleines Museum füllen. Seit 1989 darf sich das Franziskanermuseum auch über eine Arbeit des Villinger Bastlers freuen. Im Maßstab 1:10 hat er den legendären Schwanzhammer  des ehemaligen Hammerwerkes Laun nachgebaut. Das voll funktionsfähige Modell

steht in der Abteilung für Villinger Handwerksund Industriegeschichte neben dem großen Original und zeigt anschaulich, wie der „große Bruder“ einst funktionierte.
Jetzt hat der Handwerksmeister im Ruhestand ein weiteres Schmuckstück fertiggestellt: Die Sägemühle vom früheren Behlishof in Unterkirnach, die heute im Freilichtmuseum in Neuhausen ob Eck steht und jährlich tausenden von Besuchern Einblick in die Arbeitsweise der Schwarzwälder Holzsäger früherer Generationen vermittelt.

Hans Stern hat in vierjähriger mühevoller Arbeit die wassergetriebene Anlage im Maßstab 1:17 detailgetreu nachgebaut und kann an diesem 130 mal 85 Zentimeter großen Modell demonstrieren, wie der Alltag in der Unterkirnacher Säge bis vor rund 50 Jahren ablief. Wen wundert es, dass sich das Franziskanermuseum auch für dieses „SternWerk“ interessiert und es gerne in seinen historischen Mauern der Öffentlichkeit präsentieren würde? Am Museumstag 2001 durften die Besucher das Modell schon einmal unter die Lupe nehmen.